magische Wesen

26. Juni 2014 at 02:17

Magie-1_SNIPWir ha­ben ver­ges­sen, daß wir ma­gi­sche We­sen sind, sagt Don Ju­an.1 Ge­nau das ist es.

ma­gisch, das ist das Zau­ber­wort, ein Be­griff mit Ge­heim­nis dar­in­nen. Und ge­nau das ist es, was gut wäre, wie­der­zuent­de­cken: das Ma­gi­sche in uns.

Die Ma­gie ist das Stau­nen, das uns ins Jetzt befördert. Ma­gie ist die Schönheit z.B. ei­nes Son­nen­un­ter­gan­ges, der Tau auf ei­nem Spin­nen­netz. In all­dem liegt auch Trau­rig­keit. Ge­be ich mich der Schönheit hin, so zer­springt mein Herz; es gibt einen Riß – und die­ser Riß ist un­ser Fühlen, un­se­re Wahr­neh­mung „ei­ne Eta­ge tiefer“. Und ei­gent­lich ist es egal, ob wir die­ses Gefühl „Trau­rig­keit“ oder „Glück­se­lig­keit“ nen­nen, denn es ist rein phy­sisch be­trach­tet das­sel­be Emp­fin­den: ein Riß durchs Herz. Und dort fal­len wir hin­ein, in die­sen Herz­riß, wo das Stau­nen über die­se Welt liegt und über mein mys­te­riöses Sein dar­in. Das ist die Ma­gie. Die Ma­gie ist: in der Tie­fe zu fühlen, zu spüren – denn dies ist, was Le­ben­dig­keit aus­macht. Zu spüren, wie die Vollen­dung ei­ner Ro­se mir das Herz bricht – nicht weil,2 son­dern daß – und sich das Herz bre­chen las­sen. Denn erst mit dem tie­fen Spüren all die­ser Emp­fin­dun­gen fal­len wir in un­se­ren Herz­riß – und dort, ge­nau dort, wohnt die Ma­gie!

Und im­mer im­mer wird man vom Tod an­ge­weht, wenn man sich zie­hen läßt von je­nen tiefe­ren Strömun­gen. Un­se­re Emp­find­sam­keit ist ein Sprung­brett zur Nüchtern­heit, die dar­un­ter­liegt; je­ne Nüchtern­heit, die man benötigt, um dem Un­be­kann­ten zu be­geg­nen. Erst wenn un­ser Herz, un­ser Fühlen, ge­spal­ten ist und wir uns zie­hen las­sen durch die­sen Riß, wer­den al­le Emo­tio­nen frei­ge­setzt, das ist das Nicht­an­haf­ten: In der Frei­set­zung al­ler an­haf­ten­den Emo­tio­nen wer­den wir nüchtern. Die Nüchtern­heit wird emp­fun­den als je­ner kal­te Wind des Un­be­kann­ten, der uns in Stücke reißt.

Und hier liegt das Mißverständ­nis und Pa­ra­dox, denn zu­gleich mit je­ner Nüchtern­heit er­hal­ten wir, was wir sind im Kern: Größe und Freu­de. Sich zie­hen las­sen durch das ma­gi­sche Tor, durch den Herz­riß, bringt uns erst Ganz­heit, das Sein im Jetzt. Das scheint gro­tesk, aber so ist es. Doch wenn wir die Nüchtern­heit und mit ihr die Klar­heit er­langt ha­ben, be­steht die Ge­fahr, sich nicht mehr zie­hen zu las­sen. Wir schließen den Herz­riß, weil wir glau­ben, et­was ver­stan­den zu ha­ben und ma­chen es uns wie­der gemütlich auf der Ober­fläche des Ober­flächli­chen, der Be­trach­tung ei­ner Ding­welt. Le­ben­dig und wach blei­ben wir nur, wenn wir stets uns zie­hen las­sen, stets in je­nen Ab­grund bli­cken.

