Zwang-hafte Entscheidungen

24. Juni 2015 at 00:00

Interaktion_SNIPWenn mich nichts und nie­mand in die Welt zwingt, schla­fe ich. All die­se Ter­mi­ne, über die ich mich sonst be­schwe­re, sie zie­hen mich in die Welt und ver­an­kern mich hier. Nur in In­ter­ak­ti­on nimmt man auch wirk­lich teil an die­sem 3D-Le­ben und die­ser Welt. Es ist die Be­reit­schaft, sich „raus­zie­hen“ zu las­sen so­zu­sa­gen, wel­che uns erst die 3D-Er­fah­rung ermöglicht und ge­nau hier­in ih­ren Wert hat. Da­her funk­tio­niert die­se 3D-Welt ge­nau so: „tu dies, tu je­nes, träume nicht, sei ak­tiv und pro­duk­tiv“ usw. Weil oh­ne die­sen Zwang wir viel­leicht gar­nichts tun würden – kei­ne Ah­nung, aber auf je­den Fall zieht uns der Zwang ins 3D-Le­ben hin­ein.

Man braucht ein Com­mit­ment1 für die­se Welt, et­was, das mich zieht. Aber sind es nicht mei­ne Ta­len­te und Ab­sich­ten, mit de­nen ich mich in die­se Welt fo­kus­sie­re, die mich au­to­ma­tisch zie­hen? Ei­gent­lich schon; denn wenn ich mir all die klei­nen Kin­der an­gu­cke, de­ren Quir­lig­keit, Neu­gier und Le­ben­dig­keit, so ist es ge­nau dies, was sie mit­brin­gen.

Re­flek­ti­on… Don Ju­an2 sagt, un­ser „As­sembla­ge-Point“ – un­ser Fo­kus – läge wie ein­ge­fro­ren auf der Selbst-Re­flek­ti­on. Die­ser Fo­kus sei so aus­sch­ließlich – wie es je­der Fo­kus ja ist –, daß wir nichts an­de­res wahr­neh­men könn­ten. Hier sind wir wie­der bei Pla­tons Höhlen­gleich­nis: Al­le sit­zen um das Feu­er in der Höhle und be­trach­ten die sich be­we­gen­den Schat­ten auf der Höhlen­wand – und dies sei, was wir als Rea­lität wahr­neh­men würden. Das stimmt, so ist es.3 Aber es ist eben auch die „über­ge­ord­ne­te Ent­schei­dung“ des Be­wußtseins, die­se Art des Fo­kus­ses aus­zu­lo­ten; da­her gehört all dies mit zu un­se­rem ak­tu­el­len 3D-Er­leb­nispark. Um über die­se Art des Fo­kus­ses hin­aus­zu­ge­lan­gen, müssen wir durch die­se Er­fah­rung hin­durch­ge­hen. Und das können wir nicht, so­lan­ge wir auf ei­ner Be­ob­ach­tungs­po­si­ti­on sit­zen blei­ben und all die­se Pro­zes­se nur be­trach­ten, aber nicht wirk­lich dar­an teil­neh­men.

Im­mer fühlen wir uns be­las­tet, je­der ein­zel­ne. Hier­zu ei­ne wei­te­re Be­mer­kung von Don Ju­an: Wir wol­len nicht gestört wer­den. So­bald wir kei­ne welt­li­chen Ver­pflich­tun­gen ha­ben, wel­cher Art auch im­mer, las­sen wir al­les fal­len und zie­hen uns zurück, möchten schla­fen und „nichts mehr tun“. Wir fin­den es lästig, wenn je­mand uns „zur Un­zeit“ auf­schreckt und uns in die­sem – wohl­ver­dien­ten – Schlum­mer stört. Don Ju­an sagt die­sen Satz, als er Cats­a­ne­da in al­ler Herr­gotts­frühe weckt, um mit ihm ei­ne länge­re Wan­de­rung zu ma­chen und Ca­sta­ne­da nur ein paar we­ni­ge Stun­den ge­schla­fen hat­te. „Wir wol­len nicht gestört wer­den“, sagt Don Ju­an. Stimmt. Doch ei­ner­seits freue ich mich, wenn ich mei­ne Te­le­fo­ne stumm ge­stellt ha­be und mich lang­sam in mei­nen ei­ge­nen Rhyth­mus ein­schwin­ge, Zeit ha­be für mei­ne ei­ge­nen Vor­ha­ben, doch an­de­rer­seits geht mir darüber dann die „Ver­bin­dung zum Le­ben“, zu all den an­de­ren und den „Ak­ti­vitäten die­ser Welt“ ver­lo­ren. Die­se Fra­ge stellt sich je­doch nicht, so­bald ich in mei­ner Stil­le bin, denn mit der Stil­le fal­le ich au­to­ma­tisch ins Jetzt und wer­de au­to­ma­tisch ak­tiv, oh­ne wei­ter darüber nach­zu­grübeln.

Portemonnaie_SNIPIch ha­be Angst da­vor Geld zu ha­ben, ge­nau­so wie ich Angst da­vor ha­be, kei­nes zu ha­ben. Die­se Er­kennt­nis fin­de ich span­nend. Denn wenn ich Geld ha­be, ha­be ich Möglich­kei­ten, an­de­re For­men des Aus­druckes zu wählen – aber wel­che? Und die ste­ti­ge Angst, all das Geld wie­der zu ver­lie­ren ist dann eben­falls präsent. Ich weiß, das ist falsch her­um ge­dacht, denn dies ver­knüpft all mein Den­ken und da­her all mein Er­le­ben mit dem Fo­kus auf das Geld. Wenn ich ir­gen­det­was wirk­lich wirk­lich will und möchte, so fin­den sich im­mer auch Möglich­kei­ten, all die­se Din­ge auch oh­ne Geld zu be­werk­stel­li­gen oder zu­min­dest sie an­zu­schie­ben.

