Kausalität
Man muß vielleicht auch nicht alles begründen können! Begründungen sind doch eindeutig ein lineares Ding, oder nicht? „Weil dies passiert, folgt jenes…“ Alles hat bei uns eine Ursache. Dabei sind alle Dinge nur, alles existiert von Augenblick zu Augenblick. Wir haben uns sämtliche Folgen selbst ausgedacht oder uns erlaubt, sie zu erfahren – denn jeder Augenblick wird gespeist von einer Idee.
Auch von diesem Blickwinkel her ist es spannend, was wir in der Dualität so treiben: Indem wir die Zeit hinzugefügt haben als Dehnfaktor – nein, das stimmt nicht, denn Zeit existiert auch hier nicht wirklich. Sie ist eine Vereinbarung, um Abläufe zu messen und weiterhin, um all unsere Augenblicke in einen linearen Sinnzusammenhang zu stellen. Hierdurch suggerieren wir uns, alle Augenblicke seien verbunden, durch den Eindruck, der nächste Augenblick resultiere aus dem vorherigen. Von der Sache her stimmt das nicht, aber es ist der Grund, weshalb wir von der Kausalität1 besessen sind. Würden wir unser Denken ändern und somit unsere Wahrnehmung, könnten wir jedweden Augenblick neu erfinden.
So gesehen ist es fraglich, ob all meine Erkenntnisse überhaupt relevant sind, denn auch sie gründen sich auf der „Ursachenforschung“. Alle Dinge sind. Sie sind deshalb so, wie sie sind, weil ich sie so definiere! Und doch macht es Freude, all diese Ketten des Gewordenseins zu untersuchen – ich jedenfalls bin ziemlich versessen darauf. Ändere ich meine Einstellung und meine Wahrnehmung, so könnte ich aus jeder Situation auch etwas anderes machen, sie als etwas anderes definieren. Allerdings muß ich innerlich daran glauben bzw. davon überzeugt sein, daß dies möglich ist. Weder bin ich ein Opfer der Umstände noch meines eigenen Gewordenseins. Nur durch die Kausalität erscheint es uns so. Es sind unsere Denkgewohnheiten und Glaubenssätze, die uns festnageln auf jene Ursachengläubigkeit, auf die Kausalität.
Erst durch die Kausalität haben wir uns das Lineare überhaupt erschaffen; durch die Kausalität erhalten wir das Gefühl, all unsere Lebensmomente seien verbunden. Es ist relativ beängstigend, dies anders denken zu wollen. Denn in gewisser Weise definieren wir uns ja über unser eigenes Gewordensein, unsere Identität ist hierin ganz fest verwurzelt. Fiele dies weg, und wir könnten alles, was uns beliebt in einem Augenblick ersinnen und erschaffen, würde das eigene Leben etwas „wahllos“ und relativ unübersichtlich – zumindest für unsere Alltagswahrnehmung (nicht jedoch in der Mehrdimensionalität).
Gleichfalls bewirkt das Kausale ebenfalls unsere eher langsame Entwicklung: Solange wir kausal denken, können wir von einem relativ vorformulierten Weg nicht abweichen. Ein Bruch in unserer Vita wird nur geschaffen, wenn wir durch eine neue Denkrichtung mit hieraus resultierenden Erwartungen eine neue Richtung ersinnen. Zuerst müssen wir uns diese neue Richtung auch vorstellen können, aber mehr noch von ihr überzeugt sein und an diese Möglichkeit glauben.
Daher erfolgt das Aufwachen – als Bruch in unserer Vita/Kontinuität – nach einem oder mehreren Momenten, in denen unser Kausalitätsglaube und somit unsere gelernten Denkmuster durchbrochen werden. Doch sofort versucht unsere übliche lineare Denkweise solch einen Bruch zu kitten und die ungewöhnliche Erfahrung oder Wahrnehmung wieder in den altbekannten Sinnzusammenhang zu stellen. Erst, wenn uns dies nicht mehr gelingt, können wir uns lösen von der Definition eines „alten Augenblicks“, welcher sich als fortlaufende Kette von Ereignissen unseres Gewordenseins darbietet. Das Aufwachen ist dementsprechend ein totaler Bruch mit der alten Denkweise: Nun klafft ein riesiger Abgrund zwischen dem vorherigen Gewordensein und der neuen – aufgewachten – Situation, die ganz andere Möglichkeiten der Wahrnehmung beinhaltet und bereithält.
Da wir jedoch nichts anderes als unser kausales Denken gelernt haben und daher über kein entsprechendes Konzept verfügen, versuchen wir auch nach dem Aufwachen, mit unseren gewohnten Techniken des Denkens und der Kausalität diese neue Situation zu beschreiben, um uns zurechtzufinden. Unaufhörlich wird nun die neue Situation mit der alten verglichen. Daher richten wir unseren Blick dann nicht auf das Neue mit all seinen Möglichkeiten, sondern das Aufgewachtsein wird lediglich als Erfahrungswert der alten Ereigniskette angefügt. Das ist der Grund, weshalb wir an dieser Stelle nicht weiter vorwärtsgehen und uns im aufgewachten Zustand weiterentwickeln, sondern versuchen, den aufgewachten Zustand hineinzuzwängen in unsere üblichen Denkgewohnheiten. Das funktioniert natürlich nicht, und daher ergibt sich schlußendlich das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Erst, wenn wir unser gewohntes Kopfdenken mit seinen kausalen Prinzipien loslösen können von unserem Sein, von unserem Augenblick, erhalten wir die Freiheit, den Augenblick in seiner umfassenden Fülle direkt zu erleben und ggf. zu gestalten.
Diese Art Freiheit ängstigt uns auch deshalb, weil wir das Gefühl haben, die Definition von uns selbst aufzulösen von unserem Gewordensein, unserer eigenen Lebensgeschichte. Aus diesem Grund ist eine der Aufgaben bezüglich einer Transformation, „die eigene Geschichte aufzulösen“ – und hiermit jenes Denken, welches uns unsere vordergründige Identifikation2 liefert.
Je länger man nach hinten schaut über den Abgrund auf jene Person, die man zuvor gewesen war, desto länger bleibt man kleben am Rande des Abgrunds und ist nicht in der Lage, weiterzugehen. Und all dies nur, weil man sich ängstigt, die eigene „Schein-Identität“ und alles, was man glaubt, eventuell bisher erreicht zu haben, zu verlieren. All die neuen Möglichkeiten des neuen Weges ängstigen uns, denn für ein solches Leben – ohne Zeit, ohne Kausalität – haben wir weder eine Bedienungsanleitung noch eine Landkarte. Will man weitergehen, muß man den alten Gewohnheiten und Denkmustern den Laufpaß geben und in die andere Richtung schauen, nach vorn.
(Spax 12.8.23)
Siehe ergänzend auch die Beiträge
♥ Atempause der Zeit (von Augenblick zu Augenblick)
♥ nichts war einmal… („Your present is not the result of the past“)
Fußnoten
- Kausalität: Beziehung zwischen Ursache und Wirkung. Sie betrifft die Abfolge von Ereignissen und Zuständen, die aufeinander bezogen sind. (Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Kausalit%C3%A4t, abgerufen am 02.01.2024)
- Zweitpersönlichkeit siehe Lexikon.














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