glücklich oder heilig oder still

24. März 2015 at 02:29

LICHT_Gotteslicht-3_SNIP-2Auch die Stil­le hat ver­schie­de­ne „Schich­ten“. Ei­ne der ers­ten auf die man trifft ist je­ne „ab­ge­ho­be­ne“ Glück­se­lig­keit; „ab­ge­ho­ben“ des­halb, weil man sich so leicht fühlt, als würde man schwe­ben. Al­les ver­liert an „Sub­stanz“, die­ser Schwe­re, die al­les so ernst aus­se­hen läßt. Und dehnt sich die Stil­le in­ner­lich noch wei­ter aus, stößt man auf das Emp­fin­den der „Hei­lig­keit“: daß al­les kost­bar ist, le­ben­dig und ein­zig­ar­tig. Die­se bei­den Sta­di­en der Stil­le sind je­ne, in de­nen die meis­ten „hängen­blei­ben“. Dar­an ist nichts ver­kehrt oder falsch. Hier fin­det man all die Pro­phe­ten, Märty­rer, Hei­li­gen; denn fällt man aus dem erfüll­ten Zu­stand wie­der zurück ins All­tags­be­wußtsein, so bleibt le­dig­lich die Er­in­ne­rung an je­ne Hei­lig­keit.

Das sind Zustände (Glück­se­lig­keit und Hei­lig­keit), von de­nen die scha­ma­ni­schen Leh­rer sa­gen: Ver­schwen­de nicht dei­ne Ener­gie. Wes­halb ist dies ei­ne „Ener­gie­ver­schwen­dung“? Weil man durch die Glück­se­lig­keit und das Hei­lig­keits­emp­fin­den nicht mehr ver­bun­den ist mit der All­tags­rea­lität. Man hat hier ei­ne „Got­tes­schau“, in­dem man für kur­ze Zeit mit Al­lem-was-Ist ver­bun­den ist und da­mit dem Alltägli­chen für ei­ne kur­ze Wei­le ent­ho­ben. Schwelgt man ein­fach wei­ter in die­sen Gefühlen, setzt man sich gleich­sam „über die Welt“, über die Men­schen und über all je­nen lang­wei­li­gen All­tags­kram.

Da­her spre­chen die Bud­dhis­ten von dem „Ge­stank der Angst“ und dem „Ge­stank des Glücks“. Sie nen­nen es „Ge­stank“, weil man sich nun mit der Glück­se­lig­keit ge­nau­so iden­ti­fi­ziert wie zu­vor mit dem Fo­kus der Angst. Es sind le­dig­lich wei­te­re Po­la­ritäten, sie ha­ben noch nicht wirk­lich et­was mit der Ein­heit zu tun, der Trans­for­ma­ti­on die­ser Po­la­ritäten. Die Tücke ist, daß es sich aber so anfühlt; denn mit der Glück­se­lig­keit erhält man erst­ma­lig einen Ein­druck der Ver­bun­den­heit. Die Leh­rer mes­sen die­sem Zu­stand kei­ne tiefe­re Be­deu­tung zu, son­dern su­chen die­sen zu zer­streu­en, da­mit der Schüler sich nicht hängt an die­se Il­lu­si­on und an die­ser Stel­le ste­cken­bleibt. Denn die Ge­fahr ist sehr groß, die­ses Er­le­ben als das Non­plusul­tra zu be­grei­fen und man al­so nicht mehr wei­ter nach in­nen vor­dringt.

Sa­ba­zi­us1 sagt, die­sem Zu­stand feh­le die „Furcht“, und er hat recht. Denn wenn ich mich wil­lent­lich in je­nen Glücks­zu­stand hin­ein­fal­len las­se, ver­lie­re ich mei­ne Rich­tung und mei­nen Wil­len. Zu­vor war das Ego von Angst durch­tränkt und der Mensch da­her ein wil­len­lo­ses Spiel­zeug all je­ner Gefühle und Emp­fin­dun­gen, die hier da­zu­gehören und – weil un­be­wußt – die Hand­lun­gen un­se­res All­tags be­stimm­ten. Das­sel­be gilt für je­nen Glücks­zu­stand, wo­bei das Ego sich nun auf­plus­tert mit po­si­ti­ven Gefühlen und hier­in eben­falls Wil­le, An­trieb und Fo­kus auf­gelöst wer­den. Mit ei­nem „wei­chen net­ten Gefühl“ kann man eben­so­we­nig der Welt be­geg­nen wie mit den Dämo­nen der Angst, die uns ge­nau­so blind an­trei­ben.

