Carlos Castaneda – seine Bücher

[Beschäftigt man sich mit Ca­sta­ne­da, stol­pert man un­wei­ger­lich über den Aspekt der psy­cho­tro­pen Pflan­zen; weil die­ser Aspekt wich­tig ist für das Verständ­nis, ha­be ich den Ab­schnitt hierüber so­wohl in die­sem Bei­trag als auch bei der Be­schrei­bung über Ca­sta­ne­da an­geführt.]

In den 1970er und 1980er Jah­ren wur­den die Bücher von Ca­sta­ne­da als „Ge­heim­tip“ über­all her­um­ge­reicht. Schwer­punkt­the­ma bil­de­te hier­bei vor al­lem die de­tail­lier­te Be­schrei­bung sei­ner vi­si­onären Er­leb­nis­se, die der Ein­nah­me von Peyo­te1 (Kraft­pflan­ze, Power-Plant) zu­grun­de­la­gen. Peyo­te und folg­lich auch Ma­ri­hua­na (ne­ben wei­te­ren Sub­stan­zen) wur­den als „be­wußtseins­er­wei­ter­te“ Sub­stan­zen ge­prie­sen – und ver­mehrt ein­ge­nom­men. Don Ju­an be­gründet sei­ne Ga­be von Peyo­te an Ca­sta­ne­da2 da­mit, die Ein­nah­me von Peyo­te sei ein mas­si­ver An­griff auf das All­tags­be­wußtsein (Ers­te Auf­merk­sam­keit) und da­her in der La­ge, un­se­re „nor­ma­le Welt­sicht“ tief­grei­fend zu erschüttern. Da Ca­sta­ne­da sehr ri­gi­de in sei­nem All­tags­be­wußtsein ver­haf­tet war, würde durch die Ga­be von Peyo­te die­ser star­re Schutz­wall, mit dem die Zweit­persönlich­keit sich übli­cher­wei­se um­gibt, erschüttert. An­de­re Schüle­rin­nen und Schüler, die geis­tig fle­xibler wa­ren, ka­men oh­ne Peyo­te aus. Don Ju­an be­tont glei­cher­maßen, daß die Ein­nah­me der­ar­ti­ger Sub­stan­zen sich nicht nur äußerst zerstöre­risch auf den Körper aus­wir­ke, son­dern gleich­falls die Ge­fahr bestünde, sich in die­sen vi­si­onären Be­rei­chen und Zuständen eben­so zu ver­ir­ren wie es beim Be­wußtsein der Zweit­persönlich­keit (des All­tags­be­wußtseins) der Fall ist. Die Ge­fahr sei um­so größer, je ri­gi­der ei­ne Persönlich­keit struk­tu­riert sei.

Im drit­ten sei­ner Bücher (Rei­se nach Ixt­lan) hat Ca­sta­ne­da sein Auf­wach-Er­leb­nis – die Zau­be­rer ha­ben einen schönen Aus­druck hierfür: „die Welt an­hal­ten“. Mit die­sem Er­leb­nis wird Ca­sta­ne­da be­wußt, daß sei­ne bei­den ers­ten Bücher nichts mit der Ent­wick­lung sei­nes Be­wußtseins oder gar dem Auf­wa­chen zu tun ha­ben und schreibt im Vor­wort des drit­ten Bu­ches:

In bei­den Büchern ging ich von der Grun­d­an­nah­me aus, daß es, wenn man lern­te, ein Zau­be­rer zu sein, hauptsächlich auf die durch Ein­nah­me psy­cho­tro­per Pflan­zen her­vor­ge­ru­fe­nen Zustände ei­ner an­de­ren Rea­lität ankäme. […]
Mei­ne durch die­se Psy­cho­tro­pi­ca be­wirk­te Wahr­neh­mung der Welt war so bi­zarr und ein­drucks­voll ge­we­sen, daß ich an­neh­men mußte, sol­che Zustände sei­en der ein­zi­ge Weg zum Verständ­nis und Er­ler­nen des­sen, was Don Ju­an mich zu leh­ren ver­such­te.
Die­se An­nah­me war falsch.
(Rei­se nach Ixt­lan, Ein­lei­tung, S. 7; sie­he auch Buch­be­schrei­bung)

