Mächtige Blutlinien

27. Februar 2015 at 02:39

Herrscher_statues-SNIPWas wir an „Be­leg­ma­te­ri­al“ für frühe­re Le­bens- oder Denk­wei­sen fin­den, stammt vor­wie­gend aus den Herr­scherhäusern oder aus al­ten Schrif­ten, die die je­wei­li­gen Le­bens­zu­sam­men­hänge oder Phi­lo­so­phie be­schrei­ben. Viel­leicht al­so hat­te Kai­ser Ma­xi­mi­li­an I recht mit sei­ner An­nah­me, daß man „et­was hin­ter­las­sen“ müsse, um „in die Ewig­keit“ oder die Er­in­ne­rung ein­zu­ge­hen. Doch auch hier bleibt das Rätsel der Deu­tung. Denn wenn ich da­von aus­ge­he, daß ein be­stimm­tes Wis­sen über be­stimm­te Zu­sam­menhänge wei­ter­ge­ge­ben wur­de, so ist die­ses Wis­sen zwangsläufig verwässert über die Jahr­hun­der­te oder Jahr­tau­sen­de, d.h. für späte­re Ge­ne­ra­tio­nen nicht mehr ver­steh­bar, und „Nor­mal­per­so­nen“ ha­ben es schwe­rer, all die­se Din­ge kor­rekt zu deu­ten, eben weil ih­nen die Hin­ter­gründe feh­len.

Un­ser Auf­wach­sen in der mo­der­nen Welt bein­hal­tet kei­ne mys­ti­schen Zu­sam­menhänge mehr. Wenn ich mir vor­stel­le, je­mand oh­ne den er­for­der­li­chen Hin­ter­grund ge­langt in ei­ne Po­si­ti­on des Herr­schens und erhält ein paar ent­spre­chen­de In­for­ma­tio­nen, so wird es schwer sein, die­se zu in­te­grie­ren.

Hieran wird deut­lich, wes­halb auf die „Blut­li­ni­en“ so viel Wert ge­legt wird oder wur­de; denn im Blut fließen spe­zi­fi­sche In­for­ma­tio­nen, mögli­cher­wei­se so­gar ein be­stimm­tes Wis­sen. Wenn ich da­von aus­ge­he, daß ge­ne­ti­sche In­for­ma­tio­nen durch das Wis­sen ge­bil­det wer­den, das ein Le­be­we­sen an­ge­sam­melt hat, so wird deut­lich, wes­halb Ade­li­ge oder Herr­scherhäuser solch großen Wert auf die „Rein­heit des Blu­tes“ ge­legt ha­ben. Denn das „Herr­scher­wis­sen“ soll­te nur in den Herr­scher­li­ni­en wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Dies aber ist in ei­ner so span­nen­den Welt wie wir sie vor­fin­den nicht möglich ein­zu­hal­ten. Wir ha­ben ja in­ne­woh­nend die­se Ent­de­cker- und Aus­pro­bier­freu­de und wol­len eben al­les mal aus­pro­biert ha­ben, was uns so in den Sinn kommt oder wo­hin un­se­re Neu­gier uns zieht – nicht zu ver­ges­sen die­sen Kit­zel und die Auf­re­gung, die es mit sich bringt, wenn wir et­was „ver­bo­te­nes“ tun: und ein Herr­scher sich in ei­ne Dienst­magd ver­liebt oder in noch wei­te­rer Fer­ne die Götter sol­chen Ge­fal­len an ih­rer Men­schenschöpfung fan­den…

(Spax 27.2.15)

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