Gipfelsturm

6. Dezember 2015 at 03:30

Everest-Nordwand_SNIPGestern hab ich zum zweiten Mal vom Krakauer das Buch fertiggelesen über die Everest-Katastrophe in 1996,1 bei der in einem Sturm am Gipfel fünf Leute ihr Leben ließen und viele weitere schlimme Verletzungen und Erfrierungen erlitten. Es starben zwei Expeditionsleiter, Rob Hall und Scott Fischer,2 sowie drei Teilnehmer von Halls Expedition (ein Bergführer und zwei Kunden). David Breashears, ein Filmemacher eines anderen Teams, hat zehn Jahre später nochmal eine Doku gemacht darüber,3 das ist ein guter Film. Kann sein, daß die vermehrte Eigenverantwortlichkeit, die Scott seinen Leuten ließ, dazu geführt hat, daß sie fast alle den Gipfel erreichten; drei oder vier Kunden aus Robs Team hatten beschlossen, wieder umzudrehen, weil sie gemerkt hatten, daß sie nicht fit genug sind. Große Zeitverzögerungen führten dazu, daß ein Großteil der Bergsteiger beim Abstieg in den Sturm gerieten.

Eine Aussage von Breashears fand ich interessant, der sagte, Rob habe ansonsten immer schönes Gipfelwetter gehabt, er wäre noch nie in einen Sturm in den Höhenlagen geraten, und daß es quasi ein „ganz normaler Sturm“ gewesen sei. Ein interessanter Aspekt, denn der Sturm wird beschrieben mit etwa 120 km pro Stunde. Und wenn man bedenkt, daß üblicherweise Stürme mit bis zu 285 km pro Stunde über den Gipfel fegen, muß man ihm recht geben. Allerdings sollte man bei derartigen Windverhältnissen nicht mehr bergsteigen4 und es ändert nichts an der Gesamtsituation, die für alle verzweifelt war. Doch genau diese Gefahr gehört ja mit zu den Gründen, weshalb vereinbart wurde, daß alle spätestens gegen 14:00 Uhr wieder absteigen sollen, damit Gefahren verringert würden, ggf. in einen Sturm zu geraten, nachts absteigen zu müssen oder z.B. von einer Lawine getroffen zu werden. Man fragt sich, weshalb gerade diejenigen, die all diese klugen Regeln aufstellen, sich dann nicht selbst daran halten.

Auch Doug, einer von Robs Kunden, wollte umkehren, aber Rob hatte sich wohl sehr verpflichtet gefühlt, ihn hochzubringen. Auch konnte er ihn später im Sturm nicht verlassen auf dem Südgipfel, um sich selbst zu retten. Robs eiserne Entschlossenheit Doug auf den Gipfel zu bringen, hat möglicherweise drei Leuten das Leben gekostet: sein eigenes, Dougs und das von Andy Harris, einem seiner Bergführer. Beck Weathers5 muß man auch hinzuzählen, weil er diesem das Versprechen abnahm, auf Rob zu warten, bis jener wieder herunterkäme, wobei vollkommen klar war, daß dies erst Stunden später der Fall sein würde, denn alle befanden sich ja noch im Aufstieg!

Möglicherweise hat Rob sich vielleicht schuldig gefühlt; einerseits für das Jahr davor, wo er Doug quasi hundert Meter vorm Gipfel zur Umkehr anhielt, weswegen Rob ihn danach wohl mehrfach anrief und ihm vergünstigte Konditionen anbot, falls Doug es im Jahr darauf noch einmal versuchen wolle. Am Gipfel waren sie dann spät dran und Doug hatte wohl keine Kraft mehr für den Abstieg.

Ein Teilnehmer einer anderen Expedition, der im Vorjahr ebenfalls dabeigewesen war sagte, es wäre auch damals genauso gewesen: Erst sei Doug mit aller Energie, die er aufbringen konnte, Richtung Gipfel gezogen, aber in dem Moment, wo der Abstieg begann, hatte er nicht eine Unze Energie mehr zur Verfügung. Das ist doch ein äußerst interessantes Phänomen! Es zeigt glaube ich, auf welche Weise viele Gehirne oder Biosysteme von Bergsteigern funktionieren: Völlig versessen auf ein bestimmtes Ziel, welches ihnen ein bestimmtes Ansehen oder Prestige einbringt, sind sie nicht in der Lage, über dieses Ziel hinaus zu denken. Und genau diese Eigenschaft unterscheidet unter anderem einen Top-Bergsteiger von einem durchschnittlichen. Das Hauptziel einer bergsteigerischen Unternehmung kann zu keinem Zeitpunkt die Erreichung eines Gipfels sein; sondern der Erfolg, ein wirklicher Erfolg der Unternehmung besteht darin, auch heil wieder vom Berg herunterzukommen.

