inneres Handeln

29. April 2020 at 19:43

Alltag. Wie gestaltet man den Alltag, wenn man aufgewacht ist? Plant man noch oder plant man garnichts mehr? Wird man total passiv oder hat man immer noch Neigungen, Wünsche? Gestalte ich dann mein Leben von innen heraus oder „lasse ich alles nur noch zu“? Ich glaube, es gibt beide Formen. Es gibt die einen, die dann zumeist als spirituelle Lehrer tätig sind und die anderen, die sich innerlich eher ganz aus den physischen Belangen rausziehen. Beides ist okay, das eine nicht besser als das andere. Aber ich glaube, für den eigenen Lebensausdruck ist es einfach befriedigender, wenn wir unser Leben von innen her aktiv gestalten.

Ich hatte mich vorhin gefragt, ob es ein „Eingreifen“ ist, wenn ich mir Regen wünsche und diesen auch erhalte oder ob es „besser“ oder „richtiger“ sei, alles einfach zuzulassen, so wie es ist. Aah, aber wir alle, jeder Einzelne und jedes Wesen, nimmt generell mit all seinen jeweiligen bewußten oder unbewußten Wünschen Einfluß auf die Gesamtschwingung. Weshalb sollte ich es nicht tun, wenn ich doch die Möglichkeit hierzu habe? Weil die Gefahr lauert, daß das Ego dann wieder alles kontrollieren möchte. Dann bleibt es nicht bei dem Wunsch nach Regen, sondern eben auch noch nach zig anderen Dingen. All dieses Gewünsche hat nichts mit innerer Balance zu tun. Und die innere Balance hat nicht das Geringste damit zu tun, nur noch passiv auf dem Sofa zu liegen oder nur noch zu meditieren etc. Es ist eine innerlich aktive Balance, selbst wenn man ein Nickerchen macht oder Löcher in die Luft schaut.

Ich war dort schonmal. Es war eine aktive innere Verbindung. Es war nicht nur „herumsitzen“. Und es war aktiv, weil ich innerlich fokussiert war und aktiv mein Innenleben beobachtet und daran teilgenommen habe. Es war ein sehr aktiver wacher Zustand. Hierzu fällt mir dann dieses Zitat von Laotse ein: „Man tut nichts, aber es bleibt nichts ungetan“.1 Das stimmt genau, denn ich kann mich entsinnen, recht häufig träumend nach Innen geblickt zu haben. Aber jede Aufgabe, die im Außen auf mich zukam, wurde erledigt, ohne sie groß zu diskutieren. – Nein, so ganz stimmt das ja nicht, denn ich habe durchaus mit mir diskutiert, ob ich den Uni-Abschluß mache oder nicht. Und natürlich habe ich meine Abschlußarbeit auch bis Ultimo vor mir hergeschoben.

Ich war innerlich vollkommen nüchtern2 allen Dingen gegenüber. Ein seltsamer Zustand. Aber ganz stimmt es nicht, denn ich habe mir grüne Ampeln erschaffen und viele andere Dinge. Ist das nicht schon wieder ein Wollen, eine Kontrolle? Denn es ist ein Unterschied, ob ich ohne ein inneres Wollen irgendwohingehe und beispielsweise aufgrund dieser inneren Leere die Ampeln automatisch grün werden oder die Lieblingsbank frei ist, oder ob ich mir das erwünsche. Don Juan3 war einmal erstaunt, als seine Lieblingsbank besetzt war – aber da wußte er sofort, daß etwas anderes auf dem „Lehrplan“ stand. Sabazius4 ist spontan aus dem Bus ausgestiegen, ohne daß er eine Ahnung hatte, wohin seine Schritte ihn führen würden, und dies ein bestimmtes Erlebnis nach sich zog. Doch würden wir nicht vielleicht dieselben Erlebnisse haben – in einem anderen Setting –, wenn wir uns nicht irgendwohin bewegen würden? Gehen wir irgendwohin, weil unser Körper danach verlangt? Denn ultimativ ist doch alles Erleben innerlich, in der Verbundenheit.

