Nüchternheit oder Glückseligkeit?

27. Juni 2020 at 01:30

Der Innenfokus, das innere Wachsein fehlt mir. Diese innere Wachheit ist ebenfalls ein Teil des Aufwachens. Die innere Wachheit wird begünstigt durch „Furcht“, durch innere Aufmerksamkeit.

Weshalb kann ich die innere Freude nicht halten, wenn sie einmal auftaucht – so wie damals, als ich den Übergang nach 4D begriffen habe; dann das Begreifen, daß wir tatsächlich dort sind, wo wir, wo ich sein wollte/n; letztlich das kurze Aufblühen des „Dürfens“ für meine Projekte; oder das wundervolle Begreifen, daß dies genau die Zeit ist, für die ich gekommen bin. Diese tiefe Freude, ausgelöst durch ein inneres Begreifen, hält häufig grad mal einen Tag. Weshalb kann ich das nicht halten in mir? Manchmal stelle ich auch genau deswegen in Frage, ob Freude tatsächlich unsere Grundstimmung oder das Grundgefühl der „Seele“ ist. Eigentlich paßt die von Don Juan1 beschriebene und von mir auch so empfundene „Nüchternheit“2 als Seinszustand der Seele sehr viel besser. Wie schaffen es Don Juan, Genaro und die anderen, ihre innere Freude beizubehalten? Ich glaube, ein Teilaspekt sind die Übungen, die sie immer machen, ihre Aufgaben mögen auch helfen.

Ich habe das Gefühl, als sei ich von alldem, was ich einmal spüren und auch in den weiteren Bewußtseinsbereichen wahrnehmen konnte, so weit entfernt wie noch nie. Ich kann meine Furcht nicht mehr reiten; ich habe jene innere „Anspannung“ verloren, die mich einerseits innerlich weiterträgt und andererseits weiterhin neugierig ist auf diese inneren Prozesse. Ich kann mich geistig verbinden, weil diese innere Art der Verbindung immer da ist, aber ich spüre mich nicht mehr. Don Juan und die anderen haben jedenfalls ihre Offenheit bewahrt und sie konnten ihre spirituellen Erreichungen auch physisch umsetzen. Sie waren total offen für all diese Prozesse.

Ich habe wieder zuviele Definitionen über mich selbst herangezüchtet und dadurch wieder meine Ego-Struktur gestärkt. Die Ego-Struktur an sich ist nicht das Problem, sondern wie ich sie einsetze. Wird sie stärker, so verliere ich nach und nach meine innere Offenheit. Das Fließen durch die innere Offenheit läßt das starre Ego mehr in den Hintergrund treten. Solange wir physische Wesen sind, wird die Ego-Struktur stets stärker zu spüren sein als in sämtlichen nichtphysischen Ausdrucksformen. Will ich mich mehr mit den Aspekten des Bewußtseins verbinden, so wäre es sinnhaft, mich auf diese zu fokussieren – anstatt auf meine physischen Belange oder Problemchen. Ich erhalte die Verbindung mit den erweiterten Bewußtseinsbereichen, indem ich sie auch in meinem physischen Umfeld anwende. Wenn man sich aber wieder vermehrt mit den Belangen der physischen Welt befaßt und dem eigenen Platz darin, so habe ich meinen Fokus mehr auf diesen Dingen liegen und stärke die physischen Aspekte – inklusive der Ego-Struktur.

„The shine of the eyes…“3 Die Augen seien ein Mittel, um die innere Wachheit nach Außen zu projizieren. Doch ich lasse mich stets fallen in die Bequemlichkeit eines vagen „guten Gefühls“. Es war ein wenig die Furcht vor der eigenen aufsteigenden Kraft, die mich hat zurückschrecken lassen. Seither suche ich immer nur das „gute Gefühl“, habe aber offenbar total vergessen, daß jene innere Wachheit ein essentieller Aspekt der inneren Entwicklung ist. Ich glaube, daß dies auch mit ein Grund ist, weshalb sehr viele der Aufgewachten häufig haarsträubende Geschichten in ihrem Werdegang haben. Denn all die schlimmen Dinge, die einem vor allem in der Kindheit passieren bewirken, daß man genau jene innere Wachheit ausbildet: Man ist immer auf der Hut vor der nächsten Gefahr.

Jene innere Wachheit ist nüchtern, gepaart mit Furcht. Diese Nüchternheit ist auch im inneren Beobachter angesiedelt oder entwickelt diesen. Wacht so jemand auf, so verschwindet der innere Fokus auf die ständige Gefahr, denn mit dem Aufwachen löst man sich von all diesen Verhaftungen und Ängsten.

Das ist dann vielleicht ein bißchen das Problem später, denn man verliert die Angst und gewinnt statt dessen die (Ehr)furcht; vielleicht ist „Ehrfurcht“ in diesem Zusammenhang einfach ein besserer Begriff als „Furcht“ – oder zumindest scheint es zunächst den Unterschied besser zu erklären. Wobei das wirkliche Empfinden jener Furcht, die ich hier meine, nicht verquickt ist mit dem „Ehrgefühl“, welches die Furcht weich macht, sondern mit einer kleinen Angst oder Bestürzung im Angesicht eines unlotbaren Abgrundes. Es ist mehr ein inneres Schaudern oder Erzittern. Also muß ich doch die „Ehre“ wieder herausnehmen. Es ist die Furcht vor dem Unbekannten; nicht eine Angst, die wir uns angezüchtet haben, sondern ein inneres Erzittern im Angesicht eines Nichts, für das wir keinen Namen haben.

