Einflüsse

18. Mai 2015 at 03:12

Einfluss_SNIPWas sind Außen­ein­flüsse und was sind „In­nen­ein­flüsse“? Die Außen­ein­flüsse sind klar, es sind dies die Wahr­neh­mun­gen über mei­ne Sin­ne: das Rau­schen der Bäume oder der Au­tos eben­so wie Krach­geräusche; das Grün, die schönen bun­ten Far­ben, aber auch ein No­vem­ber­him­mel usw. Das, was uns am meis­ten be­ein­flußt, ist das ge­spro­che­ne Wort – al­so je­den­falls im Ta­ges­be­wußtsein, was wir ta­ges­be­wußt wahr­neh­men.

Auf der un­be­wußte­ren Ebe­ne sind es mehr die Ener­gi­en, die uns di­rekt be­ein­flus­sen oder an­re­gen, die „Au­ra“, in der wir uns be­we­gen, könn­te man sa­gen. Die­ser Teil von uns rea­giert da­her auf die „Zwi­schentöne“ ei­ner Un­ter­hal­tung. Die­ser Teil nimmt wahr, in wel­cher Ab­sicht zum Bei­spiel Wor­te ge­spro­chen wer­den. Nur des­halb können wir Iro­nie ver­ste­hen: daß Wor­te mit ei­gent­lich ungüns­ti­gem In­halt in ei­ner ne­cken­den Ab­sicht ge­spro­chen wer­den. Der un­be­wußte Wahr­neh­mungs­teil von uns er­faßt so­fort, ob ein Mensch auf­rich­tig ist oder ei­ne Si­tua­ti­on be­droh­lich. Daß wir die­sem Teil aber so we­nig über den Weg trau­en, liegt an un­se­rem Primärfo­kus auf das Ta­ges­be­wußtsein, wel­ches stets all die­se un­be­wußten Re­ak­tio­nen aus­sperrt und auf ei­ne ra­tio­na­le Ebe­ne zieht. Die Ra­tio macht dann aus ei­ner kla­ren di­rek­ten Wahr­neh­mung ei­ne kom­pli­zier­te Er­klärung. Die Ra­tio ach­tet nicht auf all die Zwi­schentöne, son­dern hört nur auf das ge­spro­che­ne Wort und zieht Schlüsse, die be­reits vor­aus­ge­setzt wer­den: Man hat be­reits be­stimm­te Er­war­tun­gen an ei­ne Si­tua­ti­on oder ein Ge­genüber, hat sich be­reits ein Bild ge­macht oder möchte selbst et­was be­stimm­tes er­rei­chen, und durch die­ses vor­ge­fer­tig­te Ge­dan­ken­gebäude wird dann al­les in­ter­pre­tiert, was ich höre. Dies ist auch der Grund, wes­halb nie­mand wirk­lich ei­nem an­de­ren auf­merk­sam zuhört, denn die ei­ge­ne Er­war­tung so­wie ein hier be­reits an­ge­nom­me­nes Vor­ab-Ur­teil ver­hin­dert die di­rek­te Be­geg­nung.

So zim­mern wir uns un­se­re Welt: Al­les, was wir wahr­neh­men wird durch ein be­reits be­ste­hen­des In­ter­pre­ta­ti­ons­gerüst ge­fil­tert. Dies hat zur Fol­ge, daß wir nicht wirk­lich neue Er­fah­run­gen ma­chen können bzw. zu ei­nem neu­en Den­ken ge­lan­gen könn­ten, denn die­se Art der be­schränk­ten Wahr­neh­mung läßt nur Din­ge zu, die mei­ne Ra­tio zuläßt – auf­ge­baut auf ei­nem wil­den Gerüst von Vor-An­nah­men und un­se­ren Glau­benssätzen.

Wes­halb ein Hei­ler, Scha­ma­ne, Zau­be­rer, Auf­ge­wach­ter etc. einen so großen Ein­fluß ha­ben kann, daß Leu­te ihm als Anhänger nach­lau­fen liegt dar­an, weil solch ein Mensch mit tiefe­ren Schich­ten ver­bun­den ist; die­se Ener­gie spie­gelt sich in sei­ner Au­ra, in sei­ner Aus­strah­lung. Und wie die Mot­ten flie­gen wir zum Licht; denn et­was in uns fühlt sich an­ge­spro­chen und an­ge­zo­gen von die­ser Ener­gie: Es sind primär nicht die Wor­te, die ein Gu­ru spricht, son­dern die Au­ra der In­te­grität.