Da­her las­se ich die ers­ten bei­den Bücher Ca­sta­ne­das3 außer acht, weil sie nichts mit der Kern­leh­re Don Ju­ans und dem Auf­wa­chen zu tun ha­ben – sie ha­ben auch nicht die in­ne­woh­nen­de Kraft wie die nach­fol­gen­den Bücher.
Da ich fast sämt­li­che Bücher im eng­li­schen Ori­gi­nal ge­le­sen ha­be, führe ich für die deut­schen Über­set­zun­gen nur de­ren Ti­tel an. Lei­der er­schwert es die Idee des Fi­scher Ver­la­ges, al­le Bücher Ca­sta­ne­das mit dem­sel­ben oder ei­nem ähn­li­chen Ti­tel­bild her­aus­zu­ge­ben, auf den ers­ten Blick zu er­ken­nen, daß es sich um un­ter­schied­li­che Wer­ke han­delt.
Weil ich sämt­li­che Bücher von Ca­sta­ne­da her­aus­ra­gend fin­de, kann ich sie al­le glei­cher­maßen emp­feh­len. Wie in mei­nen Ausführun­gen über Ca­sta­ne­da und Don Ju­ans Leh­re aus­geführt, ist es für ein Ver­ste­hen es­sen­ti­ell, die Bücher in chro­no­lo­gi­scher Rei­hen­fol­ge zu le­sen; Aus­nah­men sind ge­kenn­zeich­net.

3) Rei­se nach Ixt­lan: Die Leh­re des Don Ju­an, 253 S., Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag 1976 [1972]. (engl: Jour­ney to Ixt­lan)
In die­sem Buch faßt Ca­sta­ne­da auf über­sicht­li­che Wei­se die Ker­naus­sa­gen und -übun­gen zu­sam­men, mit de­nen Don Ju­an ihn in den ers­ten Jah­ren sei­ner Lehr­zeit be­kannt ge­macht hat. Je­der Aspekt wird le­ben­dig ge­schil­dert an­hand der je­wei­li­gen Er­fah­run­gen und ge­stell­ten Auf­ga­ben. Im zwei­ten Teil be­rich­tet Ca­sta­ne­da von sei­nem ei­ge­nen Er­leb­nis „die Welt an­zu­hal­ten“. In ei­ner Erzählung sei­nes zwei­ten Leh­rers, Don Ge­naro, wird ver­deut­licht, wel­che Fol­gen auf die Wahr­neh­mung der Welt die­ses Er­leb­nis hat.

Die­ser ge­wal­ti­ge Mo­ment in mei­nem Le­ben [das An­hal­ten der Welt] zwang mich, die Ar­beit von zehn Jah­ren im ein­zel­nen zu über­prüfen. Es wur­de mir klar, daß mei­ne ur­sprüng­li­che An­nah­me über die Rol­le der psy­cho­tro­pen Pflan­zen falsch ge­we­sen war. Sie wa­ren nicht das We­sent­li­che an der Welt­be­schrei­bung des Zau­be­rers, viel­mehr wa­ren sie nur ein Hilfs­mit­tel, um die Be­schrei­bung so­zu­sa­gen zu ze­men­tie­ren, die ich an­ders nicht hätte auf­neh­men können. Mein be­harr­li­ches Fest­hal­ten an mei­ner Nor­mal­ver­si­on der Rea­lität mach­te mich fast taub und blind für Don Ju­ans Zie­le. Der Ge­brauch der psy­cho­tro­pen Pflan­zen war da­her nur durch mei­nen Man­gel an Sen­si­bi­lität er­for­der­lich.
Bei der Über­ar­bei­tung mei­ner ge­sam­ten Feld­no­ti­zen wur­de mir be­wußt, daß Don Ju­an mir den größten Teil der neu­en Be­schrei­bung ganz zu Be­ginn un­se­rer Ver­bin­dung durch das ge­ge­ben hat­te, was er die „Tech­ni­ken zum An­hal­ten der Welt“ nann­te. In mei­nen ers­ten bei­den Büchern schied ich die­se Tei­le mei­ner Feld­no­ti­zen aus, weil sie sich nicht auf den Ge­brauch der psy­cho­tro­pen Pflan­zen be­zo­gen. Ich ha­be sie nun wie­der an ih­ren rechtmäßigen Platz in der Ge­samt­heit der Leh­ren Don Ju­ans ge­stellt, und sie um­fas­sen die ers­ten sieb­zehn Ka­pi­tel die­ses Bu­ches. Die letz­ten drei Ka­pi­tel ent­hal­ten die Feld­no­ti­zen über Er­eig­nis­se, die dar­in gip­fel­ten, daß ich „die Welt an­hielt“.
(Rei­se nach Ixt­lan, Ein­lei­tung, S. 12)

