ohne Mitleid

8. Juli 2016 at 02:50

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Ja, es stimmt, daß andere Menschen und die Außenwelt, Energiefäden2 in meinem System hinterlassen – Austausch nennt man das gewöhnlich und Interaktion. Aber ich kann erkennen, was die Zauberer damit meinen: Denn wenn viele nach mir suchen, wissen wollen, wo ich bin und wer ich bin, werde ich einfach aufgrund dieses Fokusses wieder mehr in die Welt gezogen, erhalte mehr Präsenz durch diesen Außenblick. Es sind unter anderem auch all die Bilder und Vorstellungen gemeint, die sich andere von mir machen. Sobald ich hierauf reagiere, „antworte“ ich jenen Energien, die von außen an mich herangetragen werden und richte daher einen Teil meiner eigenen Energie hierauf aus. Ich denke, die Zauberer haben recht, wenn sie sagen, daß all unsere Interaktionen im Kern darauf beruhen, uns gegenseitig zu bewerten und einzuordnen. Florinda Matus3 sagt, eines der Ergebnisse der Rekapitulation4 – der Befreiung von Fremdenergien aus dem eigenen System – sei ein befreites Lachen, weil man unter anderem erkenne, daß der Kern jeglicher menschlicher Interaktion eine langweilige Wiederholung sei über das Thema der Selbst-Achtung.5

Was mich ein wenig beruhigt ist, daß sämtliche Zauberer, Schamanen, Aufgewachte, sich für die 3D-Welt wie „U-Boote“ tarnen. Das fällt mir ein bei dem Thema der „Maske“, die jeder von ihnen benutzt: „the mask of ruthlessness“6 – eine Maske, die die Tatsache verbirgt, daß sie kein Mitleid mehr empfinden. Diese Tatsache muß deshalb verborgen werden, weil die Zauberer ansonsten nicht mehr adäquat mit anderen Menschen interagieren könnten, was aber für viele Aufgewachte wichtig ist, weil sie häufig in heilenden oder lehrenden Berufen arbeiten oder generell in Berufen, in denen sie mit anderen Menschen interagieren. Denn das grundlegende Gefühl, „ein Mensch unter Menschen“ zu sein, ergibt sich tatsächlich durch die Illusion, wir würden so etwas wie Mitgefühl füreinander haben oder auch ähnliche Erfahrungen miteinander teilen. Die Ruthlessness kommt dann ins Spiel, wenn ich mich nicht mehr über all diese Erfahrungen definiere; nein, stimmt nicht, sondern wenn ich inneren Abstand nehmen kann von meinen Befindlichkeiten. Denn die Befindlichkeiten – das Hängen an den Gefühlen – stärken jeweils die eigene Wichtigkeit: Mir geht es so oder so, weil… Es ist das, worüber wir unsere Individualität definieren. Und in unserer Individualität wollen wir uns stets abgrenzen und abheben von den anderen, wollen etwas Besonderes sein.

Ruthlessness ignoriert diese Form der Individualität und weiß, daß wir im Kern alle dasselbe sind: Bewußtsein. Daher kann ich mein Bewußtsein erst entwickeln oder mir überhaupt dessen bewußt werden, wenn ich meine Individualität aufgebe und sie eben auch bei anderen nicht mehr akzeptiere. Mit einer Haltung der Ruthlessness ignoriere ich meine eigenen Befindlichkeiten sowie diejenigen meiner Mitmenschen und kann sehen, wie wir alle am Angelhaken der Individualität zappeln. Wenn ich allerdings interagieren will mit anderen, benötige ich ein adäquates Handlungsschema oder Verhalten, das mich in den Augen der anderen „zu einem von Ihresgleichen“ macht. Die Methode, die ein Zauberer hierfür anwendet, ist seine „Maske der Ruthlessness“.

Es ist wahr: Aufgewachte empfinden kein Mitleid mehr. Doch wenn man nicht aufpaßt, besteht die Gefahr, durch Interaktionen doch wieder in die alten Handlungsmuster und Befindlichkeiten hineingezogen zu werden. Das ist, was die Zauberer mit „Impeccability“7 meinen: ganz gleich, was ist, sich eben nicht hineinziehen zu lassen.

(Spax  8.7.16)

Siehe hierzu auch Beitrag vom 13.2.17: verschiedene Welten.

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Fußnoten

  1. Dies ist ein Beitrag, der sich auf die Schriften Castanedas bezieht. Möglicherweise ist der Beitrag daher nur verständlich, wenn man mit dessen Schriften vertraut ist (siehe Bücher); denn die spirituellen Lehren dieser Zauberer folgen einer ganz eigenen Herangehensweise, wobei sie sich entsprechend einer eigenen Terminologie bedienen. Da die Lehren sehr komplex sind, ist es mir an dieser Stelle leider nicht möglich, diesbezüglich in Kürze sämtliche Hintergründe und Zusammenhänge aufzuzeigen.
    Don Juan war der spirituelle Lehrer von Castaneda. Die Gruppe der Seher um Don Juan bezeichneten sich häufig als „Krieger“ oder „Zauberer“.
  2. Siehe hierzu den Themenkomplex der Rekapitulation.
  3. Im Umfeld der Zauberer gab es zwei Florindas: Florinda Matus gehörte zur Gruppe um Don Juan und war eine der LehrerInnen für Castanedas Gruppe. Die Florinda in Castanedas Gruppe hat den Voramen von ihrer Mentorin „geerbt“ (Florinda Donner-Grau).
  4. Die Rekapitulation ist eine Methode der Zauberer, sich der Fremdenergien zu entledigen, die wir vor allem während der Interaktion mit unseren Mitmenschen ansammeln. Die Aufgabe besteht darin, sich an sämtliche Interaktionen – oder auch an Orte und Gefühle –, aktiv zu erinnern: von der letzten, gerade stattgefundenen Interaktion bis hin zur Geburt. Mit Hilfe von bestimmten Übungen werden hierdurch Fremdenergien aus dem eigenen Körpersystem entlassen sowie eigene Lebensenergie, die in den Interaktionen gebunden ist, wieder zurückgeholt.
  5. Castaneda: The Eagles Gift, 259.
  6. mask of ruthlessness: wörtl. etwa „Maske der Schonungslosigkeit“, Mitleidlosigkeit; ein Begriff bei Castaneda, welcher von den Zauberern verwendet wurde.
  7. impeccability: Ein Begriff, der bei den Zauberern verwendet wurde für „tadelloses Verhalten“.