Welt der Langeweile

22. Juni 2014 at 19:00

Fantasiewelt-3_SNIP_DleeIn der Magie ist keine Langeweile. Gestern abend wurde mir folgendes klar: Sobald ich die Welt als ein Ding betrachte, das außerhalb ist von mir und das außerhalb stattfindet wie eine Kulisse, und ich gleichfalls ein Ding bin in diesem Ding, so entsteht: Langeweile!!! Weil dies aber genau das ist, was wir lernen und ein Aspekt ist von dem Getrenntsein-Gefühl, welches wir hier erforschen (auf der Erde in 3D), so kann man sagen: Was wir trainieren, ist auch, uns zu langweilen. Je älter wir werden, desto mehr steigt die Langeweile. Wenn wir Kinder sind, ist sie wie ein Haarriß in unserem Erleben der Welt, sie kommt fast garnicht vor, denn als Kinder folgen wir zunächst automatisch unserem „Vorwärts“-Impuls und lassen uns ziehen von den Emanations at large,1 d.h. wir sind – zunächst – die meiste Zeit verbunden, wir erleben die Welt, wir sind in der Welt und verbunden mit dem, was uns „zieht“.

Als Kinder blicken wir nur selten hinter diesen Vorhang, der jenes Konzept darstellt, das die Welt der Erwachsenenwahrnehmung bedingt. Daher langweilen Kinder sich eher selten. Mit der Pubertät erlangen wir eine Art Energieschub, der unsere Wahrnehmung mit der Welt verknüpft – wir fallen heraus aus dem teils unbewußten „Seinszustand“. Alles in uns schreit jetzt erneut nach Ausdruck, wir spüren jenen Zug nun doppelt stark. Doch mittlerweile sind unsere Kopfgedanken etabliert, die ein Nachdenken über all die Dinge in dem Ding, das unsere Welt ausmacht, ermöglicht. Wir kratzen uns an der Weltbeschreibung unserer Eltern und den Erwachsenen im allgemeinen und rebellieren dagegen. Nun haben wir aber bis hierher deren Weltbeschreibung soweit verinnerlicht, daß die Rebellion nur dafür hinreicht, gegen die Dinge in der Welt unserer Eltern anzugehen. Wir sind angefüllt mit drängenden Impulsen, wissen aber schon nicht mehr, was diese bedeuten.

Die Chancen stehen gut, daß wenn wir bis zur Volljährigkeit oder bis wir ungefähr zwanzig sind, noch keine Bekanntschaft gemacht haben mit einer anderen Weltbeschreibung oder der Kraft, die uns zieht, all unser Drängen und all unsere Fragen abprallen an unserem selbstbespiegelnden Gedankenkonstrukt und wir zwangsläufig dahingelangen, unwissentlich die Weltbeschreibung unserer Eltern zu übernehmen. Wir fangen an, auch in unserer Revolte, diese zu bestätigen, weil wir nichts anderes erkennen können in der Dingwelt mit all den Dingen darin, die uns umgibt. Wir jonglieren – gefangen in uns selbst – mit „neuen“ Ideen und Konzepten, wie alles besser funktionieren könnte und merken hierbei längst nicht mehr, daß wir lediglich mit jenen Dingen jonglieren, mit denen wir gelernt haben die Welt zu begreifen.

So wie sich nach der Geburt die Platten des Schädels langsam schließen, so wird durch die „Beschreibung der Welt“ (Erziehung), die Welt als ein Äußeres zu betrachten, der Kokon (unsere „Energieblase“) geschlossen. Dies wirft uns schlußendlich auf unsere Kopfgedanken zurück und wir empfinden Getrenntheit zu dem, was uns zieht, was als Impuls stets an unsere Türe klopft. Und weil wir lernen, diesen Zustand als „normal“ zu empfinden, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns in der Betrachtung der Welt und all ihren Dingen zu verlieren und sind zurückgeworfen in unserer Wahrnehmung auf die Reflektionen in unserem Kopf. Die Welt ist dann ein Ding mit Dingen darin, und ich bin eines davon. Und weil alles jeweils nur sich endlos spiegelt in dieser Blase, haben wir keinen anderen Referenzpunkt mehr und das, was uns zieht wird zu jenem gefürchteten großen Unbekannten.

