verschiedene Welten

13. Februar 2017 at 00:52

Traum-Illusion_SNIP_ComfreakEs ist genau, wie Castaneda es beschreibt: Zunächst ist man begeistert darüber, „eine Landkarte“ (a map)1 zu haben für den Prozeß der Transformation. Doch sobald man hinauskatapultiert ist aus dem üblichen Zusammenhang durch das Aufwachen und man die allgemein übliche Beschreibung der Welt nicht mehr teilt, wird das Leben zu einem Eiertanz. Zunächst ist die Erfahrung aufregend und wundervoll, weil es so viele neue Dinge zu entdecken gibt in „dem Land außerhalb der Identifikationsgrenze“. Doch dann wird dieses neue Land und der neue Lebensprozeß ebenfalls zu einem Stolperstein. Denn weil man das „alte Land“ verlassen hat, ist man wie ein Fremdkörper in der parallelen 3D-Welt, in der man lebt. Man ist zerrissen zwischen den beiden Weltbeschreibungen, die man kennengelernt hat. Lange Zeit fühlt man sich der „falschen Weltbeschreibung“ gegenüber überlegen. Doch dann kommt ein Punkt, an dem das stetige Vergleichen der beiden Welt-Beschreibungen aufhören muß und wo es darum geht, in das eigene Leben einzutauchen, ganz unabhängig von jeglichen Beschreibungen.

Es ist die „Maske der ruthlessness“,2 die man schlußendlich ebenfalls zerschlagen muß. Diese Maske befähigt den Aufgewachten, weiterhin mit der „Alltagswelt“ zu interagieren. Durch das Aufwachen wird die gesamte Persönlichkeitsstruktur zerschlagen, alle illusorischen Annahmen über die eigene Person, die Welt, das Leben, zerspringen in tausend Stücke. Das ist gut, denn damit verliert man die Illusion der Identifikation. Doch was man nicht bemerkt ist, daß man die Identifikation mitnimmt in die neue Weltsicht. Das Ich-Gefühl bleibt und somit ein abgeschwächter Teil der „eigenen Wichtigkeit“, jener Zweitpersönlichkeit, mit der wir gelernt hatten, uns zu identifizieren.

Um nach dem Aufwachen weiterhin mit der Alltagswelt interagieren zu können, bedient man sich daher automatisch derjenigen Persönlichkeit, die man gelernt hat zu sein. Man ändert einige Verhaltensweisen gegebenenfalls zum besseren, aber man spielt nun bewußt eine Rolle, wobei man sich mit bestimmten Eigenschaften präsentiert. Hierbei bedient man sich derjenigen Kerneigenschaften, die in der Persönlichkeitsstruktur vorhanden sind und baut diese vielleicht noch weiter aus. Alle Welt verbindet dann diese Charakter-Eigenschaften mit der Person. So wurde z.B. Don Juan als „verständnisvoll“ wahrgenommen, Castaneda als „großzügig“ oder der Nagual Julian als ein „Spaßmacher“. All dies sind Kerneigenschaften der jeweiligen Persönlichkeitsstruktur, die die darunterliegende „Kälte“ bzw. emotionale Nüchternheit, die „ruthlessness“, überdecken.

Wie einen Mantel trägt man nun jene Eigenschaften, die ein „normales“ menschliches Handeln erst zu ermöglichen scheinen. Und da man vor dem Aufwachen bereits eine Persönlichkeit hatte, wird diese nun praktischerweise übernommen. All diese Eigenschaften oder Verhaltensweisen werden nach außen hin präsentiert, weil sie zur jeweiligen Kernstruktur der betreffenden Persönlichkeit gehören. So gesehen repräsentiert derjenige dann auch diese Person, als welche er von anderen wahrgenommen wird. Doch ein Aufgewachter setzt all diese Eigenschaften lediglich als Strategie ein. Untendrunter, unter dieser Persönlichkeitsmaske bläst ein arktischer Wind. Die Maske wird aufgesetzt, um weiterhin interagieren zu können, denn es ist nicht möglich, ohne ein gewisses Maß an „Persönlichkeitsstruktur“ weiterhin mit der Welt zu agieren.

