Stimmen im Kopf

13. November 2016 at 05:20

denken-3_snip_geraltHäufig ist es so, daß ich gern mehr als die „vorgegebenen“ 3 Seiten1 schreiben möchte – und es auch tu′. Einfach auch, weil ich noch nicht vom Schreibtisch aufstehen möcht′, denn dann wär′ ich heraus aus diesem angenehmen verbundenen Zustand und spüre die Welt, wie sie zieht an mir; und spüre meine eingebildeten Anforderungen, spüre all diese Stimmen in meinem Kopf, sobald ich den Stift niederlege. Und die Stimmen haben in der Regel nichts anderes zu tun, als mich zu schimpfen und auszumeckern. Sobald ich den Stift niederlege, falle ich in eine Art Wirrnis, schlage ich in der Welt auf. Und es sind all diese Fremdstimmen in meinem Kopf, die mich letztendlich so passiv machen, denn sie sind es, die mir jeden einzelnen blödsinnigen Glaubenssatz in die Ohren pusten. „Ich müßte noch; ich sollte doch…“ Folglich laufe ich umher und habe permanent ein schlechtes Gewissen, weil ich 1. denke, ich sollte diesen Stimmen Gehör schenken und endlich all diese Forderungen erfüllen; und 2. aufgrund der Dauerhaftigkeit und Autorität dieser Stimmen meine eigene nicht mehr höre.

Meine eigene innere Stimme habe ich vermutlich irgendwann in dieselbe Kategorie gepackt, das heißt: jeder Handlungs- oder Gedanken-Impuls gerät mir zu einem „Sollte“. Da wir uns als Kinder innerlich wehren gegen diese Stimmen, gegen all jene Autoritäten, die Dieses oder Jenes von uns verlangen, lernt unser „Denksystem“, bei jeder Anforderung, die von Außen kommt, unseren Widerstand hochzufahren. Irgendwann sind all diese frühen „Außenstimmen“ zu einem System innerer Autorität geworden – zu all diesen Stimmen im Kopf. Sie überlagern irgendwann die eigenen inneren Impulse, die eigene innere Stimme. So fällt irgendwann jeder Gedanke und jede Idee in diese Kategorie.

Deshalb habe ich dann sogar automatisch Widerstände gegen meine eigenen Handlungsimpulse, weil jeder Gedanke erst untersucht und abgewogen wird und bezüglich einer Nützlichkeit geprüft wird. Deshalb habe ich permanent ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich hinsetze und lese oder spazierengehen will usw. Denn all diese Dinge werden als zweitrangig gewertet, als „nutzlos“. Immer soll bei jeder Tätigkeit etwas produktives herauskommen. All unsere kreativen Impulse und Ideen werden gleichermaßen durch dieses Bewertungsraster gefiltert, das da behauptet: „Nur wenn auch etwas allgemein Nützliches oder Anerkanntes als Ergebnis herauskommt, ist dies eine sinnvolle Tätigkeit.“ Die Freude daran, den eigenen Impulsen zu folgen ist total zugeschüttet mit derlei Zeug – mit Widerständen gegen das „Produktivitätsgesetz“, mit Ablehnung gegenüber jenen Autoritätsstimmen, mit einem Prüfen der Nutzbarkeit.

Das ist der Grund, weshalb es uns so schwerfällt, eigene Ideen umzusetzen – weil wir stets zunächst diese Widerstandshürde in uns überwinden müssen, bevor wir überhaupt in einen kreativen Prozeß oder gar Fluß geraten können. Vielleicht fällt es mir leichter, diese Hürde zu meistern, wenn ich darum weiß… Es gibt immer auch so viele andere Dinge, die ich gern tun mag, daß auch hierüber die Bearbeitung meiner Texte immer leidet: spazierengehen, singen, Freunde treffen, rätseln, lesen.

entscheidung-2aa_snip_peggy_marcoAll diese Widerstände hängen mit unserem Denken zusammen. Das heißt, wenn ich kreativ sein will oder einfach nur meinen Impulsen folgen möchte, müßte ich idealerweise meine Kopfgedanken ausschalten. Oder ich müßte eben einen Weg finden, die gesamte Diskussion eines Für oder Wider bezüglich meiner geplanten Handlung zu ignorieren. Und ich müßte die Handlung ausführen, ganz gleich, welchen Senf mein Kopf dazu abgibt. – Es trotzdem tun, es trotzdem tun, es trotzdem tun!

Abraham2 sagen: „Triff eine Entscheidung, egal für was, aber triff sie.“ Denn jede Entscheidung sei besser als keine Entscheidung. Das stimmt. Denn wenn ich eine Entscheidung treffe, nehme ich damit mein eigenes Leben in die Hand. Eine solche bewußte Entscheidung zu treffen ist etwas anderes als heimlich vor der Hürde des Widerstandes abzubiegen und irgendetwas aus Automatismus zu tun, z.B. lesen, was gerade herumliegt; ein Spiel zu spielen; ein Treffen anzunehmen. Die jeweilige Ausweichtätigkeit ist nicht „schlecht“, doch ich rede mir häufig ein, ich hätte mich für das Spielen o.ä. entschieden. Aber wenn ich ganz aufrichtig bin, weiß ich, daß es eine Umgehungstätigkeit ist, weil ich es nicht schaffe, die Hürde meiner inneren Widerständigkeit zu überwinden. Zurück bleibt nämlich auch immer ein Gefühl von Unzufriedenheit und der Eindruck, all die Stunden und Tage „vertrödelt“ zu haben. Nicht, weil ich mir diese Tätigkeiten nicht gönnen würde, sondern weil ich genau weiß, daß ich meinem sehnlichsten inneren Wunsch nicht gefolgt bin. Sie fühlen sich an wie leere Tage, die bloß wie Zettel eines Abrißkalenders im Papierkorb landen.

Eine klare Entscheidung zu treffen bedeutet daher auch häufig: innere Widerstände zu ignorieren. Um diese Widerstands-Hürde zu nehmen hilft es, wenn ich mir bei meiner Wunschtätigkeit im Geiste zuschaue; und vor allem mich mit dem Gefühl verbinde, wie es ist, wenn ich Dies oder Jenes dann getan habe. Und das ist, was Abraham mit „Alignment“ meinen: sich zu verbinden mit der Vorstellung eines bestimmten Ergebnisses oder der Freude an einer bestimmten Handlung. Das nimmt den Widerstand zwar nicht fort, aber er wird hierdurch abgemildert. Man muß sich tatsächlich Tricks einfallen lassen, um den automatischen inneren Widerstand zu überbrücken. Alle Mittel sind erlaubt.

Und das ist genau der Grund, weshalb Don Juan3 oder andere LehrerInnen ihren Schülern scheinbar sinnlose Aufgaben geben, die als exorbitant wichtig deklariert wurden. Indem die SchülerInnen diese „nutzlosen“ Aufgaben erledigen, lernen sie generell den Widerstand auszuhebeln und etwas zu tun, weil es da ist, nicht weil es irgendeinen bestimmten Nutzen hätte.

(Spax  13.11.16)

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Fußnoten

  1. Gemeint ist das Schreiben der Morgenseiten.
  2. Abraham ist eine von Esther Hicks gechannelte nichtphysische Entität. Da es sich hierbei um den Ausdruck einer Gruppen-Identität handelt, sprechen sie von sich immer in der Mehrzahl.
  3. Don Juan war der spirituelle Lehrer von Castaneda.