Loslassen: Warum ist das so schwer?

3. September 2026 at 01:23

Oh, gestern hatte ich eine wunderschöne Erkenntnis über das „Loslassen“ und weshalb es sich so schwierig gestaltet:

  1. Wenn wir etwas loslassen möchten, so haben wir den Fokus auf genau dieser Sache liegen, die wir entlassen möchten, und stärken hierdurch diese Thematik!
  2. Ganz gleich, was dieses Etwas ist, das wir „loslassen“ möchten, so ist und bleibt es doch ein Teil von uns. Denn alles, was wir je in unserem Leben wahrnehmen ist und bleibt ein Teil von uns. Wir können es von daher garnicht wirklich „loslassen“!

Deshalb verstärken wir insgesamt genau das Ding, die Gewohnheit, das Verhalten usw., das wir eigentlich so gern „loswerden“ möchten durch dieses Wegschiebenwollen und stellen fest, dass wir es nicht wirklich loswerden. Können wir auch nicht, denn es ist und bleibt ein Teil von uns.

Es geht also nicht wirklich darum, „etwas loszulassen“, sondern etwas zu integrieren. Für eine Integration müssen wir jedoch den Fokus auf das Loszulassende ändern: Wir müssen dieses Ding, was uns zu stören scheint, zunächst anerkennen als einen Teil von uns. Ein erster Ansatz hierfür wäre, wenn es uns gelingt, von der direkten Auseinandersetzung mit einem Thema innerlich zurückzutreten und uns z.B. fragen: „Oh, dies habe ich mir erschaffen! Aus welchem Grund ist es in meinem Leben? Was habe ich in der Auseinandersetzung hiermit gelernt? Was habe ich davon?“ Dies sind die Fragen für Integration. Bei der Integration erkennt man seine eigenen Erlebnisse und Entscheidungen an, anstatt sie von sich weisen zu wollen. Das ist ein entscheidender Unterschied. Denn bei der Integration übernehmen wir wieder die Verantwortung für unser eigenes Leben und treffen unsere eigenen Entscheidungen. Schieben wir unliebsame Dinge von uns oder etikettieren sie mit einem „erhabenen“ Loslassen, liegt dahinter eher eine Auslagerung und ein Wegschieben. Und das wissen wir mittlerweile, dass Dinge, die man wegschiebt dennoch ein aktiver Teil von unserem Unterbewusstsein bleiben, wo wir sie nicht direkt sehen, wo sie aber auf der unter- oder un-bewussten Ebene unser Leben nach wie vor beeinflussen, eben weil sie nicht bewusst und daher nicht integriert sind.

Integration funktioniert, indem man Frieden schließt mit einer Sache. Indem man anerkennt, dass wir sie in unser Leben gezogen haben. Indem man lernt, diese Sache irgendwann eher „leidenschaftslos“ zu betrachten. Schaut man sich diese Dinge, die einen so stören oder triggern an, als wäre es ein Kinofilm oder Theaterstück, fällt es leichter, die innewohnenden Mechanismen und Gewohnheiten zu erkennen, die uns eine solche Situation/Person/Sache/Emotion beschert haben. Doch erst, wenn wir den Mechanismus dahinter erkennen, haben wir die Möglichkeit, uns ein nächstes Mal anders zu verhalten, wenn dieses Thema noch einmal auftaucht. Weil wir nun wissen, dass wir es anders möchten, können wir lernen zu sagen: „Ich möchte das nicht.“ Es braucht meistens Übung und erfordert Mut, Dinge im eigenen Verhalten zu ändern, auf die wir sonst automatisch unbewusst re-agiert haben. Es erfordert Mut, ein erstes Mal (und weitere Male) quasi entgegen unserer Gewohnheit zu agieren, bewusst. Indem wir dies aber bewusst tun, verändern wir peu à peu zum einen den Blick auf die jeweilige Sache; und zum anderen eigne ich mir die Sache durch das Ansehen und Erkennen an, und beginne, sie zu integrieren. Das ist meistens ein Prozess und nicht ein Fingerschnippen und – Abrakadabra – ist das Thema verschwunden. Das Erkennen sowie folgend An-erkennen sind die ersten Schritte zur Integration.

Was bedeutet Integration? Der Wunsch des „Loswerdens“ einer Sache, die mir in meinem Leben begegnet und die ich „von mir wegschieben/fallenlassen/loswerden“ möchte, bedeutet zum einen immer, dass mich etwas quält: Wir finden uns in einer Situation, die uns nicht gefällt oder Menschen gegenüber, die uns auf die eine oder andere Weise Schwierigkeiten bereiten und wir hegen einen Wunsch nach innerer Befreiung hiervon. Unter′m Strich fühlen wir uns solchen Störfeldern gegenüber in der Regel als Opfer – machtlos, klein, wertlos. Wir möchten es loswerden, uns befreien hiervon. Doch die Tatsache, dass sich diese unliebsame Sache in unserem Leben findet, bedeutet, sie ist ein Teil meiner Wahrnehmung und daher meines Fokusses und somit ein Teil meiner Realität. Insbesondere wenn starke (meist negative) Emotionen hiermit verbunden sind, mindert das unsere Lebensqualität. Doch all unsere Ablehnung sowie das Loswerden-wollen verstärkt nur den Fokus auf diese Sache.

