Worthülsen

20. Mai 2015 at 23:40

Denken-Grafik-6_SNIPDie Sei­ten1 ge­hen gar nicht vorwärts, weil ich Hop­pe­pferd­ge­dan­ken ha­be. Und al­les bloß Kram „von ges­tern“.

Ist dies nicht ei­gent­lich je­der Ge­dan­ke? Kram von Ges­tern? Denn an was will ich denn sonst den­ken? Ich kann mir ei­ne Zu­kunft träum­en oder aus­ma­len, aber ich kann rein phy­sisch nicht an sie den­ken. Wenn wir sa­gen, „denk doch mal an die Zu­kunft“, dann mei­nen wir da­mit Vor­keh­run­gen, die wir jetzt, hier und heu­te tref­fen soll­ten, um ei­ne net­te Zu­kunft ha­ben zu können. Aber wir können unmöglich an un­se­re Zu­kunft den­ken! Wir können sie le­dig­lich aus dem Jetzt „vor­aus-ima­gi­nie­ren“.

Und des­halb ha­be ich die­sen Ge­dan­ken ge­ra­de ge­habt, daß un­se­re Ge­dan­ken sich ei­gent­lich im­mer mit Ver­gan­ge­nem beschäfti­gen, sie können gar­nicht an­ders. Selbst ein di­rek­tes Er­le­ben, wel­ches im Jetzt statt­fin­det, ist nicht von ak­tu­el­len Ge­dan­ken ge­prägt, die mit dem Jetzt-Er­le­ben zu tun hätten. Wenn ich zum Bei­spiel schrei­be, so kann ich die­sen Vor­gang erst fest­stel­len, wenn ich et­was ge­schrie­ben ha­be; erst nach ei­ner Tätig­keit kann ich die­se über­haupt be­mer­ken. So­gar das „Be­mer­ken“ gehört be­reits zum ko­gni­ti­ven Pro­zeß, denn um et­was über­haupt zu be­mer­ken, muß ich los­gelöst sein von der je­wei­li­gen Tätig­keit. Dies ist der Punkt, an dem un­se­re Ge­dan­ken erst ein­set­zen können. Selbst wenn das Er­le­ben, wel­ches mei­ne Ge­dan­ken be­schrei­ben, erst ei­ne Mil­li­se­kun­de zurück liegt, so liegt es doch zurück, denn ich ha­be hier­von be­reits einen – wie auch im­mer ge­rin­gen – Ab­stand, so daß ich die­sen Vor­gang be­schrei­ben kann. Auch von die­sem Aspekt her sind Ge­dan­ken doch echt lang­wei­lig, oder? Un­se­re Ge­dan­ken sind der Staub von Ges­tern.

Al­ler­dings wis­sen wir oh­ne all die­se (Ge­dan­ken-)Wor­te nicht, was wir über­haupt er­lebt ha­ben. Neh­men wir das Bei­spiel vom Au­to­fah­ren: ein neu­er Fahrschüler hat schon da­von gehört, daß man die Kupp­lung „lang­sam kom­men las­sen muß“, da­mit das Au­to kei­nen Satz macht und ab­gewürgt wird. Er weiß es ganz­ganz ge­nau: Er muß die Kupp­lung „lang­sam kom­men las­sen“, hat es hun­dert­mal gehört. Aber ich ma­che je­de Wet­te, daß ihm – wenn nicht gleich beim ers­ten­mal, dann beim zwei­ten oder drit­ten­mal – ge­nau dies pas­siert: Er über­springt den „Kupp­lungs­punkt“ und würgt das Au­to ab. Und wirk­lich erst in ge­nau die­sem Mo­ment weiß er, was es be­deu­tet, die Kupp­lung „lang­sam kom­men zu las­sen“. Es ist ei­ne Er­fah­rung, die ihm kei­ner mehr neh­men kann. Das er­staun­lichs­te ist doch, daß all sein theo­re­ti­sches Vor­ab-Wis­sen über die­sen Vor­gang nicht das ge­rings­te da­bei ge­hol­fen hat, ihm zu ver­deut­li­chen, was ge­nau es be­deu­tet, „die Kupp­lung lang­sam kom­men zu las­sen“. Words don′t te­ach;2 wir ler­nen aus­sch­ließlich über Er­fah­run­gen.

Doch oh­ne all un­se­re hübschen Wor­te könn­ten wir un­se­re Er­fah­run­gen nicht ver­ste­hen! Ha­be ich ei­ne Er­fah­rung ge­macht, die ich mir nicht er­klären kann oder für die ich kei­ne Wor­te ha­be, so muß ich mir Wor­te für die­ses Er­le­ben er­fin­den oder so lan­ge war­ten, bis ich je­man­den tref­fe, der die­sel­be Er­fah­rung ge­macht hat und der an­de­re sie mir er­klären kann. Be­zie­hungs­wei­se: In­dem ein an­de­rer sein Er­le­ben schil­dert mit sei­nen ei­ge­nen Wor­ten, kann ich er­ken­nen, daß er das­sel­be Er­leb­nis hat­te, auch wenn die­ser eben­falls kein Wort hierfür hat. So ge­se­hen pas­siert ein wirk­li­ches Ver­ste­hen auf ei­ner tiefe­ren, ei­ner „wort­lo­sen“ Ebe­ne: Man ver­steht ge­nau, was ein an­de­rer sa­gen will auf ei­ner in­ne­ren in­tui­ti­ven Ebe­ne, eben weil man das­sel­be Er­leb­nis hat­te und dies über die Er­fah­rungsebe­ne, die wir al­le ge­mein­sam ha­ben, mit­tei­len können. Man kann einen an­de­ren erst ver­ste­hen, wenn man ähn­li­che Er­leb­nis­se mit­ein­an­der teilt.

