richtig verdrahtet

4. April 2015 at 00:29

Erdmännchen-2a_SNIPPINGMei­ne scharfäugi­ge nüchter­ne Persönlich­keit steht im­mer einen Schritt hin­ter mir. Es ist im­mer das Gefühl des Be­ob­ach­ters, das ich ha­be, wenn ich „Din­ge er­le­di­ge“ – ganz gleich, ob Pflicht oder Spaß. Das ist sehr gut zu wis­sen. Mein in­ne­rer Be­ob­ach­ter ist ein in­ne­rer Bot­schaf­ter oder Bo­te, denn mein in­ne­rer Be­ob­ach­ter über­setzt mei­ne Im­pul­se in Wor­te und gibt sie als Idee wei­ter, so wie vor­hin: „Wäsche wa­schen“, und ich dann ant­wor­te „ja, mach ich, wenn ich jetzt schon­mal dran den­ke“. Ganz deut­lich ist das je­des­mal ei­ne in­ne­re Kom­mu­ni­ka­ti­on, die statt­fin­det zwi­schen mei­nem in­ne­ren Be­ob­ach­ter und mei­nem Ta­ges­be­wußtsein. Doch bei­des bin ja „ich“ – wel­cher Stim­me „soll­te“ ich fol­gen? Ge­nau so, wie ich es vor ein paar Ta­gen auch ge­schrie­ben ha­be: fol­ge dem in­ne­ren Be­ob­ach­ter.

Das schöne dar­an ist, daß es mir leicht fällt, die Auf­ga­ben zu er­le­di­gen oder den Im­pul­sen zu fol­gen, wenn ich in­ner­lich mit der Po­si­ti­on des Be­ob­ach­ters ver­bun­den bin. Es ist ein ganz an­de­res Emp­fin­den als wenn ich mich in mei­nem Ta­ges­be­wußtsein da­zu über­re­de oder zwin­ge, et­was zu tun, denn all die Dis­kus­sio­nen darüber, ob ich et­was tue, tun „soll­te“ oder „müßte“, sind der Wi­der­stand, den ich spüre. Han­de­le ich je­doch von der Po­si­ti­on mei­nes in­ne­ren Be­ob­ach­ters aus, so spüre ich den Wi­der­stand nicht, da ich hier­durch die­se ewi­ge Dis­kus­si­on un­ter­bin­de, die sonst übli­cher­wei­se ein­tritt: „Hab ich jetzt Lust da­zu, dies zu tun, die­sem Im­puls zu fol­gen?“, „Paßt die­se Tätig­keit in mei­nen Ta­ges­ab­lauf, den ich mir be­reits vor­ge­nom­men ha­be?“ All dies entfällt, wenn ich ein­fach dem Im­puls fol­ge, wenn ich mich mit der Idee ver­bin­de und sie als Hand­lungs­an­trieb um­set­ze.

Was wei­ter­hin mit dem in­ne­ren Be­ob­ach­ter ver­bun­den ist, ist ein klei­nes Stück­chen Stil­le, denn da­durch, daß ich dem je­wei­li­gen Hand­lungs­im­puls fol­ge und da­her erst gark­ei­ne Dis­kus­si­on an­ge­zet­telt wird in mei­nem Kopf, er­det mich die­se He­ran­ge­hens­wei­se. So kom­me ich ins Han­deln oh­ne mich je­weils zu zer­quälen und mei­nen klein­geis­ti­gen Be­find­lich­kei­ten Vor­schub zu leis­ten. Das ist gut zu wis­sen.

Der in­ne­re Be­ob­ach­ter ist ein Tor nach In­nen, ist ei­ne Pfor­te zum Hier+Jetzt. Mit die­sem klei­nen Schritt zurück, den ich in­ner­lich vor­neh­me, le­gen sich all die Gefühlsstürme, de­nen ich an­sons­ten un­ter­wor­fen bin und die ich im­mer als so we­sent­li­chen Teil von mir be­grei­fe. Doch all die­se Stürme gehören zur „falschen Persönlich­keit“, zur Zweit­per­sön­lich­keit. Im Ge­gen­satz zum in­ne­ren Be­ob­ach­ter fühlt sich die Aus­rich­tung mit der Zweit­persönlich­keit im­mer schwer an und pro­blem­be­haf­tet. Die Ver­bin­dung mit dem in­ne­ren Be­ob­ach­ter bringt Leich­tig­keit und ei­gen­ar­ti­ger­wei­se ei­ne ge­wis­se Di­stanz zum ei­ge­nen Tun, da mei­nem Tun nun nicht mehr die­se Wich­tig­keit an­haf­tet; doch zeit­gleich neh­me ich mein Um­feld bes­ser wahr. Der in­ne­re Be­ob­ach­ter bringt je­ne Nüchtern­heit, von der Don Ju­an1 spricht und die so re­le­vant ist, um uns wie­der mit dem Hig­her Self zu ver­bin­den.

