erfolgreicher Hirnriß

26. Juni 2015 at 01:55

Erfolg-1_SNIPGes­tern ei­ne Mail von E. be­kom­men für ein Er­folgs-Se­mi­nar, al­so sie hat nur die Sei­te mit der Ein­la­dung wei­ter­ge­lei­tet. Ich fand die­se Sei­te so ab­stoßend. To­tal ab­stoßend und ich kann nicht sa­gen wes­halb. Weil al­le so ge­zwun­gen über­fröhlich wirk­ten? Weil un­ter et­wa 50 Leu­ten nur vier Frau­en dar­un­ter wa­ren? Weil al­les so taff und straff klang und nach „Er­folg = Geld“. Denn das scheint es nach wie vor zu sein. Der so ge­nann­te Er­folg wird im­mer an dei­nem Kon­to­stand ge­mes­sen. Und ich weh­re mich da­ge­gen. Ich weh­re mich mit Händen und Füßen da­ge­gen. Da­von ab­ge­se­hen, daß je­der Mensch in je­dem Mo­ment er­folg­reich ist, weil er im­mer das­je­ni­ge zurück­ge­spie­gelt be­kommt, was er aus­strahlt, ist das schöns­te Bild für einen „er­folg­rei­chen“ Men­schen im 3D-Sinn je­mand, der durch und durch glück­lich ist mit sei­nem Le­ben, je­mand, der sein Le­ben nach sei­nen ei­ge­nen Er­kennt­nis­sen aus­rich­tet.

Si­cher­lich präsen­tie­ren all die­se Leu­te tol­le Möglich­kei­ten, Er­folg zu ha­ben, das ei­ge­ne Le­ben auf­zuräum­en, mögli­cher­wei­se ein paar ge­dank­li­che Struk­tu­ren zu er­ken­nen und ggf. durch Übung so zu ändern, daß man das­je­ni­ge er­rei­chen kann, was die west­li­che Welt so als „Er­folg“ pro­pa­giert. Aber dar­um geht es nicht, nicht im Kern. Denn wir ha­ben zu je­der Zeit zu hun­dert Pro­zent Er­folg in je­dem ein­zel­nen Au­gen­blick: Stets wird uns das Er­geb­nis un­se­res Den­kens zurück­ge­spie­gelt – ganz gleich, ob mir das Er­geb­nis nun gefällt oder nicht. Es ist ex­akt, wie Abraham1– und all die an­de­ren ge­betsmühlen­ar­tig „pre­di­gen“: Was du aus­sen­dest, be­kommst du zurück­ge­spie­gelt. Im­mer. Zu hun­dert Pro­zent. Mehr gibt es über Er­folg nicht zu sa­gen.

Al­le­samt ma­chen wir Übun­gen nur des­halb, da­mit – wie ver­spro­chen oder pro­pa­giert – ein ganz be­stimm­tes Er­geb­nis da­bei her­aus­kom­men soll. Und da wir die Übun­gen mit der Er­war­tungs­hal­tung auf ein ganz be­stimm­tes Er­geb­nis ma­chen, ha­ben sie letzt­lich kei­nen Er­folg; sie ma­chen des­halb auch kei­nen Spaß und da­her tun wir sie nicht. Denn ein gewünsch­tes Er­geb­nis wird nicht von ei­ner Übung an sich her­vor­ge­bracht, son­dern durch je­nes Durch-und-durch-Emp­fin­den, das wir ha­ben, wenn sich ein gewünsch­tes Er­geb­nis be­reits ein­ge­stellt hat. Da­her ha­ben all die Übun­gen so we­nig Er­folg, eben weil sie grundsätz­lich von dem Stand­punkt aus­ge­hen, daß ich eben noch nicht dort bin, wo ich gern sein möchte. Sie ver­hin­dern mei­ne grund­le­gen­de Ein­stel­lung nicht, die sich in der Re­gel dar­auf gründet, daß ich mit aus­rei­chen­der An­stren­gung und Her­um­ge­wir­bel ein Gewünsch­tes er­rei­chen könn­te. Es bleibt al­les in den Köpfen ste­cken, hat kei­nen Ein­fluß auf un­ser Ge­sam­t­emp­fin­den.