Kugel-Spiegelung-2_SNIP_HansDie Zauberer sehen, daß die Emanations at large stets von außen auf unseren „Kokon“, unsere Energieblase, pressen und es gleichfalls eine Kraft in uns gibt, die stets diesem „Druck“ antworten möchte. Daher sagen die Zauberer, daß ein biologisches Wesen stets auch „den Tod sucht“. Auf diese Weise wird das Aufwachen beschrieben: daß wir „sterben, ohne physisch zu sterben“. Was hier stirbt ist lediglich jene Selbst-Bespiegelung, die Idee, die wir übernommen haben, derzufolge wir wahrnehmen, daß die Welt ein Ding sei und ich und alles andere ein Ding darin. Dieses Konzept löst sich auf in dem Moment, wo wir den Emanations at large antworten und uns verbinden mit ihnen. In diesem Moment, so beschreiben es die Zauberer, „hält die Welt an“, höre die Selbstreflexion auf und die Aufmerksamkeit, der Fokus, wird fixiert auf diese Verbindung. Durch diese Fixierung entsteht ebenfalls die innere Stille, denn die Wahrnehmung wird nun nicht mehr in jedwede Richtung gezogen von all dem „Dinglichen“, welches ich gelernt habe wahrzunehmen, sondern ist nun ausgerichtet auf meine Verbindung mit Allem-was-ist.

Ein einziger Moment innerer Stille oder der Verbindung mit jenen Emanations at large reicht allerdings noch nicht aus fürs Aufwachen. Denn unser Training auf das Dinghafte drängt uns stetig dahin zurück, alles in der erlernten Weise beschreiben zu wollen und in dieses Konzept zu pressen: alles sei ein Ding und daher beschreibbar mit unserer Ratio. Sofort versuchen wir z.B. jene innere Stille oder was wir ansonsten an Ungewöhnlichem wahrnehmen mögen, in unsere Spiegelblase zu ziehen und zu einem Teil unseres erlernten Inventars zu machen (Dinge unter Dingen in unserer Wahrnehmungsblase). Es existieren genügend Möglichkeiten, Ideen und Konzepte, die uns vorgaukeln, so etwas sei möglich. Entsprechend unternehmen wir alles menschenmögliche, eine rationale Erklärung zu finden für jedwedes Erleben, das wir haben. Auch daher kann man sagen, daß es nötig ist, diese Form des Denkens aufzugeben, denn die Ratio zerrt alles in jene Blase, in der sie uns vorgaukelt, sicher zu sein in ihrem Erklärungsmodell.

Von daher kann man ebenfalls sagen, daß alles Überraschende ein Teil des so gefürchteten Unbekannten ist; denn sobald wir etwas wahrnehmen und somit erleben, was nicht in unser antrainiertes Konzept paßt, wird an der Ratio gerüttelt. Jedes Erstaunen, jede Überraschung hat somit das Potential, unsere festgefahrene Denkstruktur aufzubrechen.

Deshalb ist man auch noch nicht gleich aufgewacht, wenn man ein paarmal der inneren Stille begegnet ist. Man muß diese Verbindung aktiv suchen, sie wieder und wieder bestätigen durch Handlungen, die Antworten sind auf jene Zugkraft. Mit „Handlungen“ meine ich nicht jene Haltung, die überlegt, was man denn jetzt tun oder unternehmen könnte, sondern das wirkliche Antworten auf jene Zugkraft beinhaltet ein Erleben, eine Haltung und Wahrnehmung, die absteht davon, die Welt als ein Ding zu betrachten und sich selbst als Ding hierin wahrzunehmen. Der Knackpunkt ist wirklich, im Erleben zu sein und die Verbindung und Verbundenheit mit allem stets zu spüren.

