Die Energie der Worte

14. Juli 2016 at 03:24

Buchstaben_bunte_SNIP-66952_geraltJedes Wort ein Energieverlust, könnte man sagen. Jedes einzelne Wort. Geschrieben geht es noch, aber auch beim geschriebenen Wort (SMS, Mail, Brief) hat man den Fokus auf einer Art der Kommunikation, die uns nicht so zuträglich ist. Besser ist das Schriftliche unter anderem deshalb, weil man sich dann zu einer bestimmten Zeit dafür entscheiden kann; und auch, weil die Worte den Mund nicht verlassen, das Sprechen kein körperlicher Akt ist.

Das ist interessant: Weshalb scheint es ein größerer Energieverlust, wenn ich mit dem Mund spreche als wenn ich die Worte schreibe? Vielleicht, weil ich beim Geschriebenen die Worte immer noch ändern kann und die Themen; weil ich Worte korrigieren kann und genau überlege, was ich sagen will. Vielleicht auch, weil ich kein direktes Gegenüber habe, wodurch ja bereits ein bestimmtes Szenario an Schwingungen kreiert wird.

Weshalb habe ich immer das Gefühl, ich sammele Energie, wenn ich schweige? Wenn ich nicht reden muß? Vielleicht ist es das, was die Zauberer1 sagen über die „Rekapitulation“:2 daß jede Interaktion ein Austausch ist von Energie, von Energiefäden. Und daß es auch darum geht, nicht nur jene Energie wieder zurückzuholen, die wir in die Welt verstreut haben, sondern gleichfalls uns jener Energie entledigen, wo andere Personen Energiefäden in uns hinterlassen haben.

Sobald ich dieses Stille-Bedürfnis habe, fühle ich mich wohl, als wüßte ich genau, wo′s hingeht; dann wieder fühle ich mich viel zu allein mit mir selbst und suche wieder nach den Menschen, den Kontakten. Die Lösung liegt nicht „dazwischen“, sondern ist immer dieselbe: Sobald ich verbunden bin mit mir, ist es gleich, was ich tu′ oder ob ich mit Leuten zusammenbin oder nicht. Wobei ich Don Juan und allen anderen LehrerInnen recht geben muß: Die allerschwierigste Aufgabe ist der Umgang mit unseren Mitmenschen. Es ist einfacher, zentriert zu bleiben, wenn man allein ist.

Wir kommunizieren über Bedürfnisse, oder? „Hast du mal Feuer?“ – „Gehen wir was essen?“ – „Ich hätte gern…, möchte gern…, finde daß…“ etc. Am Ursprung einer jeglichen Äußerung oder Handlung steht ein Bedürfnis gepaart mit einer Befindlichkeit. Das sind die Bausteine, aus denen sich unsere Zweitpersönlichkeit zusammensetzt: erst ein Bedürfnis – z.B. Hunger – und dann eine Befindlichkeit darüber (schmeckt, schmeckt nicht, das Restaurant ist so oder so oder so). Unsere gesamte Kommunikationsstruktur gründet sich auf dieses Muster, folgt den Bedürfnissen und Befindlichkeiten.

Vielleicht haben wir aus diesem Grund Mühe, abstrakten Gedankengängen zu folgen. Das Abstrakte ist wie ein eigenes Reich, eine eigene Struktur, losgelöst von Bedürfnis und Befindlichkeit. Das Abstrakte bildet einen eigenen Denkraum – die Philosophie gehört hierher und auch das wissenshaftliche Denken. Das ist interessant, denn das Denken an sich ist ein Abstraktes; es beinhaltet weder ein Bedürfnis noch eine Befindlichkeit, sondern plappert nur darüber, faßt es in Worte. Ist das Abstrakte grundsätzlich also das Denken über etwas? Im Moment würde ich dem zustimmen, denn das Denken setzt erst nach einem Erlebnis ein: Erst schmecke ich das Essen und dann wird dieser Eindruck in Worte gefaßt.

Das Denken ist direkt mit unseren Worten verbunden, unsere unmittelbaren Sinneseindrücke jedoch nicht, denn ein Gefühl äußert sich spontan über Laute, nicht Worte: „hmmmm“ oder „uäääh“. Doch erst die Worte, die unsere Eindrücke benennen, erschließen uns die Welt. Wie wichtig ist es denn, die Worte zu haben, die Sprache?

…leider habe ich den Gedankengang an dieser Stelle abgebrochen.

(Spax  14.7.16)

Download PDF

Fußnoten

  1. Die Gruppe der Seher um Don Juan, dessen Schüler Castaneda war, bezeichneten sich häufig als „Zauberer“.
  2. Die Rekapitulation ist eine Methode der Zauberer, sich der Fremdenergien zu entledigen, die wir insbesondere während der Interaktion mit unseren Mitmenschen ansammeln. Die Aufgabe besteht darin, sich an sämtliche Interaktionen – oder auch an Orte und Gefühle – aktiv zu erinnern: von der letzten, gerade stattgefundenen Interaktion bis hin zur Geburt. Mit Hilfe von bestimmten Übungen werden hierdurch Fremdenergien aus dem eigenen Körpersystem entlassen sowie eigene Lebensenergie, die in den Interaktionen gebunden ist, wieder zurückgeholt.