4) Ta­les of Power, 295 S., Pocket Books 1974. (dt: Der Ring der Kraft: Don Ju­an in den Städten)
Recht spe­zi­fisch wer­den in die­sem Buch die ener­ge­ti­schen Struk­tu­ren be­zo­gen auf den mensch­li­chen Körper be­schrie­ben – selbst­verständ­lich im­mer auf­grund Ca­sta­ne­das ei­ge­nen span­nen­den Er­leb­nis­sen so­wie der von Don Ju­an übert­ra­ge­nen Auf­ga­ben. Das Buch gip­felt in der „Er­klärung der Zau­be­rer“, wo­bei die hin­ter­gründi­gen Ab­sich­ten der ge­sam­ten Leh­re erläutert wer­den und was letzt­lich zur „To­ta­lität des Selbst“ führen soll. Das Buch en­det mit ei­ner wi­der­sin­nig wir­ken­den Hand­lungs­de­mons­tra­ti­on die­ser Leh­ren. Die­ses Buch be­zeich­net gleich­falls das En­de der phy­si­schen Be­geg­nun­gen mit Don Ju­an, je­doch nicht mit des­sen Leh­ren.4

5) The Se­cond Ring of Power, 316 S., Hod­der and Stoughton 1978 [1977]. (dt: Der zwei­te Ring der Kraft)
In die­sem Buch macht man erst­ma­lig Be­kannt­schaft mit wei­te­ren Schüle­rin­nen und Schülern der Leh­rer­grup­pe um Don Ju­an. Als Ca­sta­ne­da er­ken­nen muß, daß sein Leh­rer nicht mehr zur Verfügung steht – denn die­ser ist ins Nicht­phy­si­sche über­ge­wech­selt (s. Ta­les of Power) –, be­sucht Ca­sta­ne­da die an­de­ren Schüle­rin­nen und Schüler, um sich Klar­heit über sein wi­der­sin­ni­ges Er­leb­nis zu ver­schaf­fen, mit des­sen Be­schrei­bung Ta­les of Power en­det. So­fort wird er in einen Stru­del von Er­eig­nis­sen ge­zo­gen, die ihn so­gar noch mehr ver­wir­ren und erschüttern. Ca­sta­ne­da schließt Freund­schaft mit „La Gor­da“ (ei­ne der Schüle­rin­nen) und in ge­mein­sa­mer An­stren­gung er­schließen sich ih­nen die Ver­wick­lun­gen der „Zwei­ten Auf­merk­sam­keit“, wo­bei sie auf Er­leb­nis­se stoßen, zu de­nen das Ta­ges­be­wußtsein kei­ner­lei Zu­gang hat… (Die­ses Buch ist so span­nend wie zum Teil auch verstörend.)

6) The Eagles Gift, 281 S., Ar­ka­na 1992 [1981]. (dt: Die Kunst des Pir­schens)
The Eagles Gift ist der Be­richt, wie Ca­sta­ne­da und La Gor­da (s. The Se­cond Ring of Power) wei­ter­hin ge­mein­sam ih­re Er­leb­nis­se mit der Grup­pe der Zau­be­rer durch ih­re Ent­wick­lung und Be­wußtma­chung der „Zwei­ten Auf­merk­sam­keit“ ans Licht he­ben. Schlußend­lich sind sie in der La­ge, sich an al­le Per­so­nen und Na­men die­ser Grup­pe auch im All­tags­be­wußtsein (Ers­te Auf­merk­sam­keit) zu er­in­nern. Bei­de sind sie scho­ckiert, wie sie der­art ein­schnei­den­de Be­geg­nun­gen, Er­leb­nis­se und Leh­ren „ver­ges­sen“ konn­ten.
Da­her wer­den im drit­ten Teil des Bu­ches sämt­li­che Per­so­nen so­wie de­ren Stel­lung in der Grup­pe der Zau­be­rer vor­ge­stellt. Die­ses Buch en­det mit der Er­in­ne­rung und Er­kennt­nis über den Ab­schied bzw. die Trans­for­ma­ti­on die­ser Grup­pe ins Nicht­phy­si­sche.