Doch schlußendlich sind es die Interaktionen mit der Welt und das dazugehörige Benutzen dieser Maske, was einen Aufgewachten dann wieder und wieder verleitet über die Prämissen der Welt nachzudenken und sich hin und wieder „hineinziehen“ zu lassen in die wohlbekannten Verwicklungen des Alltäglichen. Nicht, daß es seinen Erkenntnissen etwas nutzen würde, denn im Bezug zur Alltagswelt und der allgemein üblichen Sichtweise gelangt er stets zu denselben Ergebnissen. Denn das Wissen, das in jener nüchternen „Kälte“ ruht, mit dem er untendrunter immer verbunden bleibt, geht ja nicht weg.

B_Masken_Karneval-3_SNIP_Steph684So ist man auf der einen Seite verbunden und erforscht all die Möglichkeiten der „Anderwelt“, mit der man nun grundlegend verbunden ist, doch auf der anderen Seite entgleitet einem der Bezug zur Alltagswelt, die mit ihren illusorischen Ansichten keinen Haftgrund mehr liefern kann. Man befindet sich also weder komplett in der einen noch komplett in der anderen Welt. Und das hat eine innere Zerrissenheit zur Folge. Solange man sich in der 3D-Welt befindet, kann man durch Strategie mit ihr umgehen. Aber einen tieferen Sinn scheint dies letztendlich auch nicht zu haben. Auch kann man sich nicht voll und ganz mit der Anderwelt verbinden, weil man transformieren würde und aus der 3D-Welt verschwände; also bleibt man in der 3D-Welt und muß auf die eine oder andere Weise mit ihr umgehen.

Nach ausführlicher Beschäftigung mit den Wahrnehmungsmöglichkeiten der neuen Weltsicht stellt man zudem fest, daß auch hier Grenzen gesetzt sind und eben auch andere Welten ihre eigenen Regeln und Gesetze haben, nach denen sie funktionieren. Dadurch bekommt man das Gefühl, es wäre durch das Aufwachen bloß eine Welt A gegen eine Welt B ausgetauscht, aber die komplette Freiheit, wie sie angestrebt wird, ist dies eben auch nicht. Um wirklich frei zu sein und stets im Jetzt, muß man im Kern die Ich-Identifikation auflösen, alles, was auch nur entfernt mit einer Persönlichkeitsstruktur zusammenhängt. Aber wie sollte man das tun, wenn wir doch im Kern damit verbunden sind?

Alles Leben drängt nach Ausdruck. Daher bleibt nichts anders übrig, als genau dies zu tun: sich auszudrücken mit allem, was man ist. Nicht strategisch etwas wählen, sondern ebenfalls sämtliche Gedanken und Hilfsmittel der inneren Persönlichkeitsstruktur ad acta legen, sich abnabeln auch vom „aufgewachten Selbst“. Denn solange man sich das Attribut „aufgewacht“ gibt, stärkt man ja gleichfalls wieder die Ich-Struktur und somit den Eindruck einer Wichtigkeit (Identität). Von einfach allem muß man sich lösen, will man wahrhaft frei sein. Nichts mehr erreichen wollen, weder ein Aufwachen noch Freiheit noch sonst irgendetwas. Wir müssen letztlich die Kontrolle unserer eigenen Persönlichkeitsstruktur, die auch bloß durch eigene Annahmen (und also Gedanken) über einen selbst aufrechterhalten wird, aufgeben. Dies versetzt uns in genausoviel Angst und Schrecken wie das Aufwachen – wobei das Aufwachen als direktes Erlebnis nicht ein Fitzelchen Angst beinhaltet, sondern durch das Loslassen genau das Gegenteil hervorbringt: Bliss, unbeschreibbare Freude und ein Gefühl bis dahin ungekannter Freiheit.

