Im ewigen Jetzt unterwegs

23. Mai 2015 at 22:43

Träumen-Baby_SNIPWo bin ich im­mer nachts, daß ich mor­gens so tief­grei­fend des­ori­en­tiert bin? Dies gehört mit zum Be­wußtseinss­piel – viel­leicht ha­be ich in der Zeit, in der mein Körper schläft, gan­ze an­de­re Le­ben durch­lebt. Auch von all mei­nen an­de­ren In­kar­na­tio­nen brin­ge ich In­for­ma­tio­nen und Ein­drücke. Und wenn ich hier auf­wa­che, er­in­ne­re ich mit wie­der an die­ses Le­ben. Das ist es im we­sent­li­chen, ei­ne Er­in­ne­rung. Viel­leicht ist es dies ins­ge­samt und wir er­schaf­fen nicht wirk­lich et­was, son­dern er­in­nern nur je­weils all die Mo­men­te, die be­reits „ge­we­sen wa­ren“ im Ewi­gen Jetzt. Doch dann würde sich das Ewi­ge Jetzt nicht wei­ter­ent­wi­ckeln, wäre ein Star­res.

Der aller­größte Teil hängt mit un­se­rer Vor­stel­lungs­kraft zu­sam­men, wel­che Vor­stel­lun­gen und Ide­en aus mei­nen ak­tu­el­len Zu­sam­menhängen er­wach­sen. Und in dem Au­gen­blick, in dem ei­ne Vor­stel­lung „ge­dacht“ wird, be­steht sie be­reits im Ewi­gen Jetzt, als wäre sie im­mer schon dort ge­we­sen. Dann können wir uns er­in­nern an all die­se Bil­der, die wir doch selbst er­schaf­fen ha­ben, dann ha­ben wir ein Déjà-vu: Wir er­in­nern uns an ein Bild aus un­se­rer Vor­stel­lung.

Das „Körper­hop­ping“ – jetzt mal wahr­neh­mungs­tech­nisch be­trach­tet – wäre dann ge­nau ein Aus­druck hier­von: Ich wa­che mor­gens auf und er­in­ne­re mich, an wel­cher Stel­le die­ser Ge­schich­te ich „aus­ge­stie­gen“ bin, grad so als hätte ich vor mei­nem Schlaf ein Le­se­zei­chen hin­ter­las­sen, einen Mar­ker. Und dann keh­re ich mor­gens zurück oder viel­mehr er­in­ne­re ich mich in mei­nem natürli­chen Mul­ti-D-Trau­mer­le­ben an die­ses Le­ben und die­sen Körper, den mein Be­wußtsein hier un­terhält, und dann wa­che ich auf.

So­gut wie je­den Mor­gen ist es die­ses pa­ni­sche Rin­gen um Zeit und Ort – vor al­lem die Zeit: Wel­cher Tag ist heu­te? Wel­cher Mo­nat? Und manch­mal: In wel­chem Jahr­hun­dert? Ort geht schnel­ler, weil ich mei­ne Um­ge­bung se­hen kann. Trotz­dem be­schleicht mich bis­wei­len ein ei­gen­ar­ti­ges Gefühl der Fremd­ar­tig­keit, wenn es dar­um geht, wie­der hier „an­zu­kom­men“. Vor al­lem, wenn es dar­um geht, den ge­nau­en Tag zu be­stim­men, ro­tie­re ich am meis­ten; es ist im­mer ein Au­gen­blick der Pa­nik, mich an die kon­kre­ten Zu­sam­menhänge und „Pflich­ten“ wie­der zu ent­sin­nen. Denn das ist es, wor­an ich mich primär er­in­ne­re in die­sem Mo­ment: Wel­cher ist der nächs­te „Ter­min“, die nächs­te Ver­pflich­tung? Oder ha­be ich es schon ver­paßt? All die Din­ge des tägli­chen Le­bens sind Mar­ker, an die ich mich er­in­ne­re, wenn ich mich wie­der in die­ses Le­ben und sei­ne Zu­sam­menhänge hin­e­in­fo­kus­sie­re.

In die­sem kur­z­en Stru­del der Des­ori­en­tiert­heit könn­te es – wäre ich be­wußter in die­sem Au­gen­blick – ge­lin­gen, daß ich mich in einen an­de­ren „Er­in­ne­rungs­punkt“ die­ses ak­tu­el­len Le­bens ein­klin­ke. Mögli­cher­wei­se tu′ ich dies auch manch­mal. Oder an­dau­ernd? Denn so­bald ich mich „ein­ge­klinkt“ ha­be, ist der Fo­kus aus­sch­ließlich! Ich würde es da­her nicht ein­mal be­mer­ken, wenn ich an ei­nem an­de­ren Punkt die­ses Le­bens auf­wa­chen würde. Denn un­se­re Le­ben sind nur schein­bar kon­ti­nu­ier­lich, un­se­re li­nea­re Zeit ei­ne Il­lu­si­on, denn je­der Au­gen­blick steht für sich und bein­hal­tet den­noch die ge­sam­te Ge­schich­te. Von da­her könn­te man sa­gen: Ich wähle an die­sem „Pa­nik­punkt“ je­weils ei­ne ganz be­stimm­te Ge­schich­te mit ganz be­stimm­ten Auf­ga­ben.