7) The Fi­re from Wi­thin, 320 S., Black Swan 1991 [1984]. (dt: Das Feu­er von in­nen)
In die­sem Buch er­in­nert sich Ca­sta­ne­da an wei­te­re Leh­ren, die ener­ge­ti­schen Aus­wir­kun­gen der Zwei­ten Auf­merk­sam­keit be­tref­fend. An­hand zahl­rei­cher Er­leb­nis­se, Bei­spie­le so­wie Er­klärun­gen von Don Ju­an wer­den die ener­ge­ti­schen Ver­wick­lun­gen die­ses Be­wußtseins­zu­stan­des auf­ge­zeigt. Einen Schwer­punkt bil­det die Be­schrei­bung wei­te­rer Ker­nei­gen­schaf­ten des Be­wußtseins und wie man sich die­se nutz­bar ma­chen kann. Erst­mals wird hier auch die Be­deu­tung des „As­sembla­ge Points“ erwähnt: ein zen­tra­ler Ener­gie­punkt im Ener­gie­feld des Men­schen, der für un­se­re Wahr­neh­mung zuständig ist so­wie die vielfälti­gen Aus­wir­kun­gen, wenn ein Se­her in der La­ge ist, die­sen Fo­kus-Punkt zu ver­schie­ben und hierüber die Möglich­keit erhält, sei­ne Wahr­neh­mung für ziel­ge­rich­te­te Er­fah­run­gen zu nut­zen.
Wei­te­re für den Nor­mal­ver­stand un­be­greif­li­che Zu­sam­menhänge wer­den erläutert, die die Zau­be­rer durch ihr Se­hen zu­ta­ge gefördert ha­ben: z.B. die Kraft, die das mensch­li­che Be­wußtsein formt oder die­ses auf spe­zi­fi­sche Wei­se be­ein­flußt; was mit un­se­rem Be­wußtsein ge­schieht wenn wir ster­ben; oder wie le­ben­di­ge We­sen es fer­tig­brin­gen, aus ei­ner unüber­schau­ba­ren Viel­zahl ener­ge­ti­scher Be­we­gun­gen und Strömun­gen sich ei­ne spe­zi­fisch aus­ge­form­te Welt zu er­schaf­fen. (Sehr fas­zi­nie­rend; man­ches er­scheint auf­grund der Na­tur der be­spro­che­nen Din­ge et­was fremd­ar­tig.)

8) The Power of Si­lence: Fur­ther Les­sons of Don Ju­an, 286 S., Si­mon and Schus­ter 1987. (dt: Die Kraft der Stil­le)
Müßte ich ein Lieb­lings­buch von Ca­sta­ne­da wählen, so wäre es die­ses. Un­gezähl­te Er­kennt­nis­se ver­dan­ke ich die­sem Buch und es macht mir je­des­mal wie­der die­sel­be Freu­de, es zu le­sen. Der Schwer­punkt des Bu­ches liegt in der Schil­de­rung der ab­strak­ten „Ab­sich­ten von Spi­rit“. Viel­leicht könn­te man um des Verständ­nis­ses wil­len „Spi­rit“ in et­wa mit dem „Hig­her Self“ ver­glei­chen, mit den Bemühun­gen die­ses Teils un­se­res Be­wußtseins, der ein Le­ben lang be­strebt ist, sich Gehör zu ver­schaf­fen und stets an un­se­re Tür klopft, da­mit wir auf­wa­chen. Ge­nau um die­se Kon­takt­auf­nah­me geht es in The Power of Si­lence: wie Spi­rit sich ma­ni­fes­tiert, an­klopft, es mit Tricks ver­sucht, oder wenn Spi­rit ei­ne win­zi­ge Lücke fin­det, sich nie­derläßt. Je­des Ka­pi­tel ist mit ei­ner ein­drück­li­chen Ge­schich­te aus Don Ju­ans Le­ben bestückt. Vor al­lem erfährt man in die­sem Buch auch ein we­nig von Don Ju­ans ei­ge­ner Wer­de­ge­schich­te als Zau­be­rer und Na­gu­al.5

