Arbeit im Flow

30. April 2016 at 22:05

Dies ist ein Kommentar von Ralf (30.4.2016) zu Diskussion im Kopf (25.4.2016).

Ob andere eine „Lebens-Tätigkeit“ haben, für die sie wie geschaffen sind, weiß ich nicht. Es muss auch gar kein Lebensthema sein. Und ja, man kann freilich jede Tätigkeit in „innerer Verbundenheit“ ausführen, so wie für mich das Saubermachen der Wohnung Meditation ist.

In jedem Augenblick verbunden zu sein mit dem, was man tut, heißt, man ist nicht abgelenkt. Abgelenkt ist man, wenn man eigentlich etwas anderes machen will, als das, was man gerade macht, aber letzteres lässt einen nicht los. Hat man sich einem Thema zugewendet, das naturgemäß längere Zeitspannen der Aufmerksamkeit beansprucht (Bild malen, Buch schreiben, Lied komponieren u. ä.), so reißt einen jedes andere Thema aus dem Flow. Und damit ist es ein Störfaktor. Die Haupttätigkeit ist für mich freilich in dem Fall „mehr wert“, wenn die Störung als negativ empfunden wird. Ist die Ablenkung erwünscht, weil man beispielsweise sein Hauptprojekt gerade als belastend empfindet, so ist sie ja keine Störung und somit entlastend, also in dem Moment nicht weniger wert. Um bei dem Wertigkeitsbegriff zu bleiben, empfinde ich Tätigkeiten als sinnvoll, die mir zum Beispiel nach 3 Stunden ein bleibendes Ergebnis liefern (gemaltes Bild, geschriebener Text, komponiertes Lied). Über 3 Stunden gesammelte Punkte in einem Game hingegen empfinde ich – in der Regel – als vergeudete Lebenszeit.

Spielen und Lebenszeit vergeuden darf für mich selbstverständlich stattfinden! Und zwar, solange es wirklich Spaß macht und meine Zufriedenheit fördert. Sobald es das nicht tut, ist es eine unerwünschte Ablenkung. Und ich bin in dem Moment dann garantiert nicht „im Sein verbunden“ (Du hast es weiter unten in Deinem Beitrag ja ähnlich formuliert).

Um auf Deinen Beitrag Bezug zu nehmen: Wenn Du den Abwasch machen müsstest, Dich dann aber lieber an Deinen Blog setzt – wieso sollte nun der Blog die Ablenkung vom Abwaschen sein? Stellt denn der Abwasch einen wesentlichen Kernpunkt in Deinem Leben dar, um den vor dem Einschlafen Deine Gedanken kreisen und für den Du monatlich Hostinggebühren zahlst – und hast Du das Spülbecken extra dafür programmieren lassen?
Pflegst Du Deine Wohnung so intensiv, wie Deinen Blog?
Ich nehme an, auch bei Dir wird es unterschiedliche Wertigkeiten geben und nicht jede Tätigkeit vollziehst Du „in Verbundenheit“.

Die Sache ist die: Gehöre ich zu den Menschen, die so etwas wie ein Schwerpunktthema in ihrem Leben haben, das sehr viel Engagement erfordert, und will ich dieses Thema in meinem Leben so weit wie möglich manifestieren, komme ich nicht darum herum, meinem Tagesablauf zumindest partiell eine Struktur zu geben, die Zeiten nur für dieses Thema bereitstellt. Nur dann kann ich zeitweise alle geistige, mentale und körperliche Energie auf die Sache verwenden, ohne davon abgelenkt zu werden. Manche stecken das Telefon aus, andere (ich z. B.) gehen mit dem Mailprogramm und Smartphone stundenlang offline. Wenn ich dann in einer Schaffenspause am Tablet mein Lieblingsspiel starte, bin ich schon reingefallen. Der Fokus geht verloren, die Konzentration ist dahin. Und es sind keine gesellschaftlichen inneren Stimmen der Vergangenheit, die hier mein Gefühl stören, niemand in mir sagt „du darfst das nicht“, ich bin nicht Opfer meiner Erziehung oder der Haltung der Allgemeinheit und deren Stimmen in meinem Kopf, sondern ich selbst war mal wieder zu inkonsequent, um bei der Sache zu bleiben, die mir viel wichtiger ist. Nicht mehr und nicht weniger.

Klarer kann man Ablenkung nicht definieren. Und so habe ich die Aussagen von Tabaash verstanden. Und in dieser Auslegung hat er für mich vollkommen recht. Für mich geht es hier nicht um den Widerhall der gesellschaftlichen Zwänge. Wenn ich es schaffe, Ziele mit einer gewissen Konsequenz zu verfolgen, geht es mir mental wesentlich besser, als an Tagen, wo ich mich einfach so treiben lasse. Dass mich „die nackte Wut packt“, wie Du schreibst, sagt mir, dass ich schon viele Stunden sinnlos totgeschlagen habe. Denn es dauert bei mir lange, bis ich wirklich wütend werde. Will man das vermeiden, braucht man Strategien. Dazu gehört für mich, Worte wie „Pflicht“ und „Arbeit“ zu entschärfen, die in unserer Sichtweise gesellschaftlich wirklich belastet sind und belasten können (aber das wäre ein langwieriges neues Thema). Für mich gibt es Pflichten, die ich widerstandslos als solche anerkenne und bereitwillig erfülle. Ich nehme sie somit nicht als das wahr, wofür das Wort (möglicherweise) geschaffen und (ganz sicher) während meiner Kindheit negativ aufgeladen wurde. Und Arbeit ist wunderbar, wenn man im Flow ist  🙂

Ralf  (30.4.2016)

Download PDF