Den Willen schulen

19. Juni 2014 at 16:28

Der Wille. Der Wille ist ein entscheidendes Instrument, das ist mir heute morgen nochmal klargeworden. Er ist vergleichsweise einfach zu trainieren, denn um meinen „Gesamt-Willen“1 zu trainieren brauche ich nur meinen Alltagswillen zu trainieren.

Wenn ich mir z.B. immer Sachen vornehme, diese dann aber nicht umsetze, so lernt mein System, meinen Launen und Befindlichkeiten nachzugeben. Wenn ich mir hingegen Dinge vornehme und diese auch durchführe, so ist dies jeweils eine Stärkungspille für meinen Willen. All unsere Befindlichkeiten sind unsere allergrößten „Widersacher“ könnte man sagen, denn es sind letztlich diese, die uns jeweils wieder zu Fall bringen. „Momente der Schwäche“ benennen wir es als Entschuldigung – und es stimmt genau. „Die Laxheit des Menschen ist unübertroffen und beinahe unüberwindlich“, sagt Don Juan hierzu.2 Und er hat recht.

Jetzt weiß ich auch, weshalb ich es immer wieder zulasse, in all diese gräßlichen Zustände zu geraten, die ich ja selbst immer so schrecklich finde: damit ich diese Zusammenhänge erkenne! Von daher muß ich meiner eigenen Trägheit danken, daß sie mich immer in solch unerträgliche Situationen führt. Denn erst, wenn ich definitiv erkannt habe, wo der Knackpunkt liegt, kann ich auch wirklich etwas unternehmen, um die Richtung zu ändern. Es können mir zigtausend Leute, Gurus und Lehrer gebetsmühlenartig täglich dasselbe predigen, ich werde mich keinen einzigen Zentimeter bewegen, wenn ich die Zusammenhänge für mich selbst nicht erkannt habe und die Notwendigkeit, mein Handeln und meine Einstellung zu ändern.

Jetzt, wo ich wieder Anlaufschwierigkeiten habe regelmäßig schwimmen zu gehen, weiß ich, es ist eine Entscheidung, die ich treffen muß, damit mein Wille wieder die Oberhand bekommt. Und genauso ist es mit jeder anderen Aufgabe oder Anforderung, der ich ins Gesicht blicke: Solange ich die Umsetzung einer Aufgabe vor mir herschiebe, nähre ich a) meine Widerstände, b) meine Trägheit und c) schwäche ich meinen Willen hierdurch!

Es geht also vordergründig nicht darum, mich „gut“ zu fühlen, oder eine spezielle Befindlichkeit als Kriterium zu nehmen, ob ich bestimmte Aufgaben erledige oder nicht. Denn solange ich mich an jenem oberflächlich positiven Gefühl orientiere, nähre ich damit bloß meine Befindlichkeit sowie den Glauben, irgendwelche äußeren Umstände seien für mein Wohlbefinden zuständig. Erledige ich hingegen meine Aufgaben, weil sie vor meiner Nase liegen und ich sie sowieso irgendwann erledigen werde, so setzt dies Energie frei, die ansonsten in meinem stetigen inneren Lamento hierüber gebunden ist – ein Lamento für meine Befindlichkeiten, wodurch das endlose innere Gequatsche begünstigt wird. Diese permanente Innendiskussion, die ich mit mir führe, schwächt mein gesamtes System.

Auch deshalb betonen die Zauberer, sie wären „nüchtern“, pragmatisch. Sie haben diese Zusammenhänge erkannt und trainieren sich entsprechend. Viele der unsinnigen Aufgaben, die Don Juan dem Castaneda überträgt (z.B. immer erst den linken Schnürsenkel zuzubinden), fallen in diese Kategorie: lernen zu handeln ohne darüber zu diskutieren; zu handeln, ganz gleich, wie man sich gerade fühlt oder was man über die jeweilige Aufgabe denken mag. Just do it!