9) The Art of Dre­a­ming, 260 S., Ele­ment 2004 [1993]. (dt: Die Kunst des Träum­ens)
Dies ist das ein­zi­ge Buch, wel­ches ich nicht kom­plett ge­le­sen ha­be. Da Ca­sta­ne­das Er­leb­nis­se in sei­nem Dre­a­ming-Zu­stand äußerst bi­zarr sind, hat­te ich es ir­gend­wann aus der Hand ge­legt, weil ich in mei­nem ei­ge­nen Er­le­ben kei­ne Re­fe­renz­punk­te fin­den konn­te. Wie in mei­ner Kurz­be­schrei­bung (s.o.) erwähnt, han­delt es sich nicht um ein Buch über Träume, son­dern um ei­ne Tech­nik und einen Er­fah­rungs­raum, den die Zau­be­rer „Dre­a­ming“ (das Träum­en) nann­ten. Über Tech­ni­ken, mit de­nen das lu­zi­de Träum­en ein­geübt wer­den kann, ist es ggf. möglich, einen win­zi­gen Ein­blick in Be­rei­che die­ser Art von Be­wußtseins­er­wei­te­rung, die­ses Er­leb­nis- und Er­kennt­niss­piel­raums, zu erah­nen.
In Ca­sta­ne­das vo­ri­gen Büchern wer­den ver­streut Tech­ni­ken, Wahr­neh­mun­gen und Re­sul­ta­te des Dre­a­ming ge­schil­dert. Zwar wird in Kurz­form auf es­sen­ti­el­le Be­rei­che der Leh­ren auch in The Art of Dre­a­ming ein­ge­gan­gen, doch mei­nes Er­ach­tens sind die­se Erläute­run­gen in ih­rer Kom­ple­xität nicht wirk­lich ver­steh­bar, wenn man die vo­ri­gen Bücher nicht ge­le­sen hat. Oh­ne die vo­ri­gen Bücher ge­le­sen zu ha­ben, wird man mit die­sem Buch ver­mut­lich nichts oder nur sehr we­nig an­fan­gen können. Und selbst wenn man glaubt, ein klein we­nig von den Tech­ni­ken und Zuständen des Dre­a­ming ver­stan­den zu ha­ben, bleibt die­ses Buch im­mer noch sehr rätsel­haft.
In­halt­lich be­schreibt Ca­sta­ne­da in The Art of Dre­a­ming Er­leb­nis­se und Be­geg­nun­gen, mit de­nen er bei der Ausübung des Dre­a­ming kon­fron­tiert wird. Am ehe­s­ten kann man die­se be­grei­fen als Er­leb­nis­se in an­de­ren Wel­ten als der uns­ri­gen – doch eben­so re­al. (Si­cher­lich ein fas­zi­nie­ren­des Buch, doch glei­cher­maßen auch verstörend.)

