Die Geburt des Ego

11. Juni 2015 at 00:23

heic1220a_SNIP_Hubble blau braunAah, das ist ein gu­tes Vi­deo, wel­ches ich ges­tern ge­se­hen ha­be von Ocy­phi­us1 über die Ent­ste­hung des Ego.2 Phy­si­ca­li­ty – es ist schon et­was Be­son­de­res. Ocy­phi­us erzählt vom Fal­len, vom end­lo­sen Fal­len durch das Ewi­ge Nichts – dies wäre der ers­te Ein­druck ge­we­sen nach dem „Be­schluß“, ei­ne Ge­trennt­heit von Al­lem-was-Ist er­le­ben zu wol­len.

Ocy­phi­us hat ein we­nig be­schrie­ben, wie zunächst die „Ma­te­rie“ fo­kus­siert wur­de – so­zu­sa­gen als ein An­halt ge­gen das end­lo­se Fal­len durch das Nichts. Oh ja, die­se Er­fah­rung – das Fal­len – ist sehr tief in uns ein­ge­gra­ben. Und durch den Wunsch, daß dies aufhöre, such­te der „Ich-Fo­kus“ einen An­halts­punkt, wor­aus dann die Ma­te­rie ent­stand. Die­sen Ich-Fo­kus be­schreibt Ocy­phi­us als das Ego: It hangs on for de­ar li­fe.3 Ge­nau so ist es. Und es hat sich des­halb an die Ma­te­rie ge­klam­mert bzw. an die Vor­stel­lung von „Et­was“, weil sonst nichts da war. Die­ses Sze­na­rio zeigt sehr gut, wes­halb das Ego sich so ve­he­ment an die Ma­te­rie klam­mert, denn das Ma­te­ri­el­le wird vom Ego mit „Le­ben“ gleich­ge­setzt. Es ver­deut­lich wei­ter­hin, wes­halb wir in un­se­rem We­sens­kern solch ei­ne Furcht ha­ben vorm Auf­wa­chen, denn das Auf­wa­chen löst sich wie­der von dem Fo­kus auf die Ma­te­rie und un­ser Ego, un­ser in­ners­ter Seins-Kern – un­se­re Ich­heit – be­kommt Furcht, wie­der je­nem end­lo­sen Fall aus­ge­setzt zu sein. Al­les in uns wehrt sich da­ge­gen.

Ocy­phi­us be­schreibt, wie zunächst nur ein Gefühl, ein Emp­fin­den von „Et­was“ da war, wor­auf das Ich sei­nen Fo­kus rich­te­te, ein Emp­fin­den von „Mas­se“ – un­ge­rich­tet, noch in nichts spe­zi­fi­sches aus­ge­formt. Und mit der Zeit wur­de die­se Mas­se ein we­nig „se­pa­riert“ und das, was wir „Raum“ nen­nen, wur­de hier­durch er­schaf­fen. Ei­ni­ge Äonen wur­de dann mit die­sem neu­en Mas­se-und-Raum-Zu­stand ex­pe­ri­men­tiert. Ei­ne atem­be­rau­ben­de Neue­rung sei – wie­der­um Äonen später – die „Er­fin­dung der Zeit“ ge­we­sen, die es ermöglich­te, im­mer noch wei­te­re De­tails zu er­for­schen. Ja, das kann ich mir sehr gut vor­stel­len, daß dies ei­ne völlig ab­ge­fah­re­ne Kom­po­nen­te ist, wo doch im Ewi­gen Jetzt al­les zeit­gleich ist. Ocy­phi­us sagt, un­ser Den­ken könne die­se Pro­zes­se noch nicht wirk­lich er­fas­sen, da hat er si­cher­lich recht.

Den­noch stünden wir auch in un­se­rem Fo­kus auf die Phy­sis nach wie vor im ste­ti­gen Aus­tausch mit Al­lem-was-Ist oder je­nen Be­wußtseins­be­rei­chen, die stets im „gött­li­chen Ein­heits-Mo­dus“ exis­tie­ren. Je­de ein­zel­ne Be­we­gung oder Geis­tes­re­gung hat ei­ne Wech­sel­wir­kung mit dem Großen Gan­zen – es kann ja auch gar­nicht an­ders sein, denn wir be­ste­hen dar­aus, be­ste­hen aus die­ser Ener­gie.

Vor der Aus­bil­dung der Ma­te­rie sei zunächst sei nur das Emp­fin­den ei­ner Ge­trennt­heit da­ge­we­sen, weil dies die ur­sprüng­li­che Idee war, so nach dem Mot­to: „Hey, wir sind Götter, auf ewig – gibt es ei­ne Möglich­keit zu er­fah­ren, wie es wäre, sich nicht als gött­lich und ewig zu fühlen -?“ Die Idee des Ge­trennt­seins war ge­bo­ren und wur­de so­mit um­ge­setzt, denn im Ewi­gen Jetzt ge­schieht Ma­ni­fes­ta­ti­on in­stant­ly: im Mo­ment des auf­tre­ten­den Ge­dan­kens. Und je­ne Ide­en- bzw. Be­wußtseinspar­ti­kel, die sich in die­se Vor­stel­lung hin­e­in­fo­kus­sier­ten, er­leb­ten die­se Sicht­wei­se dann als „Fal­len durch ein Nichts“.