Erfolg-Berg-blau_SNIPWie oft habe ich nicht auch diese bescheuerte Aussage gelesen über Leute, die irgendeinen Gipfel erreicht hatten, dann aber beim Abstieg durch irgendwelche Umstände ihr Leben ließen, sie seien aber „erfolgreich“ gewesen. Bei sehr vielen Leuten steht unzweifelhaft diese Gipfelerreichung im Mittelpunkt, niemals das Herunterkommen. Diejenigen aber, die lebend hinunterkommen, den Gipfel aber nicht erreichten, waren nicht „erfolgreich“, sind somit gescheitert!

So tickt unsere Gesellschaft: Du wirst zu einem Helden, wenn du stirbst, aber ein idiotisches Ziel erreicht hast! Bist du klug und vorausschauend, erhältst du niemals eine derartige Publicity oder Bekanntheit. Die Leute stehen auf Katastrophen, – so wie ich ja auch, muß ich bestürzt feststellen, zumindest was dieses Berg-Thema angeht. Und dann wird alles be- und ent-wertet hinterher. Ich bin mir sicher, jedes Buch, welches als erstes herausgekommen wäre nach solch einer Katastrophengeschichte wäre ein Bestseller geworden – die Leute wollen sich selbst ein Urteil bilden, irgendwie dabei sein, Anteil nehmen.

Weshalb nur haben Katastrophen solch eine Faszination für uns? Das ist eine gute Frage. Ich denke es geht um die direkte Konfrontation mit dem Tod, was bei einer Katastrophe ja zentral ist: Es besteht die Möglichkeit zu sterben. Daher öffnen Katastrophen auch die Herzen, machen sie weit, fördern das Mitgefühl. Denn innendrin wissen wir um die eigene Sterblichkeit und eine Stimme flüstert: Du hast nochmal Glück gehabt, es trifft nicht dich – diesmal. Denn vor allem bei Naturkatastrophen schwingt auch jenes „Schicksalselement“ mit hinein: „Weshalb dieser und nicht jener? Weshalb nicht ich?“ Und dann rieselt einem ein Schauer über den Rücken und man weiß, diesmal ist man dem „Schicksal“ entkommen, „Mich hat es gottseidank nicht getroffen, ich bin noch hier“.

Ist es die Möglichkeit eines plötzlichen und unerwarteten Todes, was uns an einer Katastrophe so fasziniert? Die Unausweichlichkeit nicht voraussehen zu können? Der Eindruck, kein erfülltes Leben gehabt zu haben, wenn man ein bestimmtes Alter nicht erreicht hat? In gewisser Hinsicht macht die besondere Faszination bei Tätigkeiten wie dem Bergesteigen aus, daß sich jemand absichtlich in Situationen bringt, wo er quasi in jedem Moment dem Tod ins Auge blickt. Das ist wohl ein sehr entscheidendes Merkmal. Denn niemand, der beispielsweise bei einem Autounfall umkommt erhält eine derartige Aufmerksamkeit, obwohl die Todesrate um ein Vielfaches höher ist.

Ich finde, ganz deutlich wird der Unterschied, wenn man sich Leute wie den Reinhold Messner anschaut: Unzählige Male brachte der sich in absolut lebensgefährdende Situationen und hat sie doch jedesmal lebend überstanden. Es ist genau dasjenige Element, was er immer wieder beschreibt: Es sei der pure Wille, der ihn jedesmal weitergetrieben hat. Dies und die Tatsache, daß er zu jedem Zeitpunkt eigene Entscheidungen trifft. Auch dies ein Merkmal von beispielsweise Neal Beidleman, dem dritten Bergführer von Scott, der entschlossen all diese Leute wieder vom Berg heruntergebracht hat. Vielleicht – oder vom Bewußtsein her betrachtet sogar sicher – ist der Lebenswille ebenfalls der entscheidende Punkt, ob eine Rettungsaktion glückt oder nicht. Makalu Gau6 war ja auch mit Scott und den anderen noch auf dem Berg, aber er hat alles getan, was er tun konnte, um am Leben zu bleiben, er wollte nicht sterben, hat geglaubt an seine Rettung. Bei Yasuko Namba7 war hingegen vielleicht der Hoffnungsfaden zerschnitten, als Beidleman fortging, um Hilfe zu holen. Entweder also der eigene Wille, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen oder aber „passive“ Hoffnung auf Rettung sind Faktoren, die über Leben oder Tod entscheiden können.

