Sinn frei

13. Juli 2015 at 03:51

Wasser-See-Spiegelung_SNIPAah, wie sehr ich es doch liebe, wenn sich innerlich so alles verlangsamt. So sehr, daß man jeden einzelnen Atemzug genießt, jeden noch so winzigen Handgriff liebt. Dies ist, was ich mit „nach Innen gehen“ meine bzw. es ist das Resultat hiervon. Die Stille in meinen Ohren wird so laut, daß sie jedes Geräusch absorbiert. Die Stille, die meine Zellen durchschwingt. Und Geräusche sind fern, als gehörten sie einer zweidimensionalen Welt an, die durch einen dicken Vorhang von mir abgetrennt ist. Dies ist der Anfang, der Anfang, in meine Stille-Blase zu gelangen.

So war es damals, als ich niemanden mehr hatte, zu dem ich gehen konnte, als mein Leben auseinanderfiel und seinen Bezugsrahmen verlor. Tagelang gab es nur mich allein, meine Handlungen, meine Gedanken, meine „innere Langsamkeit“. Denn so fühlt es sich immer an: als würde sich innerlich alles verlangsamen, als könne man zwischen die Sekunden schlüpfen, weil Äonen von Zeit zwischen ihnen liegen. Es ist dieses Empfinden, welches ich am allermeisten liebe; ich bezeichne es immer als „zu mir kommen“. Dieses „Ringen“ um diesen Zustand – und doch ereilt er mich, wenn ich meinen Fokus darauf lege; und alle Zwänge, jede Sorge, jeglicher Kummer, alles wird mit ein paar Erlösungs-Tränen fortgespült, und es bleibt eine unvergleichliche innere Klarheit wie eine sonnige Schneelandschaft.

Damals hat sich alles aufgelöst – all meine Zusammenhänge. Es war auch damals ein Ringen darum, meinem Leben einen Sinn abzutrotzen. Und wenn ich jetzt zurückdenke, sind all diese Begebenheiten gleichsam verwoben zu einem einzigen Augenblick, nicht wie Jahre. Als sei alles komprimiert zu einem Ganzen, einem Ball, in dem alles zeitgleich enthalten ist und miteinander verknüpft. Was mir damals abhanden gekommen war und bis heute ist, ist die Sinnhaftigkeit meines Tuns. Das ist, was sich wohl grundlegend verändert hat: durch die Gleichrangigkeit der Dinge keine Wahl mehr treffen zu können, da ein jedes denselben Rang hat von Sinnhaftigkeit. Immer das Wurschteln in der Welt, in meinem Bemühen, irgendwie einen sinnhaften Beitrag leisten zu wollen. Aber darum geht es ja überhaupt nicht, denn mein Atmen, mein Sein an sich ist Sinn genug.

Weshalb scheint mir dies „zu wenig“? Weshalb kann ich nicht zufrieden sein hiermit? Weil wir in einer Welt der Produktivität leben; weil wir für all unsere Prozesse jeweils ein Ergebnis in den Händen halten möchten, sonst sind wir nicht zufrieden. Solange wir an diesen Produktivitätsstrom angeschlossen sind, fühlen wir uns angebunden an unsere Welt und dieses Leben, für das wir uns entschieden haben. Genügt dies als Erklärung? Irgendwie nicht. Denn ganz gleich, was wir tun, so entwickeln wir uns doch stetig, ob mit den von uns gewünschten Ergebnissen oder anderen. Doch es gibt ihn nicht, diesen großen „Sinn“, nach dem wir stets suchen. Sinn ist, was ich selbst definiere. Sobald ich irgendeine Tätigkeit verrichte, hat sie Sinn, weil ich mit ihr verbunden bin und sie mir zugehört.

