Gedanken-Fetzen II

21. Oktober 2015 at 03:35

Klötzchen_SNIPAchja, das war das Thema von gestern, die „Gedankenklötzchen“. Man knüpft ja automatisch an der Schwingung oder denjenigen Gedanken an, mit denen man schlafengegangen ist. Klötzchen an Klötzchen an Klötzchen. Doch sobald ich den Stift aufs Papier setze ist es, als würde etwas zentriert in meinem Kopf, und die Klötzchen-Zufallsgedanken treten in den Hintergrund oder werden an die Leine gelegt. Gut wäre es, immer in diesem Zustand zu sein, den ich habe, wenn ich schreibe, denn dann hänge ich meine Gedankengänge nicht automatisch an das erstbeste Klötzchen, das vorbeigeflattert kommt.

Diese Gedankensplitter kommen automatisch, und das macht meinen Kopf dann immer so unruhig, als sei eine Horde Wespen dort eingefallen. Denn ob man nun nachdenkt über das nächstbeste Klötzchen oder nicht, man hängt sich letztlich an irgendeinen Gedanken, womit der Kopf dann beschäftigt ist. Ich glaube, genau das macht meine innere Unruhe oft aus, diese Gedankenwirbel im Kopf, die dort mehr oder weniger ein Eigenleben führen. Auch gerät man in Denkschleifen, vertieft unbeliebte Themen oder berauscht sich an den schöneren.

Doch wo kommen sie her, diese „Klötzchengedanken“? – Gedanken und Gedankenfetzen über Themen, die mich im Moment so garnicht interessieren. Es ist, als würde ein Diener mit einer Nachricht kommen, die er mir anbietet, so nach dem Motto: „Na, wie wäre es mit diesem Thema oder mit jenem Gedankengang -?“ Derart automatisiert ist unser Denkprozeß, daß wir ihn niemals in Frage stellen, so sehr identifizieren wir uns mit ihm.

Über die Wahrnehmungen vorwiegend unserer Augen und Ohren will etwas unsere Aufmerksamkeit einfangen. Und ist es nicht erschreckend, wie wir sie dann an das erstbeste dahergelaufene Ding fortgeben?! Mein Blick fällt auf irgendein Schreiben und schon – klopf klopf – steht der gesamte zugehörige Themenkomplex vor meiner geistigen Haustür und fordert Einlaß! Erspähe ich etwas Goldenes, assoziiere ich Weihnachten, das bald wieder ist, die Nikoläuse, die überall schon wieder in den Regalen stehen etc. Oder ich nehme draußen die nervigen Blätterpustegeräte wahr und ein Geräusch, das mich stört, erhält den Zuschlag. Ich finde das äußerst erschreckend und auch bedenklich, daß wir auf solch zwanghafte Weise unsere Gedankentätigkeit aufrechterhalten, noch dazu ohne es zu bemerken! Wir definieren uns komplett hierüber! Wir glauben nicht nur, daß wir unsere Gedankeninhalte sind, nein, sobald wir morgens aufwachen, hängen wir uns automatisch wieder ein in unser Gedankenkonstrukt, welches uns die antrainierte Wahrnehmung unserer Welt aufdrückt.

Nikolaus-Ho ho ho_SNIPVermutlich kommen all diese Automatikgedanken, weil wir diesen Denk-Prozeß so eingeübt haben. Denn unsere Art zu denken ist ja im wesentlichen genau das Hilfsmittel, mit dem wir uns unsere Primär-Wahrnehmung abtrainieren und uns überhaupt in diese Diskrepanz mit uns selber bringen. Unsere Wissenschaftler würden sagen, wir trainierten hierdurch unser Gehirn, dasjenige Attribut, von dem sie glauben, es würde im Kern den Menschen ausmachen – im Unterschied zu allem anderen Existierenden. Daher zählt, folgt man dieser Sichtweise, ausschließlich unsere Ratio, die durch unseren Denk-Prozeß auf eine Weise ausgebildet wird, daß sie mit „Wahrnehmung“ gleichgesetzt wird. Durch diesen Umkehrungsprozeß unserer Wahrnehmung fangen wir an, in unseren Köpfen zu leben. Man könnte fast sagen, daß wir uns nicht „lebendig“ fühlen, wenn wir nicht denken. Daher ist es nicht verwunderlich, daß es das erste ist, was wir morgens tun und unseren „Denkfaden“ wieder aufgreifen. Dieser Prozeß ist uns derartig in Fleisch und Blut übergegangen, daß wir ihn überhaupt nicht mehr wahrnehmen; der rationale Denkprozeß hat komplett unsere ursprüngliche Wahrnehmung ersetzt.

Am deutlichsten spüre ich den Gedanken-Knebel immer in jenen Phasen, wenn ich nicht mehr „abschalten“ kann, wenn ich das Gefühl habe, mein Automatikdenken hält mich im Würgegriff. Das einzige, was mir hier Erleichterung verschafft, ist tatsächlich das Meditieren, auf die Suche nach der Stille im Kopf zu gehen. Erst wenn es im Hirnskasten schweigt, fange ich wieder an, auf andere Weise wahrzunehmen. Unsere künstliche Zweitpersönlichkeit, die jedoch gelernt hat, sich über das Denken zu identifizieren, fürchtet sich davor. Wie auch nicht, unsere Gedankeninhalte sind ja mittlerweile zu dem geworden, was wir glauben zu sein, daher fürchten wir bzw. unsere Zweitpersönlichkeit, unsere „Identität“ zu verlieren.

Wir sind nicht nur mediale, sondern auch telepathische Wesen! Um das zu leben, was wir sind, bräuchten wir all das Gequassel garnicht. Krass, oder? Diese Art des Denkens hat uns dahin gebracht, unsere ureigensten Fähigkeiten und unsere innerste Wesenheit zu ignorieren und zu verleugnen. Unsere Zweitpersönlichkeit wird daher automatisch immer nach dem nächstbesten Gedankenklötzchen Ausschau halten, der uns mit dem Gedankenprozeß wieder verbindet und mit der erlernten „falschen Wahrnehmung“.

 (Spax 21.10.15)

(Siehe auch Beitrag vom 20.10.15: Gedanken-Fetzen I.)

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