Ge­nau dies prak­ti­ziert Don Ju­an, wenn er sich Ge­dich­te vor­le­sen läßt: Er nimmt das Gefühl, wel­ches durch ein Ge­dicht ent­steht als Sprung­brett, sich zie­hen zu las­sen und je­nes Gefühl des Va­gen und Un­be­kann­ten in sich zu nähren. Da­her nennt er es einen fo­re­run­ner, einen „Weg­be­rei­ter“: Durch das Gefühl, wel­ches in den Ge­dich­ten zum Aus­druck kommt, läßt er sich zie­hen, springt hin­ein in die­se Emp­fin­dung je­ner un­er­gründ­li­chen Sehn­sucht und den leich­ten Schmerz, der durch das Ge­dicht hin­durch­scheint. Hier­durch pro­du­ziert er „die rech­te Stim­mung sei­nes Krie­ger­da­seins“, so daß er we­der in der Ra­tio noch in der Nüchtern­heit ge­fan­gen bleibt.

Die ei­gent­li­che Ma­gie liegt in ei­ner ge­ra­den Li­nie: schnörkel­los, di­rekt aufs Ziel. Ein Krie­ger, der nicht an­haf­tet ist frei, weil er nicht da­mit be­faßt ist, ständig sei­ne Persönlich­keit ver­tei­di­gen zu müssen. Al­les Persönli­che und die persönli­chen Be­find­lich­kei­ten sind ab­ge­legt. Die Zau­be­rer oder Krie­ger schu­len sich ste­tig dar­in, auf das We­sent­li­che aus­ge­rich­tet zu blei­ben und hal­ten ih­re Ver­bin­dung in­takt, in­dem sie die­se per­ma­nent er­neu­ern durch ih­ren Fo­kus dar­auf. Sie kul­ti­vie­ren ih­ren Herz­riß könn­te man sa­gen.

Die Haupt­ge­fahr im All­tags­fo­kus ist das Kle­ben und An­haf­ten an Din­gen und Emo­tio­na­litäten. Die Haupt­ge­fahr der Nüchtern­heit ist es, die rei­nen Gefühle nicht mehr zu spüren und als un­we­sent­lich ab­zu­tun, denn man hat ja jetzt die Klar­heit. Man kann die ei­ge­ne Wich­tig­keit eben auch über die Nüchtern­heit wie­der nähren. Da­her braucht es im­mer bei­des:
(1)  je­nes tie­fe Emp­fin­den, an der Schönheit der Welt zu zer­bre­chen, das uns in die Tie­fe zieht und den Herz­riß of­fen hält,
(2)  so­wie je­ne Nüchtern­heit, mit der wir erst in der La­ge sind, dem Un­be­kann­ten zu be­geg­nen;
*)  plus das Wis­sen dar­um, daß dies in Kom­bi­na­ti­on un­se­re Ver­bin­dung dar­stellt und die­se le­ben­dig hält.

Es ist ge­nau, wie Don Ju­an sagt: daß auch mit dem Auf­wa­chen, mit dem Er­lan­gen der Er­kennt­nisfähig­keit, den­noch un­ser größter Feind un­se­re An­ge­wohn­hei­ten und un­se­re Trägheit blei­ben so­wie die Ten­denz, uns in ei­ner ra­tio­na­len Si­cher­heit ein­zu­rich­ten – egal in wel­chem Zu­stand.

Das Jetzt und al­les, was da­zu­gehört, ist im­mer ge­tra­gen von der Tie­fe des Herz­ris­ses – nicht an­haf­ten­de Emo­tio­nen, son­dern freie Gefühle, die durch uns hin­durch­we­hen wie Atemzüge ei­nes An­de­ren…

(Spax 26.6.14)

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Fußnoten

  1. Spi­ri­tu­el­ler Leh­rer von Ca­sta­ne­da.
  2. …weil ich sie ver­las­sen muß, sie mor­gen ver­welkt – oder wel­chen Grund auch im­mer ich mir zu mei­nem Gefühl aus­den­ken mag und da­mit das ur­sprüng­li­che Gefühl zu ei­ner an­haf­ten­den Emo­ti­on re­du­zie­re.