verschachteltes Bewußtsein

19. Dezember 2017 at 00:27

Woher will ich jemals sagen können, ich sei „dieser“ oder „jener“ gewesen? Woher will ich das wissen? Und ich meine jetzt alle Zusammenhänge und Ausdrucksformen, nicht nur Inkarnationen auf der Erde. Woher will ich wissen, daß ich, die ich mich im Moment als Person X empfinde, zu einer anderen Zeit nicht genau DU gewesen bin? – oder meine Eltern, oder wer auch immer?!

Denn Fakt ist doch, daß das, was wir Inkarnation nennen, vom Bewußtsein her eine spezielle Fokussierung ist auf einen bestimmten Lebensbereich. Und weil das so ist, weiß ich, daß ich mich jederzeit in jede Person oder jeden Lebensumstand hineinfokussieren könnte. Jedes einzelne Wesen, das wir wahrnehmen sowie jedes Ding, das wir wahrnehmen, ist ein Fokus des Bewußtseins. Alles besteht aus Bewußtsein – und zeitgleich besteht Bewußtsein aber auch aus allem, als was es sich ausdrückt. Deswegen ist alles mit allem verbunden, und je weiter ich meine Wahrnehmung auffächern kann und umfassendere Aspekte gewahr werde, umschließt diese Art der Wahrnehmung ebenfalls alles. Es zählen ja nicht nur Existenzen als Einzelwesen, sondern übergeordnet gehört ja jedes „Einzelwesen“ bereits zu einer Art Gruppenseele (Oversoul). Wie diese Babuschkas, wo jede Figur Teil ist von einer noch größeren. Wobei ja bereits das, was ich als „Ich“ bezeichne, als das Individuum, das ich bin, bereits durch all die verschiedenen Aspekte, Wahrnehmungen und auch anderen Inkarnationserfahrungen, die meine seelischen Erfahrungen beinhalten, eine „Gruppenseele“ ist.

Bei jeder Inkarnation behalte ich meine inneren Erfahrungen, die ich bereits gemacht habe. Meine eigenen Erinnerungen. Doch genau das frage ich mich gerade, denn woher will ich wissen, daß alles, an was ich mich auch aus anderen Leben „erinnere“, von mir selbst gelebte Leben waren und nicht die Erinnerungen eines anderen Teils meiner eigenen Gruppenseele, die gerade anderswo Erfahrungen sammelt?

Auch wird sehr deutlich, daß diese ganze Inkarnationsgeschichte doch mächtig hinkt, wenn wir diesbezüglich nur physische 3D-Leben gelten lassen. Inkarnation heißt in unserem Verständnis immer: „Wer bin ich wann und wo einmal gewesen?“ Künftige Inkarnationen werden zumeist vollkommen außer acht gelassen und sämtliche Daseinsformen in anderen Dichten sowie unsere ungezählten nichtphysischen Ausdrucksformen, ignoriert. Vielleicht muß das Bewußtsein sich in seiner Wahrnehmung so eingrenzen, um überhaupt eine Erfahrung als eine spezifische Person machen zu können, sich als ein Individuum zu empfinden. Auch wenn diese Art der Wahrnehmung durch vielerlei Tricks bewerkstelligt wird, ändert das doch nichts an der Tatsache, daß alles Bewußtsein stets eine Einheit ist, verbunden mit Allem, als was es sich zeitgleich ausdrückt.

Wenn wir also gut sind im Fokussieren und darüber hinaus in der Lage, unsere Wahrnehmung auf andere Bewußtseinsbereiche auszudehnen, so wäre es möglich, sich in jedwede Ausdrucksform, die man wahrnehmen kann, hineinzufokussieren. Wir können das üben, wenn wir uns zum Beispiel in andere Menschen einfühlen, wenn wir versuchen, die Geschichte und das Gewordensein eines anderen zu verstehen. Genauso gilt dies für das Verstehen anderer Zivilisationen, von Tieren, von Pflanzen oder auch fester Materie. Je fremdartiger der Ausdruck im Vergleich zu meiner eigenen Wesenheit ist, desto kniffliger ist das Einfühlen, denn ich muß hierfür in der Lage sein, andere Bewußtseinsbereiche in mir zu öffnen.

