Die Fußstapfen der Ahnen

28. Mai 2016 at 23:53

Höhlenmalerei-Ahnen_SNIP-1_rodroIch habe über die „Ahnen“ nachgedacht, denn überall heißt es ja immer: „Ehre die Ahnen“, „Tritt in ihre Fußstapfen“, „Führe ihr Werk weiter“. Doch Ahnen ergeben nur einen Sinn, wenn man die Welt linear betrachtet. Ausschließlich in einem solchen Szenario können „Ahnen vorausgehen“ und „künftige Generationen nachfolgen“. Dies ist eine Sichtweise von der Linearität her. Doch in der Wirklichkeit des Bewußtseins ist nichts linear, sondern alles geschieht zeitgleich. Ahnen wie „Nachfolger“ sind zeitgleich präsent.

Vielleicht hinterlassen bereits gelebte Leben einen stärkeren seelischen Eindruck und sind deutlicher wahrnehmbar als parallele oder „wahrscheinliche“ Leben. Möglicherweise empfinden wir all unsere parallelen Leben auch nur als „wahrscheinlich“, weil wir eben den Hauptfokus auf demjenigen Leben haben, welches wir aktuell wahrnehmen. Da ein Fokus immer ausschließend ist, haben wir jedoch gegenwärtig keine Wahrnehmung oder Empfindung für alle anderen Leben und Möglichkeiten – die wir daher überhaupt nicht, als sehr verblaßt oder als „im Hintergrund“ empfinden. Aus der Warte des Hauptfokus′ fühlen sich alle Erfahrungen, die über die aktuelle hinausgehen häufig wie „unecht“ an; einfach, weil wir eben nicht in der jeweiligen Erfahrung stecken, sondern diese von einem anderen Standort her betrachten – falls wir sie überhaupt auch nur „erahnen“. Nur Rückführung oder jener Zustand, den viele Schamanen „Dreamtime“ nennen, kann uns den Eindruck vermitteln, uns direkt in einem anderen Leben, in diesen anderen Zusammenhängen zu befinden. In derlei Bewußtseinszuständen erhalten wir ebenfalls eine Empfindung von hundert Prozent Realität, exakt wie in unserem „Ausgangsleben“.

Doch wenn wir auf diese Weise sehen und erfahren können, wie ausschließend unser Fokus funktioniert, werden wir ebenfalls erkennen können, daß sämtliche Gedanken, die wir denken und jede Entscheidung, die wir zwar in diesem Leben nicht in die Tat umgesetzt haben, doch eine Option gewesen ist, die wir ins Auge gefaßt hatten, über die wir nachdachten, die Eingang in unsere Vorstellungen erhielt, ebenso eine Hundert-Prozent-Realität bildet wie jene Welt und jene Zusammenhänge, die wir ansonsten als Nonplusultra wahrnehmen. Wenn ich also eine Sichtweise entwickelt habe, in der ich durch bestimmte Erfahrungen Einblick erhalte in die Gleichzeitigkeit allen Lebens, eines jeden Gedankens, meiner Erfahrungen sowie sämtlicher Welten, weiß ich, daß ich bloß meinen Hauptfokus umzulegen brauche, um eine andere parallele Welt wahrzunehmen – oder einen anderen Entwicklungsstrang meines eigenen Lebens oder andere Zivilisationen etc. etc. Denn dies ist die Erfahrung des Wissens um die Gleichzeitigkeit aller Dinge und allen Erlebens. Zeit ist eine von uns erschaffene Illusion, die uns den speziellen Fokus der Linearität erlaubt.

Was bedeutet das für mich? Es bedeutet, daß jeder einzelne Partikel meines Körpers bzw. meines Bewußtseins eigenständig ist, eigenes Bewußtsein hat und seinen eigenen speziellen Erlebensbereich. Das bedeutet, jeden einzelnen Partikel wie jeden einzelnen Gedanken gibt es nur ein einziges Mal, denn er existiert in exakt jener Form, in der dieser Partikel vorkommt: im Ewigen Jetzt. Das Bewußtsein springt hinein in die unterschiedlichen Erfahrungen solcher Partikel – ganz gleich, ob es sich hierbei um eine einzelne Zelle handelt oder beispielsweise Kollektivwesen wie Menschen, Sterne, Planeten. Ganz gleich, wohinein das Bewußtsein sich fokussiert, alle Partikel existieren zeitgleich – ein Buffet, von dem ich jederzeit frei wählen kann, ausgebreitet auf dem Tischtuch des Bewußtseins.

Buffet_SNIP_eigene AufnahmeDas heißt, wenn ich es schaffe, mein Bewußtsein mit dem Tischtuch zu verbinden, kann ich jederzeit einen jeglichen Seinszustand oder Lebenszusammenhang frei ansteuern und dort Einblicke nehmen. Je mehr ich meinen Hundert-Prozent-Hauptfokus „entschärfe“, von der Identifikation mit den Eindrücken dieser Welt abziehe, kann ich ihn anderen Bereichen oder Realitäten zuwenden und von dort Einblicke erhalten. Daher ist jede Wahrnehmung real, und jeder Gedanke, jeder Eindruck, jede Idee eine Wirklichkeit. Denn alles existiert zeitgleich und meine jeweilige Wahrnehmung erzeugt und ist die jeweilige Realität, auf die ich meinen Fokus lege. Von daher ist es müßig, über Ansichten zu streiten, denn sie bilden jeweils nur einen weiteren möglichen Fokuspunkt. Deshalb kann man nicht sagen, dieses oder jenes sei „die wahre Wirklichkeit“ oder „der wirkliche Ablauf bestimmter Ereignisse“ gewesen, denn jeglicher Fokus bezeichnet eine gleich-gültige Realität auf dem riesigen Buffet unserer Wahrnehmung, wobei mein eigener Fokus jeweils nur einen winzigen Partikel des Gesamten darstellt.

Nichts also ist linear, sondern sprunghaft wechsele ich meinen Fokusbereich. Das Empfinden von Linearität oder Kontinuität ist lediglich eine Erscheinung, bei der ich meinen Fokus mehr oder weniger auf dieselben Gegebenheiten und Ereignisse lege – ein Leben, eine Handlung, ein Traum… Auch aus diesem Grund ist die Meditation von Nutzen, denn man lernt hierbei, den Fokus zu entspannen und von der ausschließenden Wahrnehmung aktueller Lebenszusammenhänge zu entschärfen und auf weitere Bereiche auszudehnen.

Da alles also bereits ist und existiert, ist es eine Wahl, welche Welt ich wahrzunehmen in der Lage bin. In meinen Augen gibt es daher keine Ahnen, die vorausgegangen sind, sondern lediglich andere Sichtweisen, die wahrzunehmen ich mir gestattet habe, um zum Beispiel bestimmte kollektive psychologische Ereignisse zu ergründen.

Soviel also zu den Ahnen und deren Fußstapfen. 🙂

(Spax  28.5.16)

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