Natürlich wird jeder sagen, daß er nicht sterben will. Aber vor allem solche Beispiele wie Beck Weathers oder Lincoln Hall, ein anderer „von den Toten wieder auferstandener“,8 zeigen, daß tief verborgen in uns noch eine andere Form des Willens aktiv ist, zu der allerdings die meisten wohl keinen Zugang haben. Leute wie Messner haben offenbar Zugang zu diesem tieferen Aspekt; daher weiß er genau, was er sagt, wenn er beschreibt, allein seine Willenskraft habe ihn jeweils wieder hinunter oder durchgebracht – heraus aus einer tödlichen Situation. Das hat unter anderem stets seinen Lebensfaden wachgehalten: die Aussicht, wieder mit seinen Lieben vereint zu sein, wieder nach Hause zu kommen.

Wetter-Taifun-1a_SNIPFür Messner scheint es auch keinen „Mißerfolg“ zu geben, er gibt nicht auf, ganz gleich wie schwierig eine Situation sein mag, er hält an seinem Plan fest, es unbedingt durchzustehen. Denn sein Erfolg besteht darin, wieder nach Hause zu kommen – seine Unternehmung und Vorstellungskraft endet niemals an irgendeinem Gipfel. Das ist mit ein Grund, weshalb Leute wie er so „hart“ erscheinen, denn sie sind auf etwas anderes fokussiert. Auch bringt er keine anderen Leute in Gefahr, weil er und seine jeweiligen Partner genau wissen, daß sie auf sich selbst gestellt sind und nicht verantwortlich für den anderen oder deren Entscheidungen. Messner ist nicht der Typ, der für andere mitdenken oder entscheiden will, denn er weiß ganz genau: das kann jeder nur für sich allein. Wohl mit ein Grund, weshalb er lieber allein geht und größere Gruppen meidet, in denen immer eine Hierarchie besteht, wo an der Spitze jemand sitzt, der für die anderen Entscheidungen trifft. Und das schließt sich grundlegend aus für jemanden, der genau weiß, daß er selbst es stets ist, der für das eigene Leben Verantwortung trägt – niemand, auch kein Bergführer, kann einen von dieser Selbstverantwortung befreien.

Ja und das ist dann genau der Punkt, an dem der Pulk der Menschheit sich erzürnt! Denn die meisten unterliegen ja genau dem Glauben, sie seien eben nicht selbst verantwortlich; nur deshalb können sie sich überhaupt den Entscheidungen eines anderen unterordnen. Und genau deshalb werden Leute, die eigenverantwortlich handeln, stets so massiv angegangen, denn sie sagen dir ohne Unterlaß ins Gesicht: triff deine eigenen Entscheidungen!, niemand sonst ist für dich und dein Leben verantwortlich! Doch das wollen die Menschen weder glauben noch hören, denn von Kindesbeinen an lernen wir exakt das Gegenteil. Wäre klar, daß jeder für sich selbst und sein eigenes „Schicksal“ verantwortlich ist, es könnte weder Helden noch Märtyrer geben, die wir ja alle so lieben und bewundern. Denn jeder wüßte, daß er zu jeder Zeit den eigenen Lebensfaden in der Hand hielte.

Daher ist dies ebenfalls ein Punkt, der Katastrophen so anziehend macht, denn aus diesem Mißverhältnis von Eigenverantwortung und Unterordnung entstehen all jene verzweifelten Situationen, aus denen jene als „Helden“ hervorgehen, die ihre eigenen Entscheidungen treffen (um z.B. sich selbst oder andere zu retten). Auf ebendiesem Mißverhältnis gründen sich gleichfalls all unsere moralischen Auffassungen. Denn wäre jeder zu jeder Zeit selbst verantwortlich – vor allem auch im kollektiven Denken! –, ist es nicht möglich, später nach „Schuldigen“ oder „Opfern“ zu suchen, die Hauptmerkmale jeglicher Moral. Und genau das ist, was Leute wie Messner stets jedem ins Gesicht schleudern: Du selbst bist verantwortlich – zu jeder Zeit! Das ist eben nicht gerade populär.