Wenn ich nun aber sehr gut wäre in dieser Art der Fokussierung, so wäre es mir theoretisch möglich, mich in jedwede andere Lebensform hineinzuversetzen, mich einzufühlen. Je stärker mein Fokus bezogen auf die andere Lebensform ist, könnte ich wahrnehmen, was diese andere Lebensform wahrnimmt. Und je „ausschließlicher“ ein solcher Fokus ist, wird das Wahrgenommene als Realität empfunden; man vergißt hierbei vollkommen, daß es sich „nur“ um eine selbstgewählte Fokussierung handelt. Woher will ich dann zweifelsfrei wissen, daß dieser Ausdruck, in den ich mich hineinfokussiere, ein von „mir selbst“ gelebtes Leben war oder ist und nicht das Leben eines anderen?

Wenn ich an die Traumfokussierung von Lynn Andrews denke,1 wobei sie sich als junge Frau im mittelalterlichen England wahrnimmt, ist sie so stark mit diesem „Traumleben“ verbunden, daß sie währenddessen total vergißt, daß sie Jahrhunderte später als Lynn in einer Traumhütte liegt. Weshalb gehen wir automatisch davon aus, daß Lynn zu einem anderen Zeitpunkt in der Geschichte dieses englische Mädchen gewesen ist? Lynn ist momentan nicht dieses Mädchen, und das Mädchen weiß nichts von einer Lynn. Weiß das Mädchen oder spürt es, daß „jemand anders“ (Lynn) sich mit ihrem Wesen verbunden hat?

Würde ich es je spüren, wenn sich irgendeine andere Bewußtheit, die ich nicht als „ich“ empfinde, mit mir verbindet und an meinen Erfahrungen teil hätte, wie ich sie gerade durchlebe?! Oder ist es das, was ich als „meine eigene Vielheit“ empfinde,2 wobei in zahlreichen Lebensformen zu verschiedenen Zeiten verschiedene Schwerpunkte ausgedrückt werden?

Wer oder was wählt meinen Fokus? Wer oder was bestimmt meine Entscheidungen? Wer bringt mich dahin, daß ich schwimmen gehe, zu anderen Zeiten es aber aufschiebe? Wer oder was ist derjenige Teil von mir oder meines Bewußtseins, der fokussiert, der wahrnimmt??

Oder glauben wir nur, wir würden „selbst“ fokussieren und wahrnehmen? Wenn doch alles ineinandergreift und alles im selben Bewußtseinsstrom des Gesamtbewußtseins fließt, so treiben wir allesamt vielleicht lediglich auf diesem Strom dahin und jedwede Gefühlsregung, jeder Gedanke, jede sogenannte Entscheidung sind allesamt bereits in diesem ewigen Fluß verankert, und man kann sich dem garnicht entziehen, ganz gleich, was wir glauben mögen oder welche Entscheidungen wir treffen. Auch von diesem Aspekt her wäre es einleuchtend anzunehmen, weil ich selbst Bewußtsein bin, kann ich mich zu jeder Zeit in jedweden anderen Bewußtseinsaspekt einklinken. Vielleicht ist genau dies das, was wir „Leben“ nennen: Wir fokussieren uns auf einen bestimmten Aspekt, den wir gerade interessant finden und fühlen uns in entsprechende Bewußtseinsaspekte ein, wodurch dann ein Gefühl von Leben entsteht. Denn „Leben“ bedeutet ja nicht, daß Luft durch unsere Lungen fließt, sondern das Spielen mit den un-endlichen Aspekten des Bewußtseins, die alle bereits als Potential vorhanden sind.

Wer also ist diese Person, die diese Zeilen schreibt? Wer nimmt hier wahr? Und wer hat hier das Gefühl, irgendwelche „neuen Erkenntnisse“ zutage zu fördern?! Indem ich etwas denke, ist es geschaffen. Woher will ich also wissen, daß es nicht „vorher“ schon geschaffen war? Das kann ich nicht wissen. Denn es gibt keine Kausalität in den allumfassenden Bewußtseinsbereichen. In dem Moment, wo etwas geschieht oder getan oder gedacht wird, ist es bereits. Denn jeder Gedanke erschließt sich aus dem bereits vorhandenen Potential, der Möglichkeit, diesen Gedadnken denken zu können. Ich könnte es nicht wahrnehmen, wäre es nicht bereits ein Teil der allumfassenden Möglichkeiten des Gesamtbewußtseins.

