Ich weiß etwas, was du nicht weißt
Gestern habe ich mir nochmal die „Wingmaker“ im Netz angeschaut, weil dieser Begriff mir auf einem Text vom letzten Jahr aufgefallen war. Jetzt weiß ich auch wieder, weshalb ich diese Linie nicht weiter verfolgt habe: Weil ich all diese Geheimnistuerei nicht mag, all diese „Geheimgesellschaften“. Und was ich gleichfalls nicht mag, das sind all diese hierarchischen Strukturen, insbesondere, wenn es einhergeht mit „Wissensverheimlichung“ – gegen sowas bin ich total allergisch. Laß doch die Leute wissen, was sie möchten! Soll doch jeder mit dem Wissen sich auf seine eigene Weise weiterentwickeln und weiterbilden. Aber zu sagen: Du bekommst einen bestimmten Teil des Wissens nicht, weil du entweder es nicht verstehst (wie arrogant das ist!) oder ich befürchte, du könntest es – vielleicht aus deinem Unwissen heraus – falsch verwenden (was eine unverschämte Unterstellung ist), das finde ich ungeheuerlich.
Wer hat jemals einen Schaden davon, wenn Wissen weitergegeben wird?! Der A. E. Waite, Entwickler des Waite-Tarot-Decks, hat all sein umfangreiches Wissen und all seine Erkenntnisse in zahlreichen Büchern veröffentlicht, für jeden zugänglich. Und genau so ist es recht und richtig, denn jeder kann für sich dann wählen und entscheiden, ob er dieses Wissen nutzen mag oder nicht. Es ist ja ohnehin so, daß sich vermutlich nur diejenigen hiervon angezogen fühlen, die damit auch in irgendeiner Weise etwas anfangen können. Aber zu sagen „Ich enthalte dir einen Teil meines Wissens vor, weil du es nicht verstehst oder etwas daraus machen könntest, was nicht in meinem Sinne wäre“, das ist Kontrolle pur. Es ist arrogant bis zum Anschlag und sagt dem Rest der Welt, dem „Fußvolk“, daß ich eben durch dieses Mehr an Wissen allen anderen überlegen bin.
Wenn ich sowas schon lese: „Fünfzehn“! „Fünfzehn“ ist der Guru, der Kaiser in der Hierarchie der Wingmaker, eine „geheimnisvolle Eminenz“ im Hintergrund. Na toll! Bleib mir vom Leib mit solch einem Quatsch! Das hatten wir nun wahrlich lange genug. Und keine einzige Idee oder „Geheimgesellschaft“ kann so atemberaubend sein, daß sie es wert ist, ihr beizutreten und ich hierfür mein eigenes Denken an den Nagel hänge.
Zu diesem Thema gehört ebenso, daß es natürlich – wie kann es auch anders sein – in einer hierarchischen Struktur und bei Leuten, die stets gegen etwas angehen mit all ihrer Heimlichtuerei, es einen „Widersacher“ gibt. Natürlich muß es diesen geben, denn sonst tät das ganze hohle Gebäude ja in sich zusammenfallen. Es ist dasselbe Spiel der Angst, welches überall gespielt wird. Es wird keineswegs besser dadurch, wenn ich mein eigenes kleines „Gegen-Gebäude“ auf exakt dieselbe Art aufbaue, wie dasjenige, gegen das ich angehe. Es kann ja auch nicht anders sein, denn sie gehören ja beide zur selben Struktur, bilden die beiden Seite derselben Schwingungs-Medaille.
Ich weiß garnicht, wer überhaupt damit angefangen hat, diese Art Struktur zu installieren. Es ist ja wirklich und wahrhaftig so: Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten.1 Denn in dem guten Glauben und der guten Absicht, selbst etwas begriffen zu haben, geht jeder (für sich) davon aus, daß dies für alle anderen ebenso gelte. Doch wenn ich überhaupt etwas begriffen habe in meinem Leben, dann ist es dies: Eine Erkenntnis ist und bleibt meine Erkenntnis, ich kann sie unmöglich auf andere übertragen. Denn sobald ich dies tu′, gehe ich davon aus, daß jeder andere genauso funktioniert wie ich selbst und dieselben Gedanken, Empfindungen und Ziele hat wie ich. Das ist vermessen. Selbst wenn ein Anderer zur selben Erkenntnis gelangen mag, so gelangt er auf seinem ganz eigenen Weg dorthin. Indem ich einem Anderen aber meinen Weg vorschreibe oder aufzwinge, verhindere ich dessen eigene Entwicklung und spreche ihm seine eigene Erkenntnisfähigkeit ab.
Wen kümmert es denn, wenn ich einem Naturmenschen einen Fernseher vor die Nase stelle oder eine Superzivilisation dem Höhlenmenschen eine Zeitmaschine oder sonstwas präsentiert oder ggf. tolle Lebensphilosophien deklariert werden? Der Naturmensch wird dieses Gerät oder die Ideen auf eben jene Weise verwenden, die für ihn selbst relevant ist oder wahlweise all diese „Wunderdinge“ links liegen lassen, eben weil er überhaupt keine Verwendung dafür hat. Aber beide Möglichkeiten geben keine Grundlage dafür, das Wissen vorzuenthalten. Und am allerwenigsten dann, wenn jemand darum bittet, wenn er verstehen möchte – ganz gleich in welchen Zusammenhängen! Wenn das Mädel aus dem Buch von Elisabeth Haich2 die Ausbildung als Priesterin machen will, warum denn nicht? Sie wurde auf mögliche Folgen hingewiesen, wollte es aber trotzdem gerne und hat dann die Erfahrung gemacht. Wer will denn einem anderen dessen Erfahrungen absprechen?! Eine Erfahrung ist eine Erfahrung, ganz gleich, wie ich sie bewerten mag. Und allem voran: Jede einzelne Erfahrung birgt Erkenntnisse in sich; und genaugenommen gehen die sogenannten „negativen“ Erfahrungen oder Erkenntnisse weit mehr in die Tiefe.
