Die Stille verschluckt die Zeit

27. Juni 2015 at 03:35

Zeit-Rhythmen_SNIPManch­mal bin ich noch mit dem Mo­nats­an­fang ver­bun­den, manch­mal schon darüber hin­aus – die Zeit ist ein ei­gen­ar­tig Ding. Sie exis­tiert als Va­ria­ble in uns, ist ein in­ne­res Kon­zept. Zwar hat man die Rhyth­men ein­ge­teilt, die wie­der­keh­ren­den Din­ge gezählt, so daß es den An­schein hat, als wäre Zeit et­was Äußeres – doch das ist sie nicht. Zeit ist ei­ne knet­ba­re Mas­se in mir, ein psy­cho­lo­gi­scher Fak­tor, der di­rekt mit mei­nem all­ge­mei­nen Emp­fin­den kor­re­liert: Bin ich ent­spannt, so wird die Zeit zu zähflüssi­gem Gum­mi, wel­ches sich kaum be­wegt; bin ich nervös oder ha­be Furcht zu spät zu kom­men, rast sie wie ein durch­ge­hen­der Hengst.

Ge­lan­ge ich in mei­ne in­ne­re Stil­le und da­mit in mein Jetzt, so paßt sich ih­re Qua­lität je­doch mei­nen Wünschen und Er­for­der­nis­sen an: All die Er­eig­nis­se, die in mei­nem Le­ben ei­ne Be­deu­tung ha­ben, zei­gen sich zur rech­ten Zeit. Denn dies ist die Qua­lität der in­ne­ren Stil­le, wo man nichts hin­ter­herläuft nichts mehr ein­fan­gen muß; auch tritt man nicht auf der Stel­le, weil man auf ein Er­eig­nis war­ten müßte. Nein, in mei­ner Stil­le fließt die Zeit in mir und mit mir und hat ih­re Be­deu­tung ver­lo­ren – sie exis­tiert nicht mehr als je­ner Be­griff, den ich vor­her kann­te und mei­nen Le­bens­zu­sam­men­hang in schein­bar über­schau­ba­re Häpp­chen ge­glie­dert hat. Denn in der Stil­le ist sie in­te­griert in den Fluß all je­ner Din­ge, die mein Le­ben dar­stel­len; sie ver­liert kom­plett an Be­deu­tung, da im Jetzt kei­ne Zeit exis­tiert.

Im Jetzt gibt es kei­ne Ei­le, kei­ne Het­ze und auch kein War­ten, denn al­les greift in­ein­an­der in ei­nem ewi­gen Fließen, während ich in mei­ne Stil­le gehüllt bin und das Emp­fin­den ha­be, still­zu­ste­hen – nicht in mei­ner Ent­wick­lung oder der Ent­fal­tung der Zu­sam­menhänge, die mein Le­ben dar­stel­len, son­dern es ist ein Emp­fin­den, daß dort, wo ich ge­ra­de bin oder das, was ich grad tu′, das Zen­trum des Uni­ver­sums ist. Hier gibt es kei­ne „Störun­gen“, denn al­les, was mir be­geg­net gehört au­to­ma­tisch zu mei­nem neu­en Jetzt-Mo­ment. Hier gibt es auch kein Sich-ärgern, kei­ne Ab­wehr, kein „ich müßte noch“, denn je­des Ein­zel­ne be­fin­det sich ex­akt am rech­ten Ort, ex­akt im rich­ti­gen Zu­sam­men­hang.

Al­lein die Be­wer­tun­gen, die ich ge­lernt ha­be, die Un­ter­schei­dung der Din­ge, das Klas­si­fi­zie­ren von al­lem, was mir be­geg­net, das ste­ti­ge Sor­tie­ren in den Schub­la­den mei­ner Gedächt­nis­kom­mo­de, bringt mich wie­der aus dem Gleich­ge­wicht, zieht mich in die Dua­lität und so­mit wie­der in ein Zei­t­emp­fin­den.

Glei­cher­maßen ist in der Stil­le das Ver­trau­en ver­an­kert – nicht ein Ver­trau­en, wel­ches ich über mein Den­ken und Ur­tei­len mühe­voll mir ein­re­de und zu er­wer­ben ge­den­ke, son­dern Ver­trau­en als Wis­sen, als ein in­ne­woh­nen­des Wis­sen, wel­ches je­de Be­geg­nung und je­den mei­ner Schrit­te ur­teils­los ak­zep­tiert, da ich weiß, daß al­les an sei­nem rech­ten Platz ist und ich un­be­fan­gen ei­nem je­den be­geg­ne. Im Jetzt. Im ewi­gen Fließen. Es ist der schöns­te Zu­stand, den ich ken­ne, denn sämt­li­che kom­pli­zier­ten Stra­te­gi­en, mit de­nen ich mich an­sons­ten bemühe, mein Le­ben zu len­ken, fal­len ab von mir.

(Spax 27.6.15)

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