Empfindung und Realität

30. Juni 2016 at 01:14

Pferd-weglaufen_SNIP_FarmgirlmiriamGestern Abend habe ich Hidalgo1 geschaut. Das ist eigenartig, denn ich hatte den Film vor allem auch lustig in Erinnerung. Aber der war eigentlich so garnicht lustig. Hm. Liegt das an meinem kleinen Bildschirm? – daran, daß ich die Filme alle schon kenne? – oder daran, daß ich eine andere geworden bin? Letzteres ist am wahrscheinlichsten. Vielleicht haben auch die Filme sich verändert, entsprechend meiner Wahrnehmung.

Es war auch ein interessanter Gedanke in dem Film: Die Araber sagen dort ständig „es steht geschrieben“; z.B. meint einer, sein Schicksal sei, in der Wüste zu verenden, dies stehe geschrieben. Aber der Cowboy rettet ihn und sagt: „Erst wenn ich etwas will und es umsetze und dann über die Ziellinie laufe, erst dann steht es geschrieben.“ Womit er recht hat. Das heißt, wir schreiben unser Leben selber, haben es selbst in der Hand. Und diejenigen Dinge, die wir ausagiert haben oder vielleicht sogar alle Wünsche, die wir hegen, sind dann „geschrieben“, weil sie stattgefunden haben.

An solch einem Punkt spaltet sich die persönliche Timeline.2 Z.B. wird die Wahrnehmung des Protagonisten, der überzeugt davon ist, sein Schicksal sei, in der Wüste zu verenden, dadurch verändert, daß jemand ihn rettet – wobei man ja gleichfalls sagen könnte, das Schicksal hätte diesen Retter vorgesehen! Folglich entstehen psychologisch gesehen zwei verschiedene Szenen und zwei verschiedene Wesen: In der ersten Szene stirbt der Protagonist vielleicht, weil ein möglicher Retter dessen Entscheidung oder Schicksalsergebenheit teilt; in der zweiten Szene wird der Protagonist gerettet. In der Persönlichkeit des Protagonisten sind jedoch beide Möglichkeiten gleichfalls präsent und emotional aufgeladen (die Angst vorm Sterben sowie die Freude über die Rettung vor dem Tod). Lediglich seine primäre Wahrnehmung entscheidet sich für eine der beiden Szenarien, wobei die jeweils andere Szene als wahrscheinliche oder parallele Situationsentwicklung in seiner Wahrnehmung in den Hintergrund tritt. Der Protagonist erlebt nur diejenige Szene als real, auf die er seinen Fokus legt.

All diese Emotionen und Gedanken verlaufen also parallel. Wenn man etwas denkt oder fühlt und empfinden kann, hat man es bereits durchlebt. Deshalb ist es schwierig, jeweils herauszufinden, was „tatsächlich“ war: Was war wirklich ein Teil von meinem 3D-Erleben und was spielt sich ggf. „nur in meiner Vorstellung“ ab? Denn wenn die Vorstellung so stark emotional aufgeladen ist, daß ich alles deutlich sehen und empfinden kann, hat solch ein Ergeignis für mich definitiv stattgefunden. Und in der Rückschau ist es dreifach schwer, dies zu unterscheiden; denn unsere Erinnerung speichert vor allem emotional aufgeladene Situationen und Erlebnisse – sie sind wie schillernde Super-Novas in unserem Leben oder wie beängstigende Schwarze Löcher. Häufig finden ja unsere emotionalsten Erlebnisse tatsächlich in unseren Köpfen statt. Woher also könnt′ ich wissen, daß dasjenige, was ich erinnere, je eine 3D-Tatsache gewesen ist oder nicht?