10) Ma­gi­cal Pas­ses: The Prac­ti­cal Wis­dom of the Sha­mans of An­cient Me­xi­co, 225 S., Har­per­Col­lins Pu­blis­hers 1998. (dt: Ten­se­gri­ty: Die ma­gi­schen Be­we­gun­gen der Zau­be­rer; auch als DVD)
Die­ses ist ein Pra­xis­buch. Nach vie­len Jah­ren der Bemühun­gen, Er­hel­lung über sei­ne Er­leb­nis­se der ver­schie­dens­ten Be­wußtseins­sta­di­en zu re­kon­stru­ie­ren und zu be­grei­fen, hat sich Ca­sta­ne­da ent­schie­den, einen we­sent­li­chen Teil der Übun­gen, die die Zau­be­rer prak­ti­zier­ten, zu veröffent­li­chen. Die­se Übun­gen wur­den zu­vor über Jahr­tau­sen­de aus­sch­ließlich den Schüle­rin­nen und Schülern der Zau­be­rer wei­ter­ge­ge­ben, darüber hin­aus wur­den sie ge­heim­ge­hal­ten. Ca­sta­ne­da hat sich vor al­lem des­halb für die Veröffent­li­chung die­ser Übun­gen ent­schie­den, weil er wußte, daß er der­je­ni­ge war, der die Zau­be­rer-Li­nie, wel­cher Don Ju­an zu­gehörig war, zu ei­nem En­de bringt. Er und sei­ne ei­ge­ne klei­ne Grup­pe wa­ren die letz­ten die­ser Li­nie, und Ca­sta­ne­da fiel die Auf­ga­be zu, „die Tür zu schließen“. Er war der An­sicht, daß er nicht das Recht hätte, solch wert­vol­les Wis­sen – ganz zu schwei­gen von den er­heb­li­chen po­si­ti­ven Wir­kun­gen die­ser Ener­gie-Übun­gen – wei­ter­hin ge­heim und so­mit der Welt vor­zuent­hal­ten.
Vor al­lem Ca­sta­ne­das Er­kennt­nis­se bezüglich des As­sembla­ge-Points (sie­he u.a. auch The Fi­re from Wi­thin) und des­sen Re­le­vanz für un­se­ren Wahr­neh­mungs­fo­kus so­wie die Ener­gie­ver­tei­lung in un­se­rem Körper ha­ben ihn da­zu ver­an­laßt, mit die­sem Wis­sen nach Außen zu ge­hen. Er war der An­sicht, daß je­der Mensch um die­se Zu­sam­menhänge wis­sen soll­te. Ca­sta­ne­da hat in den 1990er Jah­ren Grup­pen in die­ser „Kunst un­se­re Ener­gi­en um­zu­ver­tei­len“ un­ter­rich­tet. Die Übun­gen sind ausführ­lich er­klärt und mit zahl­rei­chen hilf­rei­chen Ab­bil­dun­gen ver­se­hen. Zum an­schau­li­chen Ver­ste­hen exis­tiert auch ei­ne DVD-Ver­si­on und mitt­ler­wei­le fin­det man Vi­deos auch auf You­Tu­be. (Da es sich hier­bei um ein Übungs-Buch han­delt, kann man es auch le­sen bzw. an­wen­den, oh­ne die vo­ri­gen Bücher zu ken­nen.)

11) The Wheel of Ti­me: The Sha­mans of An­cient Me­xi­co, Their Thoughts about Li­fe, Death and the Uni­ver­se, 290 S., Pocket Books 2001 [1998]. (dt: Das Rad der Zeit)
Die­ses Buch ist ei­ne Zu­sam­men­stel­lung von Zi­ta­ten von Don Ju­an aus Ca­sta­ne­das ers­ten acht Büchern. Nach den Zi­ta­ten ei­nes je­den Bu­ches gibt Ca­sta­ne­da einen Kom­men­tar zu den spe­zi­fi­schen Si­tua­tio­nen und Ge­ge­ben­hei­ten, in de­nen er sich je­weils be­fand. Vor al­lem wenn man Don Ju­ans Leh­re und Ca­sta­ne­das Bücher nicht kennt ist dies ein wun­der­vol­les Buch, einen klei­nen Ein­blick zu er­ha­schen. Es eig­net sich in sei­ner kon­zen­trier­ten Weis­heit wun­der­bar zum ver­schen­ken. (Es ist auch hier nicht nötig, die vo­ri­gen Bücher zu ken­nen.)

12) The Ac­ti­ve Si­de of In­fi­ni­ty, 272 S., Har­per Per­en­ni­al 2000 [1998]. (dt: Das Wir­ken der Un­end­lich­keit)
Auch die­ses Buch ist ei­ne klei­ne Be­son­der­heit und kann se­pa­rat ge­le­sen wer­den, oh­ne die vo­ri­gen Bücher von Ca­sta­ne­da zu ken­nen. Am bes­ten läßt es sich mit ei­nem Zi­tat aus der Ein­lei­tung be­schrei­ben:

