Die wahrgenommene Welt

18. Oktober 2016 at 03:17

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Gestern hab ich mal wieder in Castanedas „Fire“2 reingeblättert und bin auf die Stelle gestoßen, wo Don Juan verschiedene Bewegungen des AssemblagePoints (AP)3 beschreibt – in meiner Terminologie wäre das der „Fokus“. Don Juan sagt quasi dasselbe wie bei der Analogie mit dem Spukhaus,4 nur jetzt „technisch“ erklärt: Sobald der AP sich bewegt, hätten wir eine andere Wahrnehmung, könnten wir andere Dinge wahrnehmen. Don Juan sagt weiterhin, dies sei jedoch eine weitere „Falle“ für unsere Wahrnehmung, denn nichts wäre einfacher, als sich in der Unermeßlichkeit des Unbekannten zu verlieren. Er beschreibt diese Bewegung des AP als einen „seitlichen Shift“, hier finden wir alle Visionen, sämtliche Gaukeleien eines „höheren Bestrebens“. Sobald wir andere Wahrnehmungen hätten als die antrainierte 3D-Wahrnehmung, wären wir ebenso fasziniert und hypnotisiert davon, wie wir ansonsten von 3D eingenommen sind. Zu diesen Wahrnehmungen gehöre grundlegend immer noch das Bestreben, etwas „sein“ zu wollen, etwas „erleben“ zu wollen in und mit all diesen Wahrnehmungen. Zum Beispiel all die neuen Heilmethoden zu nutzen; oder ein Guru zu sein, ein „Prediger“; wir ließen uns fortziehen in das Erleben anderer Welten als dieser (Astralreisen, Wahrnehmungen anderer Zivilisationen etc.). Doch letztlich habe dies nichts mit dem Bestreben zu tun, frei sein zu wollen. Denn der „Freiheitssuche“ läge allein die Beobachtung zugrunde, die Zeugenschaft.

Don Juan sagt, unser Bewußtsein sei dazu geschaffen, all jene Dinge, die wir wahrnehmen können, zu bezeugen; sie also wahrzunehmen, aber uns nicht mit dem Wahrgenommenen zu identifizieren. Das ist, was er als „Detachment“ beschreibt. Er sagt, man müsse eine immense Energie zu dieser losgelösten Art der Wahrnehmung aufbringen, um eben nicht in die Falle zu tappen. Denn wir sind es ja generell gewöhnt, uns mit allem zu identifizieren, was wir wahrnehmen, da alles, was wir wahrnehmen jeweils die Grundlage unseres Erlebens bildet, unserer Welt. Daher dockt unsere Ich-Struktur sofort an die jeweilige Wahrnehmung an und ist damit automatisch mit dieser identifiziert als Teil des eigenen Erlebens- und Wahrnehmungsraumes.

Grundlage für einen Shift des AP und somit einer veränderten Wahrnehmung sei – wie immer – das Schweigen unserer Gedanken, das „Abschalten des inneren Dialoges“. Auch diesen Aspekt fand ich spannend, denn Castaneda sagt, er wisse zwar, daß er seinen inneren Dialog abgeschaltet habe bei bestimmten Übungen, aber nicht, wie er das jeweils zustande bringt. Don Juan antwortet, es geschähe über den Willen, über die Absicht, es tun zu wollen. Habe man genügend Energie gesammelt, würde mit der Absicht der Wille Castanedas zum „Wille des Eagle“ werden. Der „Wille des Eagle“ läßt sich vielleicht erklären mit dem, was ich häufig „Impuls“ nenne – all jene oft kaum wahrnehmbaren inneren Stupser, die uns zu irgendeiner Handlung anregen, die wir aber erlernterweise in der Regel mit unserem Verstand überlagern. Diese Impulse haben auch Anteil an der Intuition, sind jedoch nicht dasselbe.

Das ist jeweils, was ich meine, wenn ich sage, es sei gut, den inneren Impulsen zu folgen, weil sie verbunden sind mit unserem Higher Self und wir uns über diese Art der Ausrichtung mehr und mehr mit unserem Higher Self verbinden können. Je stärker wir uns dieses Mechanismusses bewußt werden, desto häufiger findet eine Kommunikation statt zwischen der Einzelperson, die wir als ein „Ich“ erleben und einer „höheren Ordnung“, in die wir eingebettet sind (Higher Self). Je offener dieser Kanal ist, desto stärker ist die Verbindung zwischen dem empfundenen „Ich“ und meinem Higher Self. Impulse, die ich aus meinem Ich-Erleben heraus an das Higher Self sende, werden von diesem aufgegriffen und zurückgespiegelt. Bei einem Leben „im Sein“ fallen diese beiden Impulse zusammen und sind quasi nicht mehr zu unterscheiden. Hierbei wird im wesentlichen der „Wille des Higher Self“ (Impulse) zu „meinem eigenen Willen“, da ich diesem antworte, indem ich den Impulsen nachgehe, wenn ich sie spüre. Wenn ich in einem Zustand der „inneren Stille“ bin, bei dem mein innerer Dialog ausgeschaltet ist, bin ich direkt mit dem Higher Self verbunden und „mein Wille“ und der „Wille des Higher Self“ überlagern sich, werden zu ein und demselben. Es geht hier um einen ganz bestimmten Energieraum, in welchem jeder Impuls – ganz gleich, wodurch er angeregt ist –, umgesetzt wird.

verbindung-geistig_snip_johnhainWeil wir uns aber als Einzelwesen empfinden, besteht die „Gefahr“ nun darin, uns genauso mit den neuen Wahrnehmungen zu identifizieren, wie wir es gelernt haben. Bleiben wir mit dem Higher Self verbunden, so hat nicht das Erleben, das Eintauchen in die jeweils wahrgenommene Welt Vorrang, sondern lediglich die Wahrnehmung an sich. Das heißt, ich betrachte die jeweils von mir und meiner Wahrnehmung hervorgebrachte Welt, aber ich greife nicht handelnd ein. Ich identifiziere mich nicht mit diesen Welten oder den Ausdrucksmöglichkeiten, die die neuen Wahrnehmungen bieten mögen.

Weshalb ist dies „Freiheit“? Weil ich durch diese distanzierte Betrachtung direkt mit dem „träumenden Bewußtsein“ verbunden bin, das in einer Art meditativen Haltung alles erschafft, was es wahrnimmt. Heißt: Sobald ich etwas betrachte oder wahrnehme, kann das Bewußtsein durch winzige Vorstellungs- oder Willensimpulse die jeweilige Szenerie nach Belieben verändern. Weshalb will ich mich nicht im Erleben verbinden mit all diesen Möglichkeiten oder Welten, die mein Bewußtsein erschafft? Weil das Sein im Kern jener „meditative Zustand“ ist; und will ich diesem Zustand Ausdruck verleihen, muß ich stets in ihm verbleiben. Sobald ich mich mit irgendeinem Aspekt eines Wahrgenommenen verbinde, verlasse ich den meditativen Zustand, und bin in der Wahrnehmung irgendeines „Ichs“, das durch seine Erlebensfähigkeit den wahrgenommenen Aspekt seiner selbst geträumten Welt erkundet.

Jegliches Ich-Empfinden ist grundsätzlich getrennt vom Seins-Empfinden. Auch dies ein Grund, weshalb McKenna5 stets sagt: Keiner könne das Aufwachen wirklich wollen, denn es beraube dem Ich seiner „Sinnhaftigkeit“, mache jede Welt, jedes Erleben zu einer Trivialität. Weshalb gibt man sich mit dieser Erkenntnis nicht gleich die Kugel, wenn doch jede Tätigkeit, jedes Bestreben und jeder Ausdruck – in ganz gleich welcher Welt oder welcher Wahrnehmung – weder Sinn noch Zweck zu haben scheint? Weil es eben möglich ist, in jeder Ausdrucksform das Sein zu empfinden und zu leben. Es stellt eine besondere Herausforderung dar, dies im vollen Bewußtsein eines Ich-Ausdruckes hinzukriegen. Es ist eine Art Training. In einer Welt, in der alle und jeder, der mich umgibt, das Bestreben hat, sich auszudrücken, seinen „Weg zu finden“, Erfolg zu haben, ein „sinnvolles Leben“ zu führen etc., ringe ich stets mit der Diskrepanz einerseits teilnehmen zu wollen, andererseits aber im Seinszustand zu verbleiben. Diese Diskrepanz schärft den Blick für das Wesentliche, könnte man sagen. Denn wenn es uns gelingt, die Ich-Identifikation von den vorgegebenen Prämissen abzuziehen, wenn es mir gelingt, zu erkennen, daß jegliches Bestreben und jeder Ausdruck im Kern Sinn-los ist, wäre ich in der Lage, auch in einem derartigen Umfeld das Ich-lose Sein zu leben.

Von daher kommt es nicht darauf an, wer ich bin oder wo ich mich befinde oder als wer oder was mein persönliches Einzelbewußtsein sich gerade ausdrückt, es ist dann nicht mehr wichtig, denn das einzige, was zählt, ist das Sein. Und da das Sein an sich weder Ziel, Sinn oder Zweck verfolgt, ist und bleibt es der Kern unseres Ausdruckes, ganz gleich in welchem Zustand. Verbunden ist verbunden. Dieses „mein“ Ich, wie jedes andere auch, ist und bleibt ein Ausdruck des Higher Self, ein Ausdruck im Sein. Hier gibt es kein Morgen, kein Gestern, keine Zeit. Doch weil unsere erlernte Ich-Struktur es gewohnt ist, sich in und mit der jeweiligen Wahrnehmung zu identifizieren, hat Don Juan recht, wenn er sagt, es brauche Unmengen an Energie, das „Detachment“, das Gefühl der Losgelöstheit vom Wahrgenommenen, aufrechtzuerhalten.

(Spax  18.10.16)

Siehe hierzu auch folgende Beiträge:
meditierendes Sein  /  Welten in Welten  /  Lebensaufgabe  /  Aufgaben oder aufgeben?

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Fußnoten

  1. Dies ist ein Beitrag, der sich auf die Schriften Castanedas bezieht. Möglicherweise ist der Beitrag daher nur verständlich, wenn man mit dessen Schriften vertraut ist (siehe Bücher); denn die spirituellen Lehren dieser Zauberer folgen einer ganz eigenen Herangehensweise, wobei sie sich entsprechend einer eigenen Terminologie bedienen. Da die Lehren sehr komplex sind, ist es mir an dieser Stelle leider nicht möglich, diesbezüglich in Kürze sämtliche Hintergründe und Zusammenhänge aufzuzeigen.
    Don Juan war der spirituelle Lehrer von Castaneda. Die Gruppe der Seher um Don Juan bezeichneten sich häufig als „Krieger“ oder „Zauberer“.
  2. Carlos Castaneda: The Fire from Within, Black Swan 1991 [1984].
  3. Assemblagepoint (AP): Dies ist ein Ausdruck der von den Zauberern um Don Juan benutzt wurde. Diesen Sehern zufolge handelt es sich hierbei um einen stark leuchtenden Punkt in der energetischen Struktur der Menschen und anderer Lebewesen. Er sitzt bei allen Menschen an derselben Stelle und steuert unsere Wahrnehmung. Die Zauberer haben z.B. herausgefunden, daß die Menschen dieselbe Welt wahrnehmen, weil bei allen der AP an derselben Stelle lokalisiert ist. Um z.B. andere Welten wahrnehmen zu können, sei es notwendig, den AP aus seiner ursprünglichen Position zu bewegen – worin die Zauberer sich fleißig geübt haben.
  4. Als „Spukhaus“ bezeichnete Don Juan die übliche verzerrte Wahrnehmung unserer Welt. Dieses Spukhaus hätte viele Zimmer, in denen man sich leicht verirren könnte.
  5. Jed McKenna ist ein Aufgewachter.  (siehe Bücher)