Atempause der Zeit

15. April 2020 at 23:52

Nebenan quatscht einer irgendwo, das hört sich an wie Russisch oder sowas. Aber ich kann niemanden sehen. Ich mag es ja, wenn morgens mein Hirn noch nicht so „direkt“ wahrnimmt – da könnte auch das schönste Hochdeutsch ein unverständliches Gebrabbel sein. Ich liebe es, diese Wahrnehmung zu üben, dann wird die ganze Welt zu einer Sinfonie aus Geräuschen. Ich bin in einer sehr gelösten Wahrnehmung, mehr im Traumbewußtsein oder Tagträumen als im Tagesbewußtsein. Man hört auch einen Rhythmus, wenn man tief in dieser Wahrnehmung ist; keinen Beat, der untendrunter liegt, so wie wir es gewohnt sind bei Musik, sondern genau durch und mit den Geräuschen wird ein Rhythmus erzeugt, in dem jedes noch so kleine Geräusch seinen Platz hat.

Ist das nicht äußerst interessant? Vermutlich liegt noch tiefer darunter sogar eine Art Rhythmus vorgegeben von den Zyklen der Zeit, z.B. durch die „Weltjahre“1 (26.000 Jahre) und die Hälfte davon (13.000 Jahre) und welche Ereignisse zu welcher Zeitströmung passen usw. Aber dieser große zeitliche Rhythmus gestaltet nur den Rahmen der Aktions-Möglichkeiten, er hat nichts zu tun mit jenem „geräusch-vollen“ Rhythmus des Lebens, den man hören kann, wenn man sich in die Vielheit der Geräusche hineinfallen läßt.

Es ist so faszinierend! Und das allerfaszinierendste ist, wenn in dieser Myriade von Geräuschen plötzlich Pausen auftauchen. Das hört sich an, als seien diese Pausen „abgesprochen“ oder vorgegeben, sie entstehen nicht zufällig. Es ist, als würde jedes einzelne Geräusch plötzlich für einen Mini-Augenblick die Luft anhalten, stille sein, weil es wüßte, daß jetzt die „Pause“ kommt. Die Pause ist wie eine Schwelle, vor der man kurz anhält, bevor man sie überschreitet. Nach einer solchen „Atempause“ gehen sämtliche Geräusche weiter, als sei nichts gewesen – wieder ihren eigenen Gesamt-Rhythmus bildend –, bis zur nächsten Pause.

Diese kleine „Generalpause“ erinnert mich an jene Momente, wenn man z.B. in der Disco ist und tanzt, und es dann manchmal einen Moment gibt, in dem das ganze Bild für einen Mini-Augenblick einfriert – so, wie man das im Stroboskoplicht manchmal gut sehen kann. Es ist dann so, als könne man in diesem „Still-Leben“ quasi umherspazieren und sich jedes einzelne Detail betrachten. Genau solch ein Effekt ist das mit der „Atempause“ bei den Geräuschen.

Ist das nicht total phantastisch?! Es zeigt mir die Dehnbarkeit der Zeit: Man kann jeden Augenblick wie ein Standbild betrachten. Es zeigt, daß die lineare Zeit ein künstliches Konstrukt ist, eine Illusion. Es zeigt, daß jeder Augenblick für sich steht, die Zeit nicht existiert im Großen + Ganzen. Es zeigt außerdem, daß wir jeden Augenblick vollkommen neu erschaffen. Denn fällt man aus dem Kontinuitätsempfinden heraus und „hält die Welt an“, sieht man deutlich, daß man den nächsten Augenblick vollkommen neu gestalten könnte, sofern man sich auf gänzlich andere Dinge fokussieren würde als zuvor. Der „Rhythmus der Zeit“ ist jeweils meine eigene Wahrnehmung und worauf ich sie richte. Immer.

Dies ist interessant im Hinblick auf Timelines, denn es wird deutlich, wie sauschwer es sein muß, bestimmte Ereignisse oder Zusammenhänge in der Unendlichkeit und Vielheit aller existierenden Augenblicke zu finden oder aufzusuchen. Der Begriff „Timeline“ suggeriert hingegen, es gäbe Zeitlinien, bei denen ein Ereignis fein säuberlich auf das nächste folgt. Das ist daher ein irreführender Begriff, denn jeder einzelne Augenblick steht für sich.

Man kann eine „Timeline“ lediglich von dem Standpunkt eines Zeit-Kontinuums (einer Linearität) her betrachten: Eine Häufung von Ereignissen, welche von sehr vielen Wesen gleichzeitig als real empfunden und interpretiert werden, sind ggf. als Timeline wahrnehmbar. So wie wir uns auch als Zivilisation auf eine ganz spezifische Wahrnehmung einigen und unsere Wahrnehmung entsprechend trainieren. Denn nur so haben wir die Möglichkeit, uns auf so etwas wie eine gemeinsame Welt zu einigen und die Illusion einer „einheitlichen Welt“ oder Wahrnehmungsgrundlage zu erzeugen. Nur aus diesem Grund haben sehr viele Wesen einer Zivilisation zu einem gegebenen Augenblick zum Beispiel die Wahrnehmung derselben Ereignisse (auch wenn diese von jedem einzelnen wiederum eine unterschiedliche Interpretation erfahren). Dennoch: Es handelt sich nicht wirklich um Ereignis-Ketten, bei denen eines linear aufs nächste folgt, sondern es bleiben Häufungen in den Wahrnehmungs-Augenblicken.

Sucht man von daher nach bestimmten Ereignissen, die eine bestimmte Zivilisation durchlebt hat, so müßte man Ausschau halten nach solchen „Häufungspunkten“. Hierfür ist es sicherlich von Vorteil, wenn man sich in die Handlungsstränge einer Geschichte emotional einklinken kann, denn die Handlungsstränge und die emotionale Aufgeladenheit von einschneidenden Ereignissen wird einen Suchenden zu den jeweiligen Höhepunkten führen. Für das Aufspüren bestimmter Ereignisse in dieser atemberaubenden Vielheit eines Unendlichen ist von daher ein sehr starker innerer Fokus vonnöten.

Die lineare Zeit, sie existiert nicht. Es existiert in seiner ungeheuerlichen Komplexität: ein Augenblick und ein anderer Augenblick. Nur in unserer 3D-Wahrnehmung sind diese Augenblicke miteinander verbunden oder folgen aufeinander, weil wir durch unsere Interpretationen die Illusion einer Kontinuität erzeugen. Doch wie ein Puls ist jeder Augenblick in der Geschichte der Welt und des Universums getrennt durch eine winzige „Pause“. Mit jedem Herzschlag, jedem Gedanken, erschaffen wir uns neu – Augenblick für Augenblick.

(Spax  15.4.20)

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Fußnoten

  1. Als Zyklus der Präzession, auch Großes Jahr, Platonisches Jahr oder Weltjahr, wird die Präzessionsperiode der Erdachse von etwa 25.700 bis 25.800 Jahren bezeichnet. In diesem Zeitraum präzediert die Erdachse, die schräg zur Ebene der Ekliptik steht, einmal um die Achse durch den Erdmittelpunkt, die senkrecht auf der Ekliptik steht. Dadurch wandert der Frühlingspunkt einmal durch alle Tierkreiszeichen (Sternbilder). [Siehe Wikipedia]