Gespaltene Wahrnehmung

25. September 2015 at 02:58

Masken-Gesichter_SNIP_natureworksWann war ich das letzte Mal glücklich? Ich meine so richtig, so durch und durch, wie man es ist, wenn man verliebt ist oder wenn man sich wirklich über etwas freut. Ich glaube, das ist lange her. Und das ist traurig. Ich bin nur immer „oberflächlich“ glücklich. Und auch dies ist ein entscheidender Unterschied zum wahrhaftigen Freisein. Ist man wirklich verbunden, strömt dieses Glück durch einen hindurch; alle Gefühle oder Empfindungen strömen durch einen hindurch, ohne daß man sich an sie anhaftet. Man ist das jeweilige Gefühl – so wie Kinder mit jeder Faser ihre jeweilige Empfindung ausleben. Der Unterschied ist, daß man in der Verbundenheit die Gefühle eben einfach durch sich hindurchwehen läßt, man muß sie garnicht explizit ausdrücken. Denn untendrunter unter all diesem Gefühls-auf-und-ab liegt ein Teppich der Seligkeit, der einen immer trägt, no matter what.

Doch wann habe ich dies das letzte Mal wirklich gespürt? Für mich scheint die gefühlsmäßige „Nüchternheit“ eher ein Anker zu sein. Aber schau dir Don Juan1 an, er war frei, er konnte lachen! In meinem Magen wohnt der Dauerkloß meiner Dauersorge. Ich sollte ihn mal auflutschen wie einen Dauerlutscher. Denn wie sollte man etwas empfinden, wenn das Empfindungszentrum permanent versperrt ist mit solch einem Riesenstein?! Atmen. Kopf ausschalten. Meditieren. Jetztjetzt. Mir wird bewußt, wie lange ich in dieser Passivität mich aufhalte. Ich lebe nicht.

Gordon Smith2 schreibt: Du kannst nicht sterben, es ist nicht möglich. Es hat mich gefreut, auf diesen Satz zu stoßen. Es ist vollkommen egal, was ich „bin“ oder „kann“, wenn ich meinem Sein, meiner Zentrierung, keinen Raum gebe. Ich muß nichts „suchen“, alles ist immer vorhanden. Laß die Liebe zu, die Liebe zum Augenblick, die Stabilität, die im Jetzt wohnt. Warte nicht auf Anrufe oder Angebote, setz dich selbst als Mittelpunkt. Der Mittelpunkt sind nicht die Dinge, die ich tu′, sondern mein Sein!

Archivierung oder Vorräte anzulegen sind ein Ausdruck des Mangels an Vertrauen. Alles vergeht in den Tiefen der Zeit. Wir haben jedoch Zugang zu Allem, sobald wir verbunden sind. In der Verbundenheit können wir reisen – egal wohin; können uns verbinden mit jedweder Zeit oder jedweden Umständen. Je intensiver ich mich mit etwas verbinde innerlich, desto mehr Details kann ich erspüren. Wenn ich mich mit Ereignissen, Gedanken oder Personen verbinde oder Zeitaltern, so werde ich in dieser Verbundenheit jeweils ein Teil dieser jeweiligen Zeit oder der jeweiligen Ereignisse. Durch die Verbundenheit erhalte ich das Gefühl, wirklich „dort“ zu sein, wirklich an den jeweiligen Ereignissen teilzunehmen. Allein durch diesen Fokus bekomme ich das Gefühl, selbst in den jeweiligen Situationen mitgewirkt zu haben. Vielleicht handelt es sich hierbei nicht unbedingt um physische Inkarnationen meines persönlichen Selbst, doch durch die Verschiebung meines Fokus′ erscheint es mir so.

Ist es nicht mit jeder Inkarnation ebenso? Es ist jeweils ein starker Fokus des Bewußtseins, meines Interesses, was mich als diese oder jene Person empfinden läßt. Wir sagen, wir werden geboren und sterben. Aber vom Bewußtsein her betrachtet ist es ein Sich-hineinfokussieren: in das Erleben einer Geburt, das Erleben einer bestimmten Zeit, bestimmter Umstände. Lediglich unser Trick der Erfindung der Zeit erzeugt das Gefühl von Kontinuität. Hätten wir dies nicht – hätten wir uns nicht herausgezwungen aus unserem Einheits-Bewußtsein –, so würden wir problemlos erkennen, daß wir in jedem Augenblick unser Sein und unsere gesamte Geschichte kreieren. Jeder Augenblick ist ein Sich-hineinfokussieren in spezifische Umstände, in Zusammenhänge und Erlebniswelten, die wir erfahren und ergründen möchten. Wäre dem nicht so, würden wir andere Dinge erleben und erfahren, auf die wir unser Augenmerk legen. Das ist das einzig wirklich „reale“, was existiert: unser Fokus, unsere Wahrnehmung.

Auge-Wahrnehmung_SNIP-1_geraltDoch ist es nicht so, daß wir die Wahl haben: zu beobachten oder ganz einzutauchen? Vom Bewußtsein her ist es so, daß die jeweilige Wahrnehmung direkt verbunden ist mit dem Erleben: Ich bin diejenigen Dinge, die ich wahrnehme. Es ist ein eigenartiger Mechanismus, daß wir uns in unserem Alltagsbewußtsein abtrennen können vom eigenen Erleben und es „beobachten“ können, als würden wir ein Bild betrachten. Mir scheint, auch diese Funktion des Selbst-Beobachtens ist ein Resultat unserer Erfindung der Zeit. Denn die Zeit ergibt sich automatisch aus dem Herausfallen aus dem Jetzt, aus unserer Illusion, nicht verbunden zu sein; erst dieses Spannungsfeld von Gestern und Morgen erzeugt die Illusion einer Dualität.

Für unsere Art der Wahrnehmung wenden wir ungeheure Mengen an Energie auf, denn nur durch Gewalt und Zwang oder eben dadurch, daß wir gebetsmühlenartig uns stets dieselbe Geschichte erzählen, entsteht diese Form der Wahrnehmung. Will ich mich wieder mit meiner ursprünglichen Wahrnehmung verbinden, die dem Gesamt-Bewußtsein zu eigen ist, muß ich lernen, mich wieder mit dem Jetzt zu verbinden, mit meinen inneren Impulsen.

In meiner Selbst-Blase ist mein „Ich“. Doch wenn meine Blase angefüllt ist mit Glaubenssätzen und Meinungen und all jenen Dingen, von denen ich gelernt habe, daß sie „die Welt“ seien, werde ich immer verstrickt sein in all diese Dinge, die wir uns so mühevoll und künstlich erschaffen haben. Das Jetzt, das Erleben des Selbst, die ursprüngliche Wahrnehmung, erfordert eine Blase der Stille. Erst in diesem Zustand bin ich wieder verbunden, werde ich wieder der Mittelpunkt meines Seins, bin ich wieder im Jetzt. Alles andere ist ein Sich-verirren in den Illusionen der Zeit, der Dualität, einer gespaltenen Wahrnehmung.

Solange ich mich also sorge, ist meine gesamte Wahrnehmung in dem Illusionsfeld gebunden, das wir als unsere Welt betrachten. Im „Einheitszustand“ gibt es keine Sorge, weil ich in der direkten Wahrnehmung mit allem verbunden bin. Die Sorge gehört zu der „abgespaltenen Sichtweise“, zur Beobachtung. Denn erst die Beobachtung, das Abgetrennte, ermöglicht das Bewerten, das Beurteilen. In der direkten Wahrnehmung gibt es kein Bewerten der Dinge, weil der verbundene Zustand der Dualität – und daher der Zeit – enthoben ist. In der Verbundenheit ist es nicht möglich zu urteilen, weil hier nur das Sein existiert – das Verbundensein ist Ausdrucksform des Gesamt-Bewußtseins. Lediglich in unserer Illusionswelt des Getrenntseins unterliegen wir dem Irrglauben, all die Dinge, die wir wahrnehmen hätten unterschiedliche Wertigkeiten. Diese Wahrnehmung ist nur deshalb möglich, weil wir Zeit und mit ihr die Dualität erschaffen haben. Doch etwas in uns, unser Higher Self, derjenige Teil, der immer und überall im Bewußtsein verankert ist, pulsiert als Kern, als „Ausdruck unseres Seins“ untendrunter. Daher haben wir stets das Gefühl, irgendetwas sei nicht ganz richtig in dieser Welt, irgendetwas wesentliches fehle. Denn dieser Teil von uns weiß ganz genau, daß wir uns – absichtsvoll – in einer Illusion verfangen haben.

Will ich also wieder mit meinem ursprünglichen Seinszustand verbunden sein, muß ich meinen Fokus auf mein Higher Self ausrichten anstatt auf die hunderttausend Dinge dieser Welt; und im Lebendigsein alle Dinge meiner Wahrnehmung umarmen, denn sie sind dennoch mein Fokus. Im Jetzt bin ich nur, wenn ich hineinspringe in jeden Augenblick und bereit bin, diesen zu erleben – anstatt ängstlich auf einer Beobachtungsposition zu hocken und auf „besseres Wetter“ zu warten… Im Verbundensein allein ist das Glücksempfinden!

(Spax 25.9.15)

(Siehe auch Beitrag vom 22.2.16: antriebslos.)

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Fußnoten

  1. Don Juan ist der spirituelle Lehrer von Castaneda. Die Gruppe der Seher um Don Juan bezeichneten sich häufig als „Krieger“ oder „Zauberer“.
  2. Gordon Smith arbeitet als Medium in England.