das Vergessen

25. August 2020 at 02:57

Mit zwölf, da konnte ich mich noch daran erinnern, woher ich jedes Wort und meine Gesten hatte. Ich wußte, ich habe alles, was ich „außen“ bin, übernommen – von Personen im Außen. Ich konnte dies zurückverfolgen bis zum Anfang meines Lebens oder Denkens. Das war irgendwie wichtig, denn das sagte mir, wer ich bin – nicht das Äußere, diese Gedanken. Sondern dadurch, daß ich wußte, was ich alles von anderen übernommen habe, wußte ich, ich habe meinen Kern noch behalten, weiß noch, wer ich wahrhaft bin innendrin.

Ich glaube, mit zwölf/dreizehn habe ich gespürt, daß dieses für mich so wichtige Wissen irgendwie verschwindet oder weniger wird. Dann habe ich mich hingesetzt und wieder danach gesucht. Als ich den Anfang des Erinnerungs-Fadens gefunden hatte, konnte ich ihm wieder folgen bis zum Kern. Aber ich war ein wenig erschüttert, wieviel Mühe es mich diesmal kostete, diesen Pfad zurückzuverfolgen. Da es für mich aber wichtig war, ihn nicht zu vergessen, habe ich mich ein paar Tage fast täglich wieder erinnert, damit ich es behalte.

Insgesamt ging es glaube ich darum, mir bewußt zu halten, daß ich all meine Worte oder vor allem Gedanken von anderen übernommen hatte. Ich wollte offenbar nicht vergessen, daß ich – so wie alle anderen – in dem Prozeß war, mir eine Zweitpersönlichkeit zuzulegen, welche ausschließlich über das Außen definiert wird.

Und immer, wenn ich diesen Pfad zurückverfolgen konnte, wußte ich wieder, wer ich wirklich bin innendrin. Und wenn ich dann jeweils bei meinem inneren, bei meinem „wahren Selbst“ angelangt war, hatte ich das Gefühl, dieses Wissen um mich selbst, unsere Welt und die Entwicklung des Denkprozesses, nie wieder vergessen zu können. Man steht sicher in diesem Wissen. Das sind die Auswirkungen der „Zweiten Aufmerksamkeit“,1 die jene Form der inneren Wachheit mich sich bringt. Doch sobald wir unsere Aufmerksamkeit wieder auf′s Außen legen, werden wir wieder mehr und mehr aus uns herausgezogen. Und weil unser Fokus so absorbiert ist vom Außen, merken wir garnicht, wie wir unseren inneren Anker und die zugehörige Schwingung wieder verlieren. Irgendwann sind wir dann so stark ins Außen und all die Geschehnisse eingebunden, daß wir unser inneres Sein komplett vergessen zu haben scheinen.

Kann sein, daß ich in meinen späteren Teenager-Jahren jene „Reise nach Innen“ nochmal versucht oder gemacht habe. Ich weiß nicht, ob ich erfolgreich war. Vielleicht wußte ich auch nicht mehr, weshalb ich das machen wollte, weshalb das „wichtig“ war. Vielleicht habe ich gemerkt, daß es nicht mehr geht. Entweder zu diesem späteren Zeitpunkt oder zu der Zeit, als ich ca. 13 war, habe ich mich sehr erschrocken darüber, daß ich plötzlich etwas nicht mehr konnte, was früher so eine selbstverständliche Tatsache war. Ich fand es gefährlich, diese Verbindung zu meinem inneren Selbst und das Wissen darüber zu verlieren, über den Mechanismus des Absenkens meiner Schwingung. Deshalb hatte ich früher diesen Erinnerungs-Faden wieder und wieder eingeübt – bis ich erneut die Sicherheit hatte, dies „nie wieder“ vergessen oder verlieren zu können. Ich hatte mir Denkbrücken gebaut, über die ich den Faden jederzeit wieder aufnehmen und aktivieren konnte. Zunächst hat das auch funktioniert. Aber dann hat mich – wie bei jedem anderen auch, in der Teeniezeit – das Außen überrollt und eingefangen.

Erstaunlich eigentlich, daß ich mich dann einige Jahre später überhaupt noch daran erinnern konnte, daß es solch einen „Verbindungsfaden“ gab. Ich wußte noch, daß es wichtig war. Aber das Außen war längst wichtiger geworden. Ich konnte mich irgendwann nicht mehr erinnern und diesen Faden nicht mehr finden. Ich wußte nur noch, daß es etwas „wichtiges“ gab, das ich essentiell fand mich daran zu erinnern, es nie zu vergessen. Doch später waren statt meiner inneren Verbindungen nur noch intellektuelle Erklärungen vordergründig in meiner Wahrnehmung. Und die Identifikation mit der Zweitpersönlichkeit (unser gewohnter, eingeübter! Denkprozeß) ist dann so massiv, daß sie das gesamte Denken ausfüllt und zu irgendwelchen irrelevanten Erklärungen von Ursache+Wirkung gelangt.

Ich hatte also versucht, meinen inneren Faden aufrechtzuerhalten, meine innere Verbindung. Erstaunlich. Und weil das bei mir so war, bin ich davon ausgegangen, daß es bei jedem anderen auch so ist und jedes Kind diese Erinnerung zunächst noch hat und aufrechterhalten will. Aber vielleicht ist das garnicht der Fall.

Vorhin im Bett habe ich wieder an das Einheitsgefühl gedacht, das ich beim Aufwachen hatte damals. Es ist nicht verwunderlich, daß man dieses Gefühl beibehalten möchte. Und dann ist es genauso wie damals der Übergang zur Schwelle des Alltagslebens und der Entwicklung der Zweitpersönlichkeit: Man wird oder ist so massiv ins Außen eingewoben, daß man peu à peu diese Verbindung wieder verliert. Mit dem Aufwachen verliert man allerdings die Erinnerung nicht wieder komplett. Aber auch hier bleibt es eine haarige Sache, das Einheitsgefühl beizubehalten. Durch den Fokus aufs Außen verlieren wir stets die hohe Schwingung der Verbundenheit. Zwar verliert man mit dem Aufwachen die Verbindung nie ganz oder die Verbindung mit dem Wissen, aber je mehr man wieder eintaucht in seinen Alltag, desto mehr wird der Fokus auch wieder dorthin gezogen.

Ja, wie kriegt man es hin, in der Verbindung zu sein vordergründig und dennoch im Alltag, ohne die Verbindung, das Einheitsgefühl erneut zu verlieren?

(Spax  25.8.20)

 

Siehe hierzu erweiternd auch den Beitrag: Inkarnation und Erkenntnis vom 19.1.2017.

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Fußnoten

  1. Begrifflichkeit, die in den Lehren von Don Juan, dem spirituellen Lehrer von Castaneda, verwendet wird. Die „Zweite Aufmerksamkeit“ gleicht unserem „Traumbewußtsein“.