Ist es nicht erstaunlich, wie man sich selbst trotz Aufwachen praktisch wieder in einen ähnlichen Zustand bringt, dem wir doch zu entfliehen hofften? Also nicht das Aufwachen an sich, sondern die Auseinandersetzung mit diesem neuen Zustand; denn genaugenommen erlangen wir ja Kenntnisse über den neuen Zustand ausschließlich, indem wir ständig das Neue mit dem Alten vergleichen. Da liegt der Hase im Pfeffer, denn es ist klar, daß hier der Fokus gespalten ist: Einerseits blicke ich auf das Alte und andererseits auf die Prämissen einer neuen Welt und Seinsweise. Doch solange ich vergleiche, stehe ich auf einer Schwelle und habe mich weder für das eine noch für das andere entschieden. Doch liegt es in der Natur der Sache, daß ich in die alten Zusammenhänge nicht mehr hineinkann, denn durch das Aufwachen ist man diesen enthoben. Doch ganz lösen kann man den Fokus auch nicht hiervon, denn schließlich gibt die alte Sichtweise eine Sicherheit, die man in den neuen Zusammenhängen noch nicht haben oder finden kann. Auch durch das Einüben neuer Strategien oder „magischer Handlungen“ kann ich die Sicherheit nicht gewinnen, denn das Unbekannte bleibt immer und überall: un-bekannt – und endlos weit, riesig in allen Ausmaßen.

Allein_silhouette-67202_geraltDie erste Erkenntnis des Aufwachens ist: Ich bin allein – eben weil ich nun allem Bekannten enthoben und entwurzelt bin.

Die zweite Erkenntnis ist: Ich bin niemals allein – denn in der Verbundenheit und Verbindung mit Allem-was-Ist erkenne ich, daß ich jederzeit mit Allem verbunden bin und erhalte beispielsweise Hilfe von Lehrern, die den Weg bereits gegangen sind (egal ob über Bücher wie z.B. von Castaneda oder durch Channelings oder die Verbindung mit „Begleitern“ etc.).

Die dritte – und letzte? – Erkenntnis ist: Ich bin immer und überall allein – denn ich erkenne, daß jegliche Ausdrucksform, die ich wahrnehme oder wahrnehmen kann, direkt ein Ausdruck meiner selbst ist; ich habe dies alles selbst geschaffen und ins Leben gerufen, denn ich bin im Kern Bewußtsein, so wie alles, was ich je wahrnehmen kann.

Es ist schlußendlich diese dritte Erkenntnis, die einen verzweifeln läßt. Denn weder kann man dieser Welt „entfliehen“ noch irgendeiner anderen oder anderen Zusammenhängen, denn im Urgrund erschaffe ich dennoch alles aus meinem eigenen Bewußtsein heraus. Die Sinnfrage stellt sich, an der man sich bis in alle Ewigkeiten die Zähne ausbeißt, denn nirgendwo ist einer zu finden; nur die Existenz, immer nur die Existenz. Ich bin geschaffen, so wie alles andere geschaffen ist: durch meinen Fokus des Bewußtseins, aus den Augen des Bewußtseins, die gleichzeitig in alle Richtungen blicken. Und so sehen und erschaffen wir auf diese Weise die Wahrnehmung von dem, was wir als „Ich“ bezeichnen. Daher ist auch der Blick der Anderen nichts anderes als mein eigener, denn es sind die Augen des Bewußtseins, und daher meine eigenen.

Wirkliche Freiheit gibt es daher tatsächlich allein im Sich-ausdrücken, im „gedanken-losen“ Sein, welches die eigene Existenz nicht in Frage stellt, sondern auslebt. „Hör auf ein Jemand zu sein“, sagt Sylvester,3 denn du bist bereits: Alles, was Ist!