Doch auch in die­sem Zu­sam­men­hang „wußten“ die­se Be­wußtseinspar­ti­kel im­mer noch, daß ihr Ur­sprung ein gött­li­cher war. Erst als dann das „Ver­ges­sen“ hin­zu­kam, das Ver­ges­sen des ei­ge­nen Ur­sprungs, des ei­ge­nen Seins im Großen+Gan­zen, trat der „ma­te­ri­el­le Fo­kus“ mehr und mehr in den Vor­der­grund und all un­se­re Vor­stel­lun­gen von Le­ben und Le­ben­dig­s­ein wa­ren nun mit dem Phy­si­schen ver­knüpft. – Welch ei­ne großar­ti­ge Er­fah­rung! Denn auf an­de­re Wei­se ist es ver­mut­lich nicht möglich, sich in ei­ne Il­lu­si­on hin­ein­zufühlen und die­se dann als Ab­so­lu­tum und „ein­zi­ge Rea­lität“ zu emp­fin­den. Es ist, als würde ich ein Bild be­trach­ten und ließe mich zu hun­dert Pro­zent (!) in das Be­trach­te­te hin­ein­zie­hen, bis ich kom­plett ver­ges­sen ha­be, daß mei­ne „ur­sprüng­li­che Persönlich­keit“ ir­gend­wo „da draußen“ steht und sich ein Bild be­trach­tet. Dies ist ei­ne gu­te Ana­lo­gie für das, was wir hier trei­ben be­wußtseins­tech­nisch.

Durch die­sen spe­zi­el­len Er­le­bens­fo­kus des Phy­si­schen und auch des „Qua­si-Phy­si­schen“ (4D) wer­den in­fol­ge der ste­ti­gen Wech­sel­wir­kung mit dem Ge­samt­be­wußtsein (die „Außen­per­son“, die das Bild be­trach­tet) bei­de Sei­ten stets be­rei­chert und zu wei­te­ren Ide­en an­ge­regt. Ocy­phi­us sagt, durch die­se Art des phy­si­schen oder „Ge­trennt­heits“-Fo­kus­ses würden sämt­li­che Exis­ten­zen, wei­te­ren Din­ge, An­sich­ten, Ide­en, ETs etc. stets er­wei­tert so­wie über­haupt er­schaf­fen. Denn erst durch die Idee des Ge­trennt­seins ent­steht je­nes Span­nungs­feld zwi­schen „Hier“ und „Dort“ (vor dem Bild oder „im Bild“). Die­ser spe­zi­el­le Aus­tausch in dem Span­nungs­feld er­zeugt stets neue Ide­en, An­re­gun­gen, Her­aus­for­de­run­gen. Was hier­mit ge­schaf­fen wur­de, ist ein voll­kom­men neu­es Er­le­bens­feld, mit voll­kom­men neu­en Er­fah­rungs- und Aus­drucksmöglich­kei­ten.

Bild-betrachten_SNIPDas Auf­wa­chen ver­bin­det uns wie­der mit dem Wis­sen um un­se­re „Ge­samt­heit“: das Er­ken­nen, daß je­ne Fi­gur oder je­ner Be­wußtseinsa­spekt, wel­cher „im Bild“ das Bild-Sze­na­rio er­lebt, le­dig­lich ein Fo­kus ist mei­nes „ei­gent­li­chen“ Ich, ei­nes „um­fas­sen­de­ren Ich“, wel­ches vor die­sem Bild steht und sich in die Sze­ne­rie ver­tieft hat. Zeit­gleich geht hier­mit das Wis­sen ein­her, daß selbst je­ner Bild­be­trach­ter (Hig­her Self) eben­falls ein fo­kus­sier­ter Aspekt ei­nes noch Größeren ist.

Ich mei­ne, erst an die­ser Stel­le hat man ei­gent­lich ei­ne Wahl: Möchte ich wei­ter­hin mich in den phy­si­schen Be­rei­chen aus­drücken und Er­fah­run­gen sam­meln oder wen­de ich mei­nen Fo­kus ab von die­sem 3D-Bild, um an­de­re Be­rei­che zu er­kun­den? Die in 3D fo­kus­sier­te „Teil­persönlich­keit“ hat nicht wirk­lich die­se Wahl, so­lan­ge sie die­se Er­kennt­nis nicht be­sitzt; ih­re Wahlmöglich­kei­ten be­schränken sich aus­sch­ließlich auf die phy­si­schen Ge­ge­ben­hei­ten, in­klu­si­ve der­je­ni­gen, sich her­aus­zu­zie­hen aus die­sem Er­fah­rungs­be­reich („ster­ben“). Da­her kann man sa­gen, daß der Tod eben­falls im­mer ei­ne Wahl ist – ob be­wußt oder un­be­wußt ge­trof­fen. Per­so­nen mit ei­nem auf­ge­wach­ten Fo­kus ist es mit­un­ter möglich, sich al­lein durch den Wech­sel des Fo­kus­ses zu trans­for­mie­ren: zunächst mit dem Fo­kus auf je­ne „Außen­persönlich­keit“ und dem das Er­ken­nen des Hig­her Self als Er­fah­rung. Wenn ei­ne der­art trans­for­mier­te Persönlich­keit sich voll und ganz mit dem Hig­her Self ver­bin­den kann, hat sie die Möglich­keit, den Blick von je­nem fas­zi­nie­ren­den Bild ab­zu­wen­den und auf an­de­re Be­rei­che zu len­ken, die dem Hig­her Self mögli­cher­wei­se eben­falls voll­kom­men un­be­kannt sind.