Wenn man versucht, sich an Erlebnisse aus der Kindheit zu erinnern, wird es besonders deutlich, denn in der Kindheit sind wir genauso stark in unserer „geistigen Orientierung“ präsent, wie wir es in 3D sind. Das hat zur Folge, daß Erlebnisse, die wir z.B. als psychologische Strömung wahrgenommen, aber vielleicht nicht ausagiert haben, gleichermaßen als Erlebnis abgespeichert wurden. Ein anderes Beispiel ist, wenn unsere Eltern, Verwandte, Freunde etc. uns erzählen, was wir getan hätten, aber wir selbst können uns nicht daran entsinnen. Deren Erzählungen speichern wir – wurden sie oft genug wiederholt – ebenfalls als Erlebtes, obwohl wir uns dessen gar nicht sicher sein können, eben weil wir uns selbst daran ja nicht aktiv erinnern. Und wie häufig differiert zudem die Wahrnehmung eines anderen von dem eigenen Eindruck eines Ereignisses, dessen wir uns deutlich erinnern! Manchmal übernehmen wir dennoch die Erzählung der anderen und vergessen hierüber unser eigenes Erleben einer bestimmten Situation.

Erinnerung-Fische_SNIP_johnhainDie Erinnerung spielt uns daher eklatante Streiche. Wir können unmöglich herausfinden, was „tatsächlich“ war und was nicht. Für unser eigenes Erleben und unsere eigene Erinnerung ist alles gleichermaßen real, was wir emotional abgespeichert haben. Daher können Wahrnehmungen anderer Leben oder alternativer Lebensentwürfe ebenso real erscheinen wie mein aktuelles 3D-Erleben. Denn mein eigenes Empfinden gehört untrennbar mit mir zusammen und fühlt sich immer real an – ob in meinem Geist oder als 3D spielt hierbei keine Rolle.

Wenn mir jedoch klar ist, daß sich all mein 3D-Erleben grundsätzlich aus dem Geistigen heraus erst ergibt und entsteht, muß ich all meine geistigen Wahrnehmungen und Erinnerungen doch vordergründig als „die eigentliche Realität“ annehmen, selbst wenn andere mir über eine 3D-Situation etwas anderes berichten mögen. An dieser Stelle wird es spannend, denn gleichermaßen erweitern wir unser eigenes Wahrnehmen durch den Blick der anderen: Durch deren Rückmeldung erlange ich Kenntnis darüber, welche Folgen mein eigenes Handeln nach sich ziehen kann. Somit baue ich in meine Wahrnehmung gleichfalls den „Blick der Anderen“ mit ein und beschäftige mich vermehrt auch damit, wie meine Außenwelt meine Handlungen wahrnimmt oder beurteilt. Insbesondere ist es diese Art der Rückmeldung, die folgend einen riesigen Teil meiner Wahrnehmung ausmacht: „Tu′ dies nicht, tu′ das nicht, weil dann (geschieht xyz).“

Weil wir lernen, unsere Handlungen vorwiegend nach diesem Außenblick auszurichten, sind unsere Handlungen nicht mehr genuin, könnte man sagen, denn die Wahrnehmung für die eigenen Empfindungen oder für den eigenen Handlungsantrieb tritt hierdurch in den Hintergrund. Wir stellen den Blick der Außenwelt als Relevanz über unsere eigene Wahrnehmung und folglich werden meine Handlungen vordergründig bestimmt von rationalen Überlegungen wie: „Wenn ich dies tue, passiert das“, in tausenderlei Variationen. Grundsätzlich will jeder negative Folgen vermeiden und bemüht sich daher, es allen recht machen zu wollen. Doch stößt man hier unweigerlich an viele Grenzen; denn weil jeder etwas anderes möchte, stürzt mich das in einen Handlungskonflikt sowie in einen größeren Konflikt mit meinen eigenen Handlungsimpulsen, die stets von manchen gutgeheißen werden, von anderen wiederum nicht. Wie soll man in dem Wirrwarr, der durch diesen Ratio-Mix, der mit unseren eigenen Empfindungen verquirlt wird, noch herausfinden, was von all meinen Handlungen und Erlebnissen tatsächlich „mein Eigenes“ ist?!

