Vorwurf und Hoffnung

10. Mai 2014 at 02:41

Faultier_SNIPIch be­we­ge mich im­mer zwi­schen Vor­wurf und Hoff­nung. Mor­gens wenn ich auf­ste­he, ist der ers­te Ge­dan­ke ein Vor­wurf – „Schon wie­der so spät“ lau­tet er meist – und aber abends, wenn ich ins Bett ge­he, ma­le ich mir aus, was ich al­les er­le­di­gen will am nächs­ten Tag. Hier­von träume ich eben­falls, wenn ich mor­gens noch im Bett lie­ge und manch­mal auch noch, wenn ich die Sei­ten1 schrei­be. – Din­ge er­le­di­gen und ab­ha­ken.

Nir­gend­wo auch nur ent­fernt ei­ne Freu­de, we­gen der ich für mich, für mein Le­ben auf­ste­hen möcht′. Aber so wach­sen wir ja al­le auf, wir be­kom­men die Lust am Le­ben so­wie den Ta­ten­drang, der Rich­tung un­se­rer Neu­gier zu fol­gen, aber­zo­gen, ab­trai­niert. Wie soll man dann später in der La­ge sein, den ei­ge­nen In­ter­es­sen zu fol­gen?, den ei­ge­nen In­ter­es­sen genügend Ge­wicht ein­zuräum­en, um für sie auf­zu­ste­hen? Bzw. die Ta­len­te. Mei­ne Ta­len­te sind, was ich ha­be, sind mein ein­zi­ges „Ka­pi­tal“. Und ich kann sie nicht wertschätzen, weil ich mich nicht genügend wertschätzen kann, um auf­zu­ste­hen für mich, für ei­ne Idee.

Was es noch zeigt, die­ses Bei­spiel ist, wie sehr wir im Kopf le­ben. Ich hänge mich mor­gens so­zu­sa­gen an die erst­bes­te Idee. Ich schaue aus dem Fens­ter und die Son­ne scheint und es sieht so schön aus, so ver­lo­ckend. Und dann geht der Blick zur Uhr und es ist klar: Nein, um sie­ben ste­he ich nicht auf! – Aber: wäre es nicht schön, wenn…? Und während ich all dies den­ke, bin ich schon wie­der weg­ge­drif­tet. Ich le­be nur in mei­nem Kopf und die Welt ist ei­ne Ku­lis­se.

Ich bin im­mer so wich­tig mit mei­nen ei­ge­nen Sa­chen, so wich­tig, daß ich die­se nicht tun kann. Ich schot­te mich selbst ab ge­gen al­les an­de­re, sper­re al­les an­de­re aus, sper­re auch mein ei­ge­nes Le­ben aus da­mit. Grenzt man sich sel­ber ab, grenzt man al­les an­de­re aus ei­gent­lich. Und wie schön es doch ei­gent­lich ist – oder soll­te ich sa­gen „war“? –, vom Her­zen zu le­ben. Und al­les zu lie­ben, und je­den neu­en Ein­druck zu um­ar­men, und je­des neue Aben­teu­er an­zu­neh­men. Ist denn die Er­fah­rung, daß al­les gleich­ran­gig ist, zu­gleich ei­ne Be­wer­tung? Nein, es ist ein in­ne­res „Wis­sen“. Im Ver­bun­den­sein ist al­les gleich­ran­gig. Und um den­noch ir­gend­ei­ner Tätig­keit einen Vor­rang zu ge­ben, ha­ben wir un­se­re Ta­len­te aus­gewählt (vor­ge­burt­lich), durch die Neu­gier et­was zu er­fah­ren, um einen Fo­kus­punkt zu ha­ben. Und warum? Weil wir sonst un­ter­ge­hen in der Im­men­sität der un-end­li­chen Möglich­kei­ten.

