meditierendes Sein

16. Oktober 2016 at 00:57

buddha-5-ausruhen_snip_saponifierWas ist das Leben anderes als eine einzige endlose Meditation. Dies scheint der „Aussichtspunkt“ zu sein, von dem aus ich meine Welt erlebe. Alles. Ein wenig im Hintergrund – ein Wahrnehmen aus dem Hintergrund heraus. Eher ein Betrachten als ein Erleben. Tief versunken und doch hellwach folgt mein Bewußtsein bestimmten Bildern und Strömen. „Zeitlinien“ nennen wir sie, weil wir linear denken in dieser Welt; doch ich will sie „Lebenslinien“ nennen. Ein Ausloten von Möglichkeiten, mehr noch: ein Ersinnen, Ertasten, Erspüren von Ideen – eine leichte „mentale Berührung“, wodurch diese Ideen und Möglichkeiten angestoßen, angeschubst werden.

Je schärfer der Fokus, desto intensiver das Erleben; doch dann ist man nicht mehr in der Betrachtung der Dinge verankert, im Erspüren der Denk- und Bewußtseinsprozesse. Denn diese Art des „Erspürens“ und Denkens untersucht den Zustand, der alles „Erleben“ überhaupt erst möglich macht, den Fokus nicht länger auf ein Äußeres richtet, sondern auf sich selbst zurückzieht. Der Blick, der den eigenen Blick betrachtet; den Fokus nicht auf ein Erleben gerichtet, sondern auf die Schau der Innenschau – nicht das Meditieren als Tätigkeit, sondern als uranfänglicher Seinszustand. Auch dies mit ein Grund, weshalb mich sämtliche Tätigkeiten dieser Welt so wenig reizen…, so wenig mit meinem Leben und vor allem erleben zu tun haben wie ein Grottenolm mit dem Tennisspiel.

Ich ziehe meinen Blick zurück – und mit ihm all meine Leben, all meine „Timelines“, all mein Wollen. Wie ein gläserner Geist werde ich, der alles umschließt, aber nichts mehr ist von alledem. Das heißt, die Identifikation ändert sich; vielleicht sogar hört das sich-identifizieren komplett auf. Denn die Identifikation ist im wesentlichen, was die Verschiedenheit und Vielfalt hervorbringt, ein nach Außen gehen, ein nach Außen gerichtetes Bestreben irgendeines „Vorwärts“-Dranges, den wir womöglich „Entwicklung“ nennen. Ist man nicht mehr identifiziert mit einer bestimmten Idee von Sein oder von sich selbst, so ist man überhaupt erst in der Lage, das innere Sein zu spüren. Es ist und es ist auch nicht, denn es identifiziert sich nicht mit den eigenen Ideen, in einem nach Außen sich dehnenden Fokus des Seinsempfindens.

Diese Art des Bewußtseins, das im Innen ruht, es ist „gläsern“ – eine „Meditation“, die keine ist, weil sie nicht „getan“ werden kann. Jede Idee trägt einen Vorwärtsdrang in sich, will sich ausdrücken, strebt daher nach Außen. Das Sein in der Meditation würde also keine Ideen mehr produzieren. Ist das korrekt? Ich glaube schon. Es ist mehr ein Sich-hineinfallenlassen in eine eventuell bereits bestehende Idee – in die Schöpfung an sich, die Schöpfung als Seinszustand. Denn solange ich überhaupt ein Sein empfinde, ein „Ich bin“, ist dies ein Ausdruck einer Idee, die dieses Seinsgefühl am Leben erhält. Doch ist der meditative Seinszustand keine Idee mehr, die aus „mir“, aus diesem Ich-Gefühl entspränge und von daher eher eine „Idee, die keine ist“.

Ist es also die Idee eines Anderen, in der ich mich als „Ich bin“, als „meditierendes Bewußtsein“ empfinde? Möglich und auch nicht möglich. Denn es würde bedeuten, daß wiederum ein Anderes existierte, was mich und mein Lebensgefühl sogleich wieder trennt hiervon. Die beste Beschreibung ist vielleicht: in eine größere, umfassendere Idee eingebunden zu sein. Immer noch als ein „Ich“, wie es scheint, solange ich jene „größere Idee“ als etwas Getrenntes von mir empfinde. Doch das ist es nicht. Denn der Ich-Anteil des „Ich bin“ löst sich auf darin, verschwindet. Die Verbundenheit mit jenem Größeren kann nur als „bin“ beschrieben werden; und eigentlich nicht einmal mehr dies, denn wenn ich mich als ein Seiendes empfinde hätte etwas oder „jemand“ diesen Zustand, den man so beschreiben könnte. Es ist noch vielmehr ein Aufgehen darin, ein Verschmelzen mit jenem Größeren, ohne es jemals beschreiben zu können. Denn in dem Moment, wo ich etwas beschreiben kann, muß ein Anderes unweigerlich existieren, das getrennt ist von demjenigen, der beschreibt. In dem Momenet, wo ich also etwas zu erfassen versuche, bin ich längst schon wieder herausgefallen und in einem Ich-Gefühl, denn das Ich-Gefühl ist immer getrennt, ist nie im Sein.

(Spax  16.10.16)

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