Verschwinden

19. November 2015 at 00:52

Nebel-verschwinden_SNIPWunsch nach Verschwinden – mal wieder… Vielleicht ist dieser Gemütszustand dem November geschuldet -? Ich weiß es nicht. Heute wär ich gern in einer Höhle verschwunden; oder einfach unter einem Haufen modrigen Laubs, wie ein Igel, mit den schönen herbstlich-erdigen Gerüchen in der Nase. Zuschau′n, wie der Regen fällt und alles riechen. Geborgen in der Natur. Ich glaube, abgesehen von meiner geliebten Stille gibt es nichts, was ich mehr liebe als das In-der-Natur-sein und vor allem: diese Verbundenheit mit allem Lebendigen zu spüren. Dort sein, nichts „tun“, bloß verbunden sein und mit weit geöffneten Augen und weitem Herz – lauschen.

Diese tiefe Sehnsucht, die jedesmal mein Herz so weh macht und das große Weinen in meiner Brust anstimmt… Die Sehnsucht nach Verbundenheit, nach Auflösung. Ich empfinde das Leben als eine Schwere, es fehlt oft die Leichtigkeit. Mir scheint, diese innere Sehnsucht wird jeweils umso stärker, je weiter ich mich von meinem Innengefühl wieder entfernt habe.

Viele Momente hatte ich letztlich, in denen ich meiner eigenen Schwere-losigkeit gewahr werde und meinen Körper nicht spüre. Teils kann ich diese Art der „Empfindung“ von jetzt auf gleich willentlich herbeiführen. Mein Körper erscheint mir dann noch mehr wie eine Art Umhüllung. Und doch kann ich durch einen Entschluß und Willensimpuls meinen Körper wieder in die „Empfindsamkeit“ bringen, indem ich mich bewege. Das ist eine interessante Wahrnehmung, es ist ein wenig wie auf der Lauer liegen: Man weiß um den eigenen Körper, aber man spürt ihn nicht, und doch liegt das Empfinden meines Körpers ebenso in meiner Wahrnehmung, gleich an der Oberfläche. Ich kann mir zeitgleich eine Bewegung vorstellen, und sie dennoch nicht ausführen; ich könnte mich bewegen, tu′ es aber nicht. Da sind keinerlei Körperimpulse, die eine Bewegung „verlangen“, es ist alles eine Entscheidung aus den Tiefen meines Seins. Ich finde diesen Zustand äußerst faszinierend. Und nicht einmal die eigene Atmung wird als Bewegung wahrgenommen.

Es ist wie ein Sich-auflösen in das Reich der Nichtse. Ich liebe diesen Zustand. Ist es denn da verwunderlich, daß es mir so schwerfällt, Fuß zu fassen in dieser Welt? Ich finde mich umgeben von Lebensentwürfen, -umständen etc. – nein, das ist es nicht, es ist das Denken, die Wahrnehmungen meines Umfeldes, in die ich mich nicht einzugliedern vermag. Und immer wird mir dies so präsent und deutlich an Tagen wie diesen, die allein meiner Stille geschuldet sind, getragen von meinem Schweigen. An diesen Tagen spüre ich ganz besonders die Diskrepanz zwischen dem, was mich innerlich ausmacht und meinen äußeren Gegebenheiten, die in so krassem Gegensatz hierzu stehen.

Es ergibt sich hieraus eine recht eigenartige Gratwanderung: Denn es geht für mich nicht wirklich darum, irgendetwas an meinen äußeren Gegebenheiten verändern zu wollen, das ist eine bloße Illusion; es geht für mich darum, die Tiefe meines Wesens und meiner Verbundenheit zu spüren, zu erfahren, zu leben, trotz dieser Diskrepanz. Es ist für mich eher ein innerliches Durchschweben dieses Lebensbildes, als einen Sinn oder Ankerpunkt in den 3D-Zusammenhängen haben zu wollen. Und genau dieses Empfinden macht mein Ringen mit 3D aus. Bin ich mehr auf meine Aufgaben und das Alltägliche fokussiert, verliere ich regelmäßig das Gefühl für meine innere Anbindung und Ausrichtung. Bin ich jedoch mehr auf meine innere Verbindung ausgerichtet, tritt mein Alltag und die 3D-Welt auf eine Weise in den Hintergrund, die mir diese Welt als entferntes Traumbild erscheinen läßt. – Wie kann man so leben? An Tagen wie heute, wenn ich so stark mit meinen Innenempfindungen verbunden bin, erscheint mir dies Unterfangen so unnatürlich, grotesk, absurd. All dieses Gewurstel, all diese Umtriebigkeit, dieser gesamte Aktionismus erscheint mir so nichtssagend, geradezu lächerlich – bedeutungslos. Es ist dann, als würde ich mich sinnentleert in einer Sinn-losen Welt befinden.

Das eigene Leben auf eine derartige Weise zu empfinden, ist nicht gerade zuträglich – und schonmal garnicht im Verbund mit den zur Zeit üblichen Anforderungen oder dem Wertesystem dieser Welt, in der es um Leistung geht, darum, stets etwas zu schaffen, immer ein Ziel vor Augen, immer ein Vorwärtskommen wollen, weiter und weiter. Es bedeutet mir nichts, dieses Weiter, dieses Vorwärts. Ich bin vollends damit zufrieden, mein Leben zu empfinden als ein Miteinander, als eine innere Kommunikation, als ein „meditatives Sein“. Ich muß nirgendwohin, muß nichts erreichen, brauche all diesen verrückten Aktionismus nicht.

 (Spax 19.11.15)

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