Das je­den­falls ist un­ser Spiel mit der Außen­wahr­neh­mung. Wo­bei ja noch an­zu­mer­ken ist, daß al­les, was ich im Außen wahr­neh­me, ei­ne Spie­ge­lung bzw. Ma­ni­fes­ta­ti­on mei­ner Ge­dan­ken „von ges­tern“ ist. Ge­nau be­trach­tet spielt sich da­her mein ge­sam­tes Le­ben in al­lein mei­nem ei­ge­nen Be­wußtseins­fo­kus ab. Doch ist die­ser Vor­gang so kom­plex, daß wir es nicht be­mer­ken. Mir ist nicht be­wußt, auf wel­che Wei­se ich all die­se Häuser, Bäume, Au­tos und an­de­ren Men­schen etc. ge­schaf­fen ha­ben soll. Und das wie­der­um macht es un­ter­halt­sam, weil ich mir auf die­se Wei­se ein Ge­genüber er­schaf­fe, das mir zum Bei­spiel ei­ne neue Per­spek­ti­ve dar­legt – ei­ne Per­spek­ti­ve, auf die mein Ta­ges­be­wußtsein (mein Primärfo­kus) bis­lang nicht ge­rich­tet war. Es ist und bleibt ein Spiel des Be­wußtseins mit sich selbst.

Magnolien-Blüten_sig_SNIPWas aber stel­len nun „In­nen­ein­flüsse“ dar? Sind dies nicht gleich­falls Tei­le mei­nes Be­wußtseins? Wes­halb schätze ich die­se als „wert­vol­ler“ ein als all die Ein­flüsse mei­ner Außen­wahr­neh­mung? Ganz ein­fach: Weil sie mich mit ei­nem um­fas­sen­de­ren Teil von mir bzw. mei­nes Be­wußtseins ver­bin­den als die Ra­tio. Die Ra­tio so­wie un­se­re hier­auf gründen­de/n Glau­benssätze und Welt­an­schau­ung na­gelt uns auf das Im­merglei­che fest. Sie ist in Rein­kul­tur ei­ne Sack­gas­se für die Ent­wick­lung, da wir da­durch, daß wir mei­nen, al­les er­klären zu können, un­se­re Welt und un­se­re Er­fah­run­gen dar­in zu ei­nem gi­gan­ti­schen Theo­rie­gebäude ma­chen. Aber von For­meln kann man auf Dau­er nicht le­ben, man braucht auch et­was „zwi­schen die Zähne“. Was ich hier­mit mei­ne ist: Die Ra­tio nimmt uns un­se­re Le­ben­dig­keit, ver­hin­dert ein di­rek­tes Er­le­ben un­se­rer Welt, weil die Welt nur noch ein Ding ge­wor­den ist, das man be­schrei­ben kann. Die Ra­tio kennt kei­ne Neu­gier, kei­ne Über­ra­schun­gen, kein Un­be­kann­tes – sie glaubt von vorn­her­ein, sie könne ein­fach al­les er­klären. Und die­se An­sicht tötet un­se­re Le­ben­dig­keit, nimmt uns die Neu­gier und Aben­teu­er­lust, et­was Neu­es aus­zu­pro­bie­ren, nimmt den Zau­ber des Un­be­kann­ten. Doch die „In­nen­an­re­gun­gen“ ver­bin­den uns wie­der hier­mit, mit dem Gefühl der Le­ben­dig­keit, der Neu­gier und dem Ta­ten­drang. Da wir un­se­rer Ra­tio aber solch ei­ne Vor­macht­stel­lung ein­geräumt ha­ben – denn sie be­herrscht un­se­ren ge­sam­ten Primärfo­kus des All­tags­be­wußtseins –, müssen wir uns dies erst wie­der an­eig­nen und einüben.

