Lebensaufgabe

31. Mai 2014 at 22:04

Fokus-Zielscheibe_SNIPPINGAls ich vor et­wa acht Wo­chen in der Um­ge­bung spa­zie­ren­ge­gan­gen bin, saß ich auf dem Rand mei­ner Wahr­neh­mung und blick­te „nach draußen“, ha­be al­les so deut­lich ge­spürt. Die­se 3D-Welt war mir gleichgültig, ich blick­te in die an­de­re Rich­tung. Doch jetzt ist mir, als blick­te ich in gark­ei­ne Rich­tung. Übli­cher­wei­se fin­de ich ja auch neue In­fos aus dem „Spi­ri-Sek­tor“ an­re­gend, um mich von die­sen zie­hen zu las­sen. Aber selbst das lang­weilt mich. Warum? Weil ich mei­nen Fo­kus auf nichts len­ken mag. Ich bin die größte Wi­schi­wa­schi­per­son, die ich ken­ne. – Ein Wel­ten­wan­de­rer,1 nein, das bin ich nicht, denn ich bin zu faul für die al­le­rein­fachs­ten Hand­grif­fe und Übun­gen. „Ma­ke an ef­fort“, das könnt′ ich mir mal aufs Hirn täto­wie­ren.

Wenn man nicht ein­mal die Kraft für die aller­kleins­te An­stren­gung auf­brin­gen kann, so hat man kei­nen Wil­len. Kei­nen Wil­len, kei­ne Mei­nung – so kann ich es auch for­mu­lie­ren. Denn erst, wenn ich ei­ne Mei­nung ha­be, be­zie­he ich ei­ne Po­si­ti­on, ent­schei­de ich mich für ein Rechts oder Links und set­ze mich so­mit in Be­we­gung; weil ich für et­was bren­ne, weil ich für et­was Lei­den­schaft fühle, weil ich für et­was kämp­fen mag, mich für et­was ein­set­zen möchte. Dar­aus be­ste­hen un­se­re 3D-Le­ben im We­sent­li­chen: aus Lei­den­schaf­ten, selbst wenn dies „bloß“ ei­ne Mei­nung ist, ei­ne Über­zeu­gung.

Doch wie soll man lei­den­schaft­lich sein oder für et­was ein­tre­ten, wenn man weiß, es ist al­les gleich-gültig? Die Ba­lan­ce ver­hin­dert das Sich-Ent­schei­den per se. Bin ich im Ba­lan­ce- oder Neu­tral­punkt, ist es unmöglich, mich zu ent­schei­den, und da­her ist es glei­cher­maßen unmöglich, mich in Be­we­gung zu set­zen. Denn Be­we­gung fin­det erst statt, wenn ich das Züng­lein an der Waa­ge be­we­ge, et­was hin­ein­le­ge in ei­ne der Waag­scha­len – mich ent­schei­de für et­was oder z.B. ei­ner Lei­den­schaft fol­ge.

Ge­nau an die­sem Punkt setzt die „Dis­zi­plin“ an. Ich mei­ne jetzt nicht die Dis­zi­plin, ir­gend­wel­che Übun­gen zu ma­chen, nicht den „Ka­ser­nen­drill“. Ich mei­ne die Dis­zi­plin, sich geis­tig zu fo­kus­sie­ren. Hier wie­der Don Ju­an: It′s a li­fe­ti­me strug­gle…2 Er meint hier­mit, daß man es wol­len muß, qua­si je­den Au­gen­blick das Wach­sein bzw. den Fo­kus wei­ter­hin auf das Wach­sein zu le­gen, an­statt sich von der 3D-Welt wie­der ge­fan­gen­neh­men zu las­sen und sich wie­der zu ver­stri­cken. Zwar ist es nicht wirk­lich möglich, sich kom­plett wie­der zu ver­stri­cken, wenn man auf­ge­wacht ist; aber man kann durch­aus die Wach­heit „ver­lie­ren“, das In­ter­es­se, das Lau­schen nach In­nen, das Hor­chen. Und das Pro­dukt hier­von ist Lan­ge­wei­le, weil nichts sich mehr be­wegt.

Ich lang­wei­le mich al­so des­halb, weil ich mei­nen Fo­kus nicht set­ze!, nicht weil mein Le­ben oder die Welt lang­wei­lig wäre. Und das ge­nau hat Don Ju­an ge­meint mit: It′s a li­fe­ti­me strug­gle, daß man den Fo­kus bei­behält. Und das, ge­nau das ist mit „Dis­zi­plin“ ge­meint: stets den Fo­kus auf das We­sent­li­che zu len­ken, auf die Ver­bin­dung, das Ver­bun­den­sein, die Wach­heit und den Link, das Ver­bin­dungs­stück zwi­schen den bei­den Wel­ten (der in­ne­ren und der äußeren).