Just do it! Wie oft habe ich diesen Satz schon hingeschrieben! Aber ich habe irgendwie nie geglaubt, daß ich wirklich „faul“ bin. Doch genau das ist es. Ich bin vollkommen in meinen Befindlichkeiten verstrickt; auch – und das muß ich hier ebenfalls erwähnen – weil ich lange Zeit die Prämisse von Abraham3 und anderen (Bashar4 z.B.) falsch interpretiert habe. Sie meinen zwar alle das richtige, aber zu sagen, man solle sich nach den guten Gefühlen ausrichten, verstärkt jenen Fauli-Teil in mir, der lieber einem Widerstand aus dem Weg geht und sich aufs Sofa legt, anstatt aktiv irgendwelche Handlungen durchzuführen, die mich zwar nicht mit ultimativer Freude erfüllen, aber nichtsdestotrotz vor meiner Nase liegen. Hierbei ist nicht so entscheidend, ob oder daß ich eine bestimmte Aufgabe erledige oder nicht, sondern daß ich die Entscheidung treffe, eine Aufgabe durchzuführen, um meinen Willen zu schulen und eine jegliche Aufgabe sozusagen emotionslos (pragmatisch) erledige. Es schult den Willen, wenn man eine Aufgabe erledigt trotz der Widerstände, die ich habe und also Unlust und ungute Gefühle verspüre, weil ich die Aufgabe nicht mag. Aber es schult den Willen!

Und erst mit einem geschulten Willen und einer pragmatischen Haltung Aufgaben gegenüber, werde ich eine kongruente Interaktion mit dem übergeordneten Willen erzeugen, weil ich stets signalisiere: „Ja, ich bin bereit, weiterzugehen. Ja, auch diese Aufgabe schreckt mich nicht“ usw. Im Hintergrund ist diese Vorgehensweise also ebenfalls ein gutes Mittel gegen irrationale Ängste; denn der „übergeordnete Wille“ kennt keine Angst und scheut nicht zurück vor irgendwelchen Anforderungen.

Das Schwelgen und Dümpeln in blumigen Gefühlen ist zwar ganz nett, aber es bringt mich in meiner Entwicklung keinen Zentimeter weiter. Unsere Zweitpersönlichkeit ist angefüllt mit Befindlichkeiten; man könnte sogar sagen, sie besteht aus nichts anderem als aus all unseren Emotionen, unseren Verhaftungen bzw. Abhängigkeiten hiervon. Unser Kernselbst hingegen ist nüchtern und emotionsfrei. Erst das Ablegen unserer emotionalen Befindlichkeiten und Abhängigkeiten verbindet uns mit unserem Kernselbst. Erst wenn ich keine Meinung oder Befindlichkeit mehr verteidigen muß und wie einen Schutzschild vor mir her trage, befreit mich das. Erst wenn ich frei bin, den Dorfdeppen zu geben, einen Bettler oder auch König, eben weil ich mein Sein nicht mehr definiere über das eine oder andere, bin ich beweglich, bin ich im Fluß. Und erst dann bin ich überhaupt in der Lage, die zarte Stimme meines Higher Self zu vernehmen und meine Impulse zu spüren.

Zentraler Punkt hierbei ist die Schulung meines Willens. Solange ich Sätze formuliere wie „Ich muß noch dies oder jenes erledigen“ oder „Ich soll…“, handele ich nicht aus freiem Antrieb und habe hier offenbar keine eigene Entscheidung getroffen. Hier fühle ich mich als Opfer irgendwelcher äußeren Umstände oder sonstiger Systeme. „Ich muß noch…“ bedeutet, ich erledige eine Aufgabe, weil jemand anders dies erwartet von mir. „Ich will noch…“ bedeutet, ich mache dieselbe Aufgabe, weil ich weiß, daß sie vor meiner Nase liegt. Und als Bonus für meinen Antrieb kann ich mir sagen, daß die Erledigung der Aufgabe meinen Willen schult – auch wenn ich dies erst einmal nicht so empfinde, denn fast all unsere Energie ist in diesem Abwehrsystem gebunden und nährt Tag für Tag, Gedanke für Gedanke, unsere Zweitpersönlichkeit.

(Spax  19.6.14)

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Fußnoten

  1. Als „Gesamt-Wille“ bezeichne ich eine Kraft, die dem Gesamtbewußtsein angehört (Allem-was-Ist); eine Kraft „höherer Ordnung“, die im Hintergrund stetig auf uns einwirkt. Manchmal bezeichnen wir dies als „Schicksal“, ist mit diesem aber nicht zu verwechseln.
  2. Don Juan war der spirituelle Lehrer von Castaneda. Die Gruppe der Seher um Don Juan bezeichneten sich häufig als „Krieger“ oder „Zauberer“.
    Zitat aus Carlos Castaneda: The Fire from Within, Black Swan 1991 [1984] (dt: Das Feuer von innen).
  3. Abraham ist eine von Esther Hicks gechannelte nichtphysische Entität. Die Hauptaussage bei den Channelings ist, man solle sich stets an seinen positiven Empfindungen ausrichten.
  4. Bashar ist eine von Darryl Anka gechannelte Entität, die auf Essassani/Eshakani beheimatet ist. Seine Haupt-Aussage lautet: Follow your passion!