abstrakte Ziele

5. Juli 2020 at 01:27

Die Zauberer1 verfolgten ein „abstraktes Ziel“, nämlich: Freiheit. Eine Freiheit des eigenen Geistes. Weshalb war es für sie wichtig, ein „abstraktes Ziel“ zu haben? Ahja, weil sie aufgewacht waren, konnten sie sich nicht mehr mit den Zielen der Alltagswelt identifizieren; hätten sie aber gar kein Ziel (Nirwana wäre so etwas), so würden sie sich einfach in den Seinszustand fallen lassen und den eigenen Entwicklungsdrang hierdurch ignorieren. Deswegen ist ein Ziel sinnvoll, aber es kann in diesem Zusammenhang nur ein abstraktes sein, etwas, das vorwiegend mit der Zweiten Aufmerksamkeit2 verbunden ist und hierbei z.B. die Angel auswirft hin zur „Dritten Aufmerksamkeit“ (Totalität des Selbst).

Die Erste Aufmerksamkeit (Alltagsleben, Alltagsbewußtsein, rationales Denken) ist hingegen der direkte Ausdruck im Dualen, das ein Aufgewachter aber transformiert hat; er kann hier also keine Ziele mehr haben. Es ist wie bei einem Zaubertrick: Hat man den Trick einmal durchschaut, wird man sich niemals wieder über das Kunststück wundern können. Man wird immer wissen, wie das Kaninchen in den Hut gelangt ist. Und von daher ist es total absurd, dann wieder vorgeben zu wollen, als wüßte man nicht, wie der Trick funktioniert – oder in unserer Analogie: sich wieder mit der Alltagswelt verbinden und identifizieren zu wollen.

Im aufgewachten Zustand ein abstraktes Ziel zu haben hält den Aufgewachten lebendig und in Bewegung, so daß er sich weiterhin entwickeln kann. Vor dem Aufwachen kann man kein abstraktes Ziel haben, weil man dieses Konzept garnicht verstehen würde, solange man in der Dualität gefangen ist. Das Ziel der totalen Freiheit, welches ich manchmal als „das zweite Aufwachen“ bezeichne, bedeutet: komplette Wachheit im Bewußtsein. Und das Training hierfür sind die Wahrnehmungen der Zweiten Aufmerksamkeit. Vor allem liegt hierbei das Wissen zugrunde, daß man nicht wissen kann, was dieses Ziel ist oder wie es sein wird, wenn man es erreicht hat. Man erhält eine Ahnung hiervon, indem man die inneren Fähigkeiten der erweiterten Wahrnehmungen trainiert, denn diese machen uns durch die Einübung vertraut mit anderen Bewußtseins- und Seinsbereichen.

Im physischen Alltagsleben (Erste Aufmerksamkeit) versuchen wir, über unsere Umstände Kontrolle auszuüben, indem wir planen und bestimmte Ziele verfolgen. Doch die Kontrolle ist und bleibt ein Attribut des Egos, der Zweitpersönlichkeit. Ein Gefühl von Kontrolle suggeriert uns, wir hätten die Dinge in der Hand. Das ist unser eingeübter Mechanismus, der uns die Angst nehmen soll vorm Unbekannten. Aber ganz gleich, wie minuziös wir etwas geplant haben, so passieren doch ständig unvorhergesehene Dinge: die Firma macht dicht, Partner trennen sich, jemand stirbt… Doch unser Kopfdenken und unsere Routinen im Alltag verschaffen uns hier ein Minimum an „Stabilität“, wodurch jedoch lediglich die Ego-Persönlichkeit genarrt werden kann, mit der diese Mechanismen verbunden sind und von der diese „Scheinsicherheit“ ein Ausdruck ist. Das Training der Wahrnehmungen der Zweiten Aufmerksamkeit setzt sich mit genau diesem Aspekt auseinander. Man lernt hierbei, das Unbekannte zu bereisen und zu ergründen.

(Spax  5.7.20)

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Fußnoten

  1. Carlos Castaneda machte eine spirituelle Ausbildung in einer Gruppe von Sehern, die sich auch als „Zauberer“ oder „Krieger“ bezeichneten. Seine Lehrer waren vor allem Don Juan und Don Genaro.
    Überlegungen dieses Beitrages haben ihre Anregungen größtenteils aus Castanedas Buch Power of Silence (Simon and Schuster 1987; deutsch: Die Kraft der Stille), in das ich kürzlich wieder einmal reingelesen habe.
  2. Erste/Zweite/Dritte Aufmerksamkeit: Begrifflichkeiten, die in den Lehren von Don Juan verwendet werden. Die „Erste Aufmerksamkeit“ bezeichnet hierbei unser Tagesbewußtsein, die „Zweite Aufmerksamkeit“ gleicht unserem „Traumbewußtsein“. Die „Dritte Aufmerksamkeit“ wird als „Totalität des Selbst“ beschrieben und transformiert Erste und Zweite Aufmerksamkeit zu etwas Neuem.