Ich ha­be mich in die Zeit des Auf­wa­chens in­kar­niert – was be­deu­tet das? Es be­deu­tet ei­ner­seits, daß ich es kann, daß ich bzw. der persönli­che Be­wußtseinsan­teil, den ich als mein in­ne­res Ich emp­fin­de, da­hin­ge­hend ent­wi­ckelt ist; daß es für je­den ein­zel­nen, der die­ses Be­wußtseinss­piel des Auf­wa­chens mit­macht, dies auch er­rei­chen kann. Zu je­der ge­ge­be­nen Zeit oder in je­der In­kar­na­ti­on ist dies möglich, doch in der Zeit des Auf­wa­chens ist es ein we­nig leich­ter als zu an­de­ren Zei­ten, weil ener­ge­tisch an­de­re Vor­aus­set­zun­gen kre­i­ert wer­den, die zum Bei­spiel ins­ge­samt das Auf­wa­chen des ge­sam­ten Pla­ne­ten zur Fol­ge ha­ben. Es ist schwie­ri­ger in je­nen Zei­ten, in de­nen das Auf­wa­chen nicht ei­ne kol­lek­ti­ve Ab­sicht der ge­sam­ten Zi­vi­li­sa­ti­on dar­stellt, Zei­ten, in de­nen an­de­re Schwer­punk­te der In­te­gra­ti­on ver­folgt wer­den.

Es herrscht ei­ne große Ver­wir­rung bezüglich die­ser The­ma­tik. Zwar exis­tie­ren mitt­ler­wei­le die ener­ge­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen für ein „glo­ba­les Auf­wa­chen“, doch ist die Mensch­heit in die­ser Über­gangs­zeit vor­der­gründig da­mit be­faßt, zunächst den Denk­pro­zeß zu verändern. Dies be­deu­tet: den mas­si­ven Fo­kus von den Kon­ven­tio­nen weg­zu­be­we­gen. Dies al­lein ist ei­ne rie­si­ge Er­rei­chung und fällt nicht son­der­lich leicht, weil wir seit Äonen auf die­sem Pla­ne­ten uns in die­sem Fo­kus be­we­gen. Sind wir in­kar­niert, nimmt un­ser persönli­cher Be­wußtseinsan­teil die ge­sam­te Mensch­heits­ge­schich­te in sich auf – und dies be­deu­tet so viel mehr als nur „ge­gen die El­tern“ oder die Ge­sell­schaft zu re­bel­lie­ren; es geht viel tiefer und rüttelt unzähli­ge Schich­ten in uns auf, von de­nen wir nicht ein­mal wis­sen, daß es sie gibt.

Übung-violett_SNIPVon da­her hören sich all die­se Übun­gen und Ände­rungs­vor­schläge im­mer phan­tas­tisch und toll an, aber nichts dar­an hat die Kraft, in die Tie­fe zu ge­hen. Ich be­strei­te nicht, daß all die Coa­ches und „Er­folgs­men­schen“ und Se­mi­nar­lei­ter re­le­van­te Er­fah­run­gen ge­macht ha­ben, um zu gra­vie­ren­den Er­kennt­nis­sen zu ge­lan­gen. Doch – wie ge­sagt – hat je­der Mensch sei­ne ganz persönli­che und ei­ge­ne Ent­wick­lung und wird sein ganz persönli­ches und un-ver­gleich­li­ches (!) Auf­wa­cher­leb­nis ha­ben. Es ist da­her nicht möglich, den Weg ei­nes an­de­ren zu ko­pie­ren. Je­der muß in sei­nem ei­ge­nen Kopf an­fan­gen all die Nach­for­schun­gen an­zu­stel­len, wo­her sei­ne Ge­dan­ken oder Ge­dan­ken­in­hal­te kom­men oder wor­auf sich all die ei­ge­nen Glau­benssätze gründen.