Was man ei­gent­lich wählt oder wor­an man sich viel­leicht auf ei­ner tiefe­ren Be­wußtseins­schicht er­in­nert, wenn man sein Be­wußtsein wie­der auf spe­zi­fi­sche Le­ben und Ge­ge­ben­hei­ten lenkt, ist mögli­cher­wei­se all­ge­mein der größere Le­bens­zu­sam­men­hang, den man sich aus­ge­sucht hat: die „Auf­ga­be“ – be­stimm­te Fra­gen, die man mit ei­ner In­kar­na­ti­on durch das je­wei­li­ge Er­le­ben er­kun­den möchte. Und in­dem ich mich an die­se Auf­ga­be er­in­ne­re, zieht mich die­se in das je­wei­li­ge Le­ben.

Nach wie vor ist es be­stau­nens­wert, mit wel­cher Aus­sch­ließlich­keit wir uns je­weils auf ein be­stimm­tes Le­ben und be­stimm­te Zu­sam­menhänge fo­kus­sie­ren können. Un­se­re Er­in­ne­rungsfet­zen kris­tal­li­sie­ren sich vor un­se­ren Au­gen zu ei­ner uns ver­trau­ten phy­si­schen Welt. Das ist ei­ne enor­me Leis­tung, wenn man be­denkt, daß es kei­ne Kon­ti­nuität gibt. Wir sind der­art tief in un­se­re Le­bens­zu­sam­menhänge fo­kus­siert, daß wir ei­ner­seits die win­zigs­ten Verände­run­gen be­trach­ten können, doch zeit­gleich nicht be­mer­ken, daß je­der Au­gen­blick Aber­mil­lio­nen sol­cher winz­haf­ten Verände­run­gen bein­hal­tet. Nur die­se Form der Igno­ranz be­wirkt un­ser Emp­fin­den von Kon­ti­nuität.

Schlaf-Fingerzeig_SNIPAuf­grund all die­ser Zu­sam­menhänge können Abra­ham1 sa­gen: Wir wa­chen im sel­ben psy­chi­schen Zu­stand mor­gens auf, in dem wir abends schla­fen ge­gan­gen sind. Denn während wir schla­fen, fo­kus­sie­ren wir un­ser Be­wußtsein an­ders­wo, sind nicht an­we­send in un­se­rem All­tags­fo­kus. Doch „Wer oder was behütet un­se­ren Schlaf?“, könn­te man sich fra­gen. Ich würde sa­gen, es ist das Ego: je­ner Teil un­se­res kom­ple­xen Be­wußtseins, der primär dafür ver­ant­wort­lich ist, daß die­ser Körper am Le­ben bleibt, denn das Ego ist eng an un­se­ren Körper ge­bun­den. Das Ego weiß nichts von all dem „mys­ti­schen“ Kram, es ist voll­kom­men prag­ma­tisch mit die­ser Auf­ga­be in un­se­ren Körper in­te­griert. Da aber un­ser persönli­ches Be­wußtsein den primären Fo­kus all un­se­rer ver­schie­de­nen Le­ben und Le­bens­zu­sam­menhänge stellt, und sich hin­e­in­fo­kus­siert in einen be­stimm­ten Körper oder Zu­sam­men­hang, steht der Körper zeit­gleich mit ver­schie­de­nen Aspek­ten des Be­wußtseins in Ver­bin­dung. So ge­se­hen bil­det das Ego gleich­falls einen Aspekt des Be­wußtseins. Dies kann ja auch gar­nicht an­ders sein, denn al­les exis­tiert im Be­wußtsein und gehört zu den zahl­rei­chen Möglich­kei­ten des Aus­drucks.