Wirbel_Regenbogen_SNIPPINGWenn wir al­so auf dem Weg nach In­nen sind, kom­men wir am in­ne­ren Be­ob­ach­ter nicht vor­bei, denn er stellt das Ver­bin­dungs­glied dar zwi­schen Hig­her Self und dem All­tags­be­wußtsein. Theo­re­tisch wäre es ein­fach: In­dem ich mich stets auf die Ver­bin­dung mit mei­nem in­ne­ren Be­ob­ach­ter fo­kus­sie­re, ver­bin­de ich mich zeit­gleich mehr und mehr mit mei­nem Hig­her Self und ge­lan­ge über die­sen Ver­bin­dungs­punkt im­mer wei­ter nach In­nen.

Was die Ver­bin­dung mit dem in­ne­ren Be­ob­ach­ter gleich­falls ein­sch­ließt ist ein di­stan­zier­te­res Wahr­neh­men mei­ner Welt, der Außen­welt, in die wir so fest ein­ge­bet­tet sind: Al­les er­scheint zu­neh­mend ding­haft, fast wie un­be­lebt, und man nimmt eher die Struk­tu­ren wahr, in de­nen sich al­les be­wegt und zu­ein­an­der verhält. Hier­mit ver­knüpft ist die Er­kennt­nis, daß al­les ge­mein­sam zu­sam­men­wirkt und wir selbst in ei­ne viel größere Struk­tur ein­ge­wo­ben sind, die wir mit dem All­tags­fo­kus nicht wahr­neh­men können – man er­kennt die Sinn­haf­tig­keit die­ses Ge­we­bes.

Ei­ne Schwie­rig­keit be­steht dar­in, zu un­ter­schei­den, ob es sich um einen Ge­dan­ken­im­puls han­delt, den ich wahr­neh­me, oder ob mein Hand­lungs­im­puls mei­nem All­tags­be­wußtsein ent­springt. Für das Er­geb­nis im All­tag ist dies un­er­heb­lich, denn so oder so bin ich durch mei­ne Hand­lun­gen in Kom­mu­ni­ka­ti­on mit mei­ner Welt. Wenn ich je­doch ir­gend­ei­ne Art von Wi­der­stand spüre, be­stimm­te Hand­lun­gen durch­zuführen, so weiß ich, daß ich mich grad durch mei­ne Kopf­ge­dan­ken des All­tags­be­wußtseins be­hin­de­re. Und je we­ni­ger ich mei­nen Hand­lungs­im­pul­sen fol­ge, de­sto größer er­scheint der Wi­der­stand, de­sto ve­he­men­ter ge­stal­tet sich die Dis­kus­si­on im Kopf und es wer­den hun­der­te von Gründen ge­fun­den, wes­halb man jetzt dies oder je­nes nicht tun kann. All die­se Gründe und Dis­kus­sio­nen ver­le­gen mei­ne Wahr­neh­mung wei­ter auf mei­ne Be­find­lich­kei­ten, mit de­nen sich die Zweit­persönlich­keit iden­ti­fi­ziert. Auch aus die­sem Grund ist es von Vor­teil, die Ge­dan­ken­stil­le an­zu­stre­ben, denn sie er­zeugt Hand­lungs­frei­heit und erlöst uns von un­se­rer über­spann­ten Wich­tig­tue­rei. Das Schwei­gen hat einen ähn­li­chen Ef­fekt. Denn wenn ich schwei­ge über mei­ne alltägli­chen „Hel­denta­ten“, blei­ben es ein­fach Ta­ten, die gleich­ran­gig sind und nicht da­zu an­ge­tan, un­se­re Zweit­persönlich­keit wei­ter zu erhöhen und da­durch zu stärken.

(Spax 4.4.15)

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Fußnoten

  1. Spi­ri­tu­el­ler Leh­rer von Ca­sta­ne­da. (sie­he In­spi­ra­ti­on: Bücher)