Dies­bezüglich hat­te ich ges­tern ei­ne Ein­sicht bezüglich Vor­ur­tei­len, an die ich mich wie­der ein­mal er­in­ner­te: Als Kind oder auch Ju­gend­li­che hat­te ich kei­ner­lei Vor­ur­tei­le – we­der Men­schen aus an­de­ren Kul­tur­krei­sen ge­genüber noch Men­schen mit Be­hin­de­run­gen oder sonst­wel­chen „An­ders­ar­tig­kei­ten“. Als Kind und Ju­gend­li­che hat­te ich das nicht. Und in mei­ner in­ners­ten Über­zeu­gung hat sich dies auch nie­mals geändert. Was sich al­ler­dings geändert hat, sind be­stimm­te Ge­dan­kengänge, die im Hin­blick auf „An­ders­ar­tig­keit“ auf­tau­chen, und zwar sind sie aus­sch­ließlich ei­ne Fol­ge von zig­tau­send dämli­chen Aus­sa­gen, mit de­nen mein Den­ken über all die Jah­re bom­bar­diert wird von Me­di­en, El­tern, Un­be­kann­ten etc. Vor al­lem be­we­gen sich mei­ne Ge­dan­ken dann in die Rich­tung, daß „man ja nie­man­den dis­kri­mi­nie­ren dürfe“, was an sich ei­ne wünschens­wer­te Sa­che ist. „Dis­kri­mi­nie­rung“ be­deu­tet „Un­ter­schei­dung“. Und natürlich kann ich je­den Men­schen von ei­nem an­de­ren un­ter­schei­den – aber es ist klar, was im übli­chen Kon­text ge­meint ist: Je­der an­de­re ist ge­nau­so an­zu­er­ken­nen wie al­le an­de­ren der ei­ge­nen Norm­kul­tur.

Dies wird stets be­tont auf­grund der Tat­sa­che, daß eben häufig ein An­ders­ar­ti­ges „un­ter­schie­den“ bzw. dis­kri­mi­niert wird von der Mas­se, weil es sich durch ir­gend­wel­che Merk­ma­le un­ter­schei­det. Im Tier­reich kann man häufig be­ob­ach­ten, wie bei­spiels­wei­se Al­bi­nos aus der Ge­mein­schaft aus­ge­stoßen wer­den. Hin­ge­gen wird je­nen Tie­ren von Scha­ma­nen manch­mal wie­der­um ei­ne be­son­de­re Kraft nach­ge­sagt, eben weil sie an­ders­ar­tig sind. Die­ses Bei­spiel zeigt sehr gut den Me­cha­nis­mus der Angst vor dem Un­be­kann­ten, der Angst vor dem An­ders-ar­ti­gen, die Angst, an­ders zu sein als das An­er­kann­te, das Her­austre­ten aus der Mas­se. Durch all die un­gezähl­ten Ver­mi­schun­gen, die über Äonen statt­ge­fun­den ha­ben zwi­schen der Viel­zahl von Kul­tu­ren, die wir hier auf der Er­de ha­ben, wird gleich­falls deut­lich, daß es hier­bei wie­der und wie­der um die Trans­for­ma­ti­on ge­nau die­ser Angst geht: der In­te­gra­ti­on und so­mit der Ak­zep­tanz des Un­be­kann­ten, An­ders­ar­ti­gen.