Eine gute Möglichkeit von diesem negativen Fokus wegzukommen ist, wenn man sich sagt: „Okay, irgendwie ist – aus welchen Gründen auch immer – diese Sache in meinem Leben aufgetaucht. Sie ist gerade Teil meines Lebens. Ich möchte mich aber anders fühlen, nicht klein und ohnmächtig.“ Manchmal kann man die Sache garnicht verändern, z.B. wenn man regelmäßig weiterhin mit bestimmten Personen Kontakt hat oder man Rahmenbedingungen nicht ändern kann usw. Das heißt, ich werde dieses „unliebsame Ding“ nicht wirklich los als Sache. Das bedeutet, ich muss selbst eine andere Haltung dieser Sache gegenüber einnehmen. Indem ich sage: „Okay, ich werde auch demnächst weiterhin Kontakt mit der Institution oder Person XY haben, das werde ich gerade nicht ändern können.“ Aber ich kann meine Perspektive ändern, kann innerlich etwas zurücktreten und mir sagen: „Okay, diese Person macht nur ihren Job.“ Oder eine Person, die mich triggert kann ich mir vielleicht als ein Tier vorstellen und mir sagen: „Aha, der Löwe brüllt wieder; die Spinne will mich in ihr Netz ziehen; dieser Vampir will mich aussaugen.“ Durch solch eine etwas distanziertere Sichtweise erhalte ich Handlungsspielraum. Auch wenn zu Beginn die schlimmen Gefühle sich nicht unbedingt ändern, so kann ich sie jetzt besser aushalten, weil ich diesen kleinen inneren Abstand habe, der mir eine andere Perspektive verschafft. Indem man dies übt, wird es jedesmal ein klein wenig leichter.

Erst, wenn man eine Situation/Sache etc. als Teil des eigenen (Er)Lebens anerkennt, kann man anfangen, anders damit umzugehen. Über die Zeit wird eine Veränderung stattfinden, denn durch meinen veränderten Blick verändere ich bewusst die Situation und hole mir hierdurch wieder ein Stück meiner eigenen Souveränität zurück. Das ist Integration. Und irgendwann – vielleicht bemerken wir es kaum –, ist durch diese veränderte Sicht- und Handlungsweise dieses „unliebsame Dingsbums“ aus unserem Leben verschwunden, es ist kein Thema mehr. Dann fühlt es sich tatsächlich an, als hätten wir es „losgelassen“, weil es keine Macht mehr über uns hat, denn jetzt ist es integriert.

Erst, wenn ich auch im Rückblick auf ein Thema neutral reagiere, als sei es ein altes Bild in meinem Fotoalbum, weiß ich, dass es ein Teil meines Lebens war; aber ich habe es transformiert und mir aus dieser einst schwierigen Situation ein Stückchen eigene innere Souveränität wiedergeholt. Ich selbst habe diese Veränderung herbeigeführt, das kann kein anderer für uns tun. Und deshalb stärken uns schlussendlich genau unsere Triggerthemen! Im Rückblick erkennt man dann gut, dass es eben ein Thema in meinem Leben war, das ich durch die Bereitschaft, es anzuerkennen sowie meine eigene veränderte innere Haltung, transformiert habe und das Thema nun integriert ist. Im Nachhinein ist man vielleicht sogar dankbar für diese Transformationsmöglichkeit.

Hier ein Tipp, denn es funktioniert aus meiner eigenen Erfahrung nicht wirklich, wenn man in solchen Situationen aktiv Dankbarkeit oder „Vergebung“ ausdrückt, solange ich dies doch garnicht empfinde und immer noch in der Auseinandersetzung stecke. Derlei Herangehensweisen oder auch Affirmationen bewirken eher, dass man versucht, ein Thema mit einer hübschen Decke zuzudecken, aber es wird sich immer ein wenig „falsch“ anfühlen und das Thema wegdrücken anstatt es zu integrieren. Wirkliche Integration schaut hin, akzeptiert, und übt so lange mit dieser Sache, bis die eigene innere Transformation schlussendlich auch diese Sache transformiert. Entweder ist das Thema dann verschwunden oder die Begegnung mit derlei Situationen „kratzt mich nicht mehr“.

Integration ist nicht ein Zuckerguss, den ich über etwas Unliebsames gieße, sondern ein inneres Ringen, was letztlich zu meiner eigenen Authentizität führt! Nur auf diese Weise räumt man – meiner Erfahrung nach –nach und nach all diese „störenden Brocken“ aus seinem Lebensweg. Loslassen hinterlässt uns nach wie vor als Opfer; Integration stärkt uns innerlich und verschafft uns letztlich wieder Souveränität über unser eigenes Leben.

(Spax  08.03.2026)

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