Wären wir zu lan­ge fort mit un­se­rem Primärfo­kus auf ein be­stimm­tes Le­ben, so ge­rie­te der Körper in Ge­fahr, dann fal­len wir viel­leicht in ei­ne Art Ko­ma. Das ist in­ter­essant, denn viel­leicht ist ein Ko­ma ver­gleich­bar mit mei­nem „Pa­nik­punkt“ mor­gens: würde ich in die­sem Au­gen­blick ei­ne an­de­re Ent­schei­dung tref­fen, wo ich „auf­wa­che“, so könn­te ei­ne Le­bens­li­nie an die­sem Punkt zu En­de ge­hen, denn mein Be­wußtsein würde an die­ser Stel­le den Fo­kus auf die­ses Le­ben „auf­ge­ben“. Und ge­nau das pas­siert, wenn je­mand aus ei­nem Ko­ma nicht mehr auf­wacht. Es ist im­mer ei­ne Ent­schei­dung – ei­ne Ent­schei­dung, die im Be­wußtsein ge­trof­fen wird, nicht im Körper. Körper und Ego und un­se­re je­wei­li­gen Le­bens­zu­sam­menhänge sind nur „Er­in­ne­rungs­punk­te“. Täglich bzw. in je­dem Au­gen­blick ent­schei­de ich mich qua­si er­neut dafür, einen Le­bens­strang fort­zu­set­zen oder eben auch nicht. Ich den­ke zum Bei­spiel an mei­nen Freund T., der ein­fach aus sei­nem übli­chen Mit­tags­schläfchen nicht mehr zurück­ge­kehrt ist. So leicht und ein­fach ist es: Das Be­wußtsein ent­schei­det sich für an­de­re Sze­na­ri­en, Aus­drucks­for­men und Zu­sam­menhänge.

Wie wun­der­bar es sein muß, im vol­len Ta­ges-Be­wußtsein der­lei Ent­schei­dun­gen zu tref­fen und auf die­se Wei­se sei­ne Ge­schi­cke zu len­ken. Dies ist, was sehr hoch­ent­wi­ckel­te Scha­ma­nen können. Sie benöti­gen kei­nen Schlaf, sind im­mer geis­tig wach und fo­kus­siert, wis­sen um ih­re je­wei­li­gen Zu­sam­menhänge. Das ist der Grund, wes­halb Don Ju­an2 oder Sa­ba­zi­us3 sa­gen können: Soll­te mich et­was be­dro­hen, so bin ich mit dem nächs­ten Wim­pern­schlag be­reits an­ders­wo. Denn was die­se Men­schen ge­lernt ha­ben ist, ihr persönli­ches Be­wußtsein mit dem Ta­ges­be­wußtsein zu ver­bin­den und können ih­ren Fo­kus ab­sichts­voll verändern. Da­her un­ter­zie­hen sie sich all die­sen Übun­gen und ma­chen sich ver­traut mit wei­te­ren Be­rei­chen der Be­wußtseins­fo­kus­sie­rung. Das „spi­ri­tu­el­le Rei­sen“4 ist der we­sent­li­che Aus­gangs­punkt hierfür. So ha­ben sie zum Bei­spiel auch trai­niert, sich mit Leich­tig­keit an einen be­stimm­ten Ort ih­rer Wahl zu fo­kus­sie­ren. Sie müssen nicht mehr nach­den­ken über Pro­zes­se oder Schrit­te, die sie hierfür un­ter­neh­men müßten: Sie sind di­rekt ver­bun­den mit dem in­ne­ren Wil­len, worüber sie die­sen Fo­kus steu­ern.

Das­sel­be ge­lang auch ei­ner Frau,5 die zu Ca­sta­ne­das Grup­pe gehörte: Sie tran­szen­dier­te sich kom­plett ins Nicht­phy­si­sche mit der Grup­pe von Don Ju­an; doch ei­ni­ge Jah­re später fo­kus­sier­te sich wie­der auf das „vor­ma­li­ge“ 3D-Le­ben und tauch­te un­ver­se­hens wie­der auf. Sie „er­in­ner­te“ sich dar­an, könn­te man sa­gen. Und durch die­ses Er­in­nern so­wie ih­ren ent­schlos­se­nen Fo­kus war sie in der La­ge, sich wie­der körper­lich und zeit­lich in die­se Ti­me­li­ne ein­zu­klin­ken. Sehr fas­zi­nie­rend und ei­ne un­ge­heu­er­li­che Er­rei­chung.

Ach wären wir doch nicht so schwerfällig und geis­tig be­weg­li­cher! Wir kle­ben zu sehr an der Vor­stel­lung, das Körper­li­che und die Körper würden das Le­ben be­stim­men, da­bei ist dies nur ei­ne äußerst kon­zen­trier­te Form, un­ser Be­wußtsein zu fo­kus­sie­ren.

(Spax 23.5.15)

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Fußnoten

  1. Abra­ham ist ei­ne von Esther Hicks gechan­nel­te nicht­phy­si­sche En­tität.
  2. Spi­ri­tu­el­ler Leh­rer von Ca­sta­ne­da. (sie­he auch In­spi­ra­ti­on: Bücher)
  3. Spi­ri­tu­el­ler Leh­rer aus: Dou­glas Lock­hart, Wer den Wind rei­tet.
  4. Sie­he auch Le­xi­kon: lu­zi­des Träum­en.
  5. In die­sem Fall: ei­ne Na­gu­al­frau. (sie­he Le­xi­kon: Na­gu­al)