Kamel-Langeweile_SNIP_banksadamJe älter wir werden, desto starrer wird die Wand der Energieblase, in der wir uns befinden, weil wir gelernt haben – so wie unsere Eltern – die erlernte Weltbeschreibung zu wiederholen und diese als einzige Realität anzunehmen. Unsere Gedanken laufen nur noch in Kreisen und beißen sich in den Schwanz, da ist nichts Neues oder Verstörendes, was sie noch erschüttern könnte. Daher langweilt sich ein Mensch umso mehr, je älter er wird. Denn irgendwann glaubt er, bereits alles „gesehen“ zu haben und alles zu „wissen“.

Auch deswegen, um die Langeweile aufzurütteln, ist die Furcht oder auch Angst förderlich für eine Entwicklung hin zum Aufwachen, ebenso wie tiefste Gefühle der Verzweiflung, der Trauer oder manchmal vielleicht auch Wut. Denn all diese „unliebsamen“ Emotionen verstören unsere Gemütlichkeit, unsere Sicherheit, und sind daher geeignet, die erlernte Weltsicht zu sprengen. Gesprengt wird sie allerdings erst, wenn ich mit meiner Ratio vor die Wand laufe und an einen Punkt gelange, der nicht mehr erklärt werden kann und sich somit der Inventarisierung widersetzt. Das ist der Moment, in dem „ich zerbreche“ bzw. mein „falsches Selbstbild“ und also aufwache. Doch nicht „Ich“ zerbreche, sondern lediglich die Blase meiner üblichen Wahrnehmung mit ihrer stetigen Selbstbespiegelung.

Scheitert meine Ratio daran, eine Erfahrung erklären zu können oder daran, diese in das eigene Inventar abzulegen, bleibt nichts anderes, als „aufzugeben“. Im Moment des Aufgebens, wo ich für einen Augenblick in die Stille gelange und vom Unbekannten angeweht werde – und dies vielleicht nicht ganz unrichtig wahrnehme als ein „Sterben“, da sich meine übliche Wahrnehmung, die Beschreibung meiner Weltsicht, nun verschiebt bzw. verschieben muß – und ich in diesem winzigen Moment des Aufgebens flüchtig in den sogenannten „Tod“ blicke, wobei es sich jedoch lediglich um die bislang ausgesperrten Emanations at large handelt, dieser Moment des Loslassens von dem starren Fokus meiner Ratio begünstigt das Erkennen des Wunders: des Wunders des Lebens, das ich in dem Augenblick erfasse, in dem meine Weltsicht und das gesamte Inventar in Scherben fällt.

In diesem flüchtigen Augenblick, in dem ich kurz auf die Emanations at large blicke, verbinden sich die Emanations at large mit unserer Wahrnehmung und füllen unsere Wahrnehmungsblase mit einer neuen Ordnung. In diesem Moment wird unsere Wahrnehmung fixiert auf jene Verbindung und man ist unwiderruflich verbunden mit Allem-was-Ist. Und erst dann, erst wenn meine vorige Weltsicht komplett in Scherben liegt und mit jener „anderen Ordnung“ gefüllt wird, sind wir aufgewacht, weil unsere Wahrnehmungsblase nun mit etwas anderem gefüllt ist, mit einer anderen „Weltbeschreibung“, wie es die Zauberer nennen.

Was dann passiert ist sehr einleuchtend, aber auch fatal in gewisser Hinsicht. Denn nun wollen wir verstehen, was da passiert ist und was die neue Ordnung in unserer Wahrnehmungsblase darstellt. Doch weil wir als Werkzeug für irgendwelche Erklärungen lediglich unsere Ratio kennengelernt haben, versuchen wir das Un-mögliche: Wir versuchen jene neue Ordnung auf die zuvor erlernte Weise zu beschreiben und ebenso zu „inventarisieren“ wie die „Dingwelt der Dinge“ – und das ist einfach nicht möglich, weil der neuen Beschreibung andere Prämissen zugrundeliegen als der Ratio.