Rob hatte so gesehen nun jegliche Verantwortung für Doug übernommen – welcher sich andererseits hier ja freiwillig (!) untergeordnet hat. Ab dem Moment, wo er für Doug die Entscheidungen traf, war sein eigenes Leben an das von Doug gekettet. – Auch dies eine interessante Erkenntnis, selbst wenn sie sich vielleicht krass anhört: Misch dich nicht ein in das Leben und die Entscheidungen anderer. Es ist nicht möglich, für einen anderen etwas zu tun, es sei denn, dieser bittet darum und hat somit eine eigene Entscheidung getroffen…

Und noch so ein irrer Schwachsinn: Makalu Gau wurde beispielsweise vorgeworfen, daß er, als er erfuhr, daß ein Mitglied seiner Expedition in Lager II gestorben sei, nicht sofort umkehrte und sein Gipfelvorhaben abgeblasen hat. Weshalb?? Es hätte den Toten nicht wieder lebendig gemacht. Aber Makalu gibt hinterher eine Erklärung ab, er habe es quasi für den Toten getan; für diesen sei er zum Gipfel gegangen, weil jener es sich so sehr gewünscht hatte. Diesem Blödsinn bin ich öfter begegnet in der Bergsteiger-Katastrophen-Literatur. Ich meine: Hat denn Breashears sein Film-Vorhaben aufgegeben, weil zuvor dieses Unglück passierte? Nein. Das wird dann gerechtfertigt mit den hohen Kosten für den Film. Auch viele andere sind kurz nach dem Unglück noch auf den Gipfel gestiegen. Doch offenbar gilt es allgemein als Schande, wenn man im Angesicht eines Toten oder eines Unglücks mit tödlichem Ausgang weiterhin eigene Ziele verfolgt oder überhaupt welche hat.

Liest man dies so schwarz auf weiß, wird recht deutlich, wie unsinnig Vorwürfe oder Anschuldigungen in diese Richtung sind. Selbst wenn sämtliche Expeditionen, die sich damals noch am Berg befanden, ihre Lager abgebrochen hätten, es hätte nicht einen einzigen wieder lebendig gemacht! Auch jene nicht, die seit Jahren und Jahrzehnten wie Mahnmale auf der Aufstiegsroute liegen. Der Tod wird ignoriert. Doch wenn es jemanden dennoch „erwischt“, schreit alles Zeter und Mordio und sucht nach einem Schuldigen. Als würden wir allesamt ewig in unseren Körpern verbleiben. Ganzganz fest sind hier die Augen zugekniffen.

Genau deshalb entstehen all diese unsäglichen Schuldgefühle – und zwar ganz gleich, wann jemand wo unter welchen Umständen stirbt. Denn irgendwie ist alle Welt der Ansicht, es dürfe überhaupt nicht passieren, das Sterben; und falls doch, müsse irgendjemand eine Schuld hieran tragen. Das ist der Hauptgrund, weshalb jeder, der einen Toten zu beklagen hat, sich stets schuldig fühlt; immer sich fragt, ob der andere noch lebte, wenn man sich irgendwie anders verhalten hätte etc. Eine Endlosschleife, die unseren Moralvorstellungen entspringt, welche wiederum zur Grundlage haben, generell sei jemand anders verantwortlich, niemals man selbst. Wir haben vergessen, daß Leben wie Tod eine eigene Entscheidung ist!

(Spax 6.12.15)

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Fußnoten

  1. Jon Krakauer: In eisige Höhen – Das Drama am Mount Everest, Piper 2013 [1997].
  2. Rob Hall, Leiter der Adventure Consultants Expedition. Scott Fischer, Leiter der Mountain Madness Expedition.
  3. David Breashears: Storm over Everest 1996, Frontline Television Productions (release 13.05.2008), (engl.).
  4. Ich glaube in dem Annapurna-Buch gelesen zu haben, daß man ab Windgeschwindigkeiten ab etwa 80 km pro Stunde nicht mehr auf einen Berg steigen sollte. (Arlene Blum: Annapurna – Die erste Frauenexpedition auf einen der höchsten Gipfel der Erde, Pietsch-Verlag 1982 [1980].)
  5. Ein Kunde aus Robs Team, den man später zunächst für tot hielt, und der sich schlussendlich schwerste Erfrierungen zuzog.
  6. Leiter einer staatlichen taiwanesischen Expedition.
  7. Eine Kundin aus Robs Team.
  8. Lincoln Hall überlebte 2006 ebenfalls wie durch ein Wunder eine Nacht auf dem Everest in 8600 m Höhe, obwohl er – wie Beck Weathers – bereits als tot angesehen wurde.