Denken-gegenüber_SNIPOf­fen­bar scheint es auch wich­tig zu sein, daß wir je­man­den fin­den, der das Er­le­ben, wel­ches wir ge­macht ha­ben, teilt mit uns. In­dem wir je­man­den ha­ben, der uns ein Er­le­ben spie­gelt, wird es erst „re­al“ für uns, könn­te man sa­gen. Erst hier­durch erhält es Be­deu­tung: un­ser Er­le­ben ist hier­mit ve­ri­fi­ziert. Wenn uns je­mand et­was erzählt, ist es ge­nau­so als würden wir ei­ne Ge­schich­te le­sen: Mit je­nen Punk­ten, die wir ver­ste­hen, können wir uns iden­ti­fi­zie­ren. Doch auch für die­se Art des Ver­ste­hens benöti­gen wir Wor­te, sie sind al­so nicht gänz­lich „über­flüssig“. Den­noch sind sie un­wei­ger­lich an das Re­flek­tie­ren ge­bun­den, sind im­mer et­was Be­schrei­ben­des, et­was Er­klären­des. Wor­te sind kein Er­le­ben. Wenn je­mand uns an­brüllt oder ei­ne Lie­bes­er­klärung macht, so sind dies zwar Din­ge, die wir er­le­ben, aber un­se­re Emp­fin­dun­gen wer­den nicht durch die je­wei­li­gen Wor­te her­vor­ge­ru­fen, son­dern durch die Emo­ti­on oder die Ab­sicht, die der Sen­der die­ser Wor­te aus­drücken möchte. Ein Löwe brüllt und je­des We­sen in sei­ner Um­ge­bung weiß ge­nau, was ge­meint ist, er benötigt hierfür kei­ne Wor­te. Di­rek­tes Er­le­ben und Er­fah­ren fin­det aus­sch­ließlich auf die­ser Ebe­ne des Aus­tau­sches statt, so­gar das Ver­ste­hen.

Wie mühse­lig es doch ist, all un­ser Er­le­ben in Spra­che zu übert­ra­gen, wenn man sich die­se Verhält­nis­se so be­trach­tet. Ich fra­ge mich ge­ra­de­zu, wo­zu all un­se­re Wor­te dann über­haupt nötig sind. Ei­ne Am­sel singt und drückt durch die­se Ton­fol­gen ih­re Emp­fin­dun­gen aus. Ein Ma­ler malt Bil­der und spricht durch die­se. Wo­zu al­so all die­se Wor­te? Weil sie eben­so ein Aus­druck sind und un­se­rem Bedürf­nis nach Aus­druck ei­ne wei­te­re Färbung hin­zufügen.

Das lus­ti­ge dar­an ist ins­ge­samt, daß Wor­te oder Bil­der oder Töne nicht wirk­lich zu ei­nem Ver­ste­hen bei­tra­gen. All un­se­re Ge­dan­ken­gebäude sind ko­gni­ti­ve Spie­le­rei­en, die je­doch nicht wirk­lich ein Ver­ste­hen pro­du­zie­ren – sie sind wie Mo­bi­les: hübsche Ge­bil­de, die sich je nach Stand­ort des Be­trach­ters verändern. Ein Ver­ste­hen von Zu­sam­men­hän­gen er­folgt im­mer und aus­sch­ließlich im di­rek­ten Er­le­ben (so wie bei dem Bei­spiel mit der Kupp­lung). Und dann be­nut­zen wir die­sel­ben Wor­te, um un­ser Er­le­ben zu be­schrei­ben, denn wir se­hen kei­ne an­de­re Möglich­keit, ei­nem an­de­ren zu er­klären, was wir er­lebt ha­ben: „Hey, und dann ha­be ich die Kupp­lung zu schnell los­ge­las­sen und das Au­to mach­te einen Satz und ging aus.“ Und al­le, die die­ses Er­le­ben tei­len, la­chen nun, weil sie das ge­schil­der­te Er­leb­nis ver­ste­hen; all je­ne, die die­se Er­fah­rung noch nicht ge­macht ha­ben, lächeln verständ­nis­los in die Run­de.

Es ist kor­rekt: Words don′t te­ach, aus­sch­ließlich Er­fah­run­gen brin­gen uns wei­ter. Wor­te sind Er­klärungshülsen für ein zurück­lie­gen­des Er­le­ben. Ein Wort oder auch vie­le Wörter können nie­mals ein Er­satz sein für das Er­le­ben ei­nes Son­nen­un­ter­gan­ges – überm Meer, in der Abend­stil­le. Doch können sie Bil­der in uns her­vor­ru­fen von Din­gen und Er­leb­nis­sen, an die wir uns er­in­nern und das Er­in­nern kann die Emp­fin­dun­gen des Er­leb­ten zurück­brin­gen und hier­durch ein Gefühl des Ver­ste­hens er­zeu­gen.

(Spax 20.5.15)

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Fußnoten

  1. Sei­ten = Mor­gen­sei­ten.
  2. Wor­te leh­ren nicht.