Die Im­pul­se, die uns an­trei­ben, das Ei­ne oder das An­de­re zu wählen, wur­den in Gang ge­setzt vor Äonen, als je­ne Ener­gie des Al­les-was-Ist sich schüttel­te und al­les in Be­we­gung setz­te – bis ins aller­kleins­te De­tail. Es gibt im­mer und über­all nur ei­ne Ent­schei­dung und es ist im­mer noch die­je­ni­ge, die ich wähle. Im­mer. Ganz gleich aus wel­chen Gründen.

Ich könn­te al­so eben­so­gut je­ne Per­son, die ich glau­be zu sein, von ei­ner um­fas­sen­de­ren War­te aus be­trach­ten und mir an­schau­en: Wie hat die­se Per­son ihr Le­ben ge­lebt? Was ist aus ihr ge­wor­den? Wel­che Per­so­nen kann ich wahr­neh­men? Wel­cher möchte ich nach­spüren? Daß wir über­haupt die­se Wahl ha­ben, uns ge­gen das Freu­di­ge zu ent­schei­den, ge­gen die uns in­ne­woh­nen­de und an­trei­ben­de Freu­de einen Kon­tra­punkt zu set­zen, der es uns ermöglicht, an­de­re Pfa­de zu kre­ie­ren – es ist nach wie vor sehr er­staun­lich, daß dies über­haupt möglich ist. Aber so ist es: al­les, was denk-bar ist, ist auch möglich, an­dern­falls könn­te ich es nicht den­ken.

Reibung_SNIP„Kei­ne Idee, kein ein­zi­ger Ge­dan­ke ist ein Jo­ke“, sagt Ocy­phi­us.2 Auch das stimmt natürlich. Denn all un­se­re Ide­en und Spon­tan­ge­dan­ken sind ver­linkt mit un­se­rem Le­ben und un­se­rem Aus­druck hier­von. Es ist ei­gent­lich recht dämlich, sich zu grämen, weil man die­ses oder je­nes nicht hin­be­kom­men hat, nicht ab­ge­schlos­sen hat oder wes­halb man sich sonst so grämt die gan­ze Zeit und sich all die­se unnützen Vorwürfe macht. Denn in der großen Ewig­keit ist es al­les das­sel­be: ein Sich-Aus­drücken, ein Er­fah­ren von Möglich­kei­ten, die vor­han­den sind. Und wenn ich in die­sem Le­ben zum Bei­spiel be­ruf­lich nicht mei­nem Lieb­lings­bild fol­ge von ei­ner Schrift­stel­le­rin und Künst­le­rin und spi­ri­tu­el­len Be­ra­te­rin, so wird es ir­gend­wo in je­ner im­men­sen Un­end­lich­keit ge­nau auch je­ne Per­son ge­ben, die mich in mei­nen Ge­dan­ken be­glei­tet. Ich kann sie ja spüren, sie ist da.

Und weil ich ei­ne fre­che Rotz­na­se bin, und so gern im­mer al­les aus­pro­bie­re, was eben nicht „strom­li­ni­enförmig“ ist, gefällt es die­ser Per­son, die die­se Zei­len schreibt viel­leicht, auch grundsätz­lich „ge­gen den Strich“ zu le­ben. Schlußend­lich be­zie­hen wir ja al­le die­sen wun­der­ba­ren Reiz, den die­se 3D- und Er­den­le­ben aus­ma­chen ex­akt ge­nau aus der Tat­sa­che, daß wir eben nicht dem Strom­li­ni­enförmi­gen fol­gen. Es ist ein Aus­rei­zen der „holp­ri­gen Pfa­de“, könn­te man sa­gen. Denn würden al­le und je­der sei­ner ein­ge­bau­ten Freu­de fol­gen, al­les wäre bel­la und per­fekt. Aber ge­nau hier­zu woll­ten wir einen Kon­tra­punkt bil­den und lo­ten durch all un­ser so ge­nann­tes „Fehl­ver­hal­ten“ al­le nur er­denk­li­chen Un­tie­fen aus.