„Real“ erscheinen mir jeweils die psychologischen Strömungen, die ich in einem Geflecht von Handlungen und Situationen in mir wahrnehme. Von daher ergibt es Sinn, sich nach diesen Empfindungen auszurichten und diese als „meine Realität“ zu definieren. Doch psychologische Strömungen werden nicht immer in 3D-Handlungen umgesetzt und häufig von anderen negiert, angezweifelt und bestritten – weil andere eine Situation eben anders empfinden mögen oder diese Strömungen nicht wahrnehmen oder wahrnehmen wollen. Selbst wenn ich also mein Empfinden als „meine eigene Realität“ betrachte, kann ich nicht sagen, es sei eine Realität, die absolut wäre und daher „für alle gleichermaßen“ gelten würde. Da das emotionale Empfinden solcher „Hintergrund-Strömungen“ ebenfalls als Realität gewertet wird, ist es nicht möglich, herauszufinden, ob hier bestimmte Handlungen auch umgesetzt wurden oder nicht – und im Nachhinein schon garnicht. Aber der psychologische Eindruck bleibt so oder so und dieser ist es, der als Erleben gewertet wird, nicht unbedingt eine in 3D verankerte Handlung.

Namen-Bierkrüge_SNIP_HansNebengleis: Namen sind Schall und Rauch
Dieser Zusammenhang erklärt vielleicht auch, weswegen Namen „Schall und Rauch“ sind und wir uns so schlecht an sie erinnern: denn Namen sind kein Erleben, sondern man hat ein Erlebnis mit einer bestimmten Person. Daher erkennt man die „psychologische Struktur“ einer Person wieder und erinnert sich hierüber, wer der andere ist – ein Name spielt hierbei keinerlei Rolle. Das ist gleichfalls der Grund, weshalb Channelwesen sich so häufig nicht an konkrete Namen oder Daten erinnern können, denn abgespeichert ist das Erleben im Kern des Ereignisses. Und weil Zeit nur in unserem linearen 3D-Zusammenhang existiert, aber ansonsten nicht, haben geschichtliche Daten genauso eine Irrelevanz. Hinzu kommt auch noch, daß in unserer zeit-losen Verankerung alle psychologischen Strömungen gleichermaßen real sind.

Um diesen Zusammenhang annähernd greifbar zu machen, bedienen wir uns der Beschreibung mit den „Timelines“: In dem einen Zusammenhang hat z.B. Cortés3 die Mexikaner überfallen und unterjocht, in einer anderen Timeline haben jedoch die Mexikaner den Sieg davongetragen; in wieder einer anderen sind die Spanier garnicht in Mexiko aufgetaucht usw. Die jeweilige Wahrnehmung liegt ausschließlich beim Betrachter und dessen eigener psychologischer Ausrichtung. Das ist auch etwas, worauf ein Channelwesen sich einstellen muß: auf die jeweilige psychologische Ausrichtung eines Fragers und dessen persönlicher Timeline. 3D-Ereignisse zählen hier wenig, sondern die jeweilige Timeline wird ausschließlich bestimmt durch die geistige und emotionale Ausrichtung des Fragers. Jeder Mensch, jede Psyche ist ein eigenes Universum mit jeweils unendlichen Timelines; denn jeder einzelne Gedanke, jede einzelne Gefühlsregung bringt eine neue Strömung und somit eine neue Timeline hervor.

Wie, frage ich, will man sich in dieser Unzahl von Möglichkeiten an „eine einzige“ Wahrheit oder eine spezifische „Realität“ erinnern? Wir müssen unbedingt den Absolutheitsanspruch auf eine bestimmte, in Stein gemeißelte Realität oder Geschichte oder Situation etc. aufgeben. Denn erst mit der Erweiterung unserer geistigen Wahrnehmung von unseren eigenen zillionen Realitäten schaffen wir den Sprung zur Akzeptanz auch sämtlicher Entwürfe, die an uns scheinbar von „außen“ herangetragen werden.

(Spax  30.6.16)

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Fußnoten

  1. Ein Western aus 2004, in dem es um ein Langstrecken-Pferderennen in Arabien geht.
  2. Die Timeline ist der Versuch, die Wahrnehmung von wahrscheinlichen und parallelen Erlebniswelten begreifbar zu machen. Jeder Gedanke, jede Handlung, jedes Empfinden wird hier zu einer eigenen „Straße“ der persönlichen Geschichte.
  3. „Die spanische Eroberung Mexikos 1519–21 unter Hernán Cortés führte zum Untergang des Reiches der Azteken und begründete die Herrschaft der Spanier über Mesoamerika“ (siehe Wikipedia). Die mexikanischen Ureinwohner spielen für sich manchmal diese Szenerie nach mit dem Ausgang, daß sie über die Spanier gesiegt haben.