Hieran wird deut­lich, daß ich nicht weiß, was ich ei­gent­lich will. Und ob­wohl ich mich hin­set­zen kann und Lis­ten über Lis­ten an­fer­ti­ge, so sind doch sämt­li­che Ent­schei­dun­gen, die ich tref­fe be­zo­gen dar­auf, ob ich nun et­was im Por­te­mon­naie ha­be oder nicht. Wie ge­sagt, wir ha­ben all un­ser Den­ken und Han­deln dar­auf aus­ge­rich­tet, was sich in un­se­rem Por­te­mon­naie fin­det. Ha­be ich et­was mehr Geld, so den­ke ich in der Reich­wei­te je­nes Be­tra­ges; ha­be ich kein Geld oder nur so­viel, daß mei­ne Grund­kos­ten ge­deckt sind, un­ter­neh­me ich kei­ne Sa­chen, die ich viel­leicht un­ter­neh­men würde, wenn ich mehr Geld zur Verfügung hätte. All mei­ne Wünsche und Träume blei­ben da­her va­ge: „Wenn ich Geld hätte, würde ich…“ Die­se Art Wünsche oder Vor­stel­lun­gen blei­ben va­ge, weil sie kei­ne Durch­schlags­kraft be­sit­zen, daß ich auch Schrit­te in die­se Rich­tung tue, selbst wenn ich kein Geld ha­be.

Man kann im­mer et­was tun für sei­ne Wünsche; wenn ich ir­gen­det­was wirk­lich will, kann ich durch­aus Him­mel und Hölle hierfür in Be­we­gung set­zen. Dar­aus folgt: Ich weiß nicht, was ich wirk­lich will, weil ich mich nicht traue, auch oh­ne Geld ei­ne Rea­li­sie­rung die­ser Wünsche in mei­nem Den­ken zu­zu­las­sen, denn es bleibt im­mer dies: „Hätte ich Geld, würde ich…“ Und weil ein hy­po­the­ti­scher Wunsch kei­ne Durch­schlags­kraft hat, bin ich dann, wenn ich Geld ha­be eben­falls nicht in der La­ge, in ir­gend­ei­ne mei­ner hy­po­the­ti­schen Rich­tun­gen zu lau­fen, denn ich ha­be es nicht ein­geübt – ei­ne Hy­po­the­se bleibt da­her in bei­den Fällen ei­ne Hy­po­the­se: un­be­wegt und ein rei­nes Ge­dan­ken­spiel.

Hieraus folgt: Wenn ich et­was in die­ses Le­ben set­zen möchte, et­was rea­li­sie­ren, muß ich Ent­schei­dun­gen tref­fen und mich dann ak­tiv in die­se Rich­tung be­we­gen – ganz gleich ob mit oder oh­ne Geld! Nur ei­ne Ent­schei­dung für ir­gen­det­was wird mich in Be­we­gung set­zen und auf den Weg zu ir­gend­ei­ner Wunscherfüllung brin­gen. Der je­wei­li­ge kon­kre­te Wunsch ist hier­bei nicht so re­le­vant, wich­tig ist, einen Hand­lungs­wil­len zu ent­wi­ckeln, ganz gleich wofür. Denn wenn ich mei­ne Ent­schei­dun­gen be­wußt tref­fe, wird mich dies mit der Zeit von der lau­si­gen Ein­stel­lung be­frei­en, „gegängelt“ zu wer­den – von mei­ner wie auch im­mer ge­ar­te­ten fi­nan­zi­el­len Si­tua­ti­on, von der An­sicht, ich sei ei­ne Ge­fan­ge­ne der Wünsche an­de­rer oder von sonst­wel­chen Umständen. Erst mein ent­schlos­se­nes ak­ti­ves Han­deln ver­hilft mir zu ei­nem Gefühl der Sou­veränität und dem Gefühl, an die­sem Le­ben und die­ser Welt teil­zu­ha­ben, wo­durch auch das Gefühl ei­nes Be­las­tet-seins nach und nach in den Hin­ter­grund tritt. Denn je­de be­wußte Ent­schei­dung für ir­gend­ei­ne Hand­lung stärkt das Emp­fin­den, Kon­trol­le und einen Über­blick über mein ei­ge­nes Le­ben zu ha­ben und da­her Ein­fluß hier­auf! Selbst-Be­stim­mung ist das. Auf die­se Wei­se ge­lan­gen wir auch zu ei­ner Un­abhängig­keit im Den­ken. Denn wenn ich mir zu­traue, ei­ge­ne Ent­schei­dun­gen zu tref­fen und dem­nach zu han­deln, wer­de ich mu­ti­ger auch in mei­nem Den­ken – es kann sich hier­durch lösen von all den so­ge­nann­ten Zwängen, de­nen wir nur schein­bar un­ter­lie­gen.

Hehe, das ist die Theo­rie… Ich tref­fe jetzt ei­ne Ent­schei­dung und ge­he schwim­men 🙂

(Spax 24.6.15)

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Fußnoten

  1. (Engl.): sich ei­ner Sa­che ver­schrei­ben oder ver­pflich­ten.
  2. Spi­ri­tu­el­ler Leh­rer von Ca­sta­ne­da. (sie­he auch In­spi­ra­ti­on: Bücher)
  3. Sie­he zu die­sem Aspekt auch den Bei­trag mein Ki­no!