mein Kino !

18. Juni 2014 at 00:42

Film-Projektor_SNIPWenn mich all die­se Be­wußtheits­din­ge in­ter­es­sie­ren, muß ich sie nicht durch mei­ne Be­find­lich­kei­ten und Ge­wohn­hei­ten aus­brem­sen, gell.

Das ist schon so: wenn man auf­ge­wacht ist, fragt man sich, wie man sich über­haupt auch nur für ir­gen­det­was an­de­res als das Be­wußtsein in­ter­es­sie­ren kann und dafür, sich mit dem ei­ge­nen Be­wußtsein wei­ter und wei­ter zu stre­cken. Un­ser Ta­ges­be­wußtsein ist voll­kom­men ge­fan­gen, wie in ei­ner Bla­se, schreck­lich. Und das schlimms­te ist, daß die Leu­te dies nicht wis­sen, weil sie es nicht spüren können.

Ganz er­staun­lich nach wie vor, daß sich nie­mand groß für all die­se Din­ge in­ter­es­siert. Ganz er­staun­lich in­de­ed. Denn wenn ich weiß, wie Be­wußtsein funk­tio­niert und auf­ge­baut ist, so kann ich es erst be­wußt be­nut­zen und ein­set­zen. Was nützt es mir, ob ich ein Au­to bau­en und wie­der zer­le­gen kann, wenn ich mei­nen letz­ten Atem­zug tu′? Aber zu wis­sen, wie man reist (spi­ri­tu­ell), und wie man mit dem ei­ge­nen Be­wußtsein sei­ne ei­ge­ne Trans­for­ma­ti­on hin­be­kommt – in was auch im­mer –, das sind doch die The­men, um die sich je­der reißen müßte! Sich zu fra­gen: Wie ha­ben man­che Völker das hin­be­kom­men, daß sie zeit­gleich sich trans­for­miert ha­ben? Oder: Wie ha­ben die Ma­ya das hin­be­kom­men, in Tu­la Wächter auf­zu­stel­len, die bis heu­te im­mer noch ih­ren Dienst tun und einen Großteil des Wis­sens be­wa­chen?1 Und: Wie schaf­fe ich es, mich im An­ge­sicht des To­des mit ei­nem Brüllen ins An­ders­wo zu trans­for­mie­ren und im­mer und über­all mir mei­ner To­ta­lität be­wußt zu blei­ben?

Statt­des­sen hocken wir seit Äonen vor der im­merglei­chen Ta­pe­te und sind hyp­no­ti­siert von dem Film, der da abläuft. Es ist wirk­lich, als würden wir ein Le­ben lang vor dem Fern­se­her sit­zen und uns ei­ne Show nach der an­de­ren an­schau­en. Wir le­ben to­tal pas­siv, was die Fra­gen des Be­wußtseins be­trifft – und al­so bezüglich un­se­res ei­ge­nen Le­bens und (Da)Seins. Dies­bezüglich kann man tatsächlich nichts tun für ir­gend­ei­nen an­de­ren, denn je­der muß für sich selbst all die­se Din­ge hin­ter­fra­gen.

So­lan­ge die Mensch­heit nicht auf­ge­wacht ist, ste­cken wir nicht ein­mal in den Kin­der­schu­hen un­se­rer Be­wußtseins­rei­se, son­dern sind und blei­ben ge­fan­gen in die­sem span­nen­den Be­wußtseinss­piel, in das wir uns selbst ver­strickt ha­ben. Ei­gent­lich ist das span­nen­de an 3D doch die Fra­ge: Wie funk­tio­niert das Gan­ze über­haupt? Und hier in­ne­woh­nend: Wie ist das Be­wußtsein auf­ge­baut, da­mit all dies über­haupt möglich ist? Statt­des­sen sind wir ge­blen­det vom Set­ting die­ses Films, in dem wir selbst die Hauptrol­le spie­len. Nein an­ders noch: In­dem wir uns selbst als Haupt­dar­stel­ler auf der Lein­wand emp­fin­den, neh­men wir gar­nicht wahr, daß dies le­dig­lich ei­ne 2D-Pro­jek­ti­on ist. Wir wis­sen nicht ein­mal, daß wir selbst Haupt­dar­stel­ler sind, Zu­schau­er un­se­res ei­ge­nen Films so­wie auch der Film­vorführer.

