Ich weiß etwas, was du nicht weißt

14. Mai 2015 at 22:51

Bücher-traurig_SNIP-1Ges­tern ha­be ich mir noch­mal die „Wing­ma­ker“ im Netz an­ge­schaut, weil die­ser Be­griff mir auf ei­nem Text vom letz­ten Jahr auf­ge­fal­len war. Jetzt weiß ich auch wie­der, wes­halb ich die­se Li­nie nicht wei­ter ver­folgt ha­be: Weil ich all die­se Ge­heim­nis­tue­rei nicht mag, all die­se „Ge­heim­ge­sell­schaf­ten“. Und was ich gleich­falls nicht mag, das sind all die­se hier­ar­chi­schen Struk­tu­ren, ins­be­son­de­re, wenn es ein­her­geht mit „Wis­sens­ver­heim­li­chung“ – ge­gen so­was bin ich to­tal all­er­gisch. Laß doch die Leu­te wis­sen, was sie möchten! Soll doch je­der mit dem Wis­sen sich auf sei­ne ei­ge­ne Wei­se wei­ter­ent­wi­ckeln und wei­ter­bil­den. Aber zu sa­gen: Du be­kommst einen be­stimm­ten Teil des Wis­sens nicht, weil du ent­we­der es nicht ver­stehst (wie ar­ro­gant das ist!) oder ich befürch­te, du könn­test es – viel­leicht aus dei­nem Un­wis­sen her­aus – falsch ver­wen­den (was ei­ne un­verschämte Un­ter­stel­lung ist), das fin­de ich un­ge­heu­er­lich.

Wer hat je­mals einen Scha­den da­von, wenn Wis­sen wei­ter­ge­ge­ben wird?! Der A. E. Wai­te, Ent­wick­ler des Wai­te-Ta­rot-Decks, hat all sein um­fang­rei­ches Wis­sen und all sei­ne Er­kennt­nis­se in zahl­rei­chen Büchern veröffent­licht, für je­den zugäng­lich. Und ge­nau so ist es recht und rich­tig, denn je­der kann für sich dann wählen und ent­schei­den, ob er die­ses Wis­sen nut­zen mag oder nicht. Es ist ja oh­ne­hin so, daß sich ver­mut­lich nur die­je­ni­gen hier­von an­ge­zo­gen fühlen, die da­mit auch in ir­gend­ei­ner Wei­se et­was an­fan­gen können. Aber zu sa­gen „Ich ent­hal­te dir einen Teil mei­nes Wis­sens vor, weil du es nicht ver­stehst oder et­was dar­aus ma­chen könn­test, was nicht in mei­nem Sin­ne wäre“, das ist Kon­trol­le pur. Es ist ar­ro­gant bis zum An­schlag und sagt dem Rest der Welt, dem „Fußvolk“, daß ich eben durch die­ses Mehr an Wis­sen al­len an­de­ren über­le­gen bin.

Wenn ich so­was schon le­se: „Fünf­zehn“! „Fünf­zehn“ ist der Gu­ru, der Kai­ser in der Hier­ar­chie der Wing­ma­ker, ei­ne „ge­heim­nis­vol­le Emi­nenz“ im Hin­ter­grund. Na toll! Bleib mir vom Leib mit solch ei­nem Quatsch! Das hat­ten wir nun wahr­lich lan­ge ge­nug. Und kei­ne ein­zi­ge Idee oder „Ge­heim­ge­sell­schaft“ kann so atem­be­rau­bend sein, daß sie es wert ist, ihr bei­zu­tre­ten und ich hierfür mein ei­ge­nes Den­ken an den Na­gel hänge.

Zu die­sem The­ma gehört eben­so, daß es natürlich – wie kann es auch an­ders sein – in ei­ner hier­ar­chi­schen Struk­tur und bei Leu­ten, die stets ge­gen et­was an­ge­hen mit all ih­rer Heim­lich­tue­rei, es einen „Wi­der­sa­cher“ gibt. Natürlich muß es die­sen ge­ben, denn sonst tät das gan­ze hoh­le Gebäude ja in sich zu­sam­men­fal­len. Es ist das­sel­be Spiel der Angst, wel­ches über­all ge­spielt wird. Es wird kei­nes­wegs bes­ser da­durch, wenn ich mein ei­ge­nes klei­nes „Ge­gen-Gebäude“ auf ex­akt die­sel­be Art auf­baue, wie das­je­ni­ge, ge­gen das ich an­ge­he. Es kann ja auch nicht an­ders sein, denn sie gehören ja bei­de zur sel­ben Struk­tur, bil­den die bei­den Sei­te der­sel­ben Schwin­gungs-Me­dail­le.