Langeweile_SNIPPINGEs geht gar­nicht dar­um, ir­gend­ei­ne Auf­ga­be zu erfüllen oder in der Welt et­was zu leis­ten, wie wir häufig an­neh­men oder glau­ben, son­dern es geht dar­um zu ler­nen, den Fo­kus auf die­ser Ver­bin­dung, die­sem Link zu ha­ben. Es geht – wie­der ein­mal – so gar­nicht dar­um, ir­gend­ei­nen „3D-Welt-Job“ zu ma­chen, son­dern im­mer und über­all nur um die­se ei­ne Auf­ga­be: den Fo­kus auf dem Link zu hal­ten. Das ist die ein­zi­ge Dis­zi­plin, die Sinn er­gibt. Denn die­ser Link ist al­les, was uns le­ben­dig macht, ist al­les, was uns Er­kennt­nis­se be­schert; die­ser Link ist un­se­re Na­bel­schnur zum Nicht­phy­si­schen.3 Die­sen Link le­ben­dig und wach zu hal­ten ist al­les – und ganz ge­nau: Das hin­zu­be­kom­men ist ein le­bens­lan­ges Rin­gen. So­bald ich nämlich mei­nen Fo­kus fort­neh­me von die­sem Ver­bin­dungs­stück, wer­de ich wie­der zum Spiel­ball all je­ner Kräfte, die an mir zie­hen. Und da­her ist der Fo­kus so ent­schei­dend! Ha­be ich mei­nen Fo­kus nicht ge­nau auf die­ses Ver­bin­dungs­stück ge­legt, ver­lie­re ich: mei­nen WIL­LEN!!!4

Hier­mit wird ganz deut­lich, daß die­ses „Set­zen des In­nen­fo­kus­ses“ nicht das ge­rings­te zu tun hat mit a) Tätig­kei­ten oder Übun­gen, die zu tun wären; oder b) mit ir­gend­wel­chen Be­find­lich­kei­ten, Gefühlen oder Emo­tio­nen. Denn all je­ne po­si­ti­ven Din­ge, Gefühle, Si­tua­tio­nen und Rich­tun­gen, die ich mir in mei­nem Le­ben er­träum­en mag, sind ei­ne au­to­ma­ti­sche Fol­ge, so­bald ich mei­nen Fo­kus auf die­sen Link le­ge.

Das ist der ein­zi­ge wirk­li­che „Job“, der zu er­le­di­gen ist, wenn ich auf­wa­chen will oder es be­reits bin. All die­se Aus­sa­gen über „Fol­low your Pas­si­on“, „Sei glück­lich, weil es ei­ne Ent­schei­dung ist“ oder bei sich selbst po­si­ti­ve Gefühle zu er­zeu­gen, brin­gen mich nicht wirk­lich zum Auf­wa­chen. Wenn ich mei­nen Fo­kus auf po­si­ti­ve Din­ge rich­te oder – egal auf wel­che Wei­se – po­si­ti­ve Schwin­gun­gen oder Gefühle in mir er­zeu­ge, kann dies je­weils nur al­ler­win­zigs­te Ein­bli­cke ge­ben in einen Emp­fin­dungs-Zu­stand, wie ihn das Auf­wa­chen au­to­ma­tisch pro­du­ziert; doch: Es ist nicht das Auf­wa­chen. Das Auf­wa­chen wird nur er­fol­gen, wenn ich mei­nen Fo­kus auf den Link ge­rich­tet ha­be, auf den Wunsch des Ver­bun­den­seins.

Und hier kommt die Crux, denn weil ein Nichtauf­ge­wach­ter nicht weiß und wis­sen kann, wie das Auf­ge­wacht­sein sich „anfühlt“ und was es für ei­ne in­ne­re Verände­rung mit sich bringt, ist es für einen Nichtauf­ge­wach­ten unmöglich den Fo­kus auf die­sen Link zu le­gen, denn er kennt ihn gar­nicht. Und nur des­halb müssen al­le Leh­rer sich all die­se Me­tho­den, Übun­gen und Me­ta­phern aus­den­ken, da­mit ein Schüler über­haupt klei­ne Schrit­te in die­se Rich­tung ma­chen kann. Ein Leh­rer muß im­mer Tricks an­wen­den: 1) um den Schüler bei der Stan­ge zu hal­ten, und 2) weil der Leh­rer das, worum es un­term Strich geht, nicht er­klären kann, weil es für den Schüler nicht ver­steh­bar ist.