An­re­gun­gen, die von In­nen kom­men, sind ei­ner­seits Hand­lungs­im­pul­se wie auch Ein­ge­bun­gen und Ide­en, das Wahr­neh­men all der Zwi­schentöne so­wie da­mit ein­her­ge­hend un­ser Glau­be dar­an, un­ser Ver­trau­en hier­ein. Denn dies ist je­ner Teil, an dem die Ra­tio so­fort und über­all ih­ren Zwei­fel äußert. Un­se­re In­nen­wahr­neh­mung ist ei­ne Aus­deh­nung un­se­rer Welt, könn­te man sa­gen. Denn nicht nur ge­lan­ge ich zu an­de­ren Er­fah­run­gen und ei­nem an­de­ren Le­bens­gefühl, wenn ich mich z.B. nach mei­nen Im­pul­sen aus­rich­te oder die­se über­haupt wahr­neh­me, son­dern im Stil­le­wer­den mei­nes ra­tio­nel­len Denk­pro­zes­ses wer­de ich befähigt, an­de­re Wel­ten und Rea­litäten wahr­zu­neh­men, die aus­sch­ließlich über die­sen In­nen­fo­kus er­reich­bar sind.

Ein gu­tes Bei­spiel hierfür sind Ufos: Die Ra­tio und un­se­re Glau­benssätze sa­gen „welch ein Un­fug“ und sind da­her nicht in der La­ge, der­lei Din­ge wahr­zu­neh­men. Doch ein of­fe­ner struk­tu­rier­tes Ta­ges­be­wußtsein, wel­ches zu­min­dest die Möglich­keit in Be­tracht zieht, daß auch Din­ge exis­tie­ren können, von de­nen ich bis­lang kei­ne Kennt­nis ha­be, schafft ei­ne Er­wei­te­rung oder Öff­nung in der ei­ge­nen Au­ra, auch der­lei Din­ge wahr­zu­neh­men. So kann es al­so pas­sie­ren, daß meh­re­re Leu­te ne­ben­ein­an­der­ste­hen und zwei se­hen ein Ufo und drei an­de­re sind nicht in der La­ge, es zu se­hen.

Mei­ne größte In­nen­an­re­gung ge­schieht im Schlaf, wenn mein Be­wußtsein an­ders­wo fo­kus­siert ist, in vie­len mul­ti­di­men­sio­na­len Be­rei­chen. Wa­che ich mor­gens auf, sind mir all die­se Er­leb­nis­se kom­plett un­be­wußt. Doch durch das Schrei­ben mei­ner Sei­ten1 er­ha­sche ich häufig den einen oder an­de­ren Fa­den und zie­he aus die­sem mir ta­ges­be­wußt voll­kom­men un­be­wußten Teil mei­ne aller­größten Er­kennt­nis­se. Ich fin­de, das ist schon ei­ne ziem­li­che Kunst: 1) über­haupt einen Draht ha­ben zu können zu et­was, was mir ta­ges­be­wußt „un-be­wußt“ ist und 2) daß es möglich ist, all je­ne Er­kennt­nis­se, mit de­nen ich auf an­de­ren Be­wußtseinse­ta­gen den­noch ver­bun­den bin, herüber­zie­hen kann in mein Ta­ges­be­wußtsein. Das ist so er­staun­lich wie span­nend und wie ich fin­de: un­end­lich be­rei­chern­der als ewig nur mit dem­sel­ben Quirl mei­nen ra­tio­na­len Ge­dan­ken­in­halt durch­zurühren. Bei die­ser „Schaum­schläge­rei“ kommt nichts Neu­es her­aus, er dreht sich im­mer nur um sich selbst, der gan­ze Brei; doch durch mei­nen In­nen­fo­kus und das Wahr­neh­men mei­ner In­nen­an­re­gun­gen er­hal­te ich im­mer ein klei­nes neu­es Fit­zel­chen ei­ner neu­en Er­kennt­nis. Das ist be­zeich­nend für Le­ben­dig­keit und sta­chelt die Neu­gier an und die Freu­de auf mehr…

(Spax 18.5.15)

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Fußnoten

  1. Sei­ten = Mor­gen­sei­ten.