Ich weiß gar­nicht, wer über­haupt da­mit an­ge­fan­gen hat, die­se Art Struk­tur zu in­stal­lie­ren. Es ist ja wirk­lich und wahr­haf­tig so: Der Weg zur Hölle ist ge­pflas­tert mit gu­ten Ab­sich­ten.1 Denn in dem gu­ten Glau­ben und der gu­ten Ab­sicht, selbst et­was be­grif­fen zu ha­ben, geht je­der (für sich) da­von aus, daß dies für al­le an­de­ren eben­so gel­te. Doch wenn ich über­haupt et­was be­grif­fen ha­be in mei­nem Le­ben, dann ist es dies: Ei­ne Er­kennt­nis ist und bleibt mei­ne Er­kennt­nis, ich kann sie unmöglich auf an­de­re übert­ra­gen. Denn so­bald ich dies tu′, ge­he ich da­von aus, daß je­der an­de­re ge­nau­so funk­tio­niert wie ich selbst und die­sel­ben Ge­dan­ken, Emp­fin­dun­gen und Zie­le hat wie ich. Das ist ver­mes­sen. Selbst wenn ein An­de­rer zur sel­ben Er­kennt­nis ge­lan­gen mag, so ge­langt er auf sei­nem ganz ei­ge­nen Weg dort­hin. In­dem ich ei­nem An­de­ren aber mei­nen Weg vor­schrei­be oder auf­zwin­ge, ver­hin­de­re ich des­sen ei­ge­ne Ent­wick­lung und spre­che ihm sei­ne ei­ge­ne Er­kennt­nisfähig­keit ab.

Wen kümmert es denn, wenn ich ei­nem Na­tur­menschen einen Fern­se­her vor die Na­se stel­le oder ei­ne Su­per­zi­vi­li­sa­ti­on dem Höhlen­menschen ei­ne Zeit­ma­schi­ne oder sonst­was präsen­tiert oder ggf. tol­le Le­bens­phi­lo­so­phien de­kla­riert wer­den? Der Na­tur­mensch wird die­ses Gerät oder die Ide­en auf eben je­ne Wei­se ver­wen­den, die für ihn selbst re­le­vant ist oder wahl­wei­se all die­se „Wun­der­din­ge“ links lie­gen las­sen, eben weil er über­haupt kei­ne Ver­wen­dung dafür hat. Aber bei­de Möglich­kei­ten ge­ben kei­ne Grund­la­ge dafür, das Wis­sen vor­zuent­hal­ten. Und am al­ler­we­nigs­ten dann, wenn je­mand dar­um bit­tet, wenn er ver­ste­hen möchte – ganz gleich in wel­chen Zu­sam­menhängen! Wenn das Mädel aus dem Buch von Eli­sa­beth Haich2 die Aus­bil­dung als Pries­te­rin ma­chen will, warum denn nicht? Sie wur­de auf mögli­che Fol­gen hin­ge­wie­sen, woll­te es aber trotz­dem ger­ne und hat dann die Er­fah­rung ge­macht. Wer will denn ei­nem an­de­ren des­sen Er­fah­run­gen ab­spre­chen?! Ei­ne Er­fah­rung ist ei­ne Er­fah­rung, ganz gleich, wie ich sie be­wer­ten mag. Und al­lem vor­an: Je­de ein­zel­ne Er­fah­rung birgt Er­kennt­nis­se in sich; und ge­nau­ge­nom­men ge­hen die so­ge­nann­ten „ne­ga­ti­ven“ Er­fah­run­gen oder Er­kennt­nis­se weit mehr in die Tie­fe.

Geheimnisvoll-Schatten_SNIPDie Al­ter­na­ti­ve, die mir durch ei­ne Wis­sens­ver­wei­ge­rung ge­bo­ten wird, ist doch das Ver­har­ren auf ei­ner gleich­blei­ben­den Ebe­ne, auf der sich nichts be­wegt. Hier­durch wird Ent­wick­lung ver­hin­dert, die durch die Aus­ein­an­der­set­zung mit neu­en Ide­en und Aspek­ten möglich wäre.

