Ich schreibe, also bin ich

1. Mai 2015 at 01:37

Schreiben-Kaffee_SNIPWas soll es nützen, wenn ich mich schon wie­der we­gen mei­nem Auf­ste­hen gräme? Ah, das ist auch et­was, was mir die Sei­ten1 ge­ben: einen Fo­kus auf mein ödes Ge­jam­me­re. Ich bin es nämlich so leid, im­mer das­sel­be Ge­jam­mer über im­mer die­sel­ben Din­ge hier auf mei­nen Sei­ten zu fin­den. Die Sei­ten sind ein her­vor­ra­gen­der Spie­gel. Und eben durch die­sen Spie­gel ge­lan­ge ich dann ins Han­deln – ein­fach weil ich mein ödes Ge­jam­me­re über im­mer die­sel­be Sa­che zum Bei­spiel nicht mehr hören kann. Die Mor­gen­sei­ten set­zen Ener­gi­en frei. Denn weil man ir­gend­wann sei­ne ei­ge­ne Lei­er nicht mehr hören mag, kann man sei­ne Hand­lungs- und Denk­mus­ter verändern.

Ich ha­be zu K. ge­sagt „das Schrei­ben zeigt mir, was ich den­ke“ bzw. „würd ich nicht schrei­ben, wüßt ich gar­nicht, was ich den­ke“. Und das stimmt, denn der gan­ze Ge­dan­ken­wust läuft zu 90 % un­be­wußt ab. Wir neh­men et­was wahr – ganz gleich was – und die­ses Wahr­ge­nom­me­ne regt einen Ge­dan­ken in mir an. Die­ser Pro­zeß läuft to­tal un­be­wußt ab. Da­her sa­ge ich: Ich weiß nicht, was ich den­ke, würd ich nicht schrei­ben. Das Schrei­ben zeigt mir die­se Zu­sam­menhänge und Pro­zes­se auf. Und es ist zeit­gleich ein „Müll­ei­mer“, denn so­bald ich et­was aus­for­mu­liert ha­be, ist es mir be­wußt. Über die­sen Pro­zeß kann ich er­ken­nen, wie ich funk­tio­nie­re, wie mei­ne Ge­dan­ken- und Hand­lungs­pro­zes­se ab­lau­fen und was sich al­les an un­ver­dau­tem Wust in mei­nen Ge­dan­ken fin­det. In­dem ich es auf­schrei­be, kre­ie­re ich die­sen Spie­gel und le­ge al­les sicht­bar auf dem Pa­pier ab; und wenn ich es se­hen kann, kann ich es er­ken­nen und durch das Er­ken­nen ist es qua­si raus aus mei­nem Sys­tem – ich bin dann kein Skla­ve mehr all mei­ner un­be­wußten Ge­dan­ken­pro­zes­se.

Durch das Er­ken­nen die­ser Zu­sam­menhänge, bin ich dann in der La­ge, et­was zu ändern. Wenn ich se­hen kann, wel­che Denk­pro­zes­se mei­ne Wahr­neh­mung an­regt, wer­de ich viel­leicht bes­ser dar­auf ach­ten, wie ich mei­ne Wahr­neh­mung steue­re und kann ak­tiv hier­auf Ein­fluß neh­men. Denn es sind nie die Din­ge „an sich“, die einen ne­ga­ti­ven oder po­si­ti­ven Denk­pro­zeß ein­lei­ten, son­dern mei­ne Wahr­neh­mungs­ge­wohn­heit. Doch weil dies ins­ge­samt ein Pro­zeß ist, der voll­kom­men au­to­ma­ti­siert ist, nimmt man ihn nicht wahr und un­ter­liegt dem Glau­ben, die „Rea­lität“ und mei­ne Re­ak­tio­nen in ihr sei­en et­was „fest­ge­leg­tes“, et­was, wor­auf ich kei­nen Ein­fluß hätte – eben weil die­ser Pro­zeß uns so un­be­wußt in Fleisch und Blut über­ge­gan­gen ist: Wahr­neh­mung = Rea­lität; Wahr­neh­mung er­zeugt mei­nen Ge­dan­ken­pro­zeß und löst Emp­fin­dun­gen aus.

Das ist, was der McKen­na2 als „Au­to­ly­se“ be­zeich­net, als „Selbst­ver­dau­ung“, die durch den Schreib­pro­zeß an­ge­regt wird. Die Psy­cho­ana­ly­se oder sonst­wel­che The­ra­pi­en set­zen im­mer nur bei den Aus­wir­kun­gen die­ses Pro­zes­ses an. Sie sind ein Spiel mit den Be­find­lich­kei­ten, mit all den Din­gen, die ich ge­lernt ha­be für „wahr“ zu hal­ten und den Aus­wir­kun­gen, die die­se Art des Den­kens pro­du­ziert. Wir sind Ge­fan­ge­ne die­ses Me­cha­nis­mus. Doch kei­ne The­ra­pie hat das Be­stre­ben, das ei­gent­li­che Ge­heim­nis auf­zu­de­cken: die Ent­ste­hung un­se­rer Rea­litäts­emp­fin­dung durch das Set­zen un­se­res Fo­kus­ses, wo­durch mei­ne Wahr­neh­mung ent­steht, wel­che zeit­gleich einen Denk­pro­zeß in Gang setzt. Jeg­li­che The­ra­pie­form ist ein Her­u­mo­pe­rie­ren an und mit der Zweit­per­sön­lich­keit, wel­che aus­sch­ließlich die selbst er­zeug­ten Be­find­lich­kei­ten für re­al hält.