Tula-Kriegerinnen_SNIPDer ers­te Er­kennt­nis­schritt wäre von da­her, die Be­ob­ach­ter­po­si­ti­on im Zu­schau­er­raum ein­zu­neh­men, da­mit ich über­haupt wahr­neh­me, was ich dort ei­gent­lich trei­be auf der Lein­wand, in dem Film, der mein Le­ben dar­stellt. Denn erst, wenn ich all mei­ne Hand­lun­gen selbst wahr­neh­men und be­ob­ach­ten kann, kann ich sie auch ändern und ha­be einen Ein­fluß dar­auf, denn erst das gibt uns die Möglich­keit, un­se­re Au­to­ma­tis­men zu er­ken­nen. Der nächs­te Schritt wäre dann zu er­ken­nen, daß ich selbst die trei­ben­de Kraft bin hin­ter al­lem, was mir schein­bar „von außen“ zustößt. Erst wenn ich er­ken­ne, daß ich selbst der Film­vorführer bin, be­gin­ne ich ei­gen­ver­ant­wort­lich zu han­deln, vor­her nicht.

Und erst das Auf­wa­chen wird mich letzt­end­lich aus dem Ki­no ka­ta­pul­tie­ren: die Er­kennt­nis, daß Film, Zu­schau­er und Vorführer un­trenn­bar ei­ne Ein­heit bil­den. Erst mit dem Auf­wa­chen kom­men die Fra­gen: Was soll das al­les? Wie funk­tio­niert das über­haupt? etc. Erst mit dem Auf­wa­chen er­lan­ge ich den Außen­blick, der das Gan­ze als ein Sys­tem er­ken­nen kann. Ähn­lich wie ich als Zu­schau­er zunächst wahr­neh­me, daß das, was ich mein Le­ben nen­ne, ein „Film“ ist, der fast aus­sch­ließlich ge­prägt ist von Au­to­ma­tis­men.

Die Psy­cho­lo­gie setzt uns in den Zu­schau­er­raum. Die Re­li­gi­on gau­kelt uns vor, der Vorführer wäre je­mand an­ders als du selbst und bannt dich da­her le­bensläng­lich als ewi­ges Op­fer auf die Lein­wand. An ein Auf­wa­chen ist so nicht zu den­ken, pas de chan­ce. So­lan­ge ich mich als ein Op­fer fühle und – um bei der Ana­lo­gie zu blei­ben – glau­be, daß Re­li­gi­on, Po­li­tik, Chef, El­tern oder sonst ei­ne Au­to­rität mein Le­ben lenkt und be­stimmt, wer­de ich ma­xi­mal im­mer nur zwi­schen Lein­wand und ge­le­gent­lich dem Zu­schau­er­raum hin und her pen­deln. Da­her ist der ers­te Schritt der Selbst-Er­kennt­nis, zum Be­ob­ach­ter des ei­ge­nen Le­bens zu wer­den (Zu­schau­er­raum) und al­les zu hin­ter­fra­gen, was die­se Fi­gur auf der Lein­wand so tut und treibt und al­lem vor­an: denkt. Der nächs­te Schritt oder bes­ser noch zeit­gleich ist, auf­zuhören über all die Din­ge zu grei­nen, die dort auf der Lein­wand pas­sie­ren, son­dern hin­ter die Ku­lis­se zu schau­en und zu er­ken­nen, wer die Re­gie führt. Zu er­ken­nen, daß es nichts an­de­res gibt im Uni­ver­sum als mich – so wie man dies eh emp­fin­det – und ich die­se Vorführung/Bil­der/Ge­schich­ten erst ändern kann, wenn ich er­ken­ne, daß ich selbst die Re­gie führe. So­lan­ge ich dies nicht er­ken­nen kann, bleibt al­le In­ter­ak­ti­on und so­mit al­les Le­ben im­mer nur ein Wech­sel­spiel zwi­schen Film­ge­schich­te und Zu­schau­er­po­si­ti­on. Auch hier kei­ne Chan­ce, auf­zu­wa­chen.

Von da­her ist es nicht im min­des­ten er­staun­lich, daß nie­mand sich für all die Be­wußtseins­din­ge in­ter­es­siert, denn un­se­re Wahr­neh­mung ist to­tal ge­fan­gen in die­sen Au­to­ma­tis­men.

(Spax 18.6.14)

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Fußnoten

  1. Ge­meint sind Fi­gu­ren, die bei der his­to­ri­schen Stätte in Tu­la (Me­xi­ko) auf dem Tem­pel des Quetz­alcóatl zu fin­den sind. Don Ju­an, der spi­ri­tu­el­le Leh­rer von Ca­sta­ne­da, er­klärt hier­zu, daß die­se Krie­ger-Skulp­tu­ren mit dem Wis­sen der al­ten tol­te­ki­schen Zau­be­rer ge­schaf­fen wur­den; die­se Fi­gu­ren sind mit be­stimm­ten „For­meln“ oder Schwin­gun­gen auf­ge­la­den, die bis heu­te wirk­sam sind. Don Ju­an be­schreibt die­se Fi­gu­ren als Wächter, die ein be­stimm­tes Wis­sen oder die­se Stätte be­wa­chen.