Zeit-Auflösung_SNIPDas verrückte ist: Solange ich umbraust bin mit Stille in meinen Ohren, werden all die Sekunden zu Bauklötzen, die ich nach Belieben hin und her schieben kann, sie entbehren jeglicher Bedeutung. In diesem Zustand vermag ich mich mit allem zu verbinden – sei es mein Schreiben, der Gesang eines Vogels, das Rauschen der Bäume, das Lichtspiel eines Wassertropfens, der aus dem Hahn fällt, mein Atem, whatever. Und jeder einzelne dieser Augenblicke trägt Sinnhaftigkeit in sich selbst, eben weil ich direkt verbunden bin mit meiner eigenen Wahrnehmung und nicht künstlich etwas hinzufügen müßte oder es mindern durch eine Bewertung oder Beurteilung, durch einen Ausdruck des Getrenntseins. Mein jeweiliger Ausdruck, all mein Tun, mein Denken, mein Sein, hat immer und zu jeder Zeit Sinn.

In der Blase meiner Stille bin ich auch aus mir selbst heraus aktiv, folge meinen Impulsen und Eingebungen, ohne sie stundenlang zu diskutieren oder vor mir hin und her zu schieben, denn jede einzelne Handlung ist Freude in sich. Es ist, als würde ich jede einzelne Sekunde streicheln und ihr hierdurch ihren Wert zukommen lassen. Dies und nur dies ist „das Leben im Jetzt“ für mich.

Dennoch zwingt diese Welt mich, Entscheidungen zu treffen, in jeder Sekunde sozusagen: Schreibe ich noch einen Satz oder nicht? Gehe ich jetzt aufs Klo oder später? Sage ich einem Termin zu oder nicht? Undsoweiter. Über die allermeisten Entscheidungen denke ich nicht wirklich nach: Ich gehe aufs Klo, weil ich „muß“, ich schreibe weiter, weil da noch ein Gedanke zum Ausdruck gebracht werden will. Aber die „Anforderungen von Außen“, die ich jeweils als „Störfaktor“ meiner inneren Ruhe und meines spontanen Ausdrucks empfinde, die Interaktion mit meinen Mitmenschen, empfinde ich häufig als etwas, das meine innere Stille stört – als ein Verpflichtungsprogramm, als etwas, das getrennt scheint von mir. Doch genau das ist der Knackpunkt: Solange ich all meine Interaktionen als Störfaktoren meiner inneren Stille werte, bleiben sie genau dies und können unmöglich mit mir und meinem Erleben eine Einheit bilden.

Es ist, als würde ich mich bedroht fühlen von all den Gedanken, dem Gequatsche, der „unruhigen“ Energie meiner Mitmenschen. Es ist, als wäre ich in einer Stille tief unter dem Wasser und all das Gewusel meiner Welt bildet das Gekräusel der Oberfläche. Doch woher soll ich wissen, wo ich bin, wenn ich nicht ab und an auftauche und mich umschaue? Wie komme ich dahin, dies ebenfalls als Einheit, als etwas mir zugehöriges zu empfinden, anstatt als Störung? Indem ich aufhöre, die „Oberflächenbetrachtung“ als etwas Minderwertiges anzusehen, sondern als Teil meines Lebens, meines Ausdruckes und daher als Bereicherung. Denn was befindet sich denn auf der Oberfläche, wenn nicht weitere Aspekte meines eigenen Lebens, meine Spiegel, und ein größerer Zusammenhang?

Die Diskrepanz dieser beiden Empfindungen lehrt mich etwas: 1. zu unterscheiden, wo ich hinwill (z.B. in meine Tiefenerfahrung und mein Einheitserleben) und 2. ist es ein Kontrollmechanismus, der mir zeigt, ob ich meine Tiefenerfahrung tatsächlich auch lebe und daher zu jeder Zeit anwenden kann, in allen Umständen, Begegnungen und Anforderungen. Solange wie ich die Interaktion mit der „schnöden Welt“ als etwas Getrenntes von mir empfinde, wird dieses 3D-Leben für mich keinen Sinn ergeben; denn sonst wäre ich garnicht hier und würde mich dieser Diskrepanz nicht aussetzen. Es ist immer wieder dasselbe: die Welt umarmen und begrüßen als Spielplatz unbegrenzter Möglichkeiten des Ausdrucks, der vielfältigen Spiegelung all meiner Facetten – nicht nur einer einzigen!

 (Spax 13.7.15)

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