Das ist dann immer der Punkt, wo ich an der „Vergeblichkeit“ knabbere. Denn irgendwie haben wir ja stets den Drang, etwas Neues schaffen zu wollen, uns „weiterzuentwickeln“, und das bedeutet: für die jeweilige Ausdrucksform, auf die wir gerade fokussiert sind, neue Erkenntnishorizonte zu erschließen. Es ist dies ein uns innewohnender Drang, stets „weiter und weiter“ gehen zu wollen – zum nächsten Berg, zu nächsten Aussicht, zur nächsten Erkenntnis (oder meinetwegen auch nur zum nächsten Job oder Auto… ;-). Doch der Bewußtheit ist das egal, es spielt keine Rolle. Es ist nicht einmal von Belang, ob oder daß wir das Gefühl einer Weiterentwicklung haben. Vielleicht gibt es das garnicht, eine Weiterentwicklung, vielleicht ist das einzige, was existiert, jener unaufhörliche Strom des Bewußtseins, an dem wir allesamt Anteil haben. Wir gleiten vielleicht nur auf diesem Strom dahin, ob wir dies nun als „Mühe“ empfinden oder „Freude“, ohne jedoch auch nur das geringste Iota am eigenen Erleben ändern zu können. Vielleicht ist es deshalb nur eine Illusion, unser Bestreben oder unser Empfinden, uns „selbst“ zu entwickeln oder irgendeine Sache „vorwärtszubringen“.

Aufgrund all dieser Zusammenhänge ist es von daher auch eine fragwürdige Sache mit der Erinnerung: Kann ich mich denn nur an Dinge erinnern, die „ich selbst“ erlebt habe? Oder ist das Erinnern ebenfalls ein Hineinfokussieren in bestimmte Zusammenhänge, mit denen ich mich gerade befasse? Zumeist sind wir ja stets mit irgendwelchen Fragen befaßt, manche bewußt, andere vielleicht als „Dauerfragen“ im Hintergrund. Und solange diese Fragen nicht schlußendlich für uns geklärt sind, begegnen wir Umständen, Informationen und Aspekten, die dazu dienen, Antworten auf diese Fragen zu finden.

Das Higher Self, jener übergeordnete Teil von uns, der stets bewußt mit dem großen Bewußtseinsstrom verbunden ist, liefert uns entsprechende Zusammenhänge. Von daher könnte man sagen, das Higher Self „erinnere“ sich; doch das Higher Self ist, es muß sich nicht „erinnern“ und plant auch keine Plots, damit wir uns an etwas erinnern. Das Higher Self hat stets Zugang zu allen Informationen und Gegebenheiten; es liefert uns lediglich als Resonanz, wonach wir bewußt oder unbewußt Ausschau halten. Habe ich eine „neue“ Erkenntnis, so habe ich mich folglich mit meinem Higher Self verbunden oder zumindest die Informationen, die ich von diesem erweiterten Bewußtseinsanteil erhalte, wahrgenommen. Das ist eigentlich, was Erinnerung ist. Indem wir uns kurzzeitig den umfassenderen Bewußtseinsbereichen öffnen, haben diese eine Chance, auch von unserem Tagesbewußtsein wahrgenommen zu werden; und wir, fokussiert auf unser begrenztes Tagesbewußtsein, haben dann den Eindruck einer Erkenntnis oder Erinnerung.

Weshalb spielen wir dieses Spiel? Ich weiß, diese Frage ist müßig. Und momentan gelange ich stets zu dem selben Schluß: Weil es eine Erfahrung ist, weil wir es können, weil es uns Spaß macht…

(Spax  19.12.17)

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Fußnoten

  1. Siehe Lynn Andrews: The Woman of Wyrrd (1990).
  2. Siehe hierzu auch den Beitrag vom 19.10.17: Ich bin Viele.