Aber vielleicht ist es nicht einmal dies, sondern sehr viel mehr eine innere Aufmerksamkeit für alles, was um mich her geschieht, und zwar vor allem in den inneren Bewußtseinsbereichen. Die innere Aufmerksamkeit erklärt sehr viel besser, was ich mit „innerer Wachheit“ meine. Es ist ein inneres Scannen meines Umfeldes, allerdings nicht von einer Haltung der Angst heraus, sondern ein inneres Ertasten von Energieströmen, die mich erreichen.

Natürlich habe ich hier stets das Beispiel von Peter Derwent vor Augen, der ein Schüler von Sabazius war:4 Peter war in seiner Entwicklung an einen Punkt gelangt, wo er „in Glückseligkeit schwebte“, verlor diesen Zustand jedoch nach einigen Tagen. Darüber war er dann sehr verzweifelt und konnte es sich nicht erklären, wie er aus diesem wunderbaren Einheitsgefühl wieder herausfallen konnte. Sabazius kommentierte diesen Abfall der Schwingungen mit: „keinerlei Furcht“. Was er aber meinte – in meinem Verständnis – ist, daß Peter seinen inneren Fokus, die innere Aufmerksamkeit, durch das Schwelgen im Glücksgefühl wieder verloren hatte.

Indem wir lediglich in der Glückseligkeit schwelgen, haben wir keine Richtung mehr für unsere Schritte oder unsere Entwicklung. Wir glauben dann, dieses Glückseligkeitsgefühl würde nun immer und ewig anhalten. Aber es verschwindet nach und nach, sobald wir dieses Glücksempfinden nicht länger für unsere innere Entwicklung verwenden, sondern uns wieder zum einen auf die physischen Zusammenhänge konzentrieren und allem voran glauben, daß andererseits jenes „ultimative Glücksgefühl“ ein endlicher Zustand sei, etwas statisches, wie das Nirwana.5

Das Empfinden jener Glückseligkeit entsteht durch die innere Verbundenheit und der entsprechenden inneren Aufmerksamkeit meinen Bewußtseinsprozessen gegenüber. Sobald ich meinen Fokus aber abziehe von der Entwicklung meiner inneren Bewußtseinsprozesse und glaube, ich hätte nun alles begriffen und mit dem Empfinden der Glückseligkeit alles erreicht, baut sich dieses Gefühl wieder ab; was technisch bedeutet, daß hierdurch meine Schwingung wieder abgesenkt wird und ich somit jenes Glückseligkeitsempfinden wieder verliere.

Das ist, meine ich, eine der allerallergrößten Fallen, in die wir mit dem Aufwachen oder dem Wunsch danach, hineintappen. Wir sind total besessen von dem Wunsch nach Glück, Glückseligkeit und Wohlbefinden. Hieran ist an sich nichts verkehrt, aber es muß uns eben klar sein, daß Entwicklung niemals stillsteht! Es gibt kein wie auch immer gepoltes Empfinden, welches schlußendlich einen ultimativen Seinszustand darstellen würde. Glückseligkeit oder eben die Beibehaltung einer hohen Schwingung ist lediglich ein Nebenprodukt unserer Bewußtseinsentwicklung. Wir aber gehen her und möchten uns „immer nur gut fühlen“ und setzen dies dann mit „Weisheit“ oder dem Aufwachen (o.ä.) gleich. Damit haben wir mal wieder das Pferd von hinten aufgezäumt. Es geht immer und überall stets um die eigene innere Entwicklung! Und das bedeutet, ich muß mir selbst meiner eigenen inneren Prozesse a) bewußt werden und b) auch nach dem Aufwachen im Auge behalten und mich darauf fokussieren, wenn ich mich auch weiterhin entwickeln will.

Ich muß sozusagen lernen, nicht in meinen Gefühlen zu schwelgen – ganz gleich, welcher Natur sie gerade sind (ob „glücklich“ oder „unglücklich“ gefärbt). Will ich mich in meinem eigenen Fluß des Bewußtseins stets weiterentwickeln, wäre es sinnhaft, meine jeweiligen Befindlichkeiten und Gefühlswallungen zu ignorieren. Denn das einzige, was tatsächlich zählt oder mich weiterbringt, ist ein stetiger innerer Fokus (meine innere Aufmerksamkeit) auf mein Bewußtsein, eine innere Wachheit für die Welt in der ich lebe und das Wesen, das ich ausdrücke.

Und genau aus diesem Grund ist es auch unerheblich, ob ich mich nun gerade „glücklich“ fühle oder „nüchtern“ oder an diesem Prozeß verzweifeln möchte; denn wesentlich ist einzig und allein, daß ich weitergehe, Schrittchen für Schrittchen, daß ich meine innere Aufmerksamkeit für meine eigenen Bewußtseinsprozesse aufrechterhalte.

(Spax  27.6.20)

Siehe ergänzend auch den Beitrag vom 29.4.20: inneres Handeln.

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Fußnoten

  1. Don Juan war der spirituelle Lehrer von Castaneda. Die Gruppe der Seher um Don Juan bezeichneten sich häufig als „Krieger“ oder „Zauberer“.
  2. Siehe Lexikon → Balance.
  3. Carlos Castaneda: The Power of Silence: Further Lessons of Don Juan, Simon and Schuster 1987; S. 144 u. 264 (deutsch: Die Kraft der Stille).
  4. Sabazius ist der spirituelle Lehrer bei Douglas Lockhart: Wer den Wind reitet, rororo transformation 1987 [1978].
  5. Siehe hierzu auch den Beitrag vom 29.4.20: inneres Handeln.