Daher ist man, auch wenn man aufgewacht ist, irgendwann mit genau derselben Aufgabe konfrontiert wie vor dem Aufwachen: alles Bekannte und sämtliche Annahmen über diese oder jene Welt loszulassen, das trügerische Gefühl der Verbundenheit mit anderen Wesen zu zerschlagen – denn sie sind, so wie ich selbst, mein eigener Ausdruck des Bewußtseins. Solange ich glaube, Hilfe zu benötigen, bin ich nicht frei und unterliege der Illusion, es bedürfe „weiterentwickelter“ Wesen, um mir weitere Erkenntnisse zu beschaffen. Doch alle möglichen Wesenheiten sind genau wie ich: Ausdruck des Bewußtseins. Wenn wir nicht andauernd die Annahme unterhalten und nähren würden, wir seien getrennt von allem anderen und Bewußtsein habe „geringere“ oder „höhere“ Stufen der Erkenntnis, so könnten wir uns direkt mit dem Ausdruck unseres Seins verbinden, womit wir zeitgleich mit allem Sein verbunden wären, und keine Frage bliebe offen. Wahrlich: Mit Zähnen, Klauen und allem, was uns zur Verfügung steht, krallen wir uns an alles, was wir bereits kennen, bloß um dem euphorischen Reiz des Sprunges ins „Nichts“, ins Unbekannte, zu entkommen – ganz gleich auf welcher Spiri-Ebene.

Wie schwer es doch ist, die Ich-Identität aufzugeben. Und die Frage bleibt: Ist das überhaupt möglich? Denn durch die Existenz habe ich doch automatisch ein Ich-Empfinden. Und weil Existenz grundsätzlich ewig ist, bliebe dieser Teil immer erhalten.

Vermutlich fassen wir den Existenz-Begriff zu eng, teilen ihn auf in verschiedene Wesenheiten oder Dinge, die man sein kann oder sein könnte. Doch alles ist stets durchflutet von demselben Bewußtseinsstrom. Existenz ist nicht ein bestimmtes „Ich“ oder Ding, sondern ein Gefühl, ein Empfinden der Offenheit, der Empfängnis des Lebensstroms, wie er frei durch mich wie durch sämtliche Partikel aller Welten hindurchfließt. Das ist Freiheit – die Verbundenheit mit dem Strom der Lebenskraft, genährt vom Bewußtsein. Erst in diesem Strom hört das reflektive Denken auf, das Anhaften an irgendetwas. Erst in diesem Strom sind wir wirklich frei und drücken aus, was durch uns hindurchströmt: Lebenskraft der Existenz. Hier hört man auf, ein „Jemand“ zu sein, ist stets in einem Verbundenheitsgefühl, weil man das Bewußtsein ist, welches man ausdrückt.

Dies wäre daher die vierte und womöglich letzte Erkenntnis: Ich bin immer frei in Verbundenheit mit Allem-was-Ist – die Verbundenheit nicht durch oder mit einem Anderen, von mir scheinbar Getrennten, sondern Verbundenheit mit dem Lebensstrom des Bewußtseins. In jeder Sekunde neu, in jedem Ausdruck Alles-was-Ist, zeitgleich und ewig.

(Spax  13.2.17)

Download PDF

Fußnoten

  1. Carlos Castaneda machte eine spirituelle Ausbildung in einer Gruppe von Sehern, die sich auch als „Zauberer“ oder „Krieger“ bezeichneten. Seine Lehrer waren vor allem Don Juan und Don Genaro.
    Der Prozeß der geistigen Entwicklung hin zur Transformation wurde gelegentlich als „Landkarte“ beschrieben.
  2. Ein weiterer Begriff bei Castaneda (Beschreibung folgend im Text, s.o.).
  3. Sylvester ist eine durch Roxie gechannelte Wesenheit: Ocyphius | Sylvester ~ Identities of Limitation