Auf welche Weise nutze ich die Welt, in der ich mich befinde? Es ist nur jeweils unser Ego-Hirn, das Gegebenheiten und meine Aktionen bewertet, seien sie aktiv oder passiv. Es geht auch nicht ums „Glücklichsein“, es geht viel eher um jene innere/emotionale Nüchternheit allen Dingen gegenüber. Denn nur die Nüchternheit kann alles auch so sein lassen, wie es ist, ganz gleich, wie meine Ego-Persönlichkeit die Geschehnisse in meiner Welt bewerten mag. Was „tut“ denn ein Himmelskörper? In unseren Augen hängt er im Weltall und „tut“ garnichts. Doch innerlich sind es Energiekraftwerke, Abbilder großer Bewußtheit.

Alles, was wir als duale Welt wahrnehmen ist ein wundervoller Spielplatz für unser Bewußtsein, für Erfahrungen und Erkenntnisse. Das Leben, wie wir es erfahren, würde aufhören, wären wir zu hundert Prozent mit Allem-was-Ist verbunden. Dann gäb es nichts, wohin man gehen könnte oder einen Platz für Erlebnisse, für Ausdruck. Erst das Spiel, das Alles-was-Ist mit sich selbst spielt, erzeugt die myriaden Möglichkeiten in zigtausend unterschiedlichen Welten und Schwingungen.

So gesehen hat Alles-was-Ist diese „Teilung“ selbst in sich erzeugt: Zum einen ist da die Grundenergie des Seins, die immer und überall vorhanden ist und aus der alles andere hervorgeht. Und zum anderen ist hieraus unsere Dingwelt entstanden, die eingebunden ist in die Gesamtenergie, aus der sie hervorgeht. Nähme ich diesen „abgetrennten“ Teil und er würde sich wieder komplett zurücktransformieren in die Energie der Einheit des Gesamtbewußtseins, so würde Alles-was-Ist implodieren quasi.

Auch Abraham5 sagen: Alles würde aufhören zu existieren, weil es dann nur noch eine statische, eine sich in vollkommen passiver Ruhe befindliche Energie gäbe. Auf der anderen Seite ist aber die physische Welt zunächst aus Allem-was-Ist entstanden, was bedeutet, daß diese Grund­energie vom Wesen her nicht vollkommen passiv sein kann! Das heißt: Sie ist nicht statisch. Vielleicht ist es so ähnlich wie das, was ich vorhin versucht habe zu beschreiben: Das Gesamtbewußtsein besitzt jene innere Aufmerksamkeit, die zum einen stets nach Innen lauscht, ihren Fokus auf innere Zusammenhänge gerichtet hat und hieraus sich Handlungsimpulse ergeben – ganz gleich, wie immens oder winzhaft sich diese im Außen zeigen mögen. Das bedeutet, es findet stets irgendeine innere Bewegung, irgendein innerer Austausch statt. Nichts wäre demzufolge jemals rein passiv! Das müßte von daher auch für Alles-was-Ist gelten – sonst hätte garkeine physische oder auch spirituelle Welt überhaupt entstehen können!

Energie ist Reibung. Energie fließt grundsätzlich aufgrund von Reibungen oder Spannungsfeldern. Sie ist nie wirklich in vollkommener Ruhe. Und weil eben alles grundsätzlich aus Energie besteht, ist ständig auch alles in irgendeiner Form in Bewegung. Selbst dann, wenn ich mich passiv hinsetze und nur noch die sich bewegende Energie in mir beobachte, ist dies ein Ausdruck! Aber ein Ausdruck, den man nicht ewig halten kann. Wenn beispielsweise irgendwelche Aufgewachten es vorziehen in ihrer Höhle zu sitzen und jenen passiven Nirwana-Zustand anstreben oder sich in diesen hineinmanövrieren durch ihre Beobachtungen, so liegt diesem Zustand ebenfalls eine Art Absicht oder Entscheidung zugrunde. Denn es wird ebenfalls Energie benötigt, um die stets sich in Bewegung befindende Energie in solch einer Passivität zu halten. Das bedeutet, dieser Zustand kann nicht unendlich aufrechterhalten werden. Früher oder später staut sich sozusagen die „Bewegungsenergie“ auf und sucht sich einen Kanal, damit sie wieder fließen kann. Vielleicht ist dies ein gutes Bild für den Zustand von Allem-was-Ist, bevor diese aufgestaute Energie durch einen „Riesenknall“ in all die Welten und Erlebnisbereiche hinein explodiert ist.

So. Wenn also grundlegend alle Energie sich stets in Bewegung und einem Spannungsfeld ausdrückt, bedeutet dies doch, daß zum einen ein Nirwana eine komplette Illusion ist; und weiterhin alles, was je existiert, ganz gleich in welchen feinstofflichen Bereichen auch immer, sich stets bewegt und entwickelt. Dies würde nach sich ziehen, daß alle Welten und Erlebensbereiche – in welcher Dichte auch immer – grundlegend in irgendeiner Form eine Art „Dualität“ aufweisen, ein Spannungsfeld, in dem Energie fließen kann.

Womit wir solche Probleme haben in unserer physisch ausgerichteten Welt, sind die Bewertungen, mit denen wir diesen Energiefluß belegen. Und das ist der Teil, der letztlich transformiert wird, wenn wir sagen „wir transformieren die Dualität“. Denn das Duale an sich wird garnicht aufgelöst oder transformiert, sondern nur unsere bewertende Betrachtungsweise! Zwar fühlt es sich so an, als sei nun kein Duales mehr vorhanden, eben weil wir in unserer nüchternen Betrachtungsweise erfahren, daß alles tatsächlich dieselbe Wertigkeit von Existenz hat, aber nun sind wir frei und losgelöst von all den Bewertungen und können direkt unseren inneren Energieströmen folgen, ohne diese durch unsere Ausdeutungen und somit Widerstände zu behindern.

Energie fließt. Es ist immer nur die Frage, ob ich mich in diesen natürlichen Strom einbinde und mich von diesem tragen lasse, oder ob ich ihn durch Bewertungen in meiner Wahrnehmung (Widerstände) scheinbar ausbremse; denn nur in meiner Wahrnehmung kann ich Widerstände gegen mein eigenes Fließen unterhalten. Wie ich diesen Energiefluß oder mein eigenes Erleben darin empfinde (gut, schlecht, so mittel), liegt einzig an meinen Bewertungen und Beurteilungen, die ich diesem neutralen Energie-Strom aufdränge! So ist jeder einzelne Widerstand, jede „Blockade“, jedes Unwohlsein von mir selbst erzeugt.

Es fließen lassen!

(Spax  29.4.20)

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Fußnoten

  1. „Tao ist ewig ohne Tun, doch nichts bleibt ungetan.“ (Laotse: Tao Te King zit. n. Zensho W. Kopp: „Tao und das Wu Wei“, Schirner 2017 – hier aus dem Internet: https://www.tao-chan.de/pdf/artikel_wu_wei.pdf
  2. Siehe hierzu Lexikon → Balance.
  3. Don Juan war der spirituelle Lehrer von Castaneda. Die Gruppe der Seher um Don Juan bezeichneten sich häufig als „Krieger“ oder „Zauberer“.
  4. Sabazius ist der spirituelle Lehrer bei Douglas Lockhart: Wer den Wind reitet, rororo transformation 1987 [1978].
  5. Abraham ist eine von Esther Hicks gechannelte nichtphysische Entität. Da es sich hierbei um den Ausdruck einer Gruppen-Identität handelt, sprechen sie von sich immer in der Mehrzahl.