Ge­nau des­halb sind so unzähli­ge Me­tho­den und Übun­gen im Um­lauf. Ei­ne ist je­doch fast über­all präsent, und das ist die Me­di­ta­ti­on. Die Me­di­ta­ti­on ist in­so­fern hilf­reich, weil sie in der La­ge ist, die in­ne­re Stil­le zu nähren – wenn man Glück hat, bis zu ei­nem Punkt, wo man sie spüren kann. Denn auch dies ist ein Pro­dukt des Auf­wa­chens: man fällt in die in­ne­re Stil­le.

Doch wie ge­sagt, es ist ganz gleich, was ein Su­chen­der oder Schüler „übt“, er wird sich im­mer Vor­stel­lun­gen aus sei­nem 3D-Verständ­nis ma­chen, denn et­was an­de­res hat er ja nicht zur Verfügung. Da­her sind all sei­ne Fra­gen 3D-Ver­gleichs-Fra­gen und er erhält nie­mals be­frie­di­gen­de Ant­wor­ten von sei­nem Leh­rer, weil die­ser stets mul­ti­di­men­sio­na­le Ant­wor­ten gibt, die kei­ne Ver­bin­dung ha­ben mit dem ein­ge­schränk­ten 3D-Den­ken. Die­ser Um­stand macht es dop­pelt schwie­rig für all je­ne, die be­wußt das Auf­wa­chen an­stre­ben, denn sie sind zwangsläufig auf ei­ner falschen Fähr­te, da das Auf­wa­chen letzt­lich nicht er­klärbar ist. Man ver­steht es erst, wenn man auf­ge­wacht ist, vor­her nicht, pas de chan­ce.5

Und da­her ist das ein­zi­ge, was ein Leh­rer je macht: dem Schüler ei­ne an­de­re Sicht­wei­se zu präsen­tie­ren, wor­an der Schüler sich rei­ben kann. Al­les steht und fällt ge­ne­rell mit un­se­rem 3D-Den­ken, das stets ver­gleicht und Bil­der und Vor­stel­lun­gen pro­du­ziert. Da­her sind sämt­li­che wirk­sa­men Me­tho­den im­mer dar­auf aus­ge­legt, „das Ra­dio im Kopf aus­zu­schal­ten“ und ein­ge­wur­zel­te Vor­stel­lun­gen auf­zu­bre­chen. Denn erst, wenn das Ra­dio schweigt, kann ich für einen kur­z­en Mo­ment einen Blick wer­fen auf je­ne in­ne­re Wei­te, die sich in mir aus­brei­tet wie ein stil­les Land… Das ist der Link, das ist der Fo­kus, den man aus­wei­ten muß.

Gleich­falls ist dies die Auf­ga­be al­ler Auf­ge­wach­ten, da­mit sie nicht ir­re wer­den, sich zu To­de lang­wei­len oder wenn sie das Gefühl ha­ben, wie­der im 3D-Ge­wu­sel fest­zu­ste­cken, nicht mehr vorwärts­kom­men und selbst des Ver­bin­dungsgefühls ver­lus­tig ge­gan­gen sind: den Fo­kus auf den Link zu le­gen. Wie­der und wie­der und wie­der, und al­les 3D-Ge­zer­re an sich vor­bei­zie­hen zu las­sen. That′s all. Denn erst in die­sem Fo­kus ver­bin­den sich bei­de (bzw. al­le) Wel­ten.

(Spax 31.5.14)

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Fußnoten

  1. Je­mand, der zu 100 % im Jetzt fo­kus­siert ist und dies lebt, je­mand, der auf­ge­wacht ist.
  2. (engl.): „Es ist ein le­bens­lan­ges Rin­gen“
  3. Nein, ich mei­ne hier­mit nicht je­ne „Sil­ber­schnur“, die ei­ni­ge bei ih­ren Spi­ri-Rei­sen wahr­neh­men.
  4. Es ist nicht je­ner Kopf-Wil­le ge­meint, der sich für Ki­no, Job oder ei­ne Rei­se ent­schei­det; son­dern der in­ne­re Wil­le, mei­nen Fo­kus zu set­zen.
  5. (frz.): „kei­ne Chan­ce“