Ich bin wichtig

23. März 2015 at 17:29

Meditation-1_SNIPPINGOcy­phi­us war gut in dem Vi­deo „Turn­coat“,1 es ging ums Ego: daß wenn man es gezähmt hat oder des­sen Me­cha­nis­mus er­kannt hat, das Ego so­zu­sa­gen die Sei­ten wech­selt und nicht mehr so of­fen­sicht­lich „ge­gen“ einen ar­bei­tet, son­dern mit ei­nem. Aber ei­gent­lich ist dies un­er­heb­lich; denn so­lan­ge die Leu­te nicht be­grei­fen, daß das, was sie für ih­re ur­ei­gens­te Persönlich­keit hal­ten, ihr Ego ist – ei­ne an­trai­nier­te Struk­tur –, wer­den sie ihr Ego auch nicht um­for­men oder ändern können. Die Men­schen glau­ben im­mer, daß sie et­was be­stimm­tes tun müßten, um „mehr“ oder an­ders zu wer­den oder „wei­ter­zu­kom­men“, doch nichts der­glei­chen ist der Fall. Man muß le­dig­lich zum Sein zurück­fin­den – und da­her al­les Wol­len, Dran-her­um-Schrau­ben, jeg­li­ches Be­geh­ren, los­las­sen.

Kei­ne Ah­nung, ob man dies üben kann – of­fen­bar kann man, denn vie­le tun es. Doch wie­vie­le ha­ben Er­folg mit ih­ren Übun­gen? Wie­vie­le wa­chen hier­durch wirk­lich auf? Ex­trem we­ni­ge im Verhält­nis zu all den Üben­den, den zig Mil­lio­nen in ent­spre­chen­den Se­mi­na­ren, Klöstern, Me­di­ta­ti­ons­hal­len. Wäre das Auf­wa­chen so „sim­pel“, wir hätten es längst ge­meis­tert. Doch wie­vie­le Leu­te sind be­reit, se­hen­den Au­ges sich das Herz mit bei­den Händen her­aus­zu­reißen, und ge­rei­nigt wie­der ein­zu­set­zen? Wie­vie­le würden sich frei­wil­lig und oh­ne Nar­ko­se ei­ne Hand ab­ha­cken oder einen Arm?

Es ist ge­nau das, was McKen­na be­schreibt: Die Leu­te wol­len gar­nicht auf­wa­chen – weil sie es nicht wol­len können.2 Sie wol­len so wei­se und ent­spannt sein wie der Dalai La­ma, das ja, aber doch nur, um sa­gen zu können „Hey, ich bin der Dalai La­ma“ und da­durch et­was Be­son­de­res sind: Ich bin be­son­ders, weil ich ei­ne Web­si­te ha­be, Se­mi­na­re ge­be, ein Heil­zen­trum eröff­ne etc. etc. Es ist ex­akt, was die Zau­be­rer3 ge­sagt ha­ben: Du mußt die ei­ge­ne Wich­tig­keit ab­le­gen, mußt dich ver­spot­ten las­sen können, oh­ne daß es dich auch nur im min­des­ten kratzt – das baut die Macht­struk­tur des Ego ab und setzt es wie­der „auf den Ho­sen­bo­den“.

Und ge­nau aus die­sem Grund er­schei­nen all die er­folg­rei­chen spi­ri­tu­el­len Leh­rer oft so barsch oder „un­ge­recht“ oder wi­der­sprüchlich: Al­les nur, um un­se­re grund­le­gen­de und in­ne­woh­nen­de Über­zeu­gung zu de­mon­tie­ren, un­se­re Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Ego ab­zu­bau­en. Das ist, was man auslöscht letzt­lich, nicht das Ego selbst, wel­ches nichts dafür kann, daß wir es auf den Thron ge­setzt und überhöht ha­ben.

Aber so ist das nun­mal: Wenn man an­de­re Möglich­kei­ten der Wahr­neh­mung ken­nen­ler­nen und an­de­re Er­fah­run­gen ma­chen will, ist es nötig, die Persön­lich­keits­struk­tur erst von dem „Wah­ren“ (Sein) fort­zu­lo­cken; und wenn ich hier­durch das Gefühl für mei­ne Iden­tität und für mein Sein ver­lie­re, so benöti­ge ich ei­ne an­de­re Struk­tur, in die ich statt des­sen schlüpfen kann, und dies ist bei uns die Egostruk­tur. Wenn man nach all den Er­fah­run­gen wie­der zurück­kehrt zum Sein und der Ur­sprungs­struk­tur, dann wird dies als „Auf­wa­chen“ be­zeich­net: Es ist le­dig­lich das Wie­der-An­neh­men je­ner Struk­tur, die ich zu­vor be­reits hat­te und das Er­ken­nen hier­von. Das Er­ken­nen, daß das Sein mein ur­ei­gens­ter Aus­druck ist – im­mer und über­all. „Wenn ihr nicht wer­det wie die Kin­der“, ganz ge­nau.

(Spax 23.3.15)

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Fußnoten

  1. Ocy­phi­us ist ei­ne von Ro­xie gechan­nel­te We­sen­heit. (siehe In­spi­ra­ti­on: Chan­ne­lings) Link zum Vi­deo: The Turncoat
  2. Jed McKen­na: Spi­ri­tu­el­le Dis­so­nanz: Wie Mensch er­wach­sen wird, 430 S., Ome­ga 2008.
  3. Die Grup­pe der Se­her um Don Ju­an, des­sen Schüler Ca­sta­ne­da war, be­zeich­ne­ten sich manch­mal als „Zau­be­rer“.