Die­ses Buch ist ei­ne Zu­sam­men­stel­lung der denkwürdi­gen Er­eig­nis­se in mei­nem Le­ben. […]
Die Zu­sam­men­stel­lung denkwürdi­ger Er­eig­nis­se war für Don Ju­an und die Scha­ma­nen sei­ner Li­nie das Mit­tel, um un­ge­nutz­te Ener­gie um­zu­grup­pie­ren. Die Grund­vor­aus­set­zung, um die­se Samm­lung zu­sam­men­zu­stel­len war der auf­rich­ti­ge und al­les-um­fas­sen­de Akt, scho­nungs­los die Ge­samt­sum­me sämt­li­cher Emo­tio­nen und Er­kennt­nis­se zu­sam­men­zuführen, oh­ne auch nur ir­gen­det­was aus­zu­las­sen. Don Ju­an zu­fol­ge wa­ren die Scha­ma­nen sei­ner Li­nie da­von über­zeugt, daß die Samm­lung der denkwürdi­gen Er­eig­nis­se das not­wen­di­ge Me­di­um für die emo­tio­na­le und ener­ge­ti­sche An­pas­sung dar­stell­te, um sich – was die Wahr­neh­mung be­trifft – in das Un­be­kann­te vor­zu­wa­gen.
Don Ju­an be­schrieb das Ge­samt­ziel des scha­ma­ni­schen Wis­sens mit dem er um­ging als die Vor­be­rei­tung, um der de­fi­ni­ti­ven Rei­se ent­ge­gen­tre­ten zu können: die Rei­se, zu der je­des mensch­li­che We­sen am En­de sei­nes Le­bens auf­bre­chen muß. Er sag­te, durch ih­re Dis­zi­plin und Ent­schlos­sen­heit, sei­en Scha­ma­nen fähig, nach dem Tod de­ren in­di­vi­du­el­le Be­wußtheit (awa­ren­ess) und Ab­sicht bei­be­hal­ten zu können. Für sie be­zeich­ne­te je­nes va­ge idea­lis­ti­sche Sta­di­um, das mo­der­ne Men­schen „Le­ben nach dem Tod“ nen­nen, einen sehr kon­kre­ten Ort – gefüllt bis zum Rand mit prak­ti­schen Be­lan­gen ei­ner an­de­ren Ord­nung als die prak­ti­schen Be­lan­ge des tägli­chen Le­bens, doch mit ei­ner ähn­li­chen funk­tio­nel­len Prak­ti­ka­bi­lität. Don Ju­an mein­te, daß für Scha­ma­nen die Samm­lung der denkwürdi­gen Er­eig­nis­se ih­res Le­bens die Vor­be­rei­tung sei für de­ren Ein­tritt in je­nen spe­zi­fi­schen Ort, den die Zau­be­rer als die ak­ti­ve Sei­te der Un­end­lich­keit be­zeich­ne­ten.
(The Ac­ti­ve Si­de of Inif­ni­ty, S. 1 f., ei­ge­ne Über­set­zung)

Wenn man be­denkt, daß Ca­sta­ne­da sei­ne ei­ge­ne „de­fi­ni­ti­ve Rei­se“ 1998 an­ge­tre­ten hat, wun­dert es nicht, daß dies sein letz­tes Buch war.

sie­he auch die bei­den Bücher von zwei Schüle­rin­nen aus Ca­sta­ne­das Grup­pe:
Flo­rin­da Don­ner-Grau:
Traum­wa­che, 404 S., Hey­ne Eso­te­rik 1996 [1991]. (Buch)
Tais­ha Abe­lar:
Die Zau­be­rin, 288 S., Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag 1997 [1992]. (Buch)

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Fußnoten

  1. Kak­teen­pflan­ze, aus wel­cher ei­ne psy­cho­tro­pe Sub­stanz ge­won­nen und als ei­ne Art „Pil­le“ ver­ar­bei­tet wird (Mes­cal But­ton).
  2. Sie­he Ta­les of Power, S. 242 f.
  3. 1) Car­los Ca­sta­ne­da: The Te­a­chings of Don Ju­an. A Ya­qui-Way of Know­led­ge, Pen­guin Books 1976 [1968] (dt: Die Leh­ren des Don Ju­an). 2) Car­los Ca­sta­ne­da: Ei­ne an­de­re Wirk­lich­keit: Neue Ge­spräche mit Don Ju­an, Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag 1975 [1971] (engl: A Se­pa­ra­te Rea­li­ty).
  4. Die Grup­pe der Zau­be­rer, die Ca­sta­ne­da ge­lehrt ha­ben, ha­ben sich zeit­gleich trans­for­miert – was aus späte­ren Büchern er­sicht­lich wird.
  5. Hier un­ter an­de­rem: je­mand, der ei­ne Grup­pe von Zau­be­rern anführt. Ins­ge­samt ist das Na­gu­al-The­ma ein äußerst kom­ple­xer und we­sent­li­cher Be­stand­teil der Leh­ren der Zau­be­rer und gleich­falls ei­ne Ener­gie-Kon­fi­gu­ra­ti­on.