An die­sem Trans­for­ma­ti­ons-Punkt ist er­neut die Furcht des Ego zu spüren, wel­ches ja ge­lernt hat, Ma­te­rie mit „Le­ben“, mit „Le­ben­dig­keit“ gleich­zu­set­zen, und die Ur-Angst des „Fal­lens durch das end­lo­se Nichts“ regt sich wie­der. Die­se Ana­lo­gie ver­deut­licht, wie ex­trem stark un­ser Fo­kus ist auf ma­te­ri­el­le Wel­ten, Vor­stel­lun­gen oder Aus­for­mun­gen, denn die­se ge­ben un­se­rem in­ne­ren Ker­n­emp­fin­den, un­se­rem Ich, einen Halt. Es ver­deut­licht wei­ter­hin, daß es auch mit der Auf­wach-Er­fah­rung wei­te­re un­gezähl­te Möglich­kei­ten des phy­si­schen Aus­drucks und des Fo­kus­sie­rens gibt – und ge­ben muß; denn die­se Grun­dangst un­se­res Kern­selbst ver­fes­tigt die Ten­denz, sich auch wei­ter­hin auf Phy­si­sches zu fo­kus­sie­ren.

Da dies dem Hig­her Self be­wußt ist,4 ist es ei­ne lo­gi­sche Fol­ge, daß die al­ler­meis­ten See­len bzw. persönli­chen Be­wußtsei­ne sich nach dem Tod für ei­ne wei­te­re Run­de 3D ent­schei­den, da er­kannt wird, daß die 3D-Persönlich­keit das be­wußte Auf­wa­chen noch nicht ge­meis­tert hat. Der 3D-Fo­kus ist ei­ne un­glaub­lich fas­zi­nie­ren­de Her­aus­for­de­rung, ein Knack­punkt für Er­kennt­ni­ser­wei­te­rung, könn­te man sa­gen – ins­be­son­de­re be­zo­gen auf Er­le­bens- und Ent­wick­lungsmöglich­kei­ten so­wie Er­kennt­nisfähig­keit des Ego. Des­halb ent­schei­den wir uns für die­ses fas­zi­nie­ren­de Spiel wie­der und wie­der und wie­der. Auch kann das Ego viel­leicht gar nicht an­ders, denn auch als Hig­her Self bil­det es den in­ne­ren Ich-Kern und ist da­her kaum oder nur schwer in der La­ge, den Fo­kus von je­nem 3D-Bild zu neh­men.

Mögli­cher­wei­se ist dies der Grund, wes­halb vie­le Auf­ge­wach­te die­sen Fo­kus noch länge­re Zeit bei­be­hal­ten, häufig noch vie­le vie­le wei­te­re Le­ben lang. Denn erst, wenn das „in­ne­re Ego/Ich“ sich über unzähli­ge Er­fah­run­gen hin­weg so­weit mit an­de­ren Seins­zuständen ver­traut ge­macht hat – ins­be­son­de­re über das lu­zi­de Träum­en –, wird es ir­gend­wann den Mut ent­wi­ckeln, auch frei­wil­lig wie­der in je­nes „Nichts“ zu sprin­gen; denn mitt­ler­wei­le hat es genügend Wis­sen und Er­fah­run­gen über die größeren Seins-Zu­sam­menhänge ge­sam­melt, um zu wis­sen, daß es nie­mals wirk­lich „im Nichts“ auf­geht oder tatsächlich aus­gelöscht wer­den kann.

Es ist fas­zi­nie­rend, wie ex­trem stark die­se in­ne­ren Ge­ge­ben­hei­ten und Pro­zes­se uns an­trei­ben. Wie we­nig wir doch hierüber wis­sen. Aber es ist in je­der Fa­ser zu spüren – in ei­nem Song über „Fal­ling“, in ei­nem Ge­dicht über die Sehn­sucht, in ei­nem Ro­man über die Lie­be… Tief in­ner­lich durch­zie­hen die­se Ge­ge­ben­hei­ten un­ser ge­sam­tes phy­si­sches Le­ben.

(Spax 11.6.15)

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Fußnoten

  1. Ocy­phi­us ist ei­ne von Ro­xie gechan­nel­te We­sen­heit.
  2. Ocy­phi­us: The Birth of the Ego
  3. (engl.): Es krallt sich mit al­lem, was es hat ans Le­ben.
  4. Das Hig­her Self gehört eben­falls zu mei­ner Ich-Struk­tur, hat aber einen größeren „Ra­di­us“ bzw. Über­blick.