Zweitpers-1_SNIPUnd warum ist dies so? Weil all un­se­re The­ra­pie­for­men gleich­falls auf der­sel­ben Ba­sis ge­gründet sind wie die Zweit­persönlich­keit und nicht da­zu die­nen können, das „falsche Selbst“ auf­zulösen, son­dern an­ge­legt sind, uns als „Op­fer“ von ir­gen­det­was zu de­fi­nie­ren. Und wenn man ein Op­fer ist, gibt es auf der an­de­ren Sei­te die „Täter“, die uns zu den ar­men Op­fern ge­macht ha­ben: die El­tern, die Er­zie­hung, die Ge­sell­schaft, „böse“ Men­schen etc. Wir wen­den enor­me Ener­gie­men­gen dafür auf, an­de­ren Men­schen, den so­ge­nann­ten Umständen oder Er­zie­hungs­pro­zes­sen ei­ne Schuld zu­zu­wei­sen. Es wird nicht ge­se­hen, daß je­der zu je­der Zeit selbst ver­ant­wort­lich ist, weil er je­der­zeit in der La­ge ist, sei­nen Fo­kus und da­mit sei­ne Wahr­neh­mung zu verändern und auf die­se Wei­se die ei­ge­nen Denk-, Gefühls- und Er­fah­rungs­pro­zes­se zu steu­ern.

Auch wird nicht ge­se­hen, daß „Op­fer“ wie „Täter“ zwei Sei­ten der­sel­ben Schwin­gungs­me­dail­le sind. Und des­halb ist der Aus­druck „Selbst­ver­dau­ung“ (Au­to­ly­se) gut, weil hier­durch all die­se hin­ter­gründi­gen Pro­zes­se zu­ta­ge gefördert wer­den, so­bald ich mich durch den Berg von Be­find­lich­kei­ten gewühlt ha­be und schlußend­lich er­ken­ne: All dies kre­ie­re ich selbst. Ich, ganz al­lei­ne. Und zwar durch mei­ne Ent­schei­dung, mei­nen Fo­kus auf be­stimm­te Din­ge zu le­gen. Das ist, was uns nie­mand sagt, da­her ist es nicht be­wußt: daß wir stets in der La­ge sind, un­se­ren Wahr­neh­mungs­fo­kus selbst zu steu­ern. Falls es sich wirk­lich und wahr­haf­tig lohnt, et­was zu üben, so ist es dies al­lei­ne: auf­merk­sam dar­auf zu sein, wie ich mei­nen Fo­kus steue­re und wor­auf ich mei­ne Wahr­neh­mung le­ge.

Das, was McKen­na „Ma­ya“ nennt, die Il­lu­si­on, ist qua­si die Kern­struk­tur der Zweit­per­sön­lich­keit, wel­che ge­lernt hat, um ih­re ei­ge­ne Exis­tenz zu kämp­fen. Sie lie­fert uns stets all die Be­gründun­gen dafür, wes­halb wir uns nicht ändern könn­ten und dies auch nicht soll­ten. Die Zweit­persönlich­keit setzt sich aus­sch­ließlich aus all un­se­ren Denk­ge­wohn­hei­ten und Glau­bens­grundsätzen zu­sam­men, sie ist ein Kunst­pro­dukt, das wir für uns selbst und für wahr hal­ten. Wenn man das Schrei­ben nicht zu Hil­fe neh­men möchte bei der De­kon­struk­ti­on der Zweit­persönlich­keit, so vermögen dies auch „Hand­lun­gen, die kei­nen Sinn er­ge­ben“. Denn hier­durch wer­den ver­krus­te­te Mus­ter erschüttert und an­de­re Be­rei­che un­se­res Be­wußtseins an­ge­regt, die je älter wir wer­den und je länger wir uns die­se falsche Persönlich­keit an­trai­niert ha­ben, de­sto tiefer ver­gra­ben sind. Al­les, was nicht da­zu an­ge­tan ist, mei­ne übli­chen All­tags­mus­ter zu stärken, wei­ter zu ver­fes­ti­gen und end­los zu wie­der­ho­len, hat die in­ne­woh­nen­de Kraft, einen Keil zu trei­ben in das fes­te Ge­wohn­heits­gefüge: in der Re­gel al­le Hand­lun­gen, die nicht primär da­zu die­nen, einen un­mit­tel­ba­ren Zweck zu erfüllen. „Wenn ihr nicht wer­det wie die Kin­der“ – oh ja.

Dies ist das Rin­gen: Wei­te­re und im­mer noch fei­ne­re Wi­der­ha­ken und Über­lis­tungs­pro­zes­se der Struk­tur un­se­rer Zweit­persönlich­keit auf­zu­de­cken. Denn auch im auf­ge­wach­ten Zu­stand agiert man wei­ter­hin in die­ser Welt, und die Ten­denz, uns wie­der in Be­find­lich­kei­ten oder au­to­ma­ti­sier­ten Re­ak­tio­nen zu be­we­gen bleibt be­ste­hen, so­lan­ge wir uns in die­ser Welt aus­drücken. Es wird leich­ter wer­den, so­bald die kol­lek­ti­ven Struk­tu­ren be­gin­nen, ih­re star­re Krus­te zu ver­lie­ren. Viel­leicht wird es auch nicht leich­ter, denn ein es­sen­ti­el­ler An­teil der Zweit­persönlich­keit ist der Wunsch nach Be­quem­lich­keit und so­mit: Trägheit, die sich vor al­lem im Den­ken breit­macht. Denn wenn ich zu­frie­den bin, gibt es kei­ne Not­wen­dig­keit mehr, et­was zu verändern.

(Spax 1.5.15)

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Fußnoten

  1. Sei­ten = Mor­gen­sei­ten.
  2. Sie­he Bücher: McKen­na.