Und zeit­gleich wer­den je­de Men­ge Leu­te an ein be­stimm­tes Sys­tem ge­bun­den durch das Hier­ar­chi­sche: die „Un­te­ren“ bli­cken zu den „Obe­ren“ auf, da die „Obe­ren“ of­fen­bar noch mehr Wis­sen ha­ben, an das die „Un­te­ren“ nur ge­lan­gen können, wenn die „Obe­ren“ ge­neigt sind, ein nächs­tes Wis­sens­bröck­chen preis­zu­ge­ben. Grau-en-voll ist das. Wie Bett­ler sit­zen die Wis­sens­durs­ti­gen an ei­nem sol­chen Tisch und war­ten auf die nächs­te Kru­me, die her­abfällt. Durch die­ses Ver­hal­ten ge­ben sie den „Obe­ren“ die Macht über de­ren ei­ge­nes Le­ben be­stim­men zu können. Nur auf die­se ge­gen­sei­ti­ge Abhängig­keit ge­gründet können der­lei Sys­te­me funk­tio­nie­ren. Denn kei­ner der „Obe­ren“ sagt je: „Geh hin und ma­che dei­ne ei­ge­nen Er­fah­run­gen, er­lan­ge dei­ne ei­ge­nen Er­kennt­nis­se“, denn dann hätten sie ja die­se kon­trol­lie­ren­de Macht­funk­ti­on nicht mehr. De­ren „Wis­sen“ ist nur et­was wert, so­lan­ge sie es an­de­ren vor­ent­hal­ten und hier­durch an­de­re an sich bin­den. Würde je­der ein­zel­ne los­zie­hen, sei­ne ei­ge­nen Er­fah­run­gen zu ma­chen, an sei­ne ei­ge­ne Fähig­keit des Er­kennt­nis­ge­win­nes glau­ben und dar­an, selbst zu den­ken, es würde kei­ne „Obe­ren“ mehr ge­ben, denn die „Un­te­ren“ würden an­fan­gen, das so­ge­nann­te Wis­sen der „Obe­ren“ in Fra­ge zu stel­len.

Ich muß sa­gen, da lie­be ich Ro­xie,3 die ganz ge­nau­so ve­he­ment ist in die­sem Punkt wie ich: Wis­sen darf nichts kos­ten bzw. soll­te frei zugäng­lich für al­le sein. Ganz be­son­ders auch aus die­sem Grund be­grüße ich z.B. die Crea­ti­ve-Com­mons-Be­we­gung. Un­se­re Ge­dan­ken und Ide­en sind doch ein zau­ber­haf­ter Spiel­platz – um nicht zu sa­gen: die Platt­form auf der wir uns wei­ter­ent­wi­ckeln.

„Wis­sen ist Macht“, ei­ner­seits in dem Zu­sam­men­hang, wenn es vor­ent­hal­ten wird und folg­lich der Wis­sen­de Macht er­langt über an­de­re, die er ab­sicht­lich im Un­wis­sen hält und hier­durch kon­trol­lie­ren kann; oder wenn ich mir selbst Wis­sen an­eig­ne, er­lan­ge ich Macht über mich selbst. Doch wenn ich Macht über mich selbst er­langt ha­be, ist es nicht nötig, jeg­li­ches Wis­sen, wel­ches hier­mit zu­sam­menhängen mag, ei­nem an­de­ren vor­zuent­hal­ten. Denn je­mand, der Macht über sich selbst er­langt hat, fürch­tet nichts und hat den Wunsch, daß je­der an­de­re eben­falls wach­sen darf und möchte dies un­terstützen. Für je­man­den, der Macht über sich selbst er­langt hat, gibt es nie­mals einen Grund, Wis­sen, das er hat, zu ver­heim­li­chen oder vor­zuent­hal­ten.

„Nichts wis­sen macht auch nichts“  😉  Die­ser al­te Spon­ti­spruch fällt mir eben­falls hier­zu ein. Er bringt so­fort Leich­tig­keit in die An­ge­le­gen­heit: Wenn es auch er­laubt ist, „nichts zu wis­sen“, so wer­de ich frei, mei­ne ei­ge­nen Er­fah­run­gen zu ma­chen, an­statt ir­gend­ei­nem Sta­tus Quo hin­ter­her­zu­lau­fen, der mei­nen Fo­kus vom We­sent­li­chen ab­lenkt: mei­ner ei­ge­nen Ent­wick­lung durch mei­ne ei­ge­nen Er­fah­run­gen und hier­durch das Er­lan­gen von ei­ge­nem Wis­sen.

Wir ver­bin­den ja „Wis­sen“ so­wie­so viel zu sehr mit un­se­rem Kopf­den­ken. Darüber geht uns viel­leicht die tiefs­te Möglich­keit Er­kennt­nis zu er­lan­gen ver­lus­tig: durch das di­rek­te Er­le­ben, wel­ches im­mer ge­paart ist mit un­se­rem Körperwis­sen.

Das Wis­sen fin­det dich, du mußt es nicht su­chen ge­hen.

(Spax 14.5.15)

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Fußnoten

  1. Ach, ich se­he ge­ra­de, das Zi­tat heißt ein we­nig an­ders: Der Weg zur Hölle ist mit gu­ten Vorsätzen ge­pflas­tert, nicht mit schlech­ten. Al­le Men­schen ha­ben gu­te Ab­sich­ten. (Ge­or­ge Ber­nard Shaw: Das war Ber­nard Shaw, hg. v. Wil­helm Don Ho­fer, www.zi­ta­te-apho­ris­men.de, be­sucht am 14.05.15) Doch mei­ne Va­ri­an­te gefällt mir den­noch bes­ser.
  2. Eli­sa­beth Haich: Ein­wei­hung, Gold­mann 1990; sie­he Bücher.
  3. Ro­xie ist ein Open Chan­nel und chan­nelt ver­schie­de­ne We­sen­hei­ten.