magische Wesen
Wir haben vergessen, daß wir magische Wesen sind, sagt Don Juan.1 Genau das ist es.
„magisch“, das ist das Zauberwort, ein Begriff mit Geheimnis darinnen. Und genau das ist es, was gut wäre, wiederzuentdecken: das Magische in uns.
Die Magie ist das Staunen, das uns ins Jetzt befördert. Magie ist die Schönheit z.B. eines Sonnenunterganges, der Tau auf einem Spinnennetz. In alldem liegt auch Traurigkeit. Gebe ich mich der Schönheit hin, so zerspringt mein Herz; es gibt einen Riß – und dieser Riß ist unser Fühlen, unsere Wahrnehmung „eine Etage tiefer“. Und eigentlich ist es egal, ob wir dieses Gefühl „Traurigkeit“ oder „Glückseligkeit“ nennen, denn es ist rein physisch betrachtet dasselbe Empfinden: ein Riß durchs Herz. Und dort fallen wir hinein, in diesen Herzriß, wo das Staunen über diese Welt liegt und über mein mysteriöses Sein darin. Das ist die Magie. Die Magie ist: in der Tiefe zu fühlen, zu spüren – denn dies ist, was Lebendigkeit ausmacht. Zu spüren, wie die Vollendung einer Rose mir das Herz bricht – nicht weil,2 sondern daß – und sich das Herz brechen lassen. Denn erst mit dem tiefen Spüren all dieser Empfindungen fallen wir in unseren Herzriß – und dort, genau dort, wohnt die Magie!
Und immer immer wird man vom Tod angeweht, wenn man sich ziehen läßt von jenen tieferen Strömungen. Unsere Empfindsamkeit ist ein Sprungbrett zur Nüchternheit, die darunterliegt; jene Nüchternheit, die man benötigt, um dem Unbekannten zu begegnen. Erst wenn unser Herz, unser Fühlen, gespalten ist und wir uns ziehen lassen durch diesen Riß, werden alle Emotionen freigesetzt, das ist das Nichtanhaften: In der Freisetzung aller anhaftenden Emotionen werden wir nüchtern. Die Nüchternheit wird empfunden als jener kalte Wind des Unbekannten, der uns in Stücke reißt.
Und hier liegt das Mißverständnis und Paradox, denn zugleich mit jener Nüchternheit erhalten wir, was wir sind im Kern: Größe und Freude. Sich ziehen lassen durch das magische Tor, durch den Herzriß, bringt uns erst Ganzheit, das Sein im Jetzt. Das scheint grotesk, aber so ist es. Doch wenn wir die Nüchternheit und mit ihr die Klarheit erlangt haben, besteht die Gefahr, sich nicht mehr ziehen zu lassen. Wir schließen den Herzriß, weil wir glauben, etwas verstanden zu haben und machen es uns wieder gemütlich auf der Oberfläche des Oberflächlichen, der Betrachtung einer Dingwelt. Lebendig und wach bleiben wir nur, wenn wir stets uns ziehen lassen, stets in jenen Abgrund blicken.
Genau dies praktiziert Don Juan, wenn er sich Gedichte vorlesen läßt: Er nimmt das Gefühl, welches durch ein Gedicht entsteht als Sprungbrett, sich ziehen zu lassen und jenes Gefühl des Vagen und Unbekannten in sich zu nähren. Daher nennt er es einen forerunner, einen „Wegbereiter“: Durch das Gefühl, welches in den Gedichten zum Ausdruck kommt, läßt er sich ziehen, springt hinein in diese Empfindung jener unergründlichen Sehnsucht und den leichten Schmerz, der durch das Gedicht hindurchscheint. Hierdurch produziert er „die rechte Stimmung seines Kriegerdaseins“, so daß er weder in der Ratio noch in der Nüchternheit gefangen bleibt.
Die eigentliche Magie liegt in einer geraden Linie: schnörkellos, direkt aufs Ziel. Ein Krieger, der nicht anhaftet ist frei, weil er nicht damit befaßt ist, ständig seine Persönlichkeit verteidigen zu müssen. Alles Persönliche und die persönlichen Befindlichkeiten sind abgelegt. Die Zauberer oder Krieger schulen sich stetig darin, auf das Wesentliche ausgerichtet zu bleiben und halten ihre Verbindung intakt, indem sie diese permanent erneuern durch ihren Fokus darauf. Sie kultivieren ihren Herzriß könnte man sagen.
Die Hauptgefahr im Alltagsfokus ist das Kleben und Anhaften an Dingen und Emotionalitäten. Die Hauptgefahr der Nüchternheit ist es, die reinen Gefühle nicht mehr zu spüren und als unwesentlich abzutun, denn man hat ja jetzt die Klarheit. Man kann die eigene Wichtigkeit eben auch über die Nüchternheit wieder nähren. Daher braucht es immer beides:
(1) jenes tiefe Empfinden, an der Schönheit der Welt zu zerbrechen, das uns in die Tiefe zieht und den Herzriß offen hält,
(2) sowie jene Nüchternheit, mit der wir erst in der Lage sind, dem Unbekannten zu begegnen;
*) plus das Wissen darum, daß dies in Kombination unsere Verbindung darstellt und diese lebendig hält.
Es ist genau, wie Don Juan sagt: daß auch mit dem Aufwachen, mit dem Erlangen der Erkenntnisfähigkeit, dennoch unser größter Feind unsere Angewohnheiten und unsere Trägheit bleiben sowie die Tendenz, uns in einer rationalen Sicherheit einzurichten – egal in welchem Zustand.
Das Jetzt und alles, was dazugehört, ist immer getragen von der Tiefe des Herzrisses – nicht anhaftende Emotionen, sondern freie Gefühle, die durch uns hindurchwehen wie Atemzüge eines Anderen…
(Spax 26.6.14)
Fußnoten
- Spiritueller Lehrer von Castaneda.
- …weil ich sie verlassen muß, sie morgen verwelkt – oder welchen Grund auch immer ich mir zu meinem Gefühl ausdenken mag und damit das ursprüngliche Gefühl zu einer anhaftenden Emotion reduziere.














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