Anders_SNIPDoch ich schwei­fe ab, denn ich woll­te ja erzählen, was mei­ne Ge­dan­ken ver­an­stal­ten und wel­che un­sin­ni­gen Hand­lun­gen sie nach sich zie­hen: Auf­grund die­ses Fo­kus­ses, daß man nie­man­den be­nach­tei­li­gen oder „schräg an­gu­cken“ soll, ent­steht über­haupt erst in mei­nem Hirn ge­nau dies; al­so nicht, daß ich plötz­lich einen Ausländer oder Schwu­len schief an­schau­en würde, son­dern das Gefühl, ich müsse nun be­son­ders nett zu ih­nen sein, um stets zu de­mons­trie­ren: „Hey, schau, ich ak­zep­tie­re dich.“ Wißt ihr ei­gent­lich, wie an­stren­gend das ist, wie falsch und un­auf­rich­tig? Denn ur­sprüng­lich ha­be ich doch gar kei­ne Ab­nei­gung wel­cher Art auch im­mer. Die­se idio­ti­sche Hal­tung ver­hin­dert, daß ich je­dem Men­schen im Au­gen­blick und spon­tan be­geg­nen kann, denn so­bald ich einen an­de­ren er­bli­cke, tau­chen be­reits all die Ka­te­go­ri­sie­run­gen auf: „ah, ein rei­cher Idi­ot“, „ei­ne Kopf­tuchträge­rin“, „ein Au­tist“ etc. Zeit­gleich wird von mei­nem Hirn das „kor­rek­te Ver­hal­ten“ mit­ge­lie­fert: Ab­leh­nung oder ei­ne Ex­tra­por­ti­on Freund­lich­keit.

Un­ter al­len Schich­ten und Ras­sen gibt es Freund­li­che und Un­freund­li­che, Men­schen, mit de­nen ich „kann“ oder „nicht kann“, es hat dies nichts mit ir­gend­wel­chen Äußer­lich­kei­ten zu tun! Auf die­se Wei­se je­den­falls wer­den un­se­re Kopf­ge­dan­ken dres­siert, die unzähli­ge An­sich­ten, Mei­nun­gen, Pa­ro­len in sich auf­neh­men und spei­chern, und dann die­ses Auf­ge­nom­me­ne in glei­cher Form wie ich es auf­ge­nom­men ha­be bei ent­spre­chen­den Ge­le­gen­hei­ten ab­ge­ru­fen wird und durch mein Hirn wan­dert. Es sind all dies über­haupt nicht mei­ne Ge­dan­ken und sind es nie ge­we­sen! Denn mein in­ne­res Ich be­geg­net den Men­schen und Si­tua­tio­nen im­mer spon­tan und im Jetzt, es klas­si­fi­ziert nicht!

Tja, ei­ne schöne Auf­ga­be, all die­sen Ge­dan­kenmüll aus den Schub­la­den zu zie­hen und aus­zu­mis­ten. Ein­fa­cher ist es mögli­cher­wei­se, die ge­sam­te Denk-Kom­mo­de aus mei­nem Sys­tem zu wer­fen, aber auch dies ist nicht ein­fach.

Es ist ge­nau, wie ich zu­vor be­schrie­ben ha­be: Al­les hängt an ge­nau die­sen er­kann­ten Denk­mus­tern und -ge­wohn­hei­ten. Die­ses Sys­tem ver­hin­dert in sich selbst, daß man es in Fra­ge stellt – und da­her wird es zum Bei­spiel auf­grund der er­lern­ten Denkstruk­tur an Übun­gen glau­ben und dar­an, daß die­se einen ent­spre­chen­den Er­folg hätten. Ich wer­de dar­an glau­ben, daß ich mich nur recht an­stren­gen muß, um z.B. so et­was wie Ent­span­nung zu er­rei­chen oder Er­folg oder was auch im­mer. Da die­ser grund­le­gen­de Denk­pro­zeß nicht geändert wird, bleibt al­les ein Ge­dan­ken­spiel, weil ich le­dig­lich mit den Schub­la­den der Kom­mo­de han­tie­re, im Glau­ben, ir­gend­wel­che Fort­schrit­te zu ma­chen, was je­doch nicht zu ei­nem Auf­wa­chen führen kann, da das dar­un­ter­lie­gen­de Denk­sys­tem nie­mals in Fra­ge ge­stellt wird.

(Spax 26.6.15)

Download PDF

Fußnoten

  1. Abraham ist eine von Esther Hicks gechannelte nichtphysische Entität.