Miniaturwelten

1. Juni 2015 at 02:17

Gegenüber-Fokus_SNIPIst es nicht er­staun­lich, in was für ei­ne „klein­tei­li­ge“, de­tail­lier­te Welt man ein­tau­chen kann? Und so­zu­sa­gen im ei­ge­nen Be­wußtsein um­her­rei­sen kann. Viel­leicht kann man es ver­glei­chen, wie wenn ich ei­ne Be­wußtseins­rei­se durch mei­nen Körper mach­te und mich mit vol­lem Be­wußtsein in je­weils ir­gend­ein De­tail einfühle: Wie ist es, als Herz zu le­ben? Wie ist es, ei­ne Ve­ne zu sein? Wie ist es, ei­ne Nie­ren­zel­le zu sein? etc. Und wenn ich mich als Nie­re fühle, bin ich Nie­re; wenn ich mich als Ze­hen­na­gel emp­fin­de, bin ich: Ze­hen­na­gel usw. Es ist die­sel­be Aus­sch­ließlich­keit, mit der ich in mei­nem All­tag mei­nen Fo­kus len­ke: Ich er­le­be je­weils das, wor­auf ich mich fo­kus­sie­re. Was an die­sem Bei­spiel auch deut­lich wird: Ob­wohl ich auf ir­gend­ein De­tail fi­xiert bin, so hängt doch al­les mit­ein­an­der zu­sam­men und bil­det ein Gan­zes – mei­nen Körper (in der Ana­lo­gie).

Für ei­ne Nie­re ist das Er­le­ben der Zähne si­cher et­was recht an­ders­ar­ti­ges. Wie ist es, ein Ton zu sein, ei­ne Vi­bra­ti­on? Denn un­term Strich läuft es hier­auf hin­aus, denn al­les ist Schwin­gung. Mei­ne Schwin­gung ist der Aus­druck mei­nes Er­le­bens. Doch ge­lenkt und her­vor­ge­ru­fen wird sie nach wie vor durch mein Be­wußtsein – ob mir dies nun be­wußt ist oder nicht. Set­ze ich ab­sichts­voll einen Fo­kus, so bin ich mehr in ei­ner „Be­ob­ach­ter­po­si­ti­on“; ist mir mein Fo­kus un­be­wußt, so bin ich mehr im di­rek­ten Er­le­ben. Es sieht so aus, als würden wir im­mer zwi­schen die­sen bei­den Sicht­wei­sen hin und her schwan­ken – grad so wie es die po­si­ti­ven und ne­ga­ti­ven Teil­chen un­se­rer Elek­tri­zität ma­chen und durch die­ses „span­nungs­ge­la­de­ne Ver­hal­ten“ den Strom er­zeu­gen.

Doch was mich ei­gent­lich fas­zi­niert ist, daß es über­haupt so un­gezähl­te vie­le an­de­re Tei­le und Aspek­te gibt, mit de­nen ich in­ter­a­gie­ren kann, ob­wohl doch deut­lich ist, daß all die­se Tei­le eben­falls „zu mir“ gehören und ein Teil des­sel­ben Be­wußtseins sind, dem auch mein ei­ge­ner Fo­kus, mein ei­ge­nes Er­le­ben ent­springt. Daß In­ter­ak­ti­on über­haupt möglich ist, fin­de ich grad am Er­staun­lichs­ten; daß man sich selbst so­zu­sa­gen in die Au­gen schau­en kann und sich trotz­dem nicht er­kennt. Es ist verrückt, daß dies über­haupt funk­tio­niert.

Nur durch In­ter­ak­ti­on er­schaf­fen wir wei­te­re Aus­drucksmöglich­kei­ten für das Be­wußtsein. Gäbe es kein „An­de­res“, kein Ge­genüber, so gäbe es auch kein Span­nungs­feld und kei­ne In­ter­ak­ti­on wel­cher Art auch im­mer, es wäre nicht möglich.

Das Sein in pu­rer Freu­de ist wirkt da­ge­gen wie et­was Be­we­gungs­lo­ses – ich den­ke an die Yahyel,1 de­ren Bot­schaft sich im­mer so anhört: „Al­les ist schön und wun­der­voll.“ In dem Er­le­ben der Freu­de al­lein scheint kei­ne Be­we­gung, kei­ne Ent­wick­lung zu sein. Er­kennt­nis­se und ein Er­le­ben wie wir es ken­nen, ist deut­lich ge­prägt von ei­nem Er­le­ben in ei­nem Span­nungs­feld, im Wahr­neh­men ei­nes Ge­genübers.

Gibt es das über­haupt, ein Ge­genüber? Wenn ich mir vor­stel­le, ich würde kom­plett ver­schmel­zen mit dem Großen+Gan­zen2 oder auch nur ei­nes Teils des Großen+Gan­zen, zum Bei­spiel mei­ner Over­soul,3 so wäre mein Er­le­ben ein ewi­ges Schwe­ben. Wüßte ich dann, daß ich ei­ne Over­soul wäre bzw. ein Teil von ihr? Würde ich ein An­de­res über­haupt wahr­neh­men können? In der Ist­heit der Din­ge, des Er­le­bens, gibt es kei­ne Zu­kunft! Und es scheint, als gäbe es auch kei­ne Ent­wick­lung – der Zu­stand ei­nes Nir­wa­na. Dies ist die aller­größte Schwie­rig­keit: her­aus­zu­fin­den, ob es auch ab­seits ei­ner Dua­lität Ent­wick­lung ge­ben kann. Of­fen­bar ist dies der Fall, denn wir können ja vie­le ver­schie­de­ne Aus­drucks­for­men des Be­wußtseins wahr­neh­men: Son­nen, Pla­ne­ten, an­de­re Zi­vi­li­sa­tio­nen etc., doch die­ses An­de­re scheint vom Er­le­ben her nicht in der Dua­lität auf­gehängt. Und doch müßte all dies An­de­re, selbst wenn es sich im Ein­heits-Er­le­ben be­fin­det, ei­ne wie auch im­mer ge­ar­te­te Form der Dua­lität ha­ben, denn sonst könn­ten all die­se Aus­for­mun­gen eben­falls kein An­de­res, kein Ge­genüber wahr­neh­men.

Dies ist ei­ne äußerst span­nen­de Fra­ge, die ich wohl im Au­gen­blick nicht lösen kann.

(Spax 1.6.15)

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Fußnoten

  1. Ver­tre­ter die­ser Zi­vi­li­sa­ti­on, z.B. Is­hu­wa, wer­den gechan­nelt von Shaun Swan­son.
  2. Ei­ne Over­soul ist ein Clus­ter persönli­cher Be­wußtsei­ne; oft wird sie als „Grup­pen­see­le“ be­zeich­net.
  3. Sie­he: Al­les-was-Ist.