Räderwerk-2_SNIPPINGDoch was ist die Lösung? Wie ent­kom­men wir je­ner „Wil­len­lo­sig­keit“? Wo­bei hin­zu­kommt, daß ja je­der nach der Glück­se­lig­keit strebt und der Angst ent­flie­hen möchte. Das, was Sa­ba­zi­us „oh­ne Furcht“ nennt, be­schrei­ben Don Ju­an2 oder Mill­mans So­cra­tes3 als „Erhöhung des Selbst“; als die ei­ge­ne Wich­tig­keit, mit der das Ego stets sucht sich auf­zu­la­den. Das, was ei­ne Trans­for­ma­ti­on her­beiführen kann ist, was die Zau­be­rer „Nüchtern­heit“ nen­nen. Sa­ba­zi­us nennt es „Furcht“, weil er weiß, daß die Furcht uns mit der nöti­gen in­ne­ren Wach­sam­keit ver­sorgt, die Teil des Wil­lens ist. Don Ju­an nennt den an­ge­streb­ten Zu­stand „Nüchtern­heit“, da er sämt­li­chen Gefühls­wal­lun­gen, von de­nen wir uns so gern lei­ten las­sen, ent­klei­det ist. Und erst in der Nüchtern­heit fin­den wir: Ba­lan­ce.

Um die­sen Zu­stand zu er­rei­chen, benöti­gen wir einen kla­ren Fo­kus. Den Fo­kus auf all die klei­nen wie großen Auf­ga­ben des All­tags – ganz gleich, wie wich­tig oder un­be­deu­tend sie schei­nen mögen. Denn erst die Ver­an­ke­rung im Alltägli­chen wird je­ne Ba­lan­ce und Zen­trie­rung be­wir­ken, nicht das Schwel­gen in Gefühlen wel­cher Art auch im­mer. Al­les kann die­se Art Fo­kus her­vor­brin­gen, so­bald ich mein Au­gen­merk auf ex­akt die­je­ni­ge Tätig­keit le­ge, die ich im Mo­ment ausführe. Es ist nicht re­le­vant was wir tun, son­dern ob wir auch in­ner­lich an­we­send sind bei un­se­rem Tun. Da­her emp­fin­den wir „gefähr­li­che“ Tätig­kei­ten als so auf­re­gend und ener­ge­ti­sie­rend: weil sie uns in den Jetzt-Fo­kus zie­hen.

Und erst, wenn wir uns die­se Art Fo­kus zu­ei­gen ge­macht ha­ben, wenn dies uns in Fleisch und Blut über­ge­gan­gen ist und wir je­de Hand­lung in die­ser Hal­tung durchführen, wer­den wir je­ne Nüchtern­heit in uns ver­an­kern und in wei­te­re und wei­te­re Tie­fen ge­lan­gen.

Es ist ge­nau, was Ocy­phi­us4 ge­meint hat, wenn er sagt: Zunächst schi­en das Ego un­ser „Feind“, da es uns, die wir uns für un­ser Ego hal­ten, mit Angst durch­tränkt hat und of­fen­bar stets „ge­gen uns“ ar­bei­te­te. Nun wech­selt es die Sei­ten und zieht un­ser Er­le­ben in die Glück­se­lig­keit, wird un­ser „Freund“, doch nichts ist hier­durch ge­won­nen, denn im­mer noch sind wir aus un­se­rem Kern her­aus­ge­zo­gen. Erst die Nüchtern­heit ver­bin­det uns wie­der voll und ganz mit un­se­rem Kern, mit dem, was wir wirk­lich sind und er­schafft hier­durch ein Emp­fin­den von Ein­heit und Sou­veränität. Un­ser Schlacht­feld ist im­mer und über­all: der All­tag. Wir können ihm nicht ent­flie­hen, und das ist gut so, denn nur in der ste­ti­gen Kom­mu­ni­ka­ti­on mit mei­nem All­tag er­ken­ne ich, an wel­chen Punk­ten ich noch Ver­fei­ne­rung benöti­ge.

Es geht nicht um Ver­hal­ten, son­dern um Hal­tung. Und der Trick, der wirk­li­che Trick ist, stets einen Schritt zurück­zu­tre­ten von all den ei­ge­nen Bedürf­nis­sen und Be­find­lich­kei­ten, von dem Gefühls­sturm, der stets in uns tobt. Erst durch die­sen Schritt zurück können wir einen größeren Über­blick er­rei­chen.

(Spax 24.3.15)

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Fußnoten

  1. Spi­ri­tu­el­ler Leh­rer aus: Dou­glas Lock­hart, Wer den Wind rei­tet, ro­ro­ro trans­for­ma­ti­on 1987 [1978]. (siehe Inspiration: Bücher)
  2. Spi­ri­tu­el­ler Leh­rer von Ca­sta­ne­da. (sie­he In­spi­ra­ti­on: Bücher)
  3. Spi­ri­tu­el­ler Leh­rer von Dan Mill­man. (sie­he In­spi­ra­ti­on: Bücher)
  4. Gechan­nel­te We­sen­heit durch Ro­xie. (siehe In­spi­ra­ti­on: Chan­ne­lings)