Drama am K2

16. Oktober 2015 at 05:20

Berge-K2-Nordseite_SNIPPINGGestern bin ich noch auf eine ganz wunderbare Frau gestoßen im Internet: Cecilie Skog; eine Norwegerin, die ständig im ewigen Eis unterwegs ist, mit Ski und Schlitten zu den Polen wandert usw. Die sieht so schön aus und sagt dann so Sachen wie: „Das wichtigste ist nicht, ans Ziel zu gelangen, sondern rauszugehen, es zu versuchen und Spaß zu haben.“1

Sie war mit ihrem Mann Rolf in 2008 am K2 dabei, als dieses große Unglück passierte und elf Leute verunglückten. Da waren sie seit einem Jahr verheiratet, und dann wird Rolf, der beim Abstieg vor ihr geht, von einer Eislawine mitgerissen. Die Lawine durchtrennte auch alle Fixseile. Und weil es mittlerweile dunkel war, sind viele vielleicht auch deswegen abgestürzt oder nicht mehr vom Berg heruntergekommen.

Aber was ich so garnicht verstehe ist, wie fast die gesamte Truppe sich dafür entscheidet, überhaupt zum Gipfel aufzusteigen, obwohl sie drei Stunden (!) zu spät sind! Drei Stunden ist eine enorme Zeitverzögerung, die man bei solch einer Unternehmung nicht mehr aufholen kann. Und jeder einzelne Bergsteiger weiß das ganz genau. Es gab eine handvoll Leute, die dann aus eben all diesen Gründen schweren Herzens abgestiegen sind und auf den Gipfel verzichtet haben – ihnen war ihre eigene Sicherheit wichtiger. Das ist eine extrem schwere Entscheidung, ganz sicher. Offenbar kann sie nicht jeder treffen.

Das gibt es ja in anderen Zusammenhängen auch, daß einzelne noch spät in Richtung Gipfel unterwegs sind und bereits Absteigende ihnen raten umzukehren. Aber in diesen Höhen funktioniert das Gehirn nicht mehr wie gewohnt, die Vernunft ist ausgeschaltet und so wie es sich anhört, sind die Bergsteiger oft durchflutet von Euphorie – trotz all der Strapazen. In der Euphorie fühlt man sich unbesiegbar und man glaubt, man könne alles bewältigen. Nur so ist es zu erklären, daß so viele all die Warnungen in den Wind schlagen. Auch kann man ja oben in der Todeszone niemanden zwingen umzukehren, dafür reicht die Kraft nicht und keiner kann hier einem anderen etwas vorschreiben. Das ist das fatale daran.

Ich verstehe das absolut nicht! Also da sind all diese erfahrenen Bergsteiger, die sich bei optimalstem Wetter auf dem K2 finden – in Lager 4, im letzten vorm Gipfel. Und dann waren sie schlecht sortiert für den nächsten Tag!!! Da hat dann einer sich auf den nächsten verlassen. Es handelte sich ursprünglich um mehrere kleine private Expeditionen, die sich für den Gipfel-Aufstieg zusammengeschlossen hatten, weil alle dasselbe kurze Schönwetter-Fenster nutzen mußten. Und dann sowas! Wieso in aller Welt kontrolliert denn dort oben dann nicht noch einer, ob alles so ist, wie es sein soll für den nächsten Morgen??! Die Stimmung war doch super und es wäre Zeit gewesen hierfür und hätte vermutlich bloß ein paar Nachfragen gekostet – whatever. Aber jeder ging davon aus, daß alles abschließend besprochen war und jeder verließ sich auf den nächsten. Und dann haben sie am nächsten Morgen drei Stunden nach irgendwelchen Ausrüstungsgegenständen gesucht!!! Was kann das gewesen sein? Seile? Private Ausrüstung kann es ja nicht sein, denn die führt ja jeder selber mit sich.

Berge-Seilschaft_SNIPWas macht man, wenn man ein Team von 2 oder 3 oder 4 Leuten ist und die anderen schließen sich alle zusammen, du aber selbst der Ansicht bist, daß du lieber im kleinen Team gehen möchtest? Man hat sich ja im eigenen Team vorbereitet und ist entsprechend ausgerüstet und übernimmt Verantwortung im und für das eigene kleine Team. Schließt man sich mit weiteren kleinen Teams zu einem großen zusammen, so verwässert das die Eigenverantwortlichkeit. Denn automatisch bildet sich auch so etwas wie eine Rangfolge, man ordnet sich einem gemeinsamen Konsens unter. Das hat ja nichts mit Sympathien zu tun – obwohl das natürlich auch mit hineinspielt. Und dann ordnet man sich ggf. solchen Leuten unter, die Sätze sagen wie „Everest ist für Touristen – K2, das ist eine echte Leistung!“2 Und wie häufig sind solche Großmäuler diejenigen, denen andere dann folgen… Die Leistungsfrage ist hier auch ein Thema; weniger Erfahrene werden sich den Erfahreneren unterordnen, fühlen sich vielleicht gut aufgehoben; doch diejenigen, die sich für die Leistungsstärkeren halten, werden sich durch „Schwächere“ ein wenig behindert fühlen. Viele psychologische Faktoren spielen hier eine Rolle, wie sich in einem solchen Gruppenzusammenhang eine neue Rangordnung bildet.

Zum Schluß muß man sagen, es haben letztlich diejenigen überlebt, die dann weiterhin ihre eigenen Entscheidungen getroffen haben. Der eine, der mit auf dem Gipfel war, sich dann aber quasi vom Gesamtteam abgesondert hat und eigenverantwortlich Entscheidungen traf und seinen Abstieg alleinverantwortlich gemacht hat. Auch die Cecilie muß ja ihren eigenen Abstieg noch hinbekommen haben. Diese beiden hatten ja ebenfalls keine Fixseile mehr, oder?

Natürlich ist das alles jetzt Spekulation, aber ich kann mir vorstellen, daß es ggf. in den kleineren Gruppen nicht zu einer Katastrophe dieses Ausmaßes gekommen wäre; eben weil man im eigenen kleinen Team seinen festen Platz hat, eingespielt ist und mehr Eigenverantwortlichkeit übernimmt.

Ich verstehe deshalb auch nicht, wieso dann der Berg einen so schlechten Ruf bekommt, wenn es doch die Menschen sind, die selbst derartig fatale Entscheidungen treffen. Gerlinde Kaltenbrunner ist sechs Mal (!) auf den K2 gestiegen und teils ganz kurz vorm Gipfel wieder runter, weil es vernünftiger war; weil sie vielleicht eigene Entscheidungen getroffen hat und weil sie auch dem Rat ihres Mannes, mit dem sie sich per Funk jeweils beraten hat, gefolgt ist. Erst beim siebten Mal war sie auch auf dem Gipfel und ist lebend zurückgekommen.

(Spax 16.10.15)

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Fußnoten

  1. Cecilie Skog im Interview: Cecilie Skog: Durch Höhen und Tiefen
  2. Vermutlich in diesem Video über den K2, es kann aber auch ein anderes gewesen sein (ich habe an diesem Tag recht viele geschaut): Fatal Altitude Tragedy on K2 (engl.)