Hier muß man anfügen, daß es bei die­ser Art der Aus­lo­tung nicht möglich ist (!), sich per­ma­nent freu­dig und toll zu fühlen. Denn eben aus­sch­ließlich da­durch, daß wir gewählt ha­ben, je­ne Un­tie­fen aus­zu­lo­ten, die jen­sei­tig der Freu­de lie­gen, ist es möglich, sie aus­zu­lo­ten! Das ist das Ding, so funk­tio­niert un­ser Spiel, in das wir uns hin­ein­ge­dacht ha­ben. Was soll al­so das ewi­ge Ge­jam­mer, daß man nicht glück­lich ist? Wir ha­ben die Ein­heit und da­mit „das ewi­ge Glück­lich­sein“ ab­sicht­lich „ver­las­sen“ bzw. kurz­zei­tig un­se­ren Fo­kus verändert, um et­was an­de­res als die Ver­bun­den­heit mit Al­lem-was-ist und dem hier­mit in­ne­woh­nen­den Glücks­gefühl zu er­fah­ren. Ja, und hier­zu gehört eben­falls ei­ne Art Lan­ge­wei­le, ei­ne Art Über­druß, und grund­le­gend: das Rin­gen mit sich selbst! – weil wir uns durch die­sen Ent­schluß und die­ses Sze­na­rio per­ma­nent in ei­nem Rei­bungs­zu­stand be­fin­den.

Die Sehn­sucht nach dem „ewi­gen Glück“ und dem Glück­lich­sein ist zum Einen das Wis­sen dar­um, weil wir ja als „persönli­che Be­wußtsei­ne“ auf der tiefe­ren Ebe­ne im­mer und über­all stets ver­bun­den sind und die­se Echos un­se­res nicht­phy­si­schen Exis­tie­rens uns stets durch­rie­seln. Es ist die Er­in­ne­rung, das in­ne­re Wis­sen um je­nen um­fas­sen­de­ren Seins­zu­stand, mit dem wir stets ver­bun­den sind, der uns ir­re macht und uns stets sug­ge­riert, et­was sei „ver­kehrt“ oder „falsch“ oder funk­tio­nie­re nicht rich­tig. Doch al­les ist wie es soll, denn wir ha­ben es so gewählt und so ent­schie­den. An­de­rer­seits zieht uns die­ses in­ne­re Echo ei­ner um­fas­sen­de­ren Seins­wei­se, die im­mer und über­all von Freu­de ge­tra­gen ist, uns ste­tig in die­se Rich­tung. Denn nichts und nie­mand bleibt je ste­hen oder ver­haf­tet für im­mer im sel­ben Zu­stand. Und da­her quält uns je­ne Sehn­suchts­s­tim­me, die im­mer flüstert: „Es geht bes­ser, es gibt et­was bes­se­res als dies.“

Ganz gleich wie man es be­trach­tet, so lan­det man doch wie­der und wie­der bei der ein­zi­gen le­bens­wer­ten Form: des Aus­drucks im Hier+Jetzt. Denn al­les an­de­re ist Spe­ku­la­ti­on und ver­hin­dert ein Gefühl des Le­ben­dig­s­eins, eben weil ich mich per­ma­nent in Spe­ku­la­tio­nen er­ge­he, ob ir­gen­det­was an­de­res nun bes­ser sei als je­nes, wel­chem ich grad fol­ge. Ein­tau­chen ins Emp­fin­den die­ser Welt, die­ses Seins – ganz gleich, wel­ches La­bel ich mei­ner je­wei­li­gen Er­fah­rung auf­pap­pe, ob „gut“ oder „nicht so toll“, ist für die Er­fah­rung an sich voll­kom­men ir­re­le­vant. Es ist je­weils: ein Aus­druck des Mögli­chen, voll­kom­men wert­frei, denn, um den Kreis zu schließen: Al­les, was ich den­ken kann, ist er­fahr­bar. Punkt.

(Spax 10.5.14)

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Fußnoten

  1. Sei­ten = Mor­gen­sei­ten.
  2. Ocy­phi­us ist ei­ne von Ro­xie gechan­nel­te We­sen­heit.