Die Alternative, die mir durch eine Wissensverweigerung geboten wird, ist doch das Verharren auf einer gleichbleibenden Ebene, auf der sich nichts bewegt. Hierdurch wird Entwicklung verhindert, die durch die Auseinandersetzung mit neuen Ideen und Aspekten möglich wäre.
Und zeitgleich werden jede Menge Leute an ein bestimmtes System gebunden durch das Hierarchische: die „Unteren“ blicken zu den „Oberen“ auf, da die „Oberen“ offenbar noch mehr Wissen haben, an das die „Unteren“ nur gelangen können, wenn die „Oberen“ geneigt sind, ein nächstes Wissensbröckchen preiszugeben. Grau-en-voll ist das. Wie Bettler sitzen die Wissensdurstigen an einem solchen Tisch und warten auf die nächste Krume, die herabfällt. Durch dieses Verhalten geben sie den „Oberen“ die Macht über deren eigenes Leben bestimmen zu können. Nur auf diese gegenseitige Abhängigkeit gegründet können derlei Systeme funktionieren. Denn keiner der „Oberen“ sagt je: „Geh hin und mache deine eigenen Erfahrungen, erlange deine eigenen Erkenntnisse“, denn dann hätten sie ja diese kontrollierende Machtfunktion nicht mehr. Deren „Wissen“ ist nur etwas wert, solange sie es anderen vorenthalten und hierdurch andere an sich binden. Würde jeder einzelne losziehen, seine eigenen Erfahrungen zu machen, an seine eigene Fähigkeit des Erkenntnisgewinnes glauben und daran, selbst zu denken, es würde keine „Oberen“ mehr geben, denn die „Unteren“ würden anfangen, das sogenannte Wissen der „Oberen“ in Frage zu stellen.
Ich muß sagen, da liebe ich Roxie,3 die ganz genauso vehement ist in diesem Punkt wie ich: Wissen darf nichts kosten bzw. sollte frei zugänglich für alle sein. Ganz besonders auch aus diesem Grund begrüße ich z.B. die Creative-Commons-Bewegung. Unsere Gedanken und Ideen sind doch ein zauberhafter Spielplatz – um nicht zu sagen: die Plattform auf der wir uns weiterentwickeln.
„Wissen ist Macht“, einerseits in dem Zusammenhang, wenn es vorenthalten wird und folglich der Wissende Macht erlangt über andere, die er absichtlich im Unwissen hält und hierdurch kontrollieren kann; oder wenn ich mir selbst Wissen aneigne, erlange ich Macht über mich selbst. Doch wenn ich Macht über mich selbst erlangt habe, ist es nicht nötig, jegliches Wissen, welches hiermit zusammenhängen mag, einem anderen vorzuenthalten. Denn jemand, der Macht über sich selbst erlangt hat, fürchtet nichts und hat den Wunsch, daß jeder andere ebenfalls wachsen darf und möchte dies unterstützen. Für jemanden, der Macht über sich selbst erlangt hat, gibt es niemals einen Grund, Wissen, das er hat, zu verheimlichen oder vorzuenthalten.
„Nichts wissen macht auch nichts“ 😉 Dieser alte Spontispruch fällt mir ebenfalls hierzu ein. Er bringt sofort Leichtigkeit in die Angelegenheit: Wenn es auch erlaubt ist, „nichts zu wissen“, so werde ich frei, meine eigenen Erfahrungen zu machen, anstatt irgendeinem Status Quo hinterherzulaufen, der meinen Fokus vom Wesentlichen ablenkt: meiner eigenen Entwicklung durch meine eigenen Erfahrungen und hierdurch das Erlangen von eigenem Wissen.
Wir verbinden ja „Wissen“ sowieso viel zu sehr mit unserem Kopfdenken. Darüber geht uns vielleicht die tiefste Möglichkeit Erkenntnis zu erlangen verlustig: durch das direkte Erleben, welches immer gepaart ist mit unserem Körperwissen.
Das Wissen findet dich, du mußt es nicht suchen gehen.
(Spax 14.5.15)
Fußnoten
- Ach, ich sehe gerade, das Zitat heißt ein wenig anders: Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, nicht mit schlechten. Alle Menschen haben gute Absichten. (George Bernard Shaw: Das war Bernard Shaw, hg. v. Wilhelm Don Hofer, www.zitate-aphorismen.de, besucht am 14.05.15) Doch meine Variante gefällt mir dennoch besser.
- Elisabeth Haich: Einweihung, Goldmann 1990; siehe Bücher.
- Roxie ist ein Open Channel und channelt verschiedene Wesenheiten.














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