Denken_Grafik-2_SNIP_HansJetzt wird es verzwickt, denn wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder ich akzeptiere die neue Beschreibung bedingungslos und springe hinein in sie und somit in ein direktes Erleben von allem. Dann verstehe ich vielleicht bei vielen Dinge nicht, wie sie genau funktionieren; da sie aber funktionieren, interessiert es mich nicht weiter und ich bin eingetaucht in den „ewigen Fluß“, das ewige Fließen, was letztlich alles ist, was an Erleben möglich ist bzw. das Erleben im Sein darstellt: das Leben, Erleben und Empfinden des „Ich bin“ – denn mehr ist nicht.

Oder ich verrenne mich darin, alles nach wie vor mit meiner Ratio erfassen zu wollen und beginne die Scherben meiner alten Weltbeschreibung wieder aufzulesen, weil ich sonst keine Möglichkeit sehe, Erklärungen zu finden. Das ist der Anfang vom Ende des „Steckenbleibens“. Ungezählte Menschen, die ein Aufwach-Erlebnis hatten, ignorieren anschließend ihre lebendige Verbindung und sortieren ihr Erleben ein als „euphorische Gottesschau“ etc. Sie gehen zur Tagesordnung über mit dem Zusatz, ein „ungewöhnliches Erlebnis“ gehabt zu haben. Obwohl sie vielleicht für einen Moment verändert waren, ziehen sie es vor, bei der alten Beschreibung zu bleiben und bestenfalls neue Vokabeln in ihr Repertoire aufzunehmen.

Oder ich halte meinen Blick weiterhin auf der Verbindung, gleiche aber die neue Ordnung stets an der alten ab, die mich ja weiterhin überall umgibt. Dies kann mich mit einem Gefühl von „Drüberstehen“ versorgen, weil ich ja nun deutlich sehen kann, wie die alte Beschreibung funktioniert, ich jedoch eine neue Beschreibung habe, die zwar im Kern funktioniert, aber genau dadurch, daß ich die beiden Beschreibungen stets gegeneinander stelle, bleibe ich in diesem Vergleich stecken und gelange ebenfalls nicht dahin, die neue Beschreibung auch zu leben, weil ich mit der Sortierung eines neuen Inventars beschäftigt bin. Dann befindet man sich in jener unerträglichen Zwickmühle, weder am alten Leben teilnehmen zu können (weil man etwas anderes als real und relevant erkannt hat), kann aber auch die neue Beschreibung nicht leben, eben weil mein Blick stets zweigeteilt ist. So bleibe ich stehen auf der „Türschwelle“ zum Unbekannten, wobei ich mich auf die Krücke meiner alten Beschreibung zu stützen versuche, die jedoch längst nicht mehr trägt.

Solange der Fokus und daher das Erleben auf die erlernte Weltbeschreibung gerichtet ist anstatt auf die Verbindung zu den Emanations at large, bin ich nicht in der Lage, durch die neue Ordnung zu handeln, denn die Verbindung wird lediglich zur Erklärung und Beschreibung meiner Erlebnisse und Gegebenheiten herangezogen im Vergleich zu der Welt, die mich umgibt. Was man jedoch nicht tut hierbei ist, sich wahrhaftig ziehen zu lassen und hineinzuspringen in das schöne neue Unbekannte!

(Spax 22.6.14)

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Fußnoten

  1. Als Emanations at large bezeichnen die Zauberer Energien, die unabhängig davon, ob wir sie wahrnehmen oder nicht, stets auf uns einwirken, z.B. durch unsere Welt, unser Umfeld (siehe auch Castaneda).