Kreative Wut

18. Oktober 2015 at 01:07

Smileys_SNIPDas ist interessant, oder, daß uns die Wut beflügelt. Die Reibung macht uns kreativ, stachelt unseren Willen an. Diese Art der Auflehnung kostet aber auch viel Kraft; und es stellt sich die Frage, ob wir unsere Kreativität dann z.B. für etwas nutzen, was wir unter′m Strich womöglich garnicht wirklich wollen, handeln impulsiv, weil z. B. das Ego sich angekratzt fühlt.

Diese Wut, sie ist ja in der Regel reaktiv. Wir werden wütend, wenn uns jemand beleidigt und/oder das Gefühl haben, jemand will uns etwas wegnehmen. In solchen Momenten spüren wir sehr deutlich, daß wir etwas nicht wollen – unser Selbstwertgefühl ist angekratzt. Jetzt wollen wir es den anderen zeigen! Unsere sogenannten „Gegner“ sind – auch was dies betrifft – unsere besten Freunde, denn sie stacheln uns zu Höhenflügen an, in denen wir alles geben. Auch dies ist ein Aspekt des unter anderem von Abraham1 vielzitierten Kontrastes dieser Welt und der Schöpfungs-Energie, die wir hieraus ziehen.

Es ist daher in unseren Zusammenhängen nicht verwunderlich, wenn wir aufgrund von Reibungsenergie herausfinden, was wir z.B. nicht wollen. Denn das ist, was der Fokus auf die Reibungen automatisch mit sich bringt. Fast alles in unserer Welt – vor allem der westlichen – ist hierauf ausgerichtet. Die Herangehensweise hingegen, bei der wir erst wahrnehmen, was wir wirklich wollen und dann entsprechend handeln, wird in unseren ersten zehn Lebensjahren umgepolt. Das ist wohl der Hauptgrund, weshalb es uns so schwerfällt, diesen erlernten Fokus wieder zu verändern.2

Der „positive Ansatz“, der den primären Fokus darauf legt, was ich von mir aus will, den sogut wie alle im herkömmlichen Sinne Erfolgreichen vertreten, ist zwar wünschenswert und ganz richtig, aber das Gros der Menschen hat diesen Fokus nicht entwickeln können. Deshalb kann man sich zig-fach Sätze anhören wie „Follow your Passion“3 oder „Geh in deine eigene Richtung“, und wir sind begeistert, wenn wir dies hören und denken: „JA, so ist es richtig!“; aber wir sind nicht in der Lage dies auch umzusetzen. Weil unser erlernter Handlungsmodus eben genau andersherum funktioniert, sind wir gepolt darauf, wahrzunehmen, was wir nicht wollen. Sobald wir dann eine Passion ausfindig machen, weil wir nun zum ersten Mal in unserem Leben uns die Erlaubnis hierfür erteilen, erfüllt uns diese Herangehensweise mit Angst. Denn gelernt haben wir in unserer Kindheit, daß genau dies bestraft wird.

Wollen wir vertraut werden mit dem „positiven Ansatz“, der der eigenen Freude folgt, anstatt permanent reflexiv auf alles zu reagieren, was uns mißfällt, müssen wir nicht nur lernen, unsere eigene Passion, unsere Vorlieben, unsere Leidenschaft für etwas wahrzunehmen, sondern vor allem auch: all jene Dinge, die wir für kritikwürdig halten, nicht mehr wahrzunehmen. Und dieser Punkt ist der schwierigste überhaupt, wenn wir unseren Fokus umtrainieren. Denn die Medien und unser ganzes Umfeld ist bis zum Rand angefüllt mit all jenen Dingen, die eben nicht funktionieren, die wir nicht wollen. Es ist nicht leicht, diesem Fokus zu entkommen sowie unserer antrainierten Gewohnheit des ablehnenden Handelns, das bezogen ist auf diesen Fokus, auf alles, was ich eben nicht will.

Vogel-Käfig_SNIPWie Verräter fühlen wir uns, sobald wir uns auch nur den winzigsten Schritt aus dieser Denkmühle herauswagen. Und zeitgleich wird unser Ansinnen, eine neue Position einzunehmen, bis aufs Messer getestet – denn unser gesamtes Umfeld wird darauf aus sein, uns am Fliegen zu hindern. Niemand, der im Käfig sitzt kann gutheißen, wenn jemand entkommt, denn ein Freund oder bis dahin Gleichgesinnter spürt die eigenen Ketten dann umso stärker; er hört vielleicht diese lockende Stimme: „Folge mir, du kannst das auch“, aber er will noch keine Eigenverantwortung übernehmen. Es ist leichter im Käfig hocken zu bleiben, wenn auch das Kollektiv im Käfig hockt. Nun ist die Käfigtür zwar offen, aber hinauswagen müssen wir uns schon selbst. Ein Bär, der sein Leben lang in einen kleinen Käfig gesperrt war und hinausgelassen wird in die Wildnis, in die Freiheit, ist überfordert mit all dieser Weite, abgesehen davon, daß er nie gelernt hat, in ihr zu leben oder für sich selbst zu sorgen.4 Wir sind wie dieser Bär, der, obwohl in die Freiheit entlassen, seinen Käfig verinnerlicht hat und weiterhin im Carré läuft, nicht in der Lage ist, die innerliche, die antrainierte Grenze zu überwinden.

Und da muß ich sagen, können noch so viele Leute Sätze in die Welt schleudern wie „Follow your Passion“, es wird nicht allzuviel nützen dafür, den inneren Käfig zu sprengen. Zwar ist das Prinzip simpel und vom Kern her richtig, aber die antrainierte Diskrepanz, einen derartigen Schritt zu wagen ist viel zu groß, das geht nicht hopplahopp von jetzt auf gleich. Die Bande unserer erlernten und verinnerlichten Gewohnheiten sind wie Stahlseile!

 (Spax 18.10.15)

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Fußnoten

  1. Abraham ist eine von Esther Hicks gechannelte nichtphysische Entität.
  2. Wenn mir die Reibungspunkte in den menschlichen Zusammenhängen fehlen, muß ich der Kreativität, die aus mir selbst heraus erwächst, Flügel verleihen. Das empfinde ich als schwieriger. Es erscheint „schwierig“, weil ich das andere Muster so gewöhnt bin, zu reagieren aufgrund irgendwelcher Gegebenheiten. Aber Zeit zu haben und diese zu nutzen für mich und meinen Flow, erscheint schwieriger, weil von Außen mich nichts mehr anstachelt.
  3. Engl.: Folge deiner Leidenschaft.
  4. Ich habe mal auf YouTube ein Video gesehen, wo ein Bär ausgewildert wurde. Und weil dieser bis dahin sein Leben in einem winzhaften Käfig verbrachte, drehte sich der Bär nach seiner Freilassung in exakt denselben Käfigabmessungen um sich selbst. Das war erschütternd. Leider finde ich dieses Video nicht mehr.