Denk-Stop

5. Juli 2020 at 01:23

Mir mal das Nachdenken verbieten für eine Zeitlang, denn es führt zu nichts. Denn das Ergebnis ist immer: Ich komme schlecht drauf, finde mich und mein Leben irgendwie zum kotzen und anstrengend, nichtssagend und spirituell total fragwürdig. Dieser Zustand gefällt mir nicht, er ist nicht gut und führt auch zu nichts außer unguten Gefühlen und Gedankenschleifen, aus denen ich nicht mehr herauskomme. Das Gute ist: Wenn ich nicht nachdenke über alles und jedes, dann nehme ich sofort wieder deutlicher wahr, was vor meiner Nase ist – die schöne Natur, das Rauschen meiner Bäume, das Flüstern des Windes. Ahnungen, die meine Stille auf ihren Flügeln trägt. Das Nicht-nachdenken ist gut, denn es zentriert mich wieder in mir! Und ganz ehrlich: Mir ist es vollkommen gleich, welchen „Platz“ ich im spirituellen Bereich einnehme!1 Wir alle haben einen, das reicht mir doch erstmal. Und in den 3D-Lebensumständen, in denen wir uns bewußtseinstechnisch so beschnitten haben, wissen wir letztlich sowieso nichts mit Sicherheit.

Jegliches Grübeln hierüber (oder über andere Dinge) ist vollkommen nutzlos. Denn durch das Grübeln züchten wir wieder Gedankenschleifen. Das Aufwachen aber besteht im Kern darin, aus diesen Schleifen aufzuwachen, eben nicht mehr „zu denken“, sondern ins Sein zu fallen.2 So, wie es ganz am Anfang ist, wenn man aufwacht. Der eigentliche Stolperstein ist nicht das Aufwachen, sondern genau jener Prozeß, der sich hieran anschließt, nämlich das Vergleichen mit dem gewohnten Zustand vor dem Aufwachen sowie der Versuch, den neuen Wahrnehmungszustand in irgendeiner Form verstehen zu wollen. Und mit diesem Wunsch allein begibt man sich automatisch wieder in das duale Denken, das rationale Denken überhaupt. Es ist eine Gewohnheit, die dieser Form des Denkens zugrundeliegt. Da es ein Attribut unserer Zweitpersönlichkeit ist, kann das rationale Denken zum einen garnichts erklären – und schon garnicht die Erlebnisse und Erfahrungen, die man im Zustand der Zweiten Aufmerksamkeit3 (der Einheit, des Aufgewachtseins) macht – und verwickelt uns von daher zwangsläufig wieder mit dem Ego; denn das Ego erhält größeres Gewicht, je mehr wir uns mit den rationalen Gedanken identifizieren.

Die andere Form der Erkenntnis und des Verstehens liegt in der direkten Verbindung mit den Attributen der Zweiten Aufmerksamkeit. Denn wenn wir die rationalen Gedanken außen vor lassen und im direkten Erleben sind, sind hierin bereits sämtliche Erklärungen enthalten (Bauchgedanken)! Das macht folglich jedes weitere Nachdenken überflüssig.

Dieser Wahnsinn, den ich betreibe, mir all die Zusammenhänge in den Bewußtseinsbereichen erklären zu wollen, blutet mich aus. Nein, nicht die Erklärungen an sich, sondern der Versuch, all diese Dinge in mein Alltagsleben integrieren zu wollen! Das ist der nutzlose Versuch, einen Würfel in ein rundes Loch quetschen zu wollen – es funktioniert nicht und wird es auch nie. Vielleicht ist es das, was die Zauberer (Don Juan) das „Unwißbare“ nennen, von dem sie sagen, daß eine Beschäftigung hiermit uns quasi in den Wahnsinn treiben würde. Die Beschäftigung hiermit hinterließe uns mürrisch, man verlöre die Lebenslust und seine Energie etc., denn die Beschäftigung mit dem Unwißbaren sei nicht belebend. Anregend jedoch sei dagegen die Beschäftigung mit dem Unbekannten. Und das stimmt genau. Möchte ich mich also wieder lebendiger fühlen und energetisch, so wäre es klug, mich wieder mehr mit dem Unbekannten zu befassen und meine Verbindungen einzuüben. Vor allem aber ist es wesentlich, mein rationales Denken einzustellen!

Aber ist es nicht eigentlich ganz wundervoll, daß es in unserer Erfahrungswelt ein Unwißbares gibt? – ein so großes „Geheimnis“, daß wir es nicht fassen können? Es ist das Geheimnis der Existenz. Vielleicht können wir es in dieser Dichte nicht erfassen, vielleicht kann man es niemals erfassen. Aber das macht nichts, denn wir leben! – in dieser oder einer anderen Dichte, welche weitere Möglichkeiten des Ausdrucks, der Erfahrungen und Erkenntnisse mit sich bringt…

(Spax  5.7.20)

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Fußnoten

  1. Überlegungen dieses Beitrages haben ihre Anregungen größtenteils aus Castanedas Buch Power of Silence (Simon and Schuster 1987; deutsch: Die Kraft der Stille), in das ich kürzlich wieder einmal reingelesen habe. Die Aussage in diesem Fall war, daß nach dem Aufwachen ein Prozeß einsetze, herauszufinden, was dieses neue Erleben nun bedeute sowie den eigenen Platz hierin zu begreifen.
    Carlos Castaneda machte eine spirituelle Ausbildung in einer Gruppe von Sehern, die sich auch als „Zauberer“ oder „Krieger“ bezeichneten. Seine Lehrer waren vor allem Don Juan und Don Genaro.
  2. Unsere Kopfgedanken (rationale Gedanken) sind Ausdruck des falschen Selbst (Zweitpersönlichkeit). Beim Aufwachen wird die Zweitpersönlichkeit transformiert und unsere üblichen Denkmuster lösen sich hiermit auf. (Zu weiteren Ausführungen zu diesem Prozeß siehe auch die zweite Hälfte des Beitrages Inkarnation und Erkenntnis.)
  3. Erste/Zweite/Dritte Aufmerksamkeit: Begrifflichkeiten, die in den Lehren von Don Juan verwendet werden. Die „Erste Aufmerksamkeit“ bezeichnet hierbei unser Tagesbewußtsein, die „Zweite Aufmerksamkeit“ gleicht unserem „Traumbewußtsein“. Die „Dritte Aufmerksamkeit“ wird als „Totalität des Selbst“ beschrieben und transformiert Erste und Zweite Aufmerksamkeit zu etwas Neuem.