Die „Moral“ eines Kriegers

29. März 2017 at 00:36

Indianer-2_SNIP_Agnes123„Moralität und Schönheit“, das seien die Attribute, die ein Krieger bräuchte, sagt Don Juan.1 Die „Moralität“ stärke das, was die Zauberer impeccability nennen. Ich würde es keinesfalls „Moralität“ nennen, denn dann wären ja quasi fast alle Menschen ebenfalls „Krieger“. Das, was Don Juan meint, gehört zum stalking: Das stalking ist eine absichtsvoll erzeugte Verhaltensweise im Umgang mit der Alltagswelt, die von den Zauberern wahlweise auch controlled folly genannt wird. Der Unterschied zu unserem konventionellen Verhalten liegt darin, daß ein Krieger hierdurch seine eigenen Befindlichkeiten aushebelt und lernt, sich selbst nicht so ernst zu nehmen; während in unserem üblichen Kontext moralisches Verhalten immer an einen Gewinn geknüpft ist und dazu dient, die eigene Identität und somit die Zweitpersönlichkeit aufzublasen: „Seht alle her! Ich bin ein guter Mensch, denn ich tu′ gute Dinge!“ Und darum geht es dem Krieger nicht mit seinem Verhalten, er erwartet weder Gewinn noch Anerkennung durch sein Training, es geht ihm nicht darum, sich über andere zu erheben.

Der Antrieb des Kriegers ist eher gegenteilig. Weil ein Krieger sich selbst und seine Verstrickungen erkannt und abgelegt hat, kann er auch die Verstrickungen seiner Mitmenschen erkennen und sieht deutlich die mißliche Lage, in der sie sich befinden: deren Verstrickt-sein mit der Zweitpersönlichkeit, die alles für wichtig hält außer dem eigenen inneren Selbst. Weil ein Krieger das sehen kann, ist er freundlich zu seinen Mitmenschen und stellt sich „im Dienst unter sie“. Vielleicht auch ein wenig aus Mitgefühl (nicht zu verwechseln mit Mitleid!), weil er ja selbst aus dieser Position kommt und eben genau weiß, wie fatal und unausweichlich unsere Verstrickungen mit der Zweitpersönlichkeit sind. Er weiß, daß seine Mitmenschen nicht die geringste Ahnung davon haben, daß sie sich überhaupt in so einer mißlichen Lage befinden.

Deswegen stellt der Krieger sich sozusagen „unter“ seine Mitmenschen – jedoch ohne sich zu „erniedrigen“ – und nimmt von all den Kapriolen, mit denen er insbesondere von seinen Mitmenschen konfrontiert wird, nichts persönlich. Und das ist der größte Unterschied und die größte Aufgabe bei diesem speziellen stalking: nichts, aber auch garnichts persönlich zu nehmen. Denn jede Regung, die den Krieger befallen mag, wenn er beispielsweise „ungerecht behandelt“ wird, darf keinen Anker mehr finden in ihm. Das gilt für negative Reaktionen ebenso wie für positive, denn ein Krieger definiert sich nicht mehr über Gut und Schlecht; er erhöht sich nicht, erniedrigt sich aber auch nicht.

Das ist das permanente Training des Kriegers: Er läßt jede persönliche Regung durch sich hindurchwehen; doch das erfordert Aufmerksamkeit und Wachsamkeit in höchstem Maße, denn unsere erlernten Automatismen und allem voran Gefühlsregungen, suchen stets nach einem Anker in uns. Das „tadellose Verhalten“ (impeccability) eines Kriegers zielt deshalb darauf, diesen Mechanismen keinen Ankergrund mehr zu geben. Daher bleibt der Krieger wachsam seinen eigenen Regungen und seinem Verhalten gegenüber, übt sich in Freundlichkeit und Humor und vor allem darin, sich selbst nicht so ernst zu nehmen.

Und dies ist etwas gänzlich anderes als die Moralität, mit der wir üblicherweise im Alltag konfrontiert sind. Denn innendrin hat ein Krieger keine Moral, weil er weiß, daß alle unsere menschlichen Reaktionen und Verstrickungen stets ein Produkt der Zweitpersönlichkeit sind, aber zeitgleich – weil wir im Kern alle dasselbe sind (Bewußtsein, Energie) – auch ein Ausdruck von Spirit, der göttlichen Kraft in uns (Higher Self).

(Spax  29.3.17)

Siehe auch Beitrag vom 5.11.16: Moral !

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Fußnoten

  1. Don Juan war der spirituelle Lehrer von Castaneda. Die Gruppe der Seher um Don Juan bezeichneten sich häufig als „Krieger“ oder „Zauberer“. (siehe hier Castaneda: The Power of Silence, 102) Impeccability, stalking usw. sind Begriffe, die von den Zauberern verwendet wurden. Impeccability: etwa „tadelloses Verhalten“; stalking: das eigene Verhalten stets beobachten und zum Besseren hin korrigieren.