Fähigkeiten der Zauberer

9. April 2015 at 04:14

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„Naiv“ seien wir – wo habe ich das denn gestern noch gelesen? Bei Castaneda. In welchem Zusammenhang? Ich glaube, es war im Zusammenhang mit den „alten Zauberern“,2 die sich in Sicherheit wiegten, weil sie so viele Dinge gemeistert hatten und Macht hatten über bestimmte Auswirkungen in der Welt. Aber unangreifbar waren sie deshalb nicht. Und dieser naive Glaube hätte sie sozusagen zu Fall gebracht; denn weder das immense Wissen, das sie besaßen, noch all ihre Praktiken hat sie vor dem Tod durch die Spanier bewahrt. Don Juan sagt, die neuen Zauberer hätten dann ein anderes Ziel formuliert: die absolute Freiheit.

Die alten Zauberer haben sich ihre Welt eher „unterworfen“, sie haben die menschenmöglichen Möglichkeiten von Wahrnehmung und Bewußtseinszuständen erkundet. Dieses Wissen gab ihnen Macht über andere und über ihre eigenen Lebenszusammenhänge. Zum Teil waren sie durch ihre Praktiken in der Lage, z.B. ihren Tod auf äußerst abstruse Weise über Jahrtausende hinauszuzögern, indem sie sich auf andere Bewußtseinsbereiche fokussierten und sich letztlich mit diesen verbanden, beispielsweise mit dem Bewußtsein von Bäumen. So seien die alten Zauberer lediglich von einem Zimmer des Spukhauses – womit Don Juan unsere illusorische Welt bezeichnet – zum nächsten gewandert, anstatt sich der Illusionen komplett zu entledigen. Deshalb hätten sie auch das wirkliche Rätsel um den Tod nicht gelöst, denn sie waren nicht in der Lage, ihren Tod zu transformieren.

Aus diesem Grund hätten die neuen Zauberer etwas verändern müssen und hätten unter anderem als neuen Aspekt die soziale Komponente mit einbezogen und durchleuchtet, worauf sich unsere gesellschaftlichen Strukturen gründen. Daher sind die neuen Zauberer überhaupt erst wirklich nach Innen gegangen, als sie die gesellschaftlichen Strukturen und sich selbst in Frage stellten.

Die alten Zauberer haben hingegen die Dinghaftigkeit der Wahrnehmung unserer Welt als Ausgangspunkt genommen und vor diesem Hintergrund die Entwicklung des Bewußtseins ebenfalls als ein Dinghaftes betrachtet, welches man nach eigenem Gusto formen und gestalten und erkunden könne. Durch ihre Praktiken und Techniken fühlten sie sich schlußendlich aus dem Dinghaften herausgehoben und wähnten sich als „darüberstehend“. Erst die neuen Zauberer setzten sich wirklich mit den psychologischen Aspekten und eigenen inneren Verwicklungen mit und in der Welt auseinander. Nur deshalb waren sie auch erfolgreich. Die alten Zauberer waren Magier mit Beschwörungsformeln, aber sie verfügten über das Wissen der Selbst-Erkenntnis nicht, was Voraussetzung ist für Transformation. Und erst der neuen Linie der Zauberer gelang das Erstaunliche und sie waren in der Lage, sich selbst im Tod vollbewußt ins Nichtphysische zu transformieren.

(Spax  9.4.15)

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Fußnoten

  1. Dies ist ein Beitrag, der sich auf die Schriften Castanedas bezieht. Möglicherweise ist der Beitrag daher nur verständlich, wenn man mit dessen Schriften vertraut ist (siehe Bücher); denn die spirituellen Lehren dieser Zauberer folgen einer ganz eigenen Herangehensweise, wobei sie sich entsprechend einer eigenen Terminologie bedienen. Da die Lehren sehr komplex sind, ist es mir an dieser Stelle leider nicht möglich, diesbezüglich in Kürze sämtliche Hintergründe und Zusammenhänge aufzuzeigen.
    Don Juan war der spirituelle Lehrer von Castaneda. Die Gruppe der Seher um Don Juan bezeichneten sich häufig als „Krieger“ oder „Zauberer“.
  2. In der Linie der Zauberer, wie sie von Don Juan beschrieben wird, gibt es eine Teilung, derzufolge die „alten Zauberer“ bis zur Invasion der Spanier in Mexiko (1519–21) wirkten. Durch die umfassende Zerstörung ihrer Kultur entwickelten die „neuen Zauberer“ andere Ansätze